30 Mai 2017

Nur die richtige fehlt


Wahrscheinlich lief das Ganze so in diesem Restaurant in Zgorgelez am Ufer der Neiße: 

Der halbwegs deutschkundige Cousin des Geschäftsführers fragte beim Übersetzen der zweisprachigen Speisekarte rum, wie diese Eierspeise aus Ei, Milch und Mehl eigentlich auf Deutsch hieße und geschrieben würde, und keiner wusste so richtig Bescheid, weshalb er einfach diverse Schreibweisen öffentlich durchdeklinierte. 

Nur die richtige war leider nicht dabei.


29 Mai 2017

Einmal Görlitz – und gerne wieder


Bereits direkt nach dem Untergang der DDR, die stadtplanerisch 40 Jahre lang der Maßgabe „Ruinen schaffen ohne Waffen“ gefolgt war, hielt mancher Görlitz für die schönste Stadt Deutschlands, trotz der überall bröckelnden Fassaden. 

Eine Einschätzung, die heutzutage noch weit mehr Berechtigung hat. Immerhin stehen hier 950 Jahre europäischer Baugeschichte restauriert herum. Insgesamt 4000 denkmalgeschützte Gebäude bilden ein Ensemble, welches nicht nur internationalen Filmproduktionen eine perfekte historische Kulisse liefert (die Einwohner nennen ihre Stadt nach hier gedrehten Kinoknallern wie „Inglorious Basterds“ schon „Görliwood“), sondern auch Besucher schnell bezirzt. 

Unsere typisch westdeutsche Befürchtung, dieser Zauber könnte durch vielfältige Anzeichen rechtsextremen Wirkens schnell verfliegen, bewahrheitete sich nicht. Wenn in Görlitz wirklich einmal ein Graffito auffällig wird, dann erfreulicherweise ein antifaschistisches. Und das ist ordentlich auf Stromkästen gesprüht statt auf mühsam hergerichte Renaissancefassaden.

Erstaunlich auch, wie wenig hier hörbar herumgesächselt wird. Wir hatten uns vor der Reise noch gegenseitig ermahnt, bei „Gänsefleisch mohl …“-Sätzen keinesfalls loszuprusten, doch es ergab sich keinerlei Gelegenheit, die eigenen Selbstbezähmungskräfte unter Beweis zu stellen. Vielleicht liegt es daran, dass man hier schlesische Wurzeln hat und nach böhmischen und preußischen Intermezzi erst in jüngerer Zeit dem Land Sachsen anheimfiel.

Mithilfe der den Grenzfluss Neiße überspannenden Altstadtbrücke flaniert man in Nullkommanix rüber nach Polen, wo die Stadt unversehens Zgorgelez (sprich: Sgorscheletz) heißt und am Ufer (Foto) mit gastronomischen Verlockungen aller Art zu punkten weiß. Die Preise für Schnitzel, Pizza, Pirogi und Bier sind nur halb so hoch wie auf der deutschen Seite – was allerdings auch schon den größten Zgorgelezer Reiz ausmacht. 

Der Rest der Stadt ist nämlich recht trist geraten. Statt 950 Jahre Architekturgeschichte repräsentiert der polnische Teil der Stadt allenfalls die letzten 50 davon. So zumindest unser oberflächlicher Eindruck.

Zurück im herzallerliebsten Görlitz machte uns der von zahllosen Maklerbüros repräsentierte Immobilienmarkt immer wieder fassungslos. Denn so aufwendig die prachtvollen Villen der Innen- und Altstadt auch renov- und restauriert sind: Ihre Kauf- und Mietpreise spotten aus Hamburger Sicht jeder Beschreibung.

Da kriegst du 130 modernisierte Altbauquadratmeter mit Parkett und allem drum und dran für 600 Euro warm, und wenn man sich erbarmte und als Zuziehender mindestens 18 Monate in der östlichsten deutschen Stadt wohnen bliebe, schenkte sie einem vor lauter Rührung drei Kaltmieten, einen Monat Strom und allerlei mehr. 

