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31 Mai 2026

Fundstücke (275–278)

Neulich hatte es uns dank eines attraktiven Travelzoo-Gutscheins für ein paar Tage auf die schöne Insel Sylt verschlagen. Dort staunten wir immer mal wieder, zum Beispiel über die Espressopreise. Nach keineswegs reiflicher Überlegung verzichteten wir deshalb darauf, einen Sylter Barista mit neun Euro neunzig für einen Doppio zu entlohnen. Ich meine: Das sind fast zwanzig D-Mark! Über vierzig Ostmark! Fünfhundertsechsunddreißig türkische Lira! Achthundertdreißig Rubel! Neunzehntausenddreihundert italienische Lire – für einen einzigen Doppio! Gut, dass ein Teil dieser Währungen das nicht mehr erleben musste.


Auf einem Spielplatz in Westerland informierte uns das abgebildete Schild, dass irgendwelche fremden Eltern für den Unsinn haften, den unsere Kinder anstellen. Dabei haben wir gar keine.





Auf der Terrasse unseres Hotelrestaurants in Rantum präsentierten die einheimischen Möwen ihre nachhaltige Jagdtechnik. Einer der cleveren Vögel zum Beispiel lungerte in der Nähe herum, bis ein Paar zum Frühstücksbüfett aufgebrochen war, um unverzüglich dessen Tisch anzufliegen. Dort stibitzte er einen Eierbecher samt Inhalt, flog damit auf den unmittelbar angrenzenden Parkplatz und ließ die Beute dort aus geringer Höhe derart geschickt aufs Pflaster fallen, dass das Ei gut auslöffelbar in zwei Hälften zerbrach. Der Becher blieb dabei heil und kann problemlos wiederverwendet werden. Diese Möwe imponierte uns.


In Travemünde hingegen, wo es uns an Wochenenden oftmals hin verschlägt, verleiht man neuerdings Biofahrräder mit Deppenbindestrich und -leerzeichen. Wir konnten uns auch nach längerem Nachdenken keinen rechten Reim darauf machen, was diese Exemplare von herkömmlichen Rädern unterscheidet. Kann man sie nach getaner Fahrt verzehren wie diese kleinen Waffelschälchen, die man sich am Büfett mit Marmelade füllt? Oder sind sie zumindest rückstandsfrei kompostierbar? Vielleicht wurden sie auch einfach nur pestizidfrei aufgezogen.


 

27 Mai 2026

Neues aus dem Pinklichtviertel

Zum vierhundertsten Geburtstag der Reeperbahn steht seit Kurzem die hier abgebildete rosaste Skulptur von ganz St. Pauli am östlichen Anfang jener Straße, die diesem Blog den Namen gab. Das Kunstwerk weckt – zumal im Gleiß des Morgenlichts – das spontane Bedürfnis nach einer Sonnenbrille mit frei justierbarem Farbfilter. Erstaunlich übrigens, dass die Wohn- und Verweildauer von Ms. Columbo und mir auf der Rückseite der Reeperbahn bereits ein Dreizehntel der Gesamtexistenz dieser Straße ausmacht. Das hätten wir uns dermaleinst, als wir unversehens hierherzogen, keineswegs träumen lassen. 





Die Hintergrundfarbe dieser Willensbekundung folgt dem oben skulptural gesetzten Trend. Die Frage, wo der Rollstuhlfahrer eigentlich dabei sein möchte, erübrigt sich wohl – bei allem natürlich, und mit Recht.




Farblich ebenfalls dem titelgebenden Spektrum zugehörig sind die öffentlichen Hamburger Mülleimer. Ihre kalauernden Sprüche indes wurden offensichtlich nicht immer brutalstmöglich Korrektur gelesen, sonst verwechselte dieser Eimer wohl kaum die Seele mit der Seligkeit. Warum eigentlich engagierte man zur Sicherheit nicht uns, mich und Ms. Columbo, die wir vom Fach sind? Werden wir nie erfahren.









Heftig ins Rosafarbene lappt auch der rohe Lachs im Pop-up-Streetfood-Restaurant Izakaya by Dokuwa in der Karolinenstraße. Die mitgelieferte befüllte Kanüle sorgte bei mir zunächst für ratloses Stirnrunzeln, bis mir dämmerte, dass es sich wohl doch nicht um den nächsten Gratisschuss, sondern um applizierbar aufbereitete Sojasoße handelte.


