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27 Mai 2026

Neues aus dem Pinklichtviertel

Zum vierhundertsten Geburtstag der Reeperbahn steht seit Kurzem die hier abgebildete rosaste Skulptur von ganz St. Pauli am östlichen Anfang jener Straße, die diesem Blog den Namen gab. Das Kunstwerk weckt – zumal im Gleiß des Morgenlichts – das spontane Bedürfnis nach einer Sonnenbrille mit frei justierbarem Farbfilter. Erstaunlich übrigens, dass die Wohn- und Verweildauer von Ms. Columbo und mir auf der Rückseite der Reeperbahn bereits ein Dreizehntel der Gesamtexistenz dieser Straße ausmacht. Das hätten wir uns dermaleinst, als wir unversehens hierherzogen, keineswegs träumen lassen. 





Die Hintergrundfarbe dieser Willensbekundung folgt dem oben skulptural gesetzten Trend. Die Frage, wo der Rollstuhlfahrer eigentlich dabei sein möchte, erübrigt sich wohl – bei allem natürlich, und mit Recht.




Farblich ebenfalls dem titelgebenden Spektrum zugehörig sind die öffentlichen Hamburger Mülleimer. Ihre kalauernden Sprüche indes wurden offensichtlich nicht immer brutalstmöglich Korrektur gelesen, sonst verwechselte dieser Eimer wohl kaum die Seele mit der Seligkeit. Warum eigentlich engagierte man zur Sicherheit nicht uns, mich und Ms. Columbo, die wir vom Fach sind? Werden wir nie erfahren.









Heftig ins Rosafarbene lappt auch der rohe Lachs im Pop-up-Streetfood-Restaurant Izakaya by Dokuwa in der Karolinenstraße. Die mitgelieferte befüllte Kanüle sorgte bei mir zunächst für ratloses Stirnrunzeln, bis mir dämmerte, dass es sich wohl doch nicht um den nächsten Gratisschuss, sondern um applizierbar aufbereitete Sojasoße handelte.


Die schwerstamputierte Puppe hinter Gittern unten wacht seit Jahr und Tag über die Wohlwillstraße. Mir scheint allerdings, dass auch sie in jüngerer Zeit enorm an Rosa zugelegt hat. Fände ich den Artikel noch, der sich hier im Blog vor langer Zeit schon einmal mit ihr beschäftigt hat, so könnte ich das sogar verifizieren. So aber nicht.





 

24 April 2026

Der halbnackte Juchzer

Als ich zur Ampel am Millerntorplatz komme, wo die Reeperbahn endet, liegt dort ein weitgehend nackter Mittzwanziger rücklings auf dem Radweg. Er trägt nur einen bestürzend engen Slip, windet sich ungelenk und stößt juchzende Schreie aus. Es sind keine des Schmerzes, sie haben … irgendeinen anderen Grund. Ich vermute einen chemischen.

Hier auf dem Kiez gibt es – wie wir alle nur zu gut wissen – ja Tierchen mit den allerwunderlichsten Pläsierchen, die nimmt man wahr und hin und geht seiner Wege. Doch ein Quasinackter, der sich bei sehr unfrühlingshaftem Wetter auf dem kalten Pflaster wälzt, ohne dass ein abgelegtes Kleiderbündel in der Nähe auf Wiederaufnahme seiner Tätigkeit wartet: Das ist nicht nur selbst für St.-Pauli-Verhältnisse ungewöhnlich, sondern muss unter Selbstgefährdung rubriziert werden.

Da mir eine kommunikative Interaktion wenig zielführend scheint, tue ich das, was ich in solchen Fällen immer tue, und zücke beim Überqueren der Straße seufzend das Smartphone, um wie üblich eins-eins-null zu wählen. Doch noch ehe ich die Tasten tippen kann, sehe ich ein Polizistentrio mir entgegenkommen.

„Kommen Sie wegen dem?“, frage ich und deute vage hinter mich.
„Ja“, sagt eine der Polizistinnen.

