Rückseite der Reeperbahn
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05 Juni 2026
Die gemütlichsten Ecken Deutschlands (221)
31 Mai 2026
Fundstücke (275–278)
Neulich hatte es uns dank eines attraktiven Travelzoo-Gutscheins für ein paar Tage auf die schöne Insel Sylt verschlagen. Dort staunten wir immer mal wieder, zum Beispiel über die Espressopreise. Nach keineswegs reiflicher Überlegung verzichteten wir deshalb darauf, einen Sylter Barista mit neun Euro neunzig für einen Doppio zu entlohnen. Ich meine: Das sind fast zwanzig D-Mark! Über vierzig Ostmark! Fünfhundertsechsunddreißig türkische Lira! Achthundertdreißig Rubel! Neunzehntausenddreihundert italienische Lire – für einen einzigen Doppio! Gut, dass ein Teil dieser Währungen das nicht mehr erleben musste.
Auf einem Spielplatz in Westerland informierte uns das abgebildete Schild, dass irgendwelche fremden Eltern für den Unsinn haften, den unsere Kinder anstellen. Dabei haben wir gar keine.
In Travemünde hingegen, wo es uns an Wochenenden oftmals hin verschlägt, verleiht man neuerdings Biofahrräder mit Deppenbindestrich und -leerzeichen. Wir konnten uns auch nach längerem Nachdenken keinen rechten Reim darauf machen, was diese Exemplare von herkömmlichen Rädern unterscheidet. Kann man sie nach getaner Fahrt verzehren wie diese kleinen Waffelschälchen, die man sich am Büfett mit Marmelade füllt? Oder sind sie zumindest rückstandsfrei kompostierbar? Vielleicht wurden sie auch einfach nur pestizidfrei aufgezogen.
27 Mai 2026
Neues aus dem Pinklichtviertel
Die Hintergrundfarbe dieser Willensbekundung folgt dem oben skulptural gesetzten Trend. Die Frage, wo der Rollstuhlfahrer eigentlich dabei sein möchte, erübrigt sich wohl – bei allem natürlich, und mit Recht.
Heftig ins Rosafarbene lappt auch der rohe Lachs im Pop-up-Streetfood-Restaurant Izakaya by Dokuwa in der Karolinenstraße. Die mitgelieferte befüllte Kanüle sorgte bei mir zunächst für ratloses Stirnrunzeln, bis mir dämmerte, dass es sich wohl doch nicht um den nächsten Gratisschuss, sondern um applizierbar aufbereitete Sojasoße handelte.
24 April 2026
Der halbnackte Juchzer
Hier auf dem Kiez gibt es – wie wir alle nur zu gut wissen – ja Tierchen mit den allerwunderlichsten Pläsierchen, die nimmt man wahr und hin und geht seiner Wege. Doch ein Quasinackter, der sich bei sehr unfrühlingshaftem Wetter auf dem kalten Pflaster wälzt, ohne dass ein abgelegtes Kleiderbündel in der Nähe auf Wiederaufnahme seiner Tätigkeit wartet: Das ist nicht nur selbst für St.-Pauli-Verhältnisse ungewöhnlich, sondern muss unter Selbstgefährdung rubriziert werden.
Da mir eine kommunikative Interaktion wenig zielführend scheint, tue ich das, was ich in solchen Fällen immer tue, und zücke beim Überqueren der Straße seufzend das Smartphone, um wie üblich eins-eins-null zu wählen. Doch noch ehe ich die Tasten tippen kann, sehe ich ein Polizistentrio mir entgegenkommen.
„Kommen Sie wegen dem?“, frage ich und deute vage hinter mich.
„Ja“, sagt eine der Polizistinnen.
Jemand hat also schon Bescheid gesagt, und das freut mich. Schließlich könnte auch ich mich einmal in ähnlicher Lage auf dem Radweg wälzen (allerdings mit Sicherheit nicht aus chemischen Gründen), und dann hätte ich es schon gerne, wenn jemand eins-eins-null wählt oder meinethalben auch eins-eins-zwei. Danke vorab!