Die schwerstamputierte Puppe hinter Gittern unten wacht seit Jahr und Tag über die Wohlwillstraße. Mir scheint allerdings, dass auch sie in jüngerer Zeit enorm an Rosa zugelegt hat. Fände ich den Artikel noch, der sich hier im Blog vor langer Zeit schon einmal mit ihr beschäftigt hat, so könnte ich das sogar verifizieren. So aber nicht.





 

24 April 2026

Der halbnackte Juchzer

Als ich zur Ampel am Millerntorplatz komme, wo die Reeperbahn endet, liegt dort ein weitgehend nackter Mittzwanziger rücklings auf dem Radweg. Er trägt nur einen bestürzend engen Slip, windet sich ungelenk und stößt juchzende Schreie aus. Es sind keine des Schmerzes, sie haben … irgendeinen anderen Grund. Ich vermute einen chemischen.

Hier auf dem Kiez gibt es – wie wir alle nur zu gut wissen – ja Tierchen mit den allerwunderlichsten Pläsierchen, die nimmt man wahr und hin und geht seiner Wege. Doch ein Quasinackter, der sich bei sehr unfrühlingshaftem Wetter auf dem kalten Pflaster wälzt, ohne dass ein abgelegtes Kleiderbündel in der Nähe auf Wiederaufnahme seiner Tätigkeit wartet: Das ist nicht nur selbst für St.-Pauli-Verhältnisse ungewöhnlich, sondern muss unter Selbstgefährdung rubriziert werden.

Da mir eine kommunikative Interaktion wenig zielführend scheint, tue ich das, was ich in solchen Fällen immer tue, und zücke beim Überqueren der Straße seufzend das Smartphone, um wie üblich eins-eins-null zu wählen. Doch noch ehe ich die Tasten tippen kann, sehe ich ein Polizistentrio mir entgegenkommen.

„Kommen Sie wegen dem?“, frage ich und deute vage hinter mich.
„Ja“, sagt eine der Polizistinnen.

Jemand hat also schon Bescheid gesagt, und das freut mich. Schließlich könnte auch ich mich einmal in ähnlicher Lage auf dem Radweg wälzen (allerdings mit Sicherheit nicht aus chemischen Gründen), und dann hätte ich es schon gerne, wenn jemand eins-eins-null wählt oder meinethalben auch eins-eins-zwei. Danke vorab!

Also stecke ich mein Handy wieder ein. Als ich wenige Minuten später im Bus über die Kreuzung fahre, sehe ich den halbnackten Juchzer, wie er brav und aufrecht dasteht, umringt vom Trio in Uniform. Er hat die Hände halbherzig an den Hüften abgestützt, denn ihm gebricht es ja an Hosentaschen, und nickt brav ab, was ihm an behördlichen Auskünften vorgetragen wird.

Wie stets in solchen Fällen wüsste ich gern, was ihn in diese Lage brachte, wo seine Kleider abgeblieben sind, warum er juchzte – und wie immer werde ich es nie erfahren. Er sei denn, er meldet sich in den Kommentaren, wozu ich ihn hiermit ausdrücklichst ermuntern möchte.

PS: Aus nachvollziehbaren Gründen muss heute ein Symbolbild zur Illustration herhalten, und das zeigt ein Gebäude in unmittelbarer Nähe des Geschehens: die tanzenden Türme, Reeperbahn 1.



 

19 März 2026

Fundstücke (271–274)

Immer wieder wird uns armen Radfahrern brutalstmöglich verdeutlicht, welchen Stellenwert man uns im Stadtverkehr beimisst. Der hier in der Glacischaussee dokumentierte Fall eines fröhlich zugeparkten Fahrradstreifens ist besonders betrüblich, weil es dort momentan vor Ordnungskräften wimmelt, die den Verkehr wegen des Domaufbaus regeln. Ich fragte mich sogar verunsichert, ob vielleicht ich falschliege und die Straße momentan nicht nur für den Autodurchgangsverkehr, sondern auch für Radfahrer gesperrt sei, doch einer der Cops, den ich dahingehend befragte, verneinte das.




Zum Glück gab es diese Woche auch heitere Momente. So erfreute das Restaurant Riad in der Neustadt mein Herz mit würzigen Riesen für nur zweiundzwanzig Euro. Xavier Naidoo („Wir haben alle schon Menschen gefressen“) meidet den Laden bestimmt so vehement wie Hannibal Lecter eine Veggiemesse.


