16 September 2022

Bloggeburtstag Nr. 17


Statt den nunmehr siebzehnten Bloggeburtstag langweiligerweise erneut zum Anlass zu nehmen, mich wegen der weiter schwindenden Blogfrequenz selbst zu tadeln, nutze ich ihn lieber als Anlass zu einer kleinen Bildergalerie – aufgemacht natürlich mit dem jährlich üblichen Chart.

Neulich waren wir in Ohlsdorf und haben Uwe Seeler besucht. Niemand störte uns. Rund ums Grab war zudem erstaunlich wenig drapiert angesichts der Tatsache, dass Seeler neben Helmut Schmidt und Johannes Brahms der wahrscheinlich berühmteste Hamburger aller (bisherigen) Zeiten war. Passt aber zu der traurigen Gedenkveranstaltung im Volksparkstadion, bei der sich nur fünftausend Gestalten im allzu weiten Rund verloren. 


Einer der letzten Sommertage nahe der Strandperle an der Elbe.


Spielbudenplatz mit Werbung für ein bierähnliches Getränk. Aber Rot, das können sie!


In Weimar stießen wir nicht nur auf die wahrscheinlich burkaeskeste Immobilie westlich von Mekka …


… sondern auch auf eine Statue des Dichters Christoph Martin Wieland, der man eine leere Flasche in die Hand gedrückt hatte – was das Fotomotiv deutlich aufwertete.


Im Ostseebad Großenbrode schließlich lag nicht nur der Hund begraben, sondern auch die Ziege im Tiefschlaf.



29 August 2022

Kassandro hat es wieder getan


Es war am 28. Juni letzten Jahres, als sich uns der gegenüberliegende Flachbau nach dem Entfernen eines Gerüstes in jungfräulichem Eierschalenweißgrau darbot. Damals malte ich die Zukunft dieser Hausfassade in den düstersten Farben. Unter dem Blogposttitel „Die Frage ist nicht ob, sondern wann“ schrieb ich Folgendes:

„Die Fassade gegenüber ist frisch gestrichen worden, gestern haben sie das Gerüst abgebaut. Heißt: Graffitischmiererei in drei, zwei, eins … Mehr in aller Bälde.“

Nun, ich gebe zu, ich lag schief. Aber so was von. Denn die Entwicklung im weiteren Verlauf des Sommers, im Herbst, Winter, ja sogar im kompletten Frühjahr bis hin zum aktuell grassierenden Sommer widerlegte mich Tag für Tag. Nichts geschah. Die Fassade blieb unangetastet, als wäre sie mit einem farbabweisenden Nanolack eingesprüht. Oder als hätte sich die komplette Sprayerszene gegen mich verschworen. Als wollte sie mir sagen: Pah, du mit deiner Pseudokiezkenntnis – nimm das! Nämlich nichts.

Diese für mich zwar ziemlich düpierende, objektiv betrachtet aber ästhetisch durchaus erfreuliche Nichtentwicklung breitete sich über sagenhafte dreizehn Monate und eine Woche aus, derweil ich mich immer mehr gezwungen sah, meine Erkenntnisse über das Viertel, in dem wir wohnen, einer grundsätzlichen Revision unterziehen zu müssen. 

Dann aber, nach genau vierhundertunddrei graffitifreien Tagen, erbarmte sich endlich jemand und taggte die Wand mit einem großzügigen Motiv, welches mich entfernt an das Piktogramm eines Pottwals erinnert. Und natürlich gesellte sich nur wenige Tage später ein weiteres Motiv hinzu.

Von nun an – wie Sie sehen, habe ich nichts gelernt aus meinem Vorhersageversagen und betätige mich erneut kassandrisch – wird es keinerlei Halten mehr geben. 

Heißt: weitere Graffitischmierereien in drei, zwei, eins … 

Mehr in aller Bälde.





27 Juli 2022

Der Müllesser

Gestern hielt ein Radfahrer bei den hier abgebildeten Papiertonnen in unserer Straße. Er sah ganz normal™ aus. Etwa Mitte 30, gepflegt, gut rasiert, blaues T-Shirt, helle Chinohose. Auch sein 28er-Herrenrad erweckte nicht den Eindruck, als sei es unter Vernachlässigung depressiv geworden.