Jemand hat also schon Bescheid gesagt, und das freut mich. Schließlich könnte auch ich mich einmal in ähnlicher Lage auf dem Radweg wälzen (allerdings mit Sicherheit nicht aus chemischen Gründen), und dann hätte ich es schon gerne, wenn jemand eins-eins-null wählt oder meinethalben auch eins-eins-zwei. Danke vorab!

Also stecke ich mein Handy wieder ein. Als ich wenige Minuten später im Bus über die Kreuzung fahre, sehe ich den halbnackten Juchzer, wie er brav und aufrecht dasteht, umringt vom Trio in Uniform. Er hat die Hände halbherzig an den Hüften abgestützt, denn ihm gebricht es ja an Hosentaschen, und nickt brav ab, was ihm an behördlichen Auskünften vorgetragen wird.

Wie stets in solchen Fällen wüsste ich gern, was ihn in diese Lage brachte, wo seine Kleider abgeblieben sind, warum er juchzte – und wie immer werde ich es nie erfahren. Er sei denn, er meldet sich in den Kommentaren, wozu ich ihn hiermit ausdrücklichst ermuntern möchte.

PS: Aus nachvollziehbaren Gründen muss heute ein Symbolbild zur Illustration herhalten, und das zeigt ein Gebäude in unmittelbarer Nähe des Geschehens: die tanzenden Türme, Reeperbahn 1.



 

19 März 2026

Fundstücke (271–274)

Immer wieder wird uns armen Radfahrern brutalstmöglich verdeutlicht, welchen Stellenwert man uns im Stadtverkehr beimisst. Der hier in der Glacischaussee dokumentierte Fall eines fröhlich zugeparkten Fahrradstreifens ist besonders betrüblich, weil es dort momentan vor Ordnungskräften wimmelt, die den Verkehr wegen des Domaufbaus regeln. Ich fragte mich sogar verunsichert, ob vielleicht ich falschliege und die Straße momentan nicht nur für den Autodurchgangsverkehr, sondern auch für Radfahrer gesperrt sei, doch einer der Cops, den ich dahingehend befragte, verneinte das.




Zum Glück gab es diese Woche auch heitere Momente. So erfreute das Restaurant Riad in der Neustadt mein Herz mit würzigen Riesen für nur zweiundzwanzig Euro. Xavier Naidoo („Wir haben alle schon Menschen gefressen“) meidet den Laden bestimmt so vehement wie Hannibal Lecter eine Veggiemesse.


Apropos Restaurant: Beim Libanesen Hala Mignon, angesiedelt in der skurril benamten Straße Rutschbahn im Grindelviertel, musste ich auf dem Weg zum Herrenklo einem kapitalen Kronleuchter ausweichen, den man wohl in Versailles hat mitgehen lassen. 

Warum der Trumm allerdings auf dem stillen Örtchen sein überdimensioniertes Hängedasein fristet, statt im Speisesaal vor sich hin prunken zu dürfen, bleibt ein ungelöstes Rätsel, das ich am Abend unseres Besuches leider versäumte, durch Befragungen des Personals aufzulösen. Aber beim nächsten Mal, denn dort speist man vorzüglich – Levanteküche rules!




Seit der Abwesenheit von Christo (1935–2020) und Jeanne-Claude (1935–2009), die beide am selben Tag geboren wurden, aber in unterschiedlichen Jahren verstarben, erreichen Verpackungen im öffentlichen Raum nur noch selten die Wucht und Ausmaße ihrer Kunstwerke – wie die Reeperbahn zurzeit sehr uneindrücklich beweisführt.


 

30 Mai 2025

Fundstücke (265)


Während man auf der Reeperbahn bereits für ein einziges gezapftes Glas Bier drei Euro fünfzig loswird (Bild rechts), erhebt das Café Stenzel in der Schanze für ein ganzes Fass nur einen Euro mehr. Klar also, wo’s hingeht, Kameraden!