Apropos Restaurant: Beim Libanesen Hala Mignon, angesiedelt in der skurril benamten Straße Rutschbahn im Grindelviertel, musste ich auf dem Weg zum Herrenklo einem kapitalen Kronleuchter ausweichen, den man wohl in Versailles hat mitgehen lassen. 

Warum der Trumm allerdings auf dem stillen Örtchen sein überdimensioniertes Hängedasein fristet, statt im Speisesaal vor sich hin prunken zu dürfen, bleibt ein ungelöstes Rätsel, das ich am Abend unseres Besuches leider versäumte, durch Befragungen des Personals aufzulösen. Aber beim nächsten Mal, denn dort speist man vorzüglich – Levanteküche rules!




Seit der Abwesenheit von Christo (1935–2020) und Jeanne-Claude (1935–2009), die beide am selben Tag geboren wurden, aber in unterschiedlichen Jahren verstarben, erreichen Verpackungen im öffentlichen Raum nur noch selten die Wucht und Ausmaße ihrer Kunstwerke – wie die Reeperbahn zurzeit sehr uneindrücklich beweisführt.


 

09 Dezember 2025

Fundstücke (270)


Abteilungsleiter: „Chef, Champagner darf man nur das nennen, was aus der Champagne kommt.“
Chef: „Du meinst, wegen der Palette Mumm? Nun, ich hab da eine Idee.“

Entdeckt bei Rewe.


28 November 2025

Seltsames vom Food Court

Neulich besuchten wir vorm Kinobesuch noch schnell die kulinarische Etage in der Europapassage. Früher nannte man eine solche Einrichtung Fressmeile, heute wird so was neudeutsch zum „Food Court“ euphemisiert. Aber darum geht es gar nicht, sondern um Aulull. Dieses Wort, anscheinend ein Markenname, entdeckte ich auf einer elegant gerahmten Metallfläche in unmittelbarer Nähe unseres Tisches.

Da mir die Marke Aulull bislang unbekannt war, schaute ich genauer hin. Neben dem schmucklos ehrlichen Schwarz, in dem die Buchstaben gehalten waren, stach sofort das kühne Schriftdesign ins Auge. Mit seinen ausgefransten Linien war es sorgsam gegen den Strich des auf seelenlos-glatte Perfektion setzenden Zeitgeistes gebürstet. Der gleichzeitige Verzicht auf Serifen unterlief dialektisch die letzten Erwartungen an konventionelle Gestaltungselemente. Und wie die kleinen us sich beide zum mittig platzierten l verneigten und dabei doch mithilfe unterschiedlicher Strichlängen störrisch auf ihre Individualität beharrten, statt sich einfach nur dumpf zu spiegeln: Das kam zweifellos aus typografischer Meisterhand.

Was bloß mochte sich hinter Aulull verbergen? Die Seele welchen Produktes repräsentierte diese gewagte Gestaltung auf gewiss treffsicherste Weise? Mein erstes Befragen künstlicher Intelligenz förderte völlige Ratlosigkeit zutage. Sie stocherte im Nebel, hielt ein falsch getipptes „Allah“ für denkbar oder ein Fantasiewort aus Memes oder Gaming-Chats. Selbst ein Onomatopoetikum – genutzt, um lautmalerisch ein leises Heulen zu umschreiben – fand die KI nicht völlig unplausibel.

All das machte mich nicht klüger, aber umso interessierter. Aulull, hob ich innerlich beschwörend an, was auch immer du im Angebot hast: Ich werde dessen Erwerb wohlwollend in Betracht ziehen. Dann fiel mein Blick auf eine weitere elegant gerahmte Metallfläche ein paar Meter weiter.

Und darauf, auf der nun plötzlich zweifelsfrei identifizierbaren Müllklappe, stand es noch gänzlich unabgeblättert in seelenlos-glatter Perfektion: das Wort Abfall.


 

30 Oktober 2025

Antworten? Heute nicht.

Gut, hier herrscht Flaute. Noch kein einziger Oktobertext, zugegeben. Doch diese betrübliche Tatsache liegt nicht zuletzt daran, dass sich das Kiezleben dort draußen inzwischen weitgehend ohne uns abspielt. Natürlich, unterm Balkon laufen noch immer merkwürdige Menschen vorbei. Neulich zum Beispiel einer, der sich schon aus weiter Entfernung schallstark bemerkbar machte, was mich bewog, die Couch zu verlassen und die Balkontür zwecks Inaugenscheinnahme zu öffnen.