Also stecke ich mein Handy wieder ein. Als ich wenige Minuten später im Bus über die Kreuzung fahre, sehe ich den halbnackten Juchzer, wie er brav und aufrecht dasteht, umringt vom Trio in Uniform. Er hat die Hände halbherzig an den Hüften abgestützt, denn ihm gebricht es ja an Hosentaschen, und nickt brav ab, was ihm an behördlichen Auskünften vorgetragen wird.
Wie stets in solchen Fällen wüsste ich gern, was ihn in diese Lage brachte, wo seine Kleider abgeblieben sind, warum er juchzte – und wie immer werde ich es nie erfahren. Er sei denn, er meldet sich in den Kommentaren, wozu ich ihn hiermit ausdrücklichst ermuntern möchte.
PS: Aus nachvollziehbaren Gründen muss heute ein Symbolbild zur Illustration herhalten, und das zeigt ein Gebäude in unmittelbarer Nähe des Geschehens: die tanzenden Türme, Reeperbahn 1.
25 März 2026
Der gestrandete Buckelwal
Gerade als wir am Montag abreisen wollten aus Timmendorfer Strand, wo wir ein entspanntes Wochenende im empfehlenswerten Country Hotel verbracht hatten, kam ein neuer Besucher an, allerdings unfreiwillig: ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal. Er strandete auf einer Sandbank im Ortsteil Niendorf und kam nicht mehr weg.
Da ich noch nie einen echten Buckelwal zu Gesicht bekommen hatte, beschloss ich am Dienstag wieder dorthin zu fahren. Schließlich ist Niendorf keine anderthalb Stunden entfernt von Hamburg und zudem in Deutschlandticket-Reichweite.
Als ich die Mole vorm Hundestrand erreichte, wo der Wal in einiger Entfernung festsaß, war ich nicht der Einzige, der auf diese Idee gekommen war. Auf den Steinbrocken, die zungenartig in die Ostsee hineinragten, um die Wellen zu brechen, standen und saßen Familien mit Kindern, Männer mit Ferngläsern und eine Frau aus Zittau, die mir ungefragt ihr Herz ausschüttete. Über ein rücksichtsloses Ausflugsboot, das schon mehrfach das leidende Tier umkreist habe (gerade tuckerte es wieder vorbei), über die „bestimmt vierzig oder fünzig Schreie“ des Wals (es ist mehr ein tieffrequentes Brummen, wie ich feststellen konnte), darüber, dass sie schon gestern den ganzen Tag hier verbracht habe und die Steine warm würden, wenn man länger darauf sitze (sie hatte das selbst getestet), und dass manche hier sogar lachten, dabei gebe es keinerlei Grund zur Freude.
Ihr aufrichtiges Mitgefühl, das ihre Mitteilsamkeit befeuerte, rührte mich. Und wer mir jetzt mit Whataboutismen kommt à la „Aber was ist mit den Menschen in Gaza, Teheran, Beirut?“, dem halte ich entgegen: Man sollte Opfer nicht gegeneinander ausspielen. Ein Buckelwal in höchster Not hat ebenso ein Recht auf Empathie, und niemand von uns kann sich in so viele Persönlichkeiten aufspalten, dass er allem Leid der Welt gleichzeitig Tribut zollen könnte.
Während ich dort stand und die Frau aus Zittau mich zum zweiten Mal fragte: „Woher kommen Sie? Ach, das hatte ich ja schon gefragt“, befragte ich mich selbst: Bin ich ein sensationslüsterner Whale Watcher, der den Überlebenskampf eines mit mir eng verwandten Großsäugers als Entertainmentgelegenheit missbraucht? Bin ich schaulustig?