Der Mann hielt also an, ohne abzusteigen, klappte die blaue Abdeckung hoch und begann die Abfälle zu sichten. Eine Papierschicht nach der anderen räumte er beiseite, hob hier eine Tüte an und dort einen Pappkarton. Plötzlich stutzte er – und zog eine aufklappbare Styroporbox hervor, eine, wie man sie von Restaurants bekommt, wenn man etwas zum Mitnehmen bestellt hat. Er öffnete sie. Sie war gefüllt mit Essensresten.

Von unserem Balkon aus war nicht zu erkennen, um was genau es sich handelte. Vielleicht Pommes frites oder etwas Ähnliches. Jedenfalls gelblich braun. Dann griff er hinein – und begann zu essen. Allerdings nur einige Bissen. Anscheinend hatte er mehr erwartet, Hochwertigeres, Schmackhafteres. Schließlich kam es aus einer Mülltonne auf St. Pauli, da darf man schon gewisse Ansprüche haben, nicht wahr.

Jedenfalls legte er die Styroporbox zurück in die Altpapiertonne und setzte seine Investigation deren Inhalts fort. Irgendwann stieß er auf eine Getränkedose. Ohne sie probeweise zu schütteln oder eine anderweitige Prüfung ihres Inhaltes vorzunehmen, setzte er sie umstandslos an die Lippen, legte, ohne zu schnacken, den Kopp in’ Nacken und trank. Dann legte er die Büchse zurück und fuhr davon, in ein fremdes und seltsames Leben.

Die ganze Zeit hatte ich hinuntergestarrt wie paralysiert. Denn mal im Ernst: Welcher Vollhorst entsorgt Lebensmittel in eine Altpapiertonne? Das verstößt gegen sämtliche Prinzipien der deutschen Mülltrennung!

Alle weiteren Fragen, die mir seit diesem Vorfall unablässig durch den Kopf schwirren, möchte ich an dieser Stelle nicht ausbreiten, denn eines weiß ich sicher: 

Sie stellen sie sich ebenfalls.



29 Juni 2022

Alles rollt (oder brennt)



Heute ein paar verstörende Geschichten mit Fortbewegungsmitteln im Fokus. Los geht es mit einer für langjährige Blogleser und -leserinnen längst sterbenslangweiligen Meldung: Mir wurde erneut ein Fahrrad gestohlen. Es war Nummer neun; oben ein Fahndungsfoto. Wenn Sie es irgendwo herumstehen sehen bla, bla, bla. Wer immer es war, er knackte dabei ein Abus-Faltschloss der höchsten Sicherheitsstufe, ohne irgendwelche Spuren oder Trümmer zu hinterlassen. Respekt.

Zum Glück war mein Rad versichert, zum Glück hat die Hausratversicherung nicht gezickt, sondern sofort bezahlt. Ich könnte nun also in den üblichen Modus verfallen und mir das nächste – zehnte – Rad kaufen und hoffen, es würde mir dereinst NICHT geklaut. Oder nicht so bald. Allerdings ist – laut Einstein – die Definition von Wahnsinn die, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Das fiel mir gerade noch rechtzeitig ein. Will sagen: Ich habe jetzt ein Abonnementrad von Swapfiets.

Dass ich erst neun Fahrräder später auf diese Idee gekommen bin, erfüllt im Grunde Einsteins Wahnsinnsdefinition vollauf, doch zur Ehrenrettung meiner geistigen Gesundheit kann ich sagen: Bis mir das achte Rad geklaut wurde, gab es so ein Angebot noch nicht. (Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem Anbieter Stadtrad – die Stationen sind zu weit weg, die meisten Räder dort kaputt, und mir bricht immer wieder der Angstschweiß aus, weil sich das vermaledeite Rad aus irgendwelchen Gründen nicht zurückgeben lässt und die Uhr tickt, tickt und tickt … Ein Gefühl ähnlich der Taxometerpanik, die mich regelmäßig bei Taxifahrten befällt.).

Als Backup zum Swapfiets-Dauerleihrad geruhte ich mir zudem einen Tretroller anzuschaffen (Lidl, 39,95 Euro). Er ist gut für den kurzen Weg zum Bäcker – und dafür, unvermittelt den Asphalt zu küssen (Protipp: Vermeiden Sie den Vortrieb, wenn Sie sich gerade in die Kurve legen). Die Ganzarmprellung links war aber bereits nach wenigen Tagen wieder weg.