Ich erblickte einen dunkel gekleideten Brocken von bärtigem Mann mit Wollmütze, der seine gibbonartigen Arme weiträumig schlenkern ließ und dabei kiezweit hörbar „Arggggh!“, „Orchchch!“ und Ähnliches röhrte. Der Grund dafür blieb ungewiss, und mir einen zurechtzuimaginieren, fehlt mir momentan die Fantasie.

Ich frage mich in solchen Fällen oft, wie diese Menschen wohl ihren Alltag gestalten. Wie sind sie zu Hause? Führen sie gepflegte Gespräche am Frühstückstisch? Haben sie Arbeit und somit Kollegen, mit denen sie auf eine Art kommunizieren müssen, die keinesfalls in Richtung „Arggggh!“ und „Orchchch!“ tendieren darf, weil das über kurz oder lang ihren Job gefährdete?

Wie Sie wissen, werden solche Erlebnisse hier unter Balkonkino rubriziert (aber aus irgendeinem Grund nicht getaggt, fragen Sie mich nicht). Allein dieser Begriff verkörpert bereits die Distanz, die wir mittlerweile zum Geschehen rückseits der Reeperbahn eingenommen haben. Allerdings sind wir tagsüber natürlich oftmals auf St. Pauli unterwegs; Einkäufe wollen erledigt werden, und Spaziergänge werden noch immer gerne genommen, seit Corona sogar in gesteigerter Frequenz.

So stoßen wir immer wieder auf bemerkenswerte Phänomene. Zum Beispiel stehen in letzter Zeit vermehrt herren- und damenlose Schuhe draußen herum, an deren weiterhin vorhandener Funktionalität kein Zweifel besteht. Welche Geschichte etwa verbirgt sich hinter den roten High Heels, die wir neulich auf der Fensterbank eines Backsteingebäudes in der Seewartenstraße vorfanden? Niemand wird sie uns je erzählen.

Auf dem Spielbudenplatz hat ein Veranstalter den abgebildeten Hinweis auf unerwünschtes Publikum an die Wand seiner Location geklebt. Doch wenn unter den interessierten Besuchskandidaten wirklich Rassisten, Sexisten, Homophobe oder Arschlöcher wären (was – nebenbei bemerkt – statistisch äußerst wahrscheinlich ist): Ist ihnen das selbst überhaupt in derart ausreichendem Maße klar, dass sie einsichtig auf einen Besuch der Location verzichteten?

Fragen über Fragen. Hoffen Sie bitte nicht auf Antworten.



 

02 März 2025

Ein Un- und ein Vorfall

Zuletzt gebärdete sich der Kiez wieder recht actionreich. So erschreckte uns unlängst, als wir gerade das Haus verlassen hatten, ein massiver Knall, und als wir hochschauten, drehte sich an der Kreuzung Detlef-Bremer- und Seilerstraße gerade noch eine silberne Limousine gen Gehweg. Ihr war ein Kleinwagen voll in die Seite gerauscht, und zwar zu Unrecht, denn dessen Fahrer hatte die Vorfahrtsregel  eher frei interpretiert.

Der vordere Teil der Limousine war lückenlos ausgestopft mit prallstmöglichen Airbags, ein, wie ich finde, schönes und befriedigendes Beispiel für funktionierende Ingenieurskunst.

Wir eilten herbei, doch die Insassen, eine Frau und ein Mann, wühlten sich bereits verdattert, doch aus eigener Kraft aus ihrem Ballonparcours. Ihr Kontrahent stand derweil kreidebleich und stumm neben seinem Auto, während eine Angestellte aus der Physiopraxis, vor der sich alles zugetragen hatte, ihm ein Glas Wasser zu reichen versuchte und ein Passant bereits die 112 instruierte.

Es gab also anscheinend keine ernsthaft Verletzten und angesichts der zahlreich anwesenden Hilfswilligen wenig Unterstützungsbedarf, weshalb wir unseren Weg fortsetzten. Dieses Verfahren war einige Tage vorher weniger gut möglich gewesen, weil die entsprechende Szenerie uns bei einem Blick aus dem Wohnzimmerfenster zugemutet wurde. Das Foto soll einen ungefähren Eindruck davon vermitteln.