Apropos Preise: Die hier zu sehende Quittung wagte uns das neue Kino Kinopolis im Westfield-Einkaufszentrum in der Hafencity auszuhändigen, obgleich wir lediglich zwei Eis aus der Truhe geholt und auf den Kassentresen gelegt hatten (natürlich Magnum Mandel). Die ganze Dimension dieser Entblödung erschließt sich erst, wenn man das testweise mal in D-Mark ausrechnet. Fast sechzehn Tacken für zweimal Eis am Stiel …? Dann lieber ein Fass Bier für neun im Stenzel, Leute!


 





Bleiben wir bei der Mark, genauer gesagt der Fünfzigpfennigmünze; die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern. Was aber auch sie dereinst nicht mitbekamen: Dieses offen häretische Silberstück zeigte zwischen 1949 und 2001 – und zwar von Patrioten völlig unbehelligt! – doch wahrhaftig ein Kopftuchmädchen, das einen Deutsche-Eiche-Setzling brutal aus deutscher Krume riss. Bin gespannt, wann Weidel dieses historischen Skandals endlich gewahr wird.

 






Lidl gebricht es derweil auf erschütternde Weise an mathematischen Grundkenntnissen. Während die Filiale an der Holstenstraße das halbe Pfund Lachs mit knapp acht Euro aufruft, taxiert es die vierfache Menge nicht etwa viermal so hoch, wie es jeder dahergelaufene Taschenrechner täte, sondern kommt auf den sechseinhalbfachen Kilopreis. Sitzt die Generation IQ-Verlust etwa jetzt schon in den Disponentenbüros großer Supermarktketten? Ich dachte echt, uns blieben noch ein paar Jahre.



28 Mai 2025

Und wieder brannte das Regenbogenhaus


Hinter diesem zahnlosen Maul von einem Fenster starb vorgestern Abend ein Mensch. Im Dezember 2022 hatte dieses uns gegenüberliegende Haus bereits gebrannt, damals saßen verzweifelte Menschen in den Fenstern und riefen um Hilfe, hinter ihnen die Flammen. Es gab sieben Verletzte, aber niemand kam um. 

Vorgestern brannte es wieder, diesmal in der Etage darunter. Auf der Vorderseite, wo das Haus in Regenbogenfarben getüncht ist, rettete die Feuerwehr Bewohner mit Leitern. Hier, auf der Rückseite der Reeperbahn, erstickte sie mit Wasser die Flammen in jenem Zimmer, in das man heute durch ein zahnloses Maul von einem Fenster hineinsehen kann. Und in dem ein Mann starb.

Nach dem Brand von damals musste das Haus eingerüstet werden. Die Renovierung der Fassaden und der ausgebrannten Etage dauerte über ein Jahr. Jetzt wird das alles von vorne losgehen.

Über den Toten liest man nichts, auch nicht in der Mopo


24 Februar 2025

Ein St.-Pauli-Winterresümee

Was (wieder mal) von Silvester übrig blieb.


Erste Sturmflut des Jahres am Fischmarkt.


Reeperbahn im Morgennebel.


Raureif am Fischmarkt.


Seilerstraße im Januar.


St. Pauli weiß das: AfD 4,9 Prozent.


22 Dezember 2024

Mein Rotz wird recycelt

Natürlich kann man den reichhaltigen personellen Besatz des Kiez’ als „merkwürdig“ beschönigen, doch wahrscheinlich rührt die Verhaltensauffälligkeit nicht weniger Menschen auf St. Pauli von ernsthaften psychischen Störungen her. Und das ist durchaus weniger unterhaltsam als schlichte Exzentrik.