Nicht nur ich befülle die Seilerstraße indes mit Fortbewegungsmitteln aller Art, das tat neulich auch der Besitzer des abgebildeten goldenen Benz. Wahrscheinlich ist sein Herrchen ein emeritierter Lude der ganz alten Schule, der die prolligen Lamborghinis seiner halbstarken Nachfolger einfach nur degoutant findet. Ähnlich muss auch jemand gegenüber dem nur wenige Dutzend Meter weiter abgestellten weißen Transporter empfunden haben, jedenfalls ging der unlängst unrettbar in Flammen auf. Wenn Sie also irgendwas gesehen haben bla, bla, bla.

Im Brauquartier stand neulich übrigens ein Fortbewegungsmittel namens Foodtruck, dessen Betreiber Pizzasuppe verkaufte. Auch das war sehr verstörend.





20 Mai 2022

Die gemütlichsten Ecken Deutschlands (176)


Ein Strand voller Körbe statt Menschen – was kann es Schön’res geben? 
Entdeckt heute Nachmittag in Travemünde.


16 Mai 2022

Pareidolien (141–142)


Beim letzten Eintrag in dieser traditionsreichen Rubrik – der erste stammt von 2011 und zeigt das Antlitz eines Reiskochers – musste ich verschämt und zähneknirschend eingestehen, bereits seit vollen drei Jahren nicht mehr pareidolisch tätig gewesen zu sein. Das war im Mai vergangenen Jahres. Insofern hat sich die Frequenz heute ruckartig verdreifacht, und dafür erwarte ich euphorischen Beifall.

Das erste der beiden heutigen Bilder zeigt einen Deckenausschnitt aus der Wohnung einer aufmerksamen Zuträgerin, die mir freundlicherweise dessen Veröffentlichung gestattet hat. Wer also weiterhin glaubt, holzgetäfelte Decken gingen innenausstatterisch gar nicht oder allenfalls auf der Hochalm, der muss auch damit leben, dass ebenda keinerlei Pareidoliemöglichkeiten mehr umgesetzt werden könnten. Und das kann nun wirklich niemand wollen. Wie es sich allerdings anfühlt, im trauten Heim permanent von der eigenen Decke entsetzt angestarrt zu werden, das habe ich die Zuträgerin zu fragen vergessen. Aber wozu gibt es die Kommentarspalte.

Die ebenfalls ins Rennen geschickte Mehrfachsteckdose aus meinem eigenen Bestand frönt hier seit Jahren einer unauffälligen Existenz, bis mir dieser Tage zufällig das eine, mit archaisch-analogen Antennenanschlüssen versehene Ende ihrer Längsseite in den Blick geriet. Und sofort ist diese recht panisch dreinschauende Mehrfachsteckdose nun unsterblich geworden. Sie hätte natürlich gerne auch früher schon mal auf sich aufmerksam machen können, aber niemand hat mehr Verständnis für Öffentlichkeitsscheu als ich.

Wer bereits diesen beiden Entdeckungen der komplexesten Gesichtserkennungssoftware der Welt – dem menschlichen Gehirn – etwas abgewinnen kann, dem werden die Augen übergehen, wenn er erst einmal bei der geschätzten Pareidolie-Tante in Wien vorbeischaut. Und das sollten Sie jetzt sofort tun.




27 April 2022

Mein erstes und letztes Interview mit Klaus Schulze

Von der Blogserie mit oben genanntem Titel hoffe ich ja immer, es möge niemals weitere Anlässe geben, sie fortzuführen. Aber heute ist es traurigerweise wieder einmal so weit. Denn Klaus Schulze, der Synthiepionier und unbestrittene CEO der Berliner Elektronikschule, ist gestern 74-jährig gestorben. Ein Anlass, der mich an mein Interview mit ihm im Jahr 2000 zurückdenken lässt. 

Ich hatte all meine Schulze-Alben dabei, über ein Dutzend, und schlug ihm ein kleines Quiz vor: Er solle mir bitte zu jeder Platte das Veröffentlichungsjahr nennen. Angesichts seines Outputs im Laufe von damals schon mehr als einem Vierteljahrhundert – sein Werk belief sich auf eine dreistellige Zahl von Alben – schien mir das eine nicht zu bewältigende Gedächtnisleistung. Doch weit gefehlt: Schulze machte keinen einzigen Fehler. Danach signierte er mir bereitwillig alle mitgebrachten Alben. Um so etwas habe ich im Laufe von 25 Musikjournalistenjahren nur zwei Künstler je gebeten: ihn und Townes Van Zandt

Hier nun mein erstes und letztes Interview mit Klaus Schulze, erschienen im November 2000. Aufs Duzen hatte übrigens er bestanden – nachdem ich ihn selbstverständlich respektvoll mit „Herr Schulze“ angesprochen hatte.