Doch als ich in mich hineinhorchte, fühlte sich nichts schaulustig, sondern nur schautraurig an: das dunkle Brummen des Wals, die zischende Atemfontäne, die er von Zeit zu Zeit ausstieß, seine hoffnungsarme Lage, die Hilflosigkeit der Rettungskräfte … Was denkt der Wal, was fühlt er, wie vergeht für ihn die Zeit, wie nimmt er den Verlauf des Tages wahr, die Dunkelheit und den Sonnenaufgang, das Gefangensein an diesem Ort? Macht er sich eine Vorstellung von der Zukunft? Ist er zu Hoffnungslosigkeit fähig?
Er muss hungrig sein, vielleicht sogar panisch, jedenfalls voller Adrenalin, und das seit Tagen. Als ich über die Steine zurückkletterte, über die zahlreichen toten Kormorane in den Spalten hinweg, war ich froh, hierhergefahren zu sein. Ich habe einen Buckelwal gesehen, mit eigenen Augen, und ich fühle mit ihm.
Käme er doch noch frei und schwämme schließlich davon Richtung Kattegat, es wäre die schönste Nachricht in dieser an schlechten Nachrichten überreichen Woche.
19 März 2026
Fundstücke (271–274)
Immer wieder wird uns armen Radfahrern brutalstmöglich verdeutlicht, welchen Stellenwert man uns im Stadtverkehr beimisst. Der hier in der Glacischaussee dokumentierte Fall eines fröhlich zugeparkten Fahrradstreifens ist besonders betrüblich, weil es dort momentan vor Ordnungskräften wimmelt, die den Verkehr wegen des Domaufbaus regeln. Ich fragte mich sogar verunsichert, ob vielleicht ich falschliege und die Straße momentan nicht nur für den Autodurchgangsverkehr, sondern auch für Radfahrer gesperrt sei, doch einer der Cops, den ich dahingehend befragte, verneinte das.
Apropos Restaurant: Beim Libanesen Hala Mignon, angesiedelt in der skurril benamten Straße Rutschbahn im Grindelviertel, musste ich auf dem Weg zum Herrenklo einem kapitalen Kronleuchter ausweichen, den man wohl in Versailles hat mitgehen lassen.
Warum der Trumm allerdings auf dem stillen Örtchen sein überdimensioniertes Hängedasein fristet, statt im Speisesaal vor sich hin prunken zu dürfen, bleibt ein ungelöstes Rätsel, das ich am Abend unseres Besuches leider versäumte, durch Befragungen des Personals aufzulösen. Aber beim nächsten Mal, denn dort speist man vorzüglich – Levanteküche rules!
Seit der Abwesenheit von Christo (1935–2020) und Jeanne-Claude (1935–2009), die beide am selben Tag geboren wurden, aber in unterschiedlichen Jahren verstarben, erreichen Verpackungen im öffentlichen Raum nur noch selten die Wucht und Ausmaße ihrer Kunstwerke – wie die Reeperbahn zurzeit sehr uneindrücklich beweisführt.
13 März 2026
Klartext
„Sach ma, was heißt eigentlich Moin?“
„Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend. Hallo. Hi. Schön, dich zu sehen – je nach Kontext.“
„Und Moin Moin?“
„Dass du ’ne nervtötende Quasselstrippe bist.“
„Und Guten Moin …?“
„Nun, dass du noch heute geteert und gefedert zurück nach Stuttgart verfrachtet wirst.“
10 März 2026
Im Auge des Sturms
Also Butter bei die Fische: Warum sind Sie hier? Wer hat Sie geschickt? Bitte nutzen Sie zahlreich die Kommentarfunktion, denn so lange ich mich in Ihren Erklärungen verliere, kann ich wenigstens keinen tomatensoßenlastigen Kichererbseneintopf auf dem geerbten Perser entleeren.
Danke vorab!
