02 August 2016

Bye, bye, Nummer acht



Ungefähr anderthalb Jahre ist es her, da streunte ich über den Schlachthofflohmarkt auf der Suche nach einem billigen und doch haltbaren Fahrrad.

Eins, das mich trotz aller hoffentlich sichtbaren Defizite noch eine Weile trüge über die Hamburger Straßen und zugleich jedem Dieb suggerierte: Nimm mich nicht, ich bin schrabbelig, ich falle beim erstbesten Bordsteinkontakt in mich zusammen.

Meine Wahl fiel auf ein Fischer-Fahrrad mit Stoßdämpfer. Schon bei der Probefahrt merkte ich, dass eine Affinität zum Seekrankwerden auf Dauer den Nutzwert des Bikes erheblich mindern könnte, doch als kreuzfahrtgestählter Seebär bin ich zum Glück nicht anfällig für derlei.

Der vielversprechend halbseiden wirkende Händler wollte, wenn ich mich recht entsinne, 70 Euro für den zusammengetackerten Schrotthaufen. Ich schaute aus taktischen Gründen skeptisch und runzelte die Stirn. Er deutete diese Mimik wohl als Kritik an den unübersehbaren Rostflecken.

„Hier, sehen Sie“, sagte er und begann sogleich an allen möglichen Stellen herumzukratzen, „das geht ganz leicht ab.“ Das stimmte, war aber keineswegs das, was ich wollte. Schließlich sollte das Fahrrad unbedingt so aussehen, als sei sein illegaler Erwerb eher Verlustgeschäft als Gewinn.

„Schon gut“, beeilte ich mich daher zu sagen, ehe der Mann das ganze billige Alugestell mit seinen nur mittelgut intakt wirkenden Fingernägeln freigewienert hatte.

Er hörte auch sofort damit auf – und zudem gut zu, als ich ihm ein mit viel gespieltem Widerwillen formuliertes Gegenangebot von 50 Euro machte. Sofort schlug er ein.

Ich bezahlte bar und erhielt eine handschriftlich hingeschlurte Quittung, die er quasi mit dem Schmutz unter seinen Fingernägeln signierte. Hinfort befand ich mich im Besitz eines Fischer-Fahrrads mit Stoßdämpfer und 21 Gängen, eins mit zwei Handbremsen und ohne Rücktritt, auf dem ich dank seiner für meinen Körperbau höchst ungünstigen Konstruktion draufsaß, als wäre ich gerade dabei, vom Einmeterbrett geschubst zu werden.

Doch die Hauptsache war, dass jeder Mensch ohne funktionierenden moralischen Kompass beim Anblick des Fahrrads sofort auf pawlowsche Weise dächte: unter. keinen. Umständen. klauen.

Denn der Wiederverkaufswert, den es ausstrahlte mit seinen Rostflecken und dem lachhaften Stoßdämpfer, mit seiner klobigen Konstruktion und der marktschreierisch ausgestellten Billigbauweise, lag maximal bei acht Euro, wohlwollend geschätzt.

Das ist der beste Diebstahlschutz der Welt, dachte ich. Weshalb ich ihm auch nur ein billiges Zahlenkombinationsschloss spendierte. 

Nun, während unseres letztwöchigen Urlaubs in Norwegen wurde es gestohlen.
 
Es ist das achte Fahrrad, das mir auf diese entwürdigende Weise abhanden kam (Sie möchten die ganze schreckliche Historie nachlesen? Dann bitte hier klicken.). Die Energie, mich wieder einmal der so zähen wie stets nutzlosen Diebstahlsanzeigeprozedur auf der Davidwache auszusetzen, bringe ich diesmal nicht mehr auf.

Stattdessen werde ich mir auf dem Schlachthofflohmarkt die nächste Schrabbelkiste besorgen – und anschließend ein mindestens dreimal so teures Mördermegafahrradschloss erstehen.

Am Ende werde ich gewinnen, so viel ist sicher. 
Nicht.

Kommentare:

  1. Bügelschloss hilft.

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    1. Die beste Lösung ist ein Faltschloss. So eins hängt am Erstfahrrad, hat aber auch knapp hundert Tacken gekostet.

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  2. Das kann doch echt nicht wahr sein, unglaublich.
    Ich bin fassungslos, schon das achte Fahrrad, dass Ihnen geklaut wurde.
    Und Sie geben immer noch nicht auf, Sie müssen doch schon so viel in Fahrräder und Schlössern investiert haben.
    Verlieren Sie da echt nicht den Mut?
    Das ist doch ärgerlich, oder nicht?

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    1. Was will ich machen? Ein Auto kommt mir jedenfalls nicht ins Haus.

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  3. Also, vielleicht hilft ja das Grasschloss, wie die Tage in Eppendorf, Höhe Haltestelle Frickestraße wieder gesehen, da sind Fahrräder im Dutzend locker an die Hecke gelehnt, halb verschlungen von Gras und Hecke und keiner nimmt sie mit. Der balkonierende Anwohner würde es mit Wohlwollen registrieren.
    Eine interessante Stadt.

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    1. Ja, diese Variante ist mir bekannt. Allerdings bekommt auch der Besitzer solche Fahrräder nicht mehr einfach so aus dem Griff der Flora befreit. Und meistens hat man gerade keine Machete zur Hand, wenn eine gebraucht wird.

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  4. Anonym19:37

    Vielleicht, und das soll selbstverständlich nicht ketzerisch klingen (!), sind Sie ja selbst der Verursacher Ihrer Leiden. Denn der geneigte Leser hat natürlich längst gemerkt, dass Sie nur deshalb jedes Mal ein Foto von Ihrer neuen Eroberung schießen, um ein bis zwei Jahre später online damit prahlen zu können.
    Wer sein neues Rad so lieblos in den Dienst stellt, gar auf billigsten Applaus für einen eigenwilligen Stoßdämpfer aus ist, der muss sich nicht wundern, wenn kein Segen auf dem Neuerwerb liegt. Self-fulfilling prophecy, Herr Matt!
    Daher mein Rat: Tun Sie vor Gott, dem Universum und/oder Ihrem eigenen Karma so, als wollten Sie in Zukunft gar keine Blogbeiträge über gewissenlose Fahraddiebe verfassen müssen. Machen Sie beim nächsten Mal einfach kein vorgezogenes Beweisfoto mehr.

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    1. Sie haben leicht reden. Der Polizei und der Versicherung gefällt es bestens, wenn ich das Corpus delicti fotografisch belegen kann. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch mal eins meiner Räder wiedergefunden werden sollte, hülfe das Foto ebenfalls.

      In einem meiner populärsten Alpträume bekomme ich übrigens alle acht auf einmal wieder zurück.

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    2. Olaf aus HH22:13

      Na bitte - das wäre doch schon was für die folgenden Jahre.
      Tarnung wäre allerdings eine Alternative - so mit Bärenklau (!), der täglich weiter durch die Speichen wuchert. Dafür bräuchten Sie nur einen großen Rucksack, dessen Inhalt (Kunstpflanzen natürlich) Sie nach dem Anschließen liebe- und sorgfaltsvoll drapieren müssen. Denken Sie dabei nicht an Deutschland, sondern einfach an Florian, den Blumenfreund.
      Alles Gute dabei.

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    3. Wie ich Ihren Ausführungen entnehme, betrachten Sie das Fahrradabstellen und -losmachen als Tätigkeit, die man nur als Arbeitsloser zeitlich halbwegs bewältigen kann. Ich werde mir das dennoch einmal durch den Kopf gehen lassen.

      PS: Der Bärenklaukalauer war allerliebst.

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