Wer gar erwöge, sich durch den Kauf einer Altbauwohnung noch fester an Görlitz zu binden, wäre mit durchschnittlich rund 500 Euro pro Quadratmeter dabei. Das treibt Besuchern aus St. Pauli, wo man unter 3000 Tacken/qm nicht mal mehr eine Souterrainbutze erwerben kann, natürlich Tränen in die Augen.

Und selbst die Tatsache, dass sie hier in Görlitz samstags bereits um vier die Bürgersteige hochklappen und die drei Straßenbahnlinien (Görlitz hat eine STRASSENBAHN!!!) sich im gemütlichen 20-Minuten-Takt zwischen den gotischen, barocken, Renaissance- und Gründerzeitsteinen hindurchschlängeln, verbuchen wir keinesfalls als Standortnachteil, sondern als Entschleunigungsangebot. 

Napoleon war übrigens insgesamt sechs mal in Görlitz. Das müsste zu toppen sein.


 

17 Mai 2017

Meine Hilfe ist unerwünscht

Immer wenn ich eine Nachricht von Kalle Schwensen im Posteingang habe, durchzuckt es mich bang. Denn es droht die Gefahr einer Begegnung mit ihm, und die hat gewöhnlich Folgen für meine körperliche Integrität, gerade dann, wenn Kalle Schwensen einem grundsätzlich freundlich gesonnen ist. 

Diesmal lud er mich ein, und zwar zu seinem „Hardcore-Fight-Event“ am 10. Juni. Wobei Kalle Schwensen unter „Einladung“, wie sich rasch herausstellte, etwas anderes versteht als der gemeine Durchschnittsbürger. Der gemeine Durchschnittsbürger nämlich hebt bei diesem Begriff erfreut die Braue, erwartet Freigetränke, ein von kurzberockten Promomodels dargereichtes Flying Buffet und generell einen Abend, an dem man auf die Mitführung von Bargeld getrost verzichten kann.

Nicht so bei Kalle Schwensen. Seine „Einladung“ bestand darin, dass ich für 600 Tacken seinem Freistilboxereignis hätte beiwohnen dürfen. Ich lehnte mit dem Argument ab, dazu sei ich zu zart besaitet. Außerdem habe ich gerade genug von Leuten, die K.O. gegangen sind. So wie neulich auf dem Tschaikowsky-Platz.

Ich war gerade dort eingebogen, als ich zwei Räder herumliegen sah, daneben zwei Menschen. Der eine war weiblich und saß verstört auf dem Boden, der andere, ein behelmter, etwas teigig wirkender Mann, lag einige Meter entfernt augenscheinlich bewusstlos auf Bauch und Gesicht und gab jämmerliche Stöhnlaute von sich.

Mehrere Personen stürzten herbei, ich zückte mein Telefon, wählte die 112 und meldete einen Fahrradunfall mit Verletzten. Man käme sofort, hieß es. Inzwischen war die Frau hinübergerobbt zu ihrem Kontrahenten, der wieder erwacht war und sich in eine sitzende Position gehievt hatte. Seine Beine lagen flach auf dem Pflaster des Tschaikowsky-Platzes, die Füße kippten nach außen.

„Der Notarzt ist gleich da“, sagte ich zu den Opfern, um ihnen in all ihrem Leid eine hoffnungsvolle Perspektive zu bieten. Die Frau schaute hoch. Am Kinn hatte sie eine Schürfwunde so groß wie ein Ein-Euro-Stück. „Nicht nötig“, sagte sie, „ich bin Ärztin.“

Das konsternierte mich. Wie konnte sie, auch wenn sie Ärztin war, wissen, was dem Mann fehlte – hätte er nicht über ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Lungenriss, gebrochene Rippen oder derlei verfügen können? Und wer weiß, was sie selbst außer der Wunde am Kinn noch alles abgekriegt hatte. So was merkt man unterm Einfluss der unfallbedingten Adrenalinflut ja oft erst später.

