29 August 2017

Auf dem Kiez wird eskaliert


In St. Pauli (Symbolbild) liegen die Nerven blank. Dafür sprechen zwei Vorfälle innerhalb eines Tages. 

Vorfall 1, morgens kurz vor neun: Draußen schreit eine Frau. Sie steht unten vor der Postfiliale in der Fahrertür ihres Mittelklassewagens, mutmaßlich eines VW Golf, und ihr Geschrei gilt einem älteren Radfahrer mit Strohhut in Begleitung eines ebenfalls mit Fahrrad versorgten Kindes, der neben ihrem Auto steht. 

„Warum schlägst du mein Auto?“, schreit sie den Mann an. Der verweigert die Aussage und fährt lieber weiter, ebenso das Kind. Inzwischen hat ein weiterer Wagen angehalten, und dessen Fahrerin klagt die Empörte nun ihr Leid. „Der hat mein Auto geschlagen!“, ruft sie, „voll auf die Scheibe!“

Aus der Balkonperspektive wirkt das Glas indes unversehrt. Natürlich ist es eine Verletzung der sozialen Distanz, ja geradezu der Intimsphäre, gegenüber einem Wagen handgreiflich zu werden, doch in meiner Welt ist so was besser, als die Hand gegenüber der Fahrerin selbst zu erheben. 

Die Ursache von all dem bleibt im Dunkeln. Doch die Empörung dieser Frau über eine Hand auf ihrer Scheibe, die Vehemenz, mit der sie den halben Kiez zusammenschreit, und die Ungerührtheit, mit der der Strohhutträger samt Kind den Schauplatz verlässt: All das hat sich mir eingeprägt, wenngleich nicht so tief, dass ich mich – sagen wir – zu Weihnachten noch daran erinnern könnte. Deshalb schreibe ich es hier auch auf. Ebenso wie Vorfall 2. 

Vorfall 2, nachmittags, kurz nach drei: An der Kreuzung Glacischaussee/Feldstraße warte ich am Fahrradweg auf die Grünphase. Gegenüber tut dasselbe ein junger Mann Marke Punk: spidderige Gestalt, schwarzes Motto-T-Shirt mit einem Spruch, den ich nicht lesen kann, Kopfhörer auf. Zwischen uns rollt ein Wagen zentimeterweise Richtung Kreuzung, der Fahrer scheint ungeduldig ob der allzu langen Rotphase.

Als wir Grün kriegen, fährt der Punk los und wird fuchtig. Er radelt sehr nah an der Kühlerhaube des zu weit vorgerollten Wagens vorbei und keift dabei den Fahrer an: „Bleib ma hinter der Linie stehen, du Hurensohn, ey!“

Dieser Satz in dieser Situation überrascht auf gleich mehreren Ebenen. Zum einen erstaunt die sich unvermittelt Bahn brechende bürgerliche Attitüde dieses Burschen. Irgendetwas sagt mir, dass er sonst in seinem Alltag eher mal Fünfe gerade sein lässt, als vor jeder seiner Handlungen erst mal sorgsam deutsche Gesetzestexte zu memorieren. Aber hier lässt er plötzlich den StVO-Kapo raushängen. Überraschend, wie gesagt.

Und dann auch noch dieses altbackene „Hurensohn“. Ich meine: Wie kann man als jemand, der outfitoptisch einen alternativen Lebensstil nahelegt, Prostituiertenkinder dissen, und das auch noch auf St. Pauli? Das ist Sexworkshaming, du Honk!

Was mich an beiden Vorfällen aber am meisten irritiert, ist die Eskalationsbereitschaft aus dem Nichts. Wenn schon in solchen harmlosen Alltagsmomenten sonisch und semantisch die ganz große Keule ausgepackt wird, was tun diese Menschen dann, wenn sie mal wirklich einen Grund zum Ärgern haben – den anderen mit einer Kettensäge filetieren?

Auf St. Pauli liegen jedenfalls die Nerven blank. Durch so was leider auch meine. Man reiche mir die Kettensäge.