Man sollte meinen, der von der Technogeneration hochverehrte Elektronikguru Klaus Schulze, 52, residierte in wolkigen Höhen, wo er monumentale Werke wie die aktuelle Zehn-CD-Box „KS Contemporary Music“ (Rainhorse) zusammenstöpselt. Weit gefehlt: Der Berliner ist eine urige Type, der röhrende Motoren manchmal lieber mag als zirpende Synthies.
 
mw: Klaus, wie man hört, bist du Formel-1-Fan.
Schulze: Aber hallo! Jeder, der mich kennt, weiß, dass er mich alle 14 Tage von Donnerstagabend bis Sonntagabend nicht anrufen kann. 
mw: Häkkinen und Schumacher haben geweint. Dabei wurde die Formel 1 doch hochstilisiert zur Spielwiese der Alphamännchen …
Schulze: Ja, aber in Wahrheit steckt Romantik in jedem Rennen – wie einst bei den Rittern, wo es darum ging, wer als Erster mit der Lanze trifft. Und zu dem ganzen Romantikkram gehört auch dazu, dass man mal heulen kann.
mw: Verwunderlich, welchen Ausstoß an Alben du trotz deiner Rennleidenschaft produzierst …
Schulze: Ist doch nur alle 14 Tage, so ein Rennen. Und ich verbringe jeden Tag zehn Stunden im Studio; da kommen ein paar Platten bei heraus.
mw: Wie viele sind es denn inzwischen?
Schulze: Na, über 100 auf jeden Fall. Aber in 30 Jahren. Rechne det ma runter: Sind nur drei im Jahr. 
mw: Du hast dir immer viel Zeit gelassen, um Stimmungen, Atmosphären und Spannungen aufzubauen, während das Tempo unserer Kultur immer mehr zunahm.
Schulze: Ja, das ist das Problem mit der Kommerzialität, das die Firmen immer mit mir haben.
mw: Hast du diesen Widerspruch gespürt?
Schulze: Ich habe so angefangen und bin dabei geblieben. Ich kann’s nicht anders. Du könntest auch Fellini nicht zum Werbespot überreden.
mw: Flächen und Beats sind die wichtigsten Elemente deiner Musik. Um 1980 hat die Bedeutung der Beats allerdings zugenommen. Hing das mit der just erfundenen digitalen Technik zusammen?
Schulze: Beim Rhythmus nicht, aber bei der Aufnahmetechnik. Mein Album „Dig it“ war auch, glaube ich, das erste digitale überhaupt.
mw: Nein: Das war Ry Cooders „Bop til you drop“ …
Schulze: Ach, nee? Siehste, dann hat Stereoplay sich geirrt. Meine war von 1980 …
mw: … und Cooders von 1979.
Schulze: Ach ja.
mw: Im Lauf der Zeit hat Elektronik den Pop infiziert, Synthesizer übernahmen von der Gitarre die Führungsrolle – Musterbeispiel: das neue Madonna-Album „Music“. Fühlst du dich als Pionier dieser Entwicklung?
Schulze: Pionier würde ich mich nicht nennen, denn ich habe die 220 Volt nicht erfunden. Trotzdem ist es eine tolle Befriedigung für mich. 
mw: Auf dem „Mirage“-Cover beschreibst du den Synthesizer als „universale Musikmaschine, deren Möglichkeiten weit über das menschliche Hirn hinausgehen“. Da scheint eine fast religiöse Verehrung mitzuschwingen … 
Schulze: Religiös nicht, Verehrung schon. Denn ohne diese Geräte gäbe es mich nicht. Ganz einfache Sache. 
mw: … zumindest nicht als Musiker und Künstler.
Schulze: Du, ohne wäre ich wirklich eingegangen. 
mw: Der amerikanische Wissenschaftler Ray Kurzweil prophezeit ja über kurz oder lang den Cyborg, also die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Ist das für dich ein Traum oder Alptraum?
Schulze: Alptraum. Ich möchte schon ein organischer, mit allen Fehlern und Vorteilen behafteter Mensch sein. Nur möchte ich auch die Möglichkeiten des Cyborgs nutzen können. Meine Traumvorstellung war ja immer: vom Midistecker direkt in den Kopp. 
mw: Warum hast eigentlich ausgerechnet du eine solche Credibiliy bei der Technogeneration – und deine alten Kumpels von Tangerine Dream nicht?
Schulze: Die waren seit Ende der 80er nur amerikaorientiert, machten kurze Stücke mit Pausen dazwischen, damit die Leute ihr Popcorn kaufen konnten. Wir haben uns den Markt aufgeteilt: Ihr macht Amerika, ich mache Europa … Kennst du eigentlich den Unterschied zwischen Amerika und Joghurt?
mw: Na? 
Schulze: Joghurt hat Kultur.