Nehmen wir den jungen Mann heute Morgen am U-Bahnhof St. Pauli. Er trat an einen offenen Mülltütenhalter, in dem ich soeben ein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch entsorgt hatte. Die eingehängte Tüte war vor kurzer Zeit erneuert worden, denn es war sonst nichts darin, nur mein Taschentuch. Nun betrat der junge Mann die Szene. Er war gänzlich in Schwarz gekleidet und trug einen Hoodie mit der nicht leicht zu widerlegenden Botschaft „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“ auf dem Rücken.

Er stellte sich vor den Mülleimer und stierte hinein, als wollte er meditieren. Nach einer Weile ergriff er mein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch, hielt es sich unter die Nase und schnupperte ausgiebig daran. Unsere Verwunderung evolvierte rasch. Nach der anscheinend positiv ausgefallenen Geruchsprobe nahm er das Taschentuch, um damit ausgiebig über den metallenen oberen Rand des Mülltütenhalters zu wischen.

Damit fuhr er ungefähr eine Minute lang fort, ehe offenbar sein Bedürfnis nach einem sauberen Mülltütenhalterrand gestillt war. Ob dies mit einem von mir kontaminierten Papiertaschentuch überhaupt zu bewerkstelligen war, wagte ich zu bezweifeln, jedoch nur innerlich, denn das schien mir kein Thema, das ich mit einem ganz in Schwarz gekleideten Mann mit einem „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“-Hoodie, der an fremden Papiertaschentüchern schnüffelte, ausgiebig diskutieren sollte.

Als die U-Bahn kam, stieg er in denselben Wagen wie wir. Den Weg zum Bahnhof nutzte er dann vor allem, um sich mit beiden Händen, die eben noch mit einem vollgeschnäuzten Papiertaschentuch einen Mülltütenhalterrand gewienert hatten, vielfach durchs Haar und übers Gesicht zu streichen.

Also: bloße Exzentrik oder Ausdruck ernsthafter psychischer Probleme? 

Händeschütteln als sozialer Akt verliert jedenfalls für mich weiter an Liebreiz.




04 November 2024

20 Mai 2024

Frustfeier auf dem Kiez

Während es dem großen Hamburger Sportverein erneut mit müheloser Souveränität gelungen ist, die Klasse zu halten, scheiterte mein kleiner Stadtteilverein diesmal krachend an dieser jahrelang gemeisterten Aufgabe. Und nicht nur das: Feige hat er sich damit auch davor gedrückt, in der kommenden Spielzeit die unlängst verlorene Stadtmeisterschaft zurückzuerringen. Das alles ist natürlich eine schwer erträgliche Gesamtschmach. Und um sie halbwegs zu ertragen, beging man sie heute auf dem Kiez mit einer Art Gedenkfeier.

Die für Autos gesperrte Reeperbahn, morgens noch tristes Aufmarschfeld einer Armee von Dixiklos, verwandelte sich im Lauf des Tages zu einer menschensatten Meile, in der Abertausende mühsam versuchten, ihre Frustration über die auf absehbare Zeit nicht wieder eroberbare Stadtmeisterschaft mithilfe von Drogen, Bier und melancholischen Gesängen zu überspielen. So waren unter anderem rührend verzweifelte Sprechchöre wie „Die Nummer eins der Stadt sind wir“ zu hören, was HSV-Fans – sofern anwesend – natürlich nur spöttisch belächelt hätten.

Die Mannschaft des FC St. Pauli, hauptverantwortlich für das Desaster, machte notgedrungen gute Miene zum bösen Spiel und nahm auf dem Spielbudenplatz als Trostpreis eine zur „Meisterschale“ euphemisierte silbern schimmernde Radkappe entgegen. Blamabel das alles, zum Fremdschämen.

Ich hatte zum Kondolieren mein inzwischen 22 Jahre altes Weltpokalsiegerbesieger-T-Shirt aus dem Schrank geholt und kann immerhin erfreut bestätigen: Es passt mir noch. So ausstaffiert, schloss ich mich den vielen Tausend Trauernden an, um in der Masse Gleichgesinnter wenigstens ein wenig Trost zu finden.