27 August 2017

Mal kein Dreck unter den Fingernägeln

Auf dem Spielbudenplatz ist Winzerfest, ganz St. Pauli umlagert die Stände, trinkt und swingt und fühlt sich super. Wir auch. 

Am Stand des Weinguts Edelhof Minges aus dem pfälzischen Kirrweiler nippen wir an der sehr, sehr trinkbaren Weißburgunderspätlese. Dafür nehmen sie hier pro Schoppen sechs Tacken, was auf der Onlineseite des Weinguts die ganze Flasche kostet, aber so ist das nun mal. Sie haben ja auch immense Kosten zu stemmen zwischen Kirrweiler und Kiezwinzerfest. 

Neben uns lehnt ein junges Paar Anfang 20 am Tresen von Edelhof Minges. Er interpretiert miit seinem Outfit unverkrampft die Hippieära: nackenlange Locken, Fünftagebart, ein weißes, luftiges, über der Shorts getragenes Leinenhemd mit hochgeschlagenen Ärmeln, dazu Turnschuhe. 

Sie wirkt ein wenig wie eine Businessfrau im Freizeitmodus: Bubikopf, lange Kunstwimpern, grauer Wollpulli über wadenlangen Leggins; dazu ebenfalls Turnschuhe. 

Während wir also an der Weißburgunderspätlese nippen, sagt er unvermittelt jenen Satz, ohne den dieser Blogeintrag jetzt hier nicht stünde. 

„Du bist das erste Mädchen beziehungsweise die erste Frau“, kriegt er nämlich mit leicht verlegenem Lächeln gerade noch so die Gendersprechkurve, „für die ich mir je die Fingernägel gesäubert habe.“ (Hervorhebung von mir.)

Ein Geständnis, das zwar einen bestürzenden Blick in seine generellen Vorstellungen von Körperhygiene erlaubt, seine Begleitung aber gleichwohl zu hingerissenem Giggeln animiert. Hier hat jemand offensichtlich den richtigen Ton getroffen. 

Der Ausblick auf gewisse Details des eventuell bevorstehenden Beziehungsalltags ist zwar aus meiner Sicht ein eher trüber, doch so weit scheint der schwer geschmeichelte Bubikopf hier, im Lampionschummer einer weinseligen Kiezsommernacht, nicht zu denken. 

Ich prophezeihe dieser Liaison ewige Dauer, vielleicht sogar mehr als drei Monate. 

Das St.-Pauli-Winzerfest auf dem Spielbudenplatz endet übrigens heute – für den Fall, dass Sie sich auf die Suche nach noch nie gehörten Killerkomplimenten begeben und diese von überteuerten, aber schmackhaften Spätlesen flankiert sehen möchten.


 

26 August 2017

Pareidolie (123)

Wenn ich schon so viel gehört und gesehen hätte wie dieser Konferenztisch – tja, dann würde ich wahrscheinlich auch so gucken.


19 August 2017

„Wir sind hier nicht beim Hallenhalma“

Fein, endlich ist wieder Fußballbundesliga! Neben rasantem Ballsport wird es nach den Spielen allerdings auch wieder die üblichen Interviews geben, bei denen Trainer und Kicker ihre in PR-Seminaren auswendig gelernten Sprüche runterleiern. Bekannt und gefürchtet ist dieser Stil als „Lahmsprech“. 

Die Herausforderung für uns, denen man dieses inhaltsarme Deppengedengel aus der Semantikvorhölle zumutet, besteht nun eine weitere Saison lang darin, aus dem automatisch Dahergesagten das wirklich Gemeinte herauszufiltern. 

Hier folgen daher einige Handreichungen, um wenigstens ein paar der windelweichsten Floskeln dieser Aufsagroboter in kurzen Hosen dechiffrieren zu können.

