01 März 2026

Alles Käse auf dem Fischmarkt

Bei meiner Route über den Fischmarkt morgens um halb zehn passiere ich zunächst den uninteressanten Stand von Schnipsel-Dieter. Auch der von Schnibbel-Tim entfaltet keinen Liebreiz. Das gilt auch für die nächsten auf meinem Weg, nämlich die von Bananen-Fred, Fisch-Moritz und Schoko-Jonny. Nein, mein Begehr und einziges Ziel ist der Marktwagen von Käse-Tommi!

Hier besorge ich mir alle paar Monate eine ordentliche Weichkäsekompilation für fünfzehn Euro auf Vorrat, so auch heute. Die obendrauf platzierte eingeschweißte Portion Räucherfleisch moniere ich, und Käse-Tommi offeriert mir als Ersatz umstandslos eine Ziegenrolle. Her damit!

Auf dem Rückweg passiere ich die durchweg uninteressanten Stände von Schoko-Jonny, Fisch-Moritz, Bananen-Fred, Schnibbel-Tim und Schnipsel-Dieter, und ruck, zuck bin ich wieder zu Hause, wo man mich alsbald beim Portionieren der Weichkäsekreszenzen antreffen kann. Denn die ordentliche, nur in Kilogramm quantifizierbare Menge, die Käse-Tommi einem für fünfzehn Euro einpackt, wäre nur unter Gefahr für Leib und Magen bis zum recht nahen Ablaufdatum verzehrbar, weshalb sie stets mehrheitlich zunächst in der Tiefkühltruhe landet.

Sollten Sie jetzt reflexhaft aufschreien und mir aufgeregt mitteilen wollen, dass man Weichkäse keinesfalls einfrieren dürfe, weil seine Konsistenz nach dem Auftauen nicht mehr verzehrkompatibel sei, so rufe ich Ihnen entgegen: Das ist falsch! Aufgetauter Weich- geriert sich wie ebensolcher Hartkäse nämlich genauso wie zuvor: unbeschadet.

Nur sehr, sehr wenige Male in meiner jahrzehntelangen Geschichte des erfolgreichen Weichkäsetieffrierens wurde ich mit einem schmierig-schlabberigen Auftauresultat konfrontiert, was mich zur sofortigen Entsorgung zwang. Diese Vorfälle aber kann ich an einer Hand abzählen, während das Gegenteil eine Zahl an Händen erforderte, für die ich schon die halbe Einwohnerschaft des Kiez’ rekrutieren müsste.

Wen ich übrigens bei meiner kleinen Tourbeschreibung oben unterschlagen habe, ist der bundesweit bekannte Aale-Dieter. Dieses Monument von Marktschreier subsumiert man halt nicht einfach so unter Kantonisten wie Schnibbel-Tim. Wie eh und je – genauer gesagt seit Juni 1959! – steht Aale-Dieter auch heute Morgen hinter seinem Tresen. Der Sechsundachtzigjährige ist so hager geworden wie zäh geblieben – und weiterhin der unangefochtene Endgegner aller Aale.

In drei Jahren also möge Dieter (Aale- nicht Schnipsel-) bitte, bitte sein siebzigstes Fischmarktjubiläum feiern. Wenn ja, dann bin ich dabei. Wenn auch nur en passant auf dem Weg zu Käse-Tommi.


 

21 Februar 2026

Und wieder einmal nahe null

Jahre nachdem mein erster Versuch, mir testweise einen alkoholfreien Wein einzuflößen, wegen unmittelbar einsetzenden Speizwangs desaströs gescheitert war, wagte ich es unlängst erneut. Anlass war das gut gemeinte Geschenk eines fachkundigen Freundes, der mir hoffnungsfroh einen Pugibet Mademoiselle Sophie Rosé mit null Umdrehungen überreicht hatte (erstes Foto).

Nach meinem schmallippigen Dankeschön stellte ich die Flasche erst einmal beiseite. Elf Monate lang, um genau zu sein. Irgendwann wurde das Gefühl, meinem Freund ein Feedback schuldig zu sein, allerdings recht bedrängend. Also entkorkte ich den Pugibet. Und schmecke da: So schlecht wie bang erwartet war das rosa Schaumgetränk gar nicht. Sein halbtrockener Charakter übertünchte halbwegs die üblichen bittersauren Fehltöne, mit denen jeder anständige Wein sich zu Recht gegen den gewaltsamen Entzug seines zuvor in mühsamer Gärarbeit erworbenen C₂H₅OH wehrt.

Gab es auf diesem Gebiet etwa wirklich inzwischen etwas Trinkbares? Ich fühlte mich neu ermuntert, das herauszufinden, zumal meine Erfahrungen mit alkoholfreiem Bier zuletzt zunehmend erfreulicher geworden waren (Jever Fun, Perlenbacher). Vielleicht hatte sich ja auch auf Traubenbasis was getan; die Chemie ist ja eine Wunderwissenschaft. Diesmal orderte ich bei einem einschlägigen Händler ein Probierpaket mit drei Weinen, die siegreich aus einer Verkostung hervorgegangen waren. Expertise: Sie ist ja so wichtig.

Doch ach, es war wieder zum Weinen. Zwei der drei Sorten musste ich bereits nach dem ersten Schluck dem Ausguss übergeben (sic!), nur dem Pinot Bianco von Nett aus Duttweiler (zweites Foto) vermochte ich mit Ach und Krach und über mehrere Tage den Garaus zu machen. Ob es sich beim Wort „Reverse“ auf dessen Etikett um ein Wortspiel oder einen Tippfehler handelt, interessiert mich angesichts dieser Erfahrung nicht mehr die Bohne. Das dürfen Sie die KI gern selbst fragen.

Mein auf einem weiterhin sehr schmalen empirischen Fundament ruhendes Fazit lautet: Je trockener ein Wein ausgebaut ist, desto fataler wirkt sich die Ethanolabsenz auf seine Genießbarkeit aus. 

Sollten auch Sie sich also einmal in diese seltsame und (un)gefährliche Welt der alkoholfreien Weine begeben wollen, so achten Sie in Bacchus Namen wenigstens auf ordentlich Oechsle.





06 Januar 2026

Nichts Neues unter der Wintersonne

Der Winter hat Deutschland voll im Griff, auch den Kiez. Alles ruht, einsam wacht manch eine Schneekugel. Der abgebildete kapitale Trumm tut das in der Seilerstraße. Und wenn Sie genau hinschauen, werden Sie in Oberschenkelhöhe etwas sehen, was typisch ist für St. Pauli, doch selten so sichtbar: einen angedeuteten gelben Fleck.

Hier hat offenbar ein Vertreter der Klasse Mammalia sein Revier markiert. Und weil das in einer Höhe geschah, die für die Art Canis lupus familiaris eher untypisch ist, tippe ich auf ein zweibeiniges Säugetier. 

Warum auch sollte man ausgerechnet in diesem Jahr damit anfangen, die überall auf dem Kiez platzierten öffentlichen Toiletten zu benutzen?

Alles beim Alten also hier auf St. Pauli.