01 März 2026
Alles Käse auf dem Fischmarkt
Bei meiner Route über den Fischmarkt morgens um halb zehn passiere ich zunächst den uninteressanten Stand von Schnipsel-Dieter. Auch der von Schnibbel-Tim entfaltet keinen Liebreiz. Das gilt auch für die nächsten auf meinem Weg, nämlich die von Bananen-Fred, Fisch-Moritz und Schoko-Jonny. Nein, mein Begehr und einziges Ziel ist der Marktwagen von Käse-Tommi!
Hier besorge ich mir alle paar Monate eine ordentliche Weichkäsekompilation für fünfzehn Euro auf Vorrat, so auch heute. Die obendrauf platzierte eingeschweißte Portion Räucherfleisch moniere ich, und Käse-Tommi offeriert mir als Ersatz umstandslos eine Ziegenrolle. Her damit!
Auf dem Rückweg passiere ich die durchweg uninteressanten Stände von Schoko-Jonny, Fisch-Moritz, Bananen-Fred, Schnibbel-Tim und Schnipsel-Dieter, und ruck, zuck bin ich wieder zu Hause, wo man mich alsbald beim Portionieren der Weichkäsekreszenzen antreffen kann. Denn die ordentliche, nur in Kilogramm quantifizierbare Menge, die Käse-Tommi einem für fünfzehn Euro einpackt, wäre nur unter Gefahr für Leib und Magen bis zum recht nahen Ablaufdatum verzehrbar, weshalb sie stets mehrheitlich zunächst in der Tiefkühltruhe landet.
Sollten Sie jetzt reflexhaft aufschreien und mir aufgeregt mitteilen wollen, dass man Weichkäse keinesfalls einfrieren dürfe, weil seine Konsistenz nach dem Auftauen nicht mehr verzehrkompatibel sei, so rufe ich Ihnen entgegen: Das ist falsch! Aufgetauter Weich- geriert sich wie ebensolcher Hartkäse nämlich genauso wie zuvor: unbeschadet.
Nur sehr, sehr wenige Male in meiner jahrzehntelangen Geschichte des erfolgreichen Weichkäsetieffrierens wurde ich mit einem schmierig-schlabberigen Auftauresultat konfrontiert, was mich zur sofortigen Entsorgung zwang. Diese Vorfälle aber kann ich an einer Hand abzählen, während das Gegenteil eine Zahl an Händen erforderte, für die ich schon die halbe Einwohnerschaft des Kiez’ rekrutieren müsste.
Wen ich übrigens bei meiner kleinen Tourbeschreibung oben unterschlagen habe, ist der bundesweit bekannte Aale-Dieter. Dieses Monument von Marktschreier subsumiert man halt nicht einfach so unter Kantonisten wie Schnibbel-Tim. Wie eh und je – genauer gesagt seit Juni 1959! – steht Aale-Dieter auch heute Morgen hinter seinem Tresen. Der Sechsundachtzigjährige ist so hager geworden wie zäh geblieben – und weiterhin der unangefochtene Endgegner aller Aale.
In drei Jahren also möge Dieter (Aale- nicht Schnipsel-) bitte, bitte sein siebzigstes Fischmarktjubiläum feiern. Wenn ja, dann bin ich dabei. Wenn auch nur en passant auf dem Weg zu Käse-Tommi.
21 Februar 2026
Und wieder einmal nahe null
Nach meinem schmallippigen Dankeschön stellte ich die Flasche erst einmal beiseite. Elf Monate lang, um genau zu sein. Irgendwann wurde das Gefühl, meinem Freund ein Feedback schuldig zu sein, allerdings recht bedrängend. Also entkorkte ich den Pugibet. Und schmecke da: So schlecht wie bang erwartet war das rosa Schaumgetränk gar nicht. Sein halbtrockener Charakter übertünchte halbwegs die üblichen bittersauren Fehltöne, mit denen jeder anständige Wein sich zu Recht gegen den gewaltsamen Entzug seines zuvor in mühsamer Gärarbeit erworbenen C₂H₅OH wehrt.