Zunächst schien es, als ginge der abgebildete Herr im Hoodie einer kiezüblichen Tätigkeit nach, nämlich unter Missachtung der überall verfügbaren öffentlichen Toiletten kurzerhand auf den Gehweg zu schiffen. Allerdings vermisste ich den dazugehörigen Strahl. Und das lag daran, dass der Mann auf halber Körperhöhe rhythmisch an sich herumhantierte. Meines Erachtens legte dieses Gebaren etwas ganz anders nahe als handelsübliches Wasserlassen. Nun ja.

Manchmal denke ich, wir sollten vielleicht doch nach Berchtesgaden ziehen.




22 Dezember 2024

Mein Rotz wird recycelt

Natürlich kann man den reichhaltigen personellen Besatz des Kiez’ als „merkwürdig“ beschönigen, doch wahrscheinlich rührt die Verhaltensauffälligkeit nicht weniger Menschen auf St. Pauli von ernsthaften psychischen Störungen her. Und das ist durchaus weniger unterhaltsam als schlichte Exzentrik.

Nehmen wir den jungen Mann heute Morgen am U-Bahnhof St. Pauli. Er trat an einen offenen Mülltütenhalter, in dem ich soeben ein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch entsorgt hatte. Die eingehängte Tüte war vor kurzer Zeit erneuert worden, denn es war sonst nichts darin, nur mein Taschentuch. Nun betrat der junge Mann die Szene. Er war gänzlich in Schwarz gekleidet und trug einen Hoodie mit der nicht leicht zu widerlegenden Botschaft „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“ auf dem Rücken.

Er stellte sich vor den Mülleimer und stierte hinein, als wollte er meditieren. Nach einer Weile ergriff er mein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch, hielt es sich unter die Nase und schnupperte ausgiebig daran. Unsere Verwunderung evolvierte rasch. Nach der anscheinend positiv ausgefallenen Geruchsprobe nahm er das Taschentuch, um damit ausgiebig über den metallenen oberen Rand des Mülltütenhalters zu wischen.

Damit fuhr er ungefähr eine Minute lang fort, ehe offenbar sein Bedürfnis nach einem sauberen Mülltütenhalterrand gestillt war. Ob dies mit einem von mir kontaminierten Papiertaschentuch überhaupt zu bewerkstelligen war, wagte ich zu bezweifeln, jedoch nur innerlich, denn das schien mir kein Thema, das ich mit einem ganz in Schwarz gekleideten Mann mit einem „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“-Hoodie, der an fremden Papiertaschentüchern schnüffelte, ausgiebig diskutieren sollte.

Als die U-Bahn kam, stieg er in denselben Wagen wie wir. Den Weg zum Bahnhof nutzte er dann vor allem, um sich mit beiden Händen, die eben noch mit einem vollgeschnäuzten Papiertaschentuch einen Mülltütenhalterrand gewienert hatten, vielfach durchs Haar und übers Gesicht zu streichen.

Also: bloße Exzentrik oder Ausdruck ernsthafter psychischer Probleme? 

Händeschütteln als sozialer Akt verliert jedenfalls für mich weiter an Liebreiz.




04 September 2024

Alles so schön bunt hier

In der Galerie im Erdgeschoss hat heute Silke Thoss ihren imaginären Kiosk Silkys Späti eröffnet – und auch wenn bei der Vernissage ein Gewitter den Partycrasher spielte: Bunter, das ist gewiss, wird’s dieses Jahr auf St. Pauli nicht mehr.

In Silkys Späti ist alles Pappmaché, alles ein Einzelstück und jedes „Produkt“ bis zur macho- und kapitalismusparodistischen Kenntlichkeit verfremdet. 

Und mal ehrlich: 59 Euro für eine Packung „Are you Elvis tonight?“, die potenziell Seife, Kekse, Feuchttücher oder eine garantiert echte Locke des King beherbergen könnte, ist doch eine weitaus sinnvollere Investition als die in irgendeinen wandfüllenden Schinken, für den Tausende aufgerufen werden. 

Begeh- und leerkaufbar ist Silkys Späti übrigens bis Ende September. 

Schaun Sie doch mal rein. Soll Ihr Schaden nicht sein.