Andere nutzten die Versammlung gar zu politischen Übersprungshandlungen. Manch Anwesender aber verdrückte die ein oder andere Träne, und zwischendurch weinte auch der Himmel.

Aber natürlich nur über dem Kiez, nicht über dem Volkspark.


 

26 April 2023

Nur Luden sterben arm

Neulich fragte mich ein Blogbesucher nach meiner Meinung zur Amazon-Prime-Serie „Luden – Könige der Reeperbahn“, und ich musste gestehen, sie bisher nicht gesehen zu haben. Mein Interesse hält sich – nach allem, was ich darüber gelesen habe – auch in Grenzen. Noch eine Serie, die Zuhälter als irgendwie cool und ihren Lifestyle als erstrebenswert darstellt? Das macht so müde.

Zudem bin ich auch als Betreiber eines Blogs namens „Rückseite der Reeperbahn“ nur unzureichend kompetent, um eine Fiktionalisierung glaubhaft mit der Kiezrealität abgleichen zu können. Es gibt ja (mindestens) zwei St. Paulis: das Rotlichtmilieu und das Wohnviertel. Und ich tummle mich seit einem Vierteljahrhundert ganz überwiegend in Letzterem.

Meine Berührungspunkte mit dem Rotlicht sind an einer Hand abzuzählen. Einen echten Luden habe ich zum Beispiel nie kennengelernt. Ich sehe ab und zu Corvettes und Lamborghinis in der Straße parken (hier ein Bild von letzter Woche), aber gehören sie auch wirklich einer Rotlichtgröße? Gerichtsfeste Beweise fehlen. Bei einem Bier im La Paloma lernte ich mal eine Prostituierte kennen, die gerade Pause machte und mich und meinen Begleiter um eine Cola anschnorrte. Sie erzählte uns von ihrer Jugend in Ostdeutschland, was sie nach Hamburg verschlagen und wie sie ein Auskommen im Rotlichtviertel gefunden hatte. Eine freundliche junge Frau, die sich für die Cola bedankte und wieder zurückging an die Arbeit in der Davidstraße.

Persönlich kenne ich nur die nicht nur leicht schillernde Kiezgröße Kalle Schwensen. Der Kontakt kam beruflich zustande. Ich war Musikjournalist, und Kalle hatte die wiedervereinigten Tic Tac Toe am Start. Zeitweise informierte er mich via Facebook über seine Veranstaltungen wie Freistilboxen und Ähnliches.

Zweimal bin ich Kalle Schwensen in natura begegnet, und seither meide ich den Kontakt – vor allem deswegen, weil sein größter Ehrgeiz darin zu bestehen scheint, einem bei der Begrüßung den Mittelhandknochen zu brechen. Muss nicht sein. Auch dass er als selbst ernannter Welterklärer zuletzt mit Corona-Verschwörungsfantasien verhaltensauffällig wurde und Wolodymyr Selenskyj und Annalena Baerbock für europäische Großverbrecher hält (nicht aber Putin), spricht kaum dafür, den Kontakt zu reaktivieren.

Im Fitnessstudio begegnete mir ab und zu mal Inkasso-Henry, der in seiner großen Zeit für Luden Geld eintrieb. Henry ächzte und keuchte beim Bankdrücken wie ein Pottwal mit Katarrh. Irgendwann tauchte er nicht mehr auf, und dann las man Nachrufe auf ihn – wie jetzt auf den einstigen Nutella-Gang-Luden Klaus Barkowsky, der gestern früh vom Balkon seiner Wohnung in Altona gesprungen sein soll. Unter anderem seine Geschichte erzählt die erwähnte Amazon-Prime-Serie.