Gab es auf diesem Gebiet etwa wirklich inzwischen etwas Trinkbares? Ich fühlte mich neu ermuntert, das herauszufinden, zumal meine Erfahrungen mit alkoholfreiem Bier zuletzt zunehmend erfreulicher geworden waren (Jever Fun, Perlenbacher). Vielleicht hatte sich ja auch auf Traubenbasis was getan; die Chemie ist ja eine Wunderwissenschaft. Diesmal orderte ich bei einem einschlägigen Händler ein Probierpaket mit drei Weinen, die siegreich aus einer Verkostung hervorgegangen waren. Expertise: Sie ist ja so wichtig.
Doch ach, es war wieder zum Weinen. Zwei der drei Sorten musste ich bereits nach dem ersten Schluck dem Ausguss übergeben (sic!), nur dem Pinot Bianco von Nett aus Duttweiler (zweites Foto) vermochte ich mit Ach und Krach und über mehrere Tage den Garaus zu machen. Ob es sich beim Wort „Reverse“ auf dessen Etikett um ein Wortspiel oder einen Tippfehler handelt, interessiert mich angesichts dieser Erfahrung nicht mehr die Bohne. Das dürfen Sie die KI gern selbst fragen.
Mein auf einem weiterhin sehr schmalen empirischen Fundament ruhendes Fazit lautet: Je trockener ein Wein ausgebaut ist, desto fataler wirkt sich die Ethanolabsenz auf seine Genießbarkeit aus.
Sollten auch Sie sich also einmal in diese seltsame und (un)gefährliche Welt der alkoholfreien Weine begeben wollen, so achten Sie in Bacchus Namen wenigstens auf ordentlich Oechsle.
06 Januar 2026
Nichts Neues unter der Wintersonne
Hier hat offenbar ein Vertreter der Klasse Mammalia sein Revier markiert. Und weil das in einer Höhe geschah, die für die Art Canis lupus familiaris eher untypisch ist, tippe ich auf ein zweibeiniges Säugetier.
Warum auch sollte man ausgerechnet in diesem Jahr damit anfangen, die überall auf dem Kiez platzierten öffentlichen Toiletten zu benutzen?
Alles beim Alten also hier auf St. Pauli.
31 Dezember 2025
Der 19. offene Brief zu Silvester
Hallo, hören Sie mich? Ah, fein, denn ich habe wie jedes Jahr an Silvester ein paar brandheiße Tipps für Sie. Nämlich:
Wenn Sie keine Böller entzünden, sinkt die Chance, dass Sie sich heute Nacht selbst abfackeln und dabei Nasen, Ohren, Finger, Schniedel oder Zehen verlieren, auf nahezu null. Das Gleiche gilt für den Verzicht auf Kanonenschläge, Reibkopfknaller, Knallketten, Stab-, Zylinder- und Mehrstufenraketen, Fächerbatterien, Feuerräder, Leuchtkugeln, Bengalsterne, Handfackeln und Wunderkerzen, dito für Knatterbälle, Heuler, Pfeifer, Kreisel und Blitzknaller sowie für Gold- und Silberregen, Bazookas und Nuklearwaffen.
Geil, oder? Das hätten Sie nicht gedacht. Aber jetzt fällt es Ihnen wie Schuppen aus den Haaren, und Sie begreifen: So überlebe ich Silvester! Einfach nichts in die Luft jagen!
Gut, möglicherweise haben Sie hier auf diesem Blog die letzten achtzehn offenen Briefe zu Silvester gar nicht gelesen oder es zwar getan, aber längst wieder vergessen, und deshalb bereits diverses brennbares Material parat gelegt, das darauf brennt (sic!), heute Nacht verwertet zu werden. Aber wissen Sie, was? Dem müssen Sie jetzt, nachdem Sie im Lauf der letzten Minute dank meiner Hilfe Ihren Überlebenstrieb wiederentdeckt haben, gar nicht mehr nachgeben!
