31 Dezember 2019

Ein etwas anderer Silvesterappell (Vol. 15)

Liebe Vertreter der – wie kolportiert wird – intelligentesten Spezies auf diesem Planeten, die Sie momentan noch vollumfänglich bestückt sind,

Ihren Vorgängern habe ich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten mit einem jährlich wiederholten Silvesterappell nahezubringen versucht, wie sie all ihre Gliedmaßen einigermaßen heil durch die Nacht hätten bringen könnten, wenn sie es denn gewollt hätten.

Doch allein: Es fruchtete nie. Keiner der 14 Appelle wirkte. Im Gegenteil: Am Neujahrstag waren die Gazetten voller Meldungen über tragische Verluste an Augen, Fingern, Händen und gar Leben. Ihre Vorgänger hörten also nicht auf mich; dieser traurigen Wahrheit muss ich mich schonungslos stellen.

Deshalb versuche ich es heute einmal anders herum. Ich möchte Sie, die Nachfolger Ihrer Vorgänger, hiermit eindringlich ermuntern, die Lunten Ihrer Böller rücksichtslos zu kupieren – und zwar knapp genug, dass ein Wegrennen nach dem Entzünden unmöglich ist.

Lassen Sie bitte Ihre Raketen im Wohnzimmer steigen, verwenden Sie unbedingt Chinakracher als Zigarren und Feuerräder in unmittelbarer Gardinennähe. Stopfen Sie z. B. den Pyroland-3Klang-Bombenrohr-Glitterflitter der nächstbesten herumstehenden Person ins Dekolletee, und wenn Sie planen, das neue Jahr mit einer scharfen Waffe zu begrüßen – warum nicht in Form eines russischen Roulette mit fünf bestückten Patronenkammern?

Tun Sie das, meine Damen und Herren und Taucher, dann werden Sie überleben, versprochen. Zumindest wenn es stimmt, was ich aus statistischen Gründen als gegeben annehme: dass nämlich dieser traditionelle Silvesterappell der Kontraindikator schlechthin ist. Alles spricht dafür – lesen Sie einfach die entsprechenden Einträge aus den Jahren 2005 bis 2018!

Und jetzt auf in den Kampf, Kameraden! Wir, die Vertreter der – wie kolportiert wird – intelligentesten Spezies auf diesem Planeten, sehen uns im neuen Jahr. Diesmal aber wirklich.

Foto: Gruppe anschlaege.de


-->

25 Dezember 2019

Weihnachten auf dem Kiez


Weihnachten: die einzigen Tage im Jahr, an denen auf St. Pauli die freien Parkplätze (Foto) im gleichen Maße zunehmen wie die Zahl hackedichter Rumkrakeeler sinkt. Und die auf einmal touristenfreie Reeperbahn wird zur alleinigen Domäne der Heimat- und Obdachlosen. 

Weihnachten auf dem Kiez: Ja, das hat was. Alle Jahre wieder.


23 Dezember 2019

Sie nagen einfach nicht

Wir haben Mäuse. Im Plural. Das sagt zumindest unser Schädlingsbekämpfer Herr B. Dabei sehe ich immer nur eine. Aber ist es auch ein und dieselbe? Herr B. bestreitet das energisch. „Hier im Haus“, sagt Herr B., „gibt es zwei- bis dreihundert.“ Er hat das hochgerechnet.

Mindestens eine davon hat sich unsere Altbauwohnung auf St. Pauli als Heimstatt erwählt. Deshalb stellt Herr B. Fallen auf. Und Köder. „Riechen Sie mal“, sagt Herr B. und hält mir ein kleines Töpfchen mit einer grünlichen Masse unter die Nase. „Riecht wie Nutella, nicht? Schmeckt auch so.“ Ersteres stimmt, Letzteres möchte ich momentan lieber nicht ausprobieren. „Können Sie ruhig essen“, lächelt Herr B. ermunternd, „macht gor nüscht.“ 

Selbst Kinder steckten laut Herrn B. die untergemischte Giftdosis ohne Regung weg. Nur halt Mäuse nicht. Mäuse sind winzige Fellknäuel, ihre Mägen weisen einen lachhaften Hubraum auf. Ein bisschen grünliches Nutella, und der Zwerg haucht alsbald hinter irgendeinem Möbel sein fragiles Leben aus. Zumindest, wenn er davon nascht. Und das tun unsere Mäuse nun mal nicht. Auch die Fallen stehen bloß herum. In gespannter Erwartung zwar, doch zur Untätigkeit verdammt. Denn unsere Mäuse umtrippeln jede Gefahr weiträumig, warum auch immer. 