„Aber der Notarzt sollte sich das schon einmal anschauen“, beharrte ich auf das übliche Procedere. Der Mann schüttelte kraftlos den Kopf, während er ins Leere starrte. „Nein, schon gut“, hauchte er. „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, sagte die Ärztin mit nunmehr verärgertem Unterton und – zu dem Mann gewandt –: „Das ist bestimmt nur der Schreck, nicht wahr?“

Er nickte. „Vor allem für meine neue Hüfte.“

Anscheinend verstand diese Jüngerin Aeskulaps unter ärztlicher Sorgfaltspflicht etwas entschieden anderes als der gemeine Durchschnittsbürger, den ich dort, auf dem Tschaikowsky-Platz, bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zu repräsentieren die Ehre hatte.

Aber was sollte ich machen? Mir blieb nur die Hoffnung, dass der Notarzt einträfe, ehe die Ärztin ihren hüftoperierten Schicksalsgenossen vom Ort des Geschehens weggeschafft hatte. Denn wahrscheinlich – so die Vermutung von Ms. Columbo, als ich ihr die Geschichte erzählte – trug sie die alleinige Schuld am Unfallgeschehen und wollte sich keiner Investigation stellen.

Aber wahrscheinlich werden wir das niemals erfahren, denn ich überließ die beiden ihrem Schicksal. Auch mein Fass hat Grenzen.

Foto: kalle-schwensen.de


13 Mai 2017

Die gemütlichsten Ecken von Hamburg (115)



Außenalsterimpressionen, gesehen durch die Prisma-Brille.

Nachschub gibt es (fast) täglich auf meinem Twitter-Account unter dem Hashtag #mittagspause, denn genau dann entstehen diese Bilder.


12 Mai 2017

Der Mondpreiseffekt des ESC

Der deutsche Schauplatz des Eurovision Song Contest ist ja, wie Sie auch als Nichthamburger sicherlich wissen, der Spielbudenplatz hier auf St. Pauli, direkt an der Reeperbahn. Uns trennt genau eine Häuserzeile vom Ort des Geschehens, und bei geöffneter Balkontür bekämen wir – wie schon mehrfach mitgeteilt – auch ohne Fernsehton alles mit. 

Diese Veranstaltung erreicht zwar zugegebenermaßen nicht ganz die Vergrätzungskraft der Harley Days oder gar des Schlagermove, doch sie löst hier im Viertel reflexhaft einen ähnlichen Impuls aus – nämlich den fraglichen Abend (also diesen Samstag) lieber ganz woanders zu verbringen, zum Beispiel auf einer Almhütte oder der internationalen Raumstation.

Angesichts solcher instinktiv richtigen Fluchtreflexe umso unfasslicher ist allerdings die Tatsache, dass es anscheinend Menschen gibt, die den Kiez nicht nur nicht weiträumig meiden, sondern an diesem Wochenende wegen des ESC sogar gezielt anreisen. Die extra hierher kommen, nach St. Pauli, nur wegen des Eurovison Song Contest. 

Und das scheinen sogar erfahrungsgemäß nicht wenige zu sein – wie sonst wäre die auf dem Foto dokumentierte Mondbepreisung des Ibis-Hotels bei uns um die Ecke zu erklären? Dort rechnet die Geschäftsführung mit einem deutlich erhöhtem Gästeaufkommen – und lässt deshalb den Doppelzimmerpreis an diesem Wochenende auf sagenhafte 209 Euro explodieren. 

Zweihundertneun Euro! Dabei hat diese Absteige Etagenbetten! Sie ist mehr Jugendherberge als Vier Jahreszeiten! Und wenn schon nicht die Veranstaltung als solche, so sollte doch derlei leicht durchschaubare Melk- und Ausquetschabsicht auch den gutmütigsten Eurodancetolerierer sofort von einer Anreise Abstand nehmen lassen.