 

Weitere Nachrufe, darunter Interviews mit:



04 April 2022

Fundstücke (257)

Zu den Dienstleistungen des Analservice Sperling gehören erwartungsgemäß Rohrreinigung und -sanierung sowie die besonders erwünschte Dichtheitsprüfung, und das alles natürlich rund um die Uhr. Schließlich weiß man nie, wann es einen trifft.

Aber was bedeutet bloß das große K auf seinem Werbeschild?

Entdeckt im hessischen Dillenburg.

03 März 2022

Die gemütlichsten Ecken St. Paulis (174)



 
Graffiti mitten auf Fensterscheiben geklatscht – was ist nur los mit den Menschen?

Entdeckt am Panoramaweg, St. Pauli.

17 Februar 2022

Mein unsterblicher Taschenrechner

Es muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein, als ich den hier abgebildeten Sharp-Taschenrechner kaufte. Es handelt sich um das Modell EL-230. Im Lauf der Zeit tat der EL-230 mir hervorragende Dienste, half mir durchs Abi und im Alltag. 

Nach einigen Jahren – möglicherweise Anfang der Neunziger – begann ich mich zu wundern, dass dem arbeitsamen Gesellen nie der Strom ausging. Nein, der Taschenrechner kalkulierte, dividierte, zog Wurzeln, ohne je zu klagen oder aus Strommangel das Display abzuschalten.

Nichtsdestoalledem wanderte der EL-230 irgendwann in irgendeine Schublade in irgendeinem Büromöbel. Denn inzwischen war der Personalcomputer der neuste heiße Scheiß, und ich Hipster schaffte mir die erste Windows-Mühle an, einen Victor Vicki, und später einen Macintosh-Performa; Beginn einer langen und glücklichen Apple-Geschichte.

Mit diesen Vielfachkönnern waren natürlich auch einfache Berechnungen locker zu wuppen, und die große Zeit der Taschenrechner neigte sich ihrem Ende zu. Ich klackerte hinfort munter auf Tastaturen herum und vergaß die tapfere alte Sharp-Mähre. Bis gestern: Da räumte Ms. Columbo im Büro auf und aus, und was fiel ihr in die Hände? Der EL-230.

Was damit sei, fragte sie, ob er weg könne. Mit einem nostalgischen Lächeln nahm ich den Taschenrechner in die Hand. Flashbacks aus Abizeiten blitzten vor meinem inneren Auge auf. Dann drückte ich aus Jux und Dollerei einfach mal die On-Taste.

Es erschien eine Null. Der EL-230 meldete sich zurück zum Dienst. Er wartete auf eine Rechenaufgabe.

Ich war baffer als baff. Wie kann das sein bei einem Gerät aus den Achtzigern, bei dem nie, nie, nie die Batterien erneuert wurden? Solarzellen schieden als Erklärung aus, so was war damals noch Science-Fiction, und selbst wenn nicht, so hatte der EL-230 doch den Großteil seines geruhsamen Lebens im seligen Winter-, Sommer-, Herbst- und Frühlingsschlaf in sonnenfernen Schubladen verbracht. 

Hatte Sharp im EL-230 vielleicht einen Fusionsreaktor verbaut? Ist er atombetrieben? Oder handelt es sich dabei gar um das erste funktionierende Perpetuum Mobile der Wissenschaftsgeschichte?

Wie Sie sehen, hatte ich Fragen. Und das Internet natürlich Antworten. Rasch stieß ich auf den Brief eines Tschechen an Sharp, der begeistert schildert, wie er den EL-230 seit geschlagenen dreißig Jahren betreibt, ohne je die Batterie gewechselt zu haben. Pah, denke ich, nur dreißig? Meiner hat fast vierzig aufm Buckel! Laut Sharp beträgt die Lebensdauer der beiden verbauten 1,5-Volt-Batterien jedenfalls sagenhafte 10.000 Betriebsstunden, und da der clevere EL-230 sich automatisch abschaltet, wird auch kein Betriebsminütchen mit Nichtstun verschwendet.