Neulich sah ich fern, als sich auf dem Teppich vorm Sofa eine Maus entspannt das Schnäuzlein putzte. Als ich mich mit schreckgeweiteten Augen aufrichtete, huschte sie auf mich zu und verschwand unterm Sofa. Auch dort stehen natürlich Köder und Fallen, aber statt eines zuschnappenden Metallbügels hörte ich – nichts. Wieder mal.

Nicht nur die dort lauernden, auch alle anderen strategisch raffiniert in unserer Wohnung verteilten Nutelladöschen bleiben konsequent unberührt. Sind unsere Mäuse etwa keine Süßschnäbel? Oder nur superintelligent, wie es sich geziemt, wenn man bei uns daheim ist? Der Kollege von Herrn B., der nach drei Wochen zwecks Kontrolle vorbeischaut, ist jedenfalls irritiert. „Im Stock über Ihnen geht eine nach der andern in die Falle“, behauptet er. Seine Stirn wirkt gerunzelt. Wohnt in diesen Runzeln bereits leichte Besorgnis? „Wahrscheinlich“, sinniert er, „fressen Ihre woanders.“ Unsere Altbauwohnung also nur ein Rückzugsraum, ein Erholung bietendes Refugium nach den anderswo ausgefochtenen Kämpfen um Nahrung und Ressourcen? 

Ich habe da so meine Zweifel, aber auch keine andere Erklärung. Wenn ich eine Maus wäre, leckte ich jedenfalls auch im gesättigten Zustand – gemäß dem Naturgesetz, dass ein Dessert immer noch reinrutscht – an jedem lockend herumstehenden süßen Leckerli, selbst an grünlichen. Wenn ich eine Maus wäre, hätte mich die Evolution also längst aussortiert.

Dass Herr B. und seine Kollegen als Schädlingsbekämpfer firmieren, behagt mir übrigens nicht richtig. Kammerjäger: Das war noch eine Berufsbezeichnung! Das roch nach Gefahr und Abenteuer, nach archaischen Gefühlen, nach Paläoentertainment. Doch zeit seines Berufslebens terminologisch einen Schädling mit sich herumschleppen zu müssen, ist unschön. Zumal es mir unfair vorkommt, jede Maus a priori als Schädling abzuqualifizieren. Schließlich macht sie auch nur ihren Job: fressen, poppen, schlafen und wieder von vorn. Wobei: Unsere frisst ja nicht. Sie huscht nur manchmal übern Teppich und verschwindet elegant in Spalten, die ihr eigentlich viel zu eng sein müssten. 

Neulich traf ich den Nachbarn aus einem Stockwerk über uns. Auch dort blieben die Maßnahmen von Herrn B. und Co. bisher erschütternd fruchtlos. Keine Falle schnappte, alle Köderoberflächen sind unbenagt. „Sie jagen sich schon gegenseitig“, erzählte mir der Nachbar mit der Resignation eines Mannes, der begriffen hat, dass der Homo sapiens doch nicht die Speerspitze der Evolution darstellt. „Und sie pfeifen sogar dabei.“ 

Seitdem fühle ich mich ein bisschen besser. So weit sind unsere nämlich noch nicht. Ich sehe ja eh immer nur eine. Und wenn sie pfiffe, dann sicherlich aus Lebenslust. Zumal sie schon bald wieder Mäusenachwuchs erwartet, mindestens zum zweiten Mal, seit all diese Köder und Fallen bei uns aufgestellt und seither links liegen gelassen wurden.

Sekunde: Habe ich gerade ein leises Pfeifen gehört? 
Oder war es sogar ein hochfrequentes Kichern?





-->