  1. Der Spieler sagt: „Ein Riesenkompliment an die ganze Mannschaft.“
    Was er damit sagen will: „Trotz der Rumpelfüßler um mich rum hab ich zwei geile Buden gemacht – und es wären mindestens vier geworden, wenn diese heillos überbezahlten Vollhorste mehr könnten als nur rammdösig geradeaus laufen.“
  1. Der Trainer sagt: „Der Knackpunkt war die Rote Karte.“
    Was er damit sagen will: „Wenn der Horsti nicht mal in der Lage ist, seinen Gegenspieler hinterm Rücken des Schiri amtlich ins Spital zu grätschen, dann kammer halt nicht gewinnen. Isso.“
  1. Der Trainer sagt: „Wenn unser Neuner den macht, ist das Spiel gelaufen.“
    Was er damit sagen will: „Wieso unser taubblinder Spodi diese Flasche leer überteuert von einem slowenischen Zweitligisten losgeeist hat, weiß wahrscheinlich nicht mal Didi Beiersdorfer.“
  1. Der Spieler sagt: „Dass ich das Tor gemacht habe, ist völlig zweitrangig. Wir haben alle gemeinsam gewonnen.“
    Was er damit sagen will: „Hoffentlich hat Kloppo die Übertragung gesehen.“
  1. Der Trainer sagt: „Zum Schiedsrichter äußere ich mich nicht.“
    Was er damit sagen will: „Ich weiß, wo seine Karre steht. Und wie gut sie brennt.“
  1. Der Spieler sagt: „Nach dem null zwo war bei uns die Luft raus.“
    Was er damit sagen will: „Ich kriege pro Woche 100.000 Tacken, und mein Vertrag läuft noch drei Jahre. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“
  1. Der Trainer sagt: „Gegen so einen Gegner musst du über den Kampf ins Spiel finden.“
    Was er  damit sagen will: „Meine von einem Speditionsmilliardär zusammengestückelte Gurkentruppe hat die Technik eines Spülkastens – und leider auch Calli Calmunds Laufbereitschaft.“
  1. Der Spieler sagt: „Wir sind hier nicht beim Hallenhalma.“
    Was er  damit sagen will: „Wegen dem bisschen Schultereckgelenkssprengung soll die Pussy sich mal nicht so anstellen. Er lebt doch noch, oder? Also.“

Soweit ein erster (natürlich untauglicher) Versuch, den gleichgeschalteten Verbaldefensivkünstlern die Masken von der Diplomatenfresse zu reißen. Was ziemlich schwer ist, denn gegen tiefstehende Gegner ist es nie leicht. 

Aber wenn wir kompakt stehen und ihre Räume eng machen, dann Gnade ihnen Kahn!



                                                                                

15 August 2017

The walking dead

John Lennon hielt einst die Beatles für größer als Jesus. Allerdings hatte er einen übersehen: den größten Star aller Zeiten. Vor 40 Jahren starb Elvis Presley. Doch er könnte kaum präsenter sein.


Da steht er, im weißen Glitzer der späten Jahre. Der Kragen ist riesig, scheint zu wachsen und bald zu einem großen wehenden Weiß zu werden, das ihn umfließen wird wie Supermans Cape oder wie die Flügel für die Himmelfahrt. Eine Elvis-Fantasie. 

Viele begegnen ihm auch real. Immer wieder Sichtungen – in einem McDonald’s in Oklahoma, einer Bar in Tel Aviv (die er selbst betreibt), auf einem Kneipenklo in Nürnberg, als Tramper am Berliner Ring. 

Jeden Tag sieht ihn irgendwer irgendwo. Er sieht gut aus für einen, der seit einem 40 Jahren tot ist, und meist hat er einen Sinnspruch parat und ein trauriges Lächeln, ehe er verschwindet wie ein Windhauch.

Elvis Presley, ein Lastwagenfahrer aus East Tupelo in Mississippi, ist der einzige globale Geist, den Amerika je hervorgebracht hat. 