Was auffällt bei solchen Geschichten über Kiezgrößen, die sich einst die Zigarren mit Hundertmarkscheinen anzündeten: Die meisten (oder alle?) wurden arm, und sie sterben arm. Wo sind all die Millionen hin, die junge Frauen auf St. Pauli für sie erwirtschaftet haben? Jede Ludengeschichte, die ich je gehört habe, endet traurig, tragisch, deprimierend. Die Serie „Luden – Könige der Reeperbahn“ dürfte diesen Aspekt ihres Lifestyles aussparen. Aber wie gesagt: Ich habe sie nicht gesehen.

Wer sich hingegen bis heute mit cleveren Aktivitäten immer über Wasser halten konnte, ist Kalle Schwensen. Aktuell betreibt er einen anscheinend gut frequentierten Sadomasoklub in der Erichstraße. Aber Kalle ist ja auch kein Lude. Vielleicht bietet das die beste Chance, auf St. Pauli nicht arm zu sterben.



14 Dezember 2022

Die gemütlichsten Ecken St. Paulis (181–189)


Tanzende Türme, Reeperbahn


Komet, Erichstraße


Paradise of Sex, Reeperbahn


Renovierungsstau, Reeperbahn


S-Bahn Reeperbahn


Schmuckstraße


Irgendwo auf St. Pauli


11 Dezember 2022

Die Rückseite der Reeperbahn brennt

Um Viertel vor eins heute Morgen höre ich, wie eine Frau „Hilfe!“ schreit. Ich eile zum Balkon – und sehe das Haus gegenüber brennen. Menschen sitzen in den Fenstern der vierten Etage und schreien, hinter ihnen Flammen oder dichter schwarzer Rauch, der in den frostigen Kiezhimmel steigt.

Ich wähle die 112. Nicht ein einziges Freizeichen ist zu hören, sofort ist jemand dran. Ich schildere die Lage, die Hilferufe von gegenüber werden live in die Notrufzentrale übertragen. Im Hintergrund klackern Finger über eine Tastatur; noch während wir reden, geht der Einsatz los.

„Wie lange dauert das?“, schreit es von drüben, „Wann kommen die?“. Rufe in Todesangst, auch wütend, vorwurfsvoll, panisch.
„In einer Minute!“, rufe ich zurück, obwohl ich es nicht genau weiß.

Ein Mann, der die Hitze hinter sich nicht mehr aushält, hat sich außen ans Fensterbrett gehängt und lässt sich fallen. Zwei Etagen tief stürzt er und prallt aufs Vordach in Höhe des Erdgeschosses. Er kriecht an den Rand und bleibt dort hocken, ein schweigender Schattenriss vorm Flackern der Flammen, die bald darauf hoch aus dem Fenster schlagen, durch das er eben erst gestürzt ist.

Nach ungefähr fünf unendlichen Minuten ist die Feuerwehr da. Mit einem Rammbock durchbrechen Uniformierte in Signalwesten die Tür zum Innenhof und ziehen einen Schlauch hinein. An den Fenstern im brennenden Haus sitzen um ihr Leben fürchtende Menschen. Sie leuchten mit Taschenlampen ins Dunkel, um auf sich aufmerksam zu machen.

Es dauert ewig, bis das erste Wasser fließt. Es dauert noch länger, bis die ersten Leitern stehen. Hinter einem Mann wüten bereits die Flammen bis zur Decke, als er es endlich schafft hinauszuklettern. Aus der Nachbarwohnung quillt schwarzer Rauch, dort holt die Feuerwehr eine Frau heraus, die einige Minuten später, von einem Sanitäter gestützt und barfuß, in Sicherheit gebracht wird.

Die Rückseite der Reeperbahn hat gebrannt, und ich bin bis obenhin voll mit Adrenalin. Es wird, wie sich herausstellt, Stunden dauern, bis es vom Melatonin verdrängt wird. Wie erst muss es denjenigen ergehen, die heute Nacht eine halbe Ewigkeit nicht wussten, ob die Retter rechtzeitig da sein würden? Wird ein Trauma sie quälen für den Rest ihres Lebens?

Sieben Verletzte gab es, steht heute in der Zeitung. Keine Toten.