Das erklärt natürlich alles: Mein EL-230 ist – trotz Abi und all der Fron in den Jahrzehnten danach – insgesamt halt noch keine 10.000 Stunden in Action gewesen. 

Und jetzt bauen wir eine solche Batterie einfach ins iPhone ein und schmeißen alle Ladekabel weg.




16 Januar 2022

Der reihernde Hund im Bus 112

Ein früherer Freund von mir war ein ausgewiesener Feind des öffentlichen Nahverkehrs. Aufgrund rarer, aber nachdrücklicher Erfahrungen beklagte er in Bussen und Bahnen olfaktorische Belästigungen, zu wenig körperliche Distanz zum Pöbel und eine generell unzulängliche Bekleidungsästhetik. Immer wenn ich ihn überreden konnte, einmal mit mir ein ÖPNV-Fahrzeug zu betreten, geschah prompt irgendetwas, was ihn in seinem Vorurteil bestätigte, und ich stand belämmert da.

Heute wäre mal wieder so ein „Siehst du, ich hab’s dir ja gesagt“-Tag für ihn gewesen. Tatort war ein Bus der Linie 112, den wir bestiegen, um nach Blankenese zu gelangen. Es begann schon damit, dass der Fahrer einen Gast am Einsteigen zu hindern suchte, weil dieser nur eine OP- und keine FFP2-Maske trug, wie es seit gestern in Hamburg vorgeschrieben ist. Der Fahrgast ignorierte diese Forderung geflissentlich und betrat den Bus, was der Fahrer widerspruchslos hinnahm.

Schlimmer aber war das bei unserer Ankunft bereits anwesende mittelalte Herrentrio im hinteren Teil des Busses. Alle drei waren wohl ebenfalls trotz des Fahrerprotestes ins Innere gelangt, denn auch sie trugen nur OP-Masken, und das nicht einmal mit jener Akkuratesse, die wenigstens die Basisfunktionen dieses Modells abgerufen hätte. Zudem krakeelten sie zugunsten einer optimalen Aerosolverteilung lautstark herum.

Wir hofften, all diese Kantonisten würden alsbald das Fahrzeug wieder verlassen, doch Pustekuchen. Stattdessen stieg eine Frau mit einem dreibeinigen Hund zu, der alsbald in den Gang reiherte, fest und flüssig. Die Versuche von Frauchen, die sich rasch über drei Längenmeter ausbreitende Bescherung zu beseitigen, gelang nur unzulänglich. Obwohl der Hund nach Kräften half, indem er einen Teil aufleckte.

Wir öttelten weiter Richtung Blankenese. Am Nienstedtener Marktplatz begehrte ein Rentner Einlass, der ebenfalls nur eine OP-Maske trug, und zwar konsequenterweise gleich unterhalb der Nase; war ja eh wurscht. Erneuter Versuch des Busfahrers: „Seit gestern Zustieg nur noch mit FFP2-Maske.“ Was aber hatte der Rentner leider nicht dabei? Eine ebensolche. Eine Frau unter den Fahrgästen half ihm glücklicherweise aus, sodass er eingelassen wurde. Die Maske setzte er dann verkehrt herum auf, mit der Nasenklammer unterm Kinn. Und wenn er seiner Bekannten, zu der er sich gesellte, etwas Wichtiges mitteilen wollte, zog er die Maske der besseren Verständlichkeit wegen runter.

In Blankenese verließen wir diesen Bus des multiplen Unbills eilends. Die Argumente des ehemaligen Freundes sehe ich plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Und dabei hatte er wahrscheinlich noch nicht mal einen Hund in den Gang kotzen sehen.





04 Januar 2022

Fundstücke (255)

Es wäre zu schön gewesen, hätte sich das neue asiatische Restaurant Red Bowl auf der Reeperbahn einfach gedacht: Lassen wir bei der „Nudel Box“ doch mal das l weg, und schon sind wir im Rotlichtviertel angekommen. Aber leider hat wohl nur irgendein Spaßvogel an der Tafel rumgewischt. Ich war’s nicht, ich schwör.

02 Januar 2022

Fundstücke (254)


Auf St. Pauli ist eben alles heiß, sogar die Kaltgetränke.

Entdeckt im Schaufenster des Pyjama an der Reeperbahn.