Andererseits … Möchten Sie stattdessen vielleicht lieber bei uns übernachten? Ab 666 Euro würden wir mit uns reden lassen. 

(Wobei ich Ms. Columbo über diese Offerte noch gar nicht informiert habe; da bleibt also ein Restrisiko.)



10 Mai 2017

06 Mai 2017

Die Unerträglichkeit meines Raschelns

Nach Fitnesskurs und Saunagang legte ich mich auf eine Liege und las die FAZ. Gerade war ich beim Feuilletonteil angelangt und wollte mich einem Text über Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“ widmen, als sich jemand vor mich stellte und auf mich einzureden begann.

Zunächst zweifelte ich kurz daran, überhaupt gemeint zu sein, was mich den Anfang seiner Suada verpassen ließ. Weder kannte ich diesen Menschen, noch vermochte ich ihm – da gedanklich gerade der Welt Heimito von Doderers verhaftet – zu folgen. 

Doch er schaute mich beim Reden stier an, und sein Blick war alles andere als freundlich. Im Gegenteil: Mühsam gebändigter Ärger schimmerte ihm aus buschig überwölbten Augen, und sein fratzenartiges Eislächeln war blutrünstig.

Der Mann war, wie ich jetzt wahrnahm, ein über und über tätowierter Muskeldeutscher, rothaarig, mit Vollbart und Brilli im Ohr. Sozusagen die Hipstervariante von Arnold Schwarzenegger. Und nach und nach kristallisierte sich für mich auch so etwas wie Semantik aus seinem feurigen Bramabarsieren.

Es ging ihm nämlich um die Art, wie ich Zeitung las. Ich hatte, wie er mir in hastigen Wortkaskaden vorhielt, beim Umblättern geraschelt, und zwar unentwegt. 

Das konnte zwar so nicht ganz stimmen, denn immerhin hatte ich mich manchem FAZ-Text – zum Beispiel jenem Kommentar, der sich kritisch mit Erdogans Todesstrafenreferendumswunsch auseinandersetzte – durchaus längere Zeit gewidmet, in dieser Phase also durchaus wenig geraschelt. Aber sonst schon; schließlich war ich bereits im Feuilleton angelangt. Allerdings erschloss sich mir nicht sofort, warum mein raschelndes Blättern ein Problem sein sollte.

Er erklärte es mir in hochgradiger Aufregung. Mein Rascheln sei „unerträglich“, hielt der Muskelhipster mir vor, schließlich sei das hier ein „Ruheraum“, und wie ich es denn wohl meinerseits fände, wenn er plötzlich anfinge, Karaoke zu singen.

Die Situation schien mir recht absurd, die Diskrepanz zwischen seiner optischen Erscheinung und der Feinfühligkeit hinsichtlich des Umgebungsschalls fast komisch. Das wollte ich dem vor Ärger fast platzenden Bi- und Trizepswunder aber aus deeskalierenden Erwägungen so nicht unbedingt erläutern. Stattdessen machte ich ihn auf den Lautstärkeunterschied zwischen Rascheln und Karaokesingen aufmerksam, der doch recht beträchtlich sei.

Eine beschwichtigende Wirkung hatte dieser Einwand kaum, zumal er nicht mal richtig hinhörte. Er wolle mir „das nur mal sagen“, erregte er sich; gemeint sei das „nur mal so als Hinweis“ auf meine Rücksichts- und Gedankenlosigkeit. 

Dann warf er sich adrenalingetränkt auf seine Liege und ich hatte plötzlich keine Lust mehr auf Heimito von Doderer. Dafür umso mehr auf Sibylle Berg, die mich, was mir dank der heutigen Begegnung wieder einfiel, in ihrem Newsletter mal zärtlich „Raschelhufer“ genannt hatte. 

So nahm alles wieder mal ein versöhnliches Ende.