06 August 2024

Der Streetworker von St. Pauli


Das auf dem Foto ist Herr H. Dass er so heißt, habe ich von einem Nachbarn erfahren. Anscheinend hat Herr H. zu Hause keinen Raum, den er als Arbeitsplatz nutzen kann. Deshalb macht er Streetoffice. Herr H. ergreift dazu Stuhl und Laptop, betritt den Kiez, setzt sich auf den Gehweg und arbeitet. Ganz gerne wüsste ich schon, an was. Aber bisher habe ich eine gewisse Scheu, Herrn H. danach zu fragen.

Manchmal errichtet Herr H. sein Streetoffice auch nicht auf dem Gehweg, sondern direkt auf der Straße. Dass dieser Anblick auf herannahende Autofahrer irritierend wirken könnte, kümmert Herrn H. keineswegs. Schließlich sind sämtliche Fahrzeuge mit Lenkrädern ausgestattet und somit in der Lage, mit wenig Aufwand einen Bogen um ihn herum zu fahren. Wenn sie das nicht in der Fahrschule gelernt haben, was dann.

Übrigens habe ich noch nie einen Autofahrer gesehen, der sich über Herrn H.s auf der Fahrbahn errichtetes Streetoffice echauffiert hätte. Man hört ja sonst so allerhand, wie es zugehen soll vor Ampeln und auf Autobahnen. Geschrei, Gepöbel, justiziable Eigenschaftszuschreibungen: All das scheint in Deutschland gar nicht selten vorzukommen. Doch nicht in Gegenwart von Herrn H. Man umkurvt ihn offenkundig verständnisvoll und deshalb kommentarlos. Was er als selbstverständlich hinnimmt.

Nein, Herr H. lässt sich bei dem, was immer er dort tut, nicht stören. Man kann sogar sagen, dass die resiliente Konzentration, mit der Herr H. sein Streetoffice-Pensum abarbeitet, bewundernswert ist. Nichts bringt ihn aus der Ruhe.

Herr H. richtet seinen Stuhl immer nach Westen aus. Zwar scheint ihm dann die Sonne mitten ins Gesicht, doch wenigstens nicht aufs Laptopdisplay. Das könnte schließlich bei der Arbeit stören, eventuell sogar die Qualität der Ergebnisse beeinträchtigen. Deshalb vermutlich nach Westen. Manchmal denke ich, dass Herrn H. eine Schirmmütze guttäte, aber wer bin ich, seine selbst geschaffenen Rahmenbedingungen infrage zu stellen.

Herr H. ist mir bisher ein Mysterium. Steht er vielleicht in der Tradition von Melvilles Schreiber Bartleby? Welche biografischen Wendungen und Winkelzüge führten zu seinem stoischen Dasein als Streetworker im wortwörtlichen Sinn?

Vielleicht überwinde ich demnächst meine Scheu und frage ihn einmal. Dann mehr an dieser Stelle.



02 Juni 2024

Fundstücke (264)

Die Deutungsmöglichkeiten dieses wohl mit Absicht so gestalteten Nummernschilds sind komplex, verwirrend, schillernd und widersprüchlich. Die Entschlüsselung überlasse ich lieber Ihnen.

Entdeckt heute irgendwo in Hamburg.

26 Januar 2024

Aida, diesmal nicht in Mülltüten

Vor knapp acht Jahren ging unser erster Versuch, Verdis Oper „Aida“ zu genießen, schrecklich schief: Wir flohen zur Halbzeit – „gekleidet“ in mülltütenartige Plastikregencapes – vorm Weltuntergang, der die Open-Air-Aufführung in Schwerin mit Donner, Sturm und Wassermassen zu behelligen geruhte. Wenigstens hatten wir den (echten!) Elefanten noch gesehen. Weitere Details zu diesem in mehrerlei Hinsicht unvergesslichen Ausflug nach Schwerin finden Sie hier

Nun aber gibt es unverhofft doch noch die Chance zu erfahren, wie es weitergeht, nachdem der Elefant von der Bühne gestapft ist. Denn „AIDA – Das Arena Opern Spektakel 2024“ (sic!) feiert am 2. Februar in Hamburg Premiere, und wir sind eingeladen.

