31 Dezember 2022

Der 18. offene Brief zu Silvester

Liebe diesjährige Bewerber und -innen um den Darwin-Award,

wie Sie wissen, bemühe ich mich seit 2006 auf manchmal erbarmungswürdige Weise darum, Ihnen das übliche Silvesterfeuerwerk auszureden. Heute, im achtzehnten Jahr dieses – wie ich nicht unbescheiden betonen möchte – verdienstvollen, wenngleich stets vergeblichen Versuchs, möchte ich Sie hingegen ausdrücklich zum Feuerwerken ermuntern. Wie das?, wundern Sie sich und werden sogleich hellhörig.

Nun, weil Sie in diesem Jahr gleich mehrere bockstarke und absolut unterstützenswerte Botschaften in die Welt hinausböllern können:

  1. Sie zeigen damit eindrucksvoll, dass Sie bereit sind, aus Solidarität mit den Opfern des Angriffskriegs in der Ukraine ebenfalls Augen, Ohren, Hände, Füße und Geschlechtsteile zu opfern. Ja, die sind Ihnen durchweg schnuppe, solange nur Ihre Botschaft rüberkommt. Nimm das, Putin!
  1. Außerdem signalisieren Sie hyperdeutlich, dass Ihnen zehn Prozent Inflation bei Weitem noch nicht hoch genug ist, um sich die Freude an der Selbstverstümmelung vergällen zu lassen. Gaspreis, wo ist dein Stachel?
  1. Zudem stellen Sie eine heutzutage sehr selten gewordene Tapferkeit unter Beweis, die sich darin zeigt, dass Sie leichtherzig auf jede Notfallversorgung verzichten möchten. Denn es wird eh niemand kommen, wenn Ihre vor Entsetzen schreienden Angehörigen – Plastiktüten mit Ihrem Schniedel und/oder Nasenresten in den zitternden Händen – die 112 wählen. „Ach, lass nur“, röcheln Sie mit ungewohnt hoher Stimme, „andere haben es nötiger.“ Stimmt.

  2. Und last not least zeigen Sie es allen Katzen, jenen Krallenmonstern, die im Schnitt 270 Vögel pro Jahr in die ewigen Gejagtwerdengründe schicken und sich nun – dank Ihnen – wenigstens eine Nacht lang vor Angst schlotternd unter Frauchens Bett verkriechen müssen.

Kurz gesagt: Böllern Sie bitte, bis der Arzt (nicht) kommt! Meinen Segen haben Sie.





14 Dezember 2022

Die gemütlichsten Ecken St. Paulis (181–189)


Tanzende Türme, Reeperbahn


Komet, Erichstraße


Paradise of Sex, Reeperbahn


Renovierungsstau, Reeperbahn


S-Bahn Reeperbahn


Schmuckstraße


Irgendwo auf St. Pauli


11 Dezember 2022

Die Rückseite der Reeperbahn brennt

Um viertel vor eins heute Morgen höre ich, wie eine Frau „Hilfe!“ schreit. Ich eile zum Balkon – und sehe das Haus gegenüber brennen. Menschen sitzen in den Fenstern der vierten Etage und schreien, hinter ihnen Flammen oder dichter schwarzer Rauch, der in den frostigen Kiezhimmel steigt.

Ich wähle die 112. Nicht ein einziges Freizeichen ist zu hören, sofort ist jemand dran. Ich schildere die Lage, die Hilferufe von gegenüber werden live in die Notrufzentrale übertragen. Im Hintergrund klackern Finger über eine Tastatur; noch während wir reden, geht der Einsatz los.

„Wie lange dauert das?“, schreit es von drüben, „Wann kommen die?“. Rufe in Todesangst, auch wütend, vorwurfsvoll, panisch.
„In einer Minute!“, rufe ich zurück, obwohl ich es nicht genau weiß.

Ein Mann, der die Hitze hinter sich nicht mehr aushält, hat sich außen ans Fensterbrett gehängt und lässt sich fallen. Zwei Etagen tief stürzt er und prallt aufs Vordach in Höhe des Erdgeschosses. Er kriecht an den Rand und bleibt dort hocken, ein schweigender Schattenriss vorm Flackern der Flammen, die bald darauf hoch aus dem Fenster schlagen, durch das er eben erst gestürzt ist.

Nach ungefähr fünf unendlichen Minuten ist die Feuerwehr da. Mit einem Rammbock durchbrechen Uniformierte in Signalwesten die Tür zum Innenhof und ziehen einen Schlauch hinein. An den Fenstern im brennenden Haus sitzen um ihr Leben fürchtende Menschen. Sie leuchten mit Taschenlampen ins Dunkel, um auf sich aufmerksam zu machen.

Es dauert ewig, bis das erste Wasser fließt. Es dauert noch länger, bis die ersten Leitern stehen. Hinter einem Mann wüten bereits die Flammen bis zur Decke, als er es endlich schafft hinauszuklettern. Aus der Nachbarwohnung quillt schwarzer Rauch, dort holt die Feuerwehr eine Frau heraus, die einige Minuten später, von einem Sanitäter gestützt und barfuß, in Sicherheit gebracht wird.

Die Rückseite der Reeperbahn hat gebrannt, und ich bin bis obenhin voll mit Adrenalin. Es wird, wie sich herausstellt, Stunden dauern, bis es vom Melatonin verdrängt wird. Wie erst muss es denjenigen ergehen, die heute Nacht eine halbe Ewigkeit nicht wussten, ob die Retter rechtzeitig da sein würden? Wird ein Trauma sie quälen für den Rest ihres Lebens?

Sieben Verletzte gab es, steht heute in der Zeitung. Keine Toten.



03 Dezember 2022

Fundstücke (258)

Die im linken Foto dokumentierte Situation präsentierte sich mir heute in der Glacischaussee. Anscheinend erprobte dort die letzte Generation der Autofahrer erste Protestaktionen gegen Fahrradnutzer. Der Wagen war übrigens nicht etwa am Rangieren, wie man aus der Ferne vielleicht vermuten könnte, sondern in der Tat geparkt.

Nur wenige Dutzend Meter entfernt davon – am Millerntorstadion –  entdeckte ich ein weiteres Fundstück mit Verkehrsbezug: den Entfluchtungsweg

Wenn Sie jetzt das denken, was ich auch gedacht habe, nämlich: Haha, was für ein Bürokratenblähdeutsch zum Fremdschämen, warum sagen die nicht einfach Fluchtweg wie jeder andere auch?, dann verordne ich Ihnen (wie mir), das Wort einmal im Duden nachzuschlagen. Und siehe da: Es steht einfach so dort herum und wird ordnungsgemäß erläutert mit „Fortführung von Menschenmengen aus einer Gefahrenzone bei Großereignissen oder in Notfällen“.

Bitte integrieren Sie (wie ich) dieses Wort in Ihren Wortschatz, danke.