Er ist immer noch derart übergroß, dass man glauben könnte, er habe nie existiert, sondern sei eine Kunstfigur, ein früher Avatar. Es ist, als habe sich die Verehrung der Massen, die Analyselust der Kulturwissenschaftler und die Bedeutung, die Elvis gewann für jeden Aspekt des kulturellen Amerika und der Popkultur schlechthin, als habe sich all das zu einer großen festen Masse verdichtet, die ihn einerseits hinaufhob wie ein Gebirge, das sich auftürmt durch die Gewalt der kollidierenden Erdplatten, und ihn andererseits auf dem Gipfel einschloss in einen Kokon, der am Ende immer mehr einer Gummizelle ähnelte.

Presleys Bedeutung liegt nicht nur an seinem Erfolg, essenziell ist auch sein Untergang. Elvis’ Leben und Sterben – es steht für Größe und Tragik, für die seither zum Klischee geronnene Erkenntnis, dass es verdammt einsam ist dort oben, es steht fürs Umschwirrtsein von geldgeilem Geschmeiß, für vollkommenes Verlorensein inmitten grenzenloser Umsorgtheit.

Die ganze Dimension des Pop steckt in diesem Leben und Sterben, und es war von geradezu lächerlicher Logik, als Michael Jackson, entrückter Herrscher von Neverland, Lisa Marie Presley heiratete, die Tochter des Kings von Graceland. Ein Fest für Freudianer.

Elvis Aaron Presley, dieser Fernfahrer aus East Tupelo, war bei den Sun Studios vorbeigefahren, um schnell eine private Single für seine Mutter zu besingen. Und danach musste er den Himmel durchschreiten und die Hölle hintendrein, und wer kann schon sagen, ob das eine schwerer war als das andere.

Jedenfalls musste er da durch, ganz allein und als Erster überhaupt – für uns alle, für das ganze 20. Jahrhundert. Seine Mission ging tödlich aus und verschaffte ihm und uns doch etwas schrecklich Kostbares: die säkulare Version des ewigen Lebens.

Gestern hat ihn wieder jemand gesehen, in einem Schuhladen in Hull. Es war mittags, Elvis fragte nach blauen Wildlederschuhen. Dann lächelte er ein trauriges Lächeln und verschwand wie ein Windhauch.



07 August 2017

Männer sind seltsam

Vor einigen Wochen sah ich in der Umkleidekabine meines Fitnessclubs einen Mann, der sich vorm Spiegel minutenlang dabei beobachtete, wie er sich versonnen das Schamhaar fönte. 

Heute stand dort einer (womöglich derselbe) in Unterhose, der mit Hilfe desselben Spiegels ein Ganzkörperselfie herstellte. 

Sind Männer seltsam? Ja, das sind sie. Dafür gibt es auch außerhalb meines Fitnessstudios Beispiele sonder Zahl; ja, dafür muss ich nicht mal den Blick über das Bestiarium der Seltsamkeiten, St. Pauli, schweifen lassen.

Vergangene Woche während meiner Mittagspause, die ich stets auf einer Bank an der Außenalster mit dem Verzehr von Käsebroten und Tomaten verbringe – was einige von Ihnen sicherlich ebenfalls recht seltsam finden dürften –, beobachtete ich einen Alsterdampfer auf Rundfahrt. 

Die Karten für dieses Vergnügen sind nicht ganz billig; gleichwohl stand an der Reling ein Mann mit gesenktem Kopf, der die ganze Zeit, während er sich samt Dampfer in meinem Sichtfeld befand, auf sein Smartphone starrte und nicht ein einziges Mal auf den Liebreiz der Alsterumgebung. 

Das hätte er, mit Verlaub, auch zu Hause auf dem Klo haben können. Sogar kostenlos.

Auf einer der besagten Alsterbänke, die mir allmittäglich einen Sitzplatz zur Verfügung stellen, ist übrigens bereits seit dem vergangenen Jahr ein Meinungsstreit konserviert. Das Liebesherz von Max und Johann wurde um die Forderung „LEGALIZE GAY!“ ergänzt (wobei das Gaysein gar nicht verboten ist, aber darum geht es jetzt nicht), was jemand, der zufällig einen schwarzen Filzstift dabeihatte, zu der Reaktion „Scheiß Homos!“ bewog.

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei um einen Mann. Einen sehr seltsamen.

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