Man avisiert uns Multimediales, ja, Immersives; ausstaffiert sei das Ganze mit Omnisurroundlautsprechern, Projektoren, LED-Wänden, Kameras und Scheinwerfern sonder Zahl, wahrscheinlich alles originalgetreu nach Verdis Regieanweisungen angefertigt. Der Elefant soll allerdings statt aus Elefant aus neun Frauen bestehen. Tierschutz!

Doch egal wie’s weitergeht, nachdem die neun Damen von der Bühne gestapft sind: Diesmal werden wir keine Mülltüten tragen müssen, denn das alles findet in der Barclay’s Arena in Stellingen statt. Und es gibt noch Karten, soweit ich weiß.

Foto: Christoph Eisenmenger


19 Dezember 2023

Auf den Straßen von St. Pauli

Manches, was hier in der Seilerstraße so herumliegt, wirkt kieztypisch, etwa der damenlose Büstenhalter. Er wirkt ein wenig wie wütend entsorgt. Die Geschichte dazu würde mich interessieren, und ich ersuche Sie dringend, diese in erforderlicher Ausführlichkeit in den Kommentaren zu schildern.



Anderes mutet eher überraschend an – wie etwa die handliche Bibelausgabe im Fahrradkorb. Fahrradkörbe werden hier auf dem Kiez übrigens recht oft für Mülleimer gehalten. Ich weiß nicht, wie man diesem Irrtum aufsitzen kann; normalerweise lernt man die Unterschiede schon recht früh im Leben.


Die Stolpersteine in unserer Straße wurden nach dem bestialischen Massaker der Hamas in Israel von einem kleinen Schutzwall aus Grablichten umgeben. Inzwischen trotzen sie wieder unumsäumt Wind, Wetter und Antisemitismus.



Die tote Kieztaube hat ihr Dahinscheiden wohl der einen Zigarette zu viel zu verdanken. Alle Indizien sprechen dafür.



Es ist gewiss nur Zufall, dass das „Zu verschenken“-Schild neben einem völlig intakten und scheckheftgepflegten Mittelklassewagen herumliegt. Sonst wären seine Türen doch bestimmt – ähem – nicht verschlossen gewesen.
 


26 Oktober 2023

Stillgestanden


Seit wir im Sommer in Lerwick, der Hauptstadt der Shetlandinseln waren, schaue ich dort täglich seufzend vor Nostalgie vorbei. Das ermöglicht mir eine Webcam, die den Anleger in den Blick nimmt, wo wir damals mit Tenderbooten anlegten. (Seufzt vor Nostalgie.)

Was mich allerdings nun schon seit einigen Wochen irritiert, sind die beiden Autos unten rechts auf dem Parkplatz, der weiße Transporter und der rote Kleinwagen rechts daneben. Beide bewegen sich nämlich nicht. Nie. Sie stehen da wie stillgelegt.

Meine Columbo-geschulte Intuition murmelt: Irgendetwas stimmt da nicht. Könntest du, Lerwicker Polizei, vielleicht mal verifizieren, dass dort wirklich keine leblosen Menschen hinterm Steuer sitzen? Oder im Kofferraum liegen? Danke.

Ergänzung vom 27.10.2023, 16 Uhr: 
Heute steht direkt gegenüber von unserem verdächtigen Duo plötzlich dessen Zwillingspaar. Wtf …?? 

Ergänzung vom 28.10.2023, 22.30 Uhr: 
Und er bewegt sich doch: Der Transporter ist weg!

Ergänzung vom 31.10.2023, 18.30 Uhr:
 
Ich widerrufe den gesamten Eintrag.


16 September 2023

Bloggeburtstag Nr. 18


Auch zum achtzehnten Bloggeburtstag nehme ich Ihre und eure Glückwünsche nur verschämt entgegen, da das zurückliegende Jahr meinerseits wieder einmal eher von Prokrastination als hoher Blogfrequenz geprägt war. Zu meinem Glück hat aber eh bisher nur eine Person gratuliert, und zwar die mir sowieso sehr zugeneigte Ms. Columbo. Somit hält sich meine Scham in Grenzen.

Apropos Prokrastination: Was generell im Leben gilt, gilt auch beim Bloggen – der innere Schweinehund ist verteufelt flexibel. Wenn ich zweitausend Blogbesucher am Tag habe, flüstert er: Du brauchst nichts zu schreiben, die Leute kommen ja eh. Und wenn es nur hundert sind, winkt er ab: Du brauchst nichts zu schreiben, interessiert ja eh keinen. Das Ergebnis ist jeweils dasselbe: Ich schreibe keinen neuen Blogeintrag. Und das kann’s ja auf Dauer nun wirklich nicht sein! 

Deshalb gelobe ich heute – wie jedes Jahr – Besserung. Denn irgendwo da draußen sind ja doch immer noch welche, die sich an sporadischen Meldungen von der Rückseite der Reeperbahn erfreuen. Wie man an oben abgebildeter Grafik sieht, welche die vergangenen zwölf Jahre abbildet, sorgen diese liebreizenden Menschen (ja, Sie!) dafür, dass sich die Besucherzahl stetig, aber immer langsamer der Sechsmillionengrenze nähert. Bei einem monatlichen Durchschnitt, der nur noch selten die Zehntausendermarke knackt (es waren auch schon mal achtzigtausend!), ist das Schneckentempo natürlich kein Wunder.

Zu den beliebtesten Blogtexten des Jahres gehört skurrilerweise einer von Anno Domini 2016. Seit Monaten erfreut er sich wieder stabiler Beliebtheit. Es geht darin um eine bizarre Grabstätte auf dem Wiener Zentralfriedhof und um ausgeraubte Nutella-Gläser in Hamburg.

Wenn mir jemand vielleicht verklickern könnte und möchte, warum ausgerechnet dieser Text wieder aus den Tiefen des Archivs hochgestiegen ist und dann auch noch so dauerhaft reüssiert, dann möge er oder sie es gerne tun. Dann schreibe ich nämlich noch mal so einen! 

Und hätte zum neunzehnten Bloggeburtstag wieder was zu erzählen.



 

28 August 2023

Die hohe Kunst des Kundenvergrätzens


Gestriger Dialog im Niederegger-Eiscafé, Travemünde:

„Guten Tag, ich hätte gerne zwei Kugeln in der Waffel, und zwar …“
„Wir haben keine Waffeln, nur Becher.“
„Gut, dann halt im Becher. Zwei Kugeln mit Schokoladensoße, und zwar …“
„Keine Schokoladensoße. Die gibt’s nur zur Schlemmertüte.“
„Äh, okay …? Dann einmal Walnuss und einmal Schokolade. Ich zahle mit Karte.“
„Keine Karte, nur bar.“

Die Niederegger-Zentrale in Lübeck kann natürlich überhaupt nichts für den außergewöhnlichen Liebreiz ihrer Filiale in Travemünde, aber als wir heute an der Zentrale vorbeiliefen, war uns beiden in stillem Einvernehmen klar, dass wir auf jeden Fall ein anderes Café ansteuern würden.

Ganz egal, welches. Hauptsache, nicht Niederegger.

20 August 2023

Fundstücke (259)

Dieser prachtvolle Lincoln Continental steht im Automuseum Loh Collection aufm Dorf in Hessen. Sinnigerweise wird er dort als der Wagen vorgestellt, den John F. Kennedy „zuletzt lebend verließ“. Das war am 22. November 1963 vormittags. Und in der Tat: Am selben Tag stieg JFK in eine dunkelblaue Variante des Lincoln um, tja, und dann kam Lee Harvey Oswald. Das dunkle Modell haben die USA aber ganz offensichtlich nicht rausgerückt, weshalb der autosammelnde Milliardär Friedhelm Loh zähneknirschend „nur“ das weiße anschaffen konnte. Deshalb musste er das Ausstellungsstück argumentativ ein wenig pimpen. Trotzdem auratisch, das Teil – am Wochenende selbst getestet. 

Ein Blogleser hat sich vom Foto eines Portals in Inverness aus diesem Eintrag zu einer – wie man sieht – sehr gelungenen Tuschezeichnung inspirieren lassen. Und da er mir postalisch sogar das Original vorbeischickte, hat nun unsere Bilderwand im Flur Zuwachs bekommen. 

Fußball spielt auf dem Kiez durchaus eine Rolle, für manche offensichtlich sogar eine derart wichtige, dass sie sich deswegen selbst das Betreten ihrer Loggia versagen. Entdeckt am Fischmarkt.


Apropos Fischmarkt: Hier präsentiere ich mit Stolz und Freude ein Sonntagmorgen-um-halb-zehn-Schnäppchen für insgesamt drei Euro. Und das Beste (und die große Ausnahme): keine verschimmelten dabei!