Dabei entstünde Ihnen nicht einmal ein materieller Zusatzschaden, denn das Geld, das Sie bereits ausgegeben haben, ist ja eh schon weg. Es hat jetzt ein anderer, nämlich der Silvesterfeuerwerkshöker in China oder Polen. Doch durch Ihren frisch gefassten Entschluss, das ganze Zeugs doch nicht in die Luft zu jagen und sich dabei selbst vielleicht gleich mit, bleibt Ihnen mit höchster Wahrscheinlichkeit ein invalides Restleben erspart, und das ist doch ein enormer geldwerter Vorteil, oder?
Ich spüre und fühle: Dieser neunzehnte offene Brief zu Silvester hat Sie vollends überzeugt. Und deshalb werde ich, werden Sie, wird die ganze Republik morgen in den Nachrichten nichts, überhaupt nichts von weggesprengten, amputierten, pulverisierten Nasen, Ohren, Fingern, Schniedeln oder Zehen erfahren. Weil es sie nicht geben wird.
Denn wenn die Aufklärung der vergangenen zweihundert Jahre seit Kant & Co. eins bewirkt hat, dann doch wohl die Fähigkeit der Menschen, ihr Verhalten an die Vernunft anzupassen. (WER HAT DA GERADE GELACHT?)
Bis morgen, in alter Frische.
Foto: Gruppe anschlaege.de
28 Dezember 2025
Die gemütlichsten Ecken Hamburgs (220)
Diese Nebelsuppe über der Elbe heute Morgen war nur gut dreißig Meter dick.
Darüber blauer Himmel, so weit das Auge reichte.
09 Dezember 2025
Fundstücke (270)
Abteilungsleiter: „Chef, Champagner darf man nur das nennen, was aus der Champagne kommt.“
Chef: „Du meinst, wegen der Palette Mumm? Nun, ich hab da eine Idee.“
Entdeckt bei Rewe.
28 November 2025
Seltsames vom Food Court
Da mir die Marke Aulull bislang unbekannt war, schaute ich genauer hin. Neben dem schmucklos ehrlichen Schwarz, in dem die Buchstaben gehalten waren, stach sofort das kühne Schriftdesign ins Auge. Mit seinen ausgefransten Linien war es sorgsam gegen den Strich des auf seelenlos-glatte Perfektion setzenden Zeitgeistes gebürstet. Der gleichzeitige Verzicht auf Serifen unterlief dialektisch die letzten Erwartungen an konventionelle Gestaltungselemente. Und wie die kleinen us sich beide zum mittig platzierten l verneigten und dabei doch mithilfe unterschiedlicher Strichlängen störrisch auf ihre Individualität beharrten, statt sich einfach nur dumpf zu spiegeln: Das kam zweifellos aus typografischer Meisterhand.
Was bloß mochte sich hinter Aulull verbergen? Die Seele welchen Produktes repräsentierte diese gewagte Gestaltung auf gewiss treffsicherste Weise? Mein erstes Befragen künstlicher Intelligenz förderte völlige Ratlosigkeit zutage. Sie stocherte im Nebel, hielt ein falsch getipptes „Allah“ für denkbar oder ein Fantasiewort aus Memes oder Gaming-Chats. Selbst ein Onomatopoetikum – genutzt, um lautmalerisch ein leises Heulen zu umschreiben – fand die KI nicht völlig unplausibel.
All das machte mich nicht klüger, aber umso interessierter. Aulull, hob ich innerlich beschwörend an, was auch immer du im Angebot hast: Ich werde dessen Erwerb wohlwollend in Betracht ziehen. Dann fiel mein Blick auf eine weitere elegant gerahmte Metallfläche ein paar Meter weiter.
Und darauf, auf der nun plötzlich zweifelsfrei identifizierbaren Müllklappe, stand es noch gänzlich unabgeblättert in seelenlos-glatter Perfektion: das Wort Abfall.
24 November 2025
21 November 2025
07 November 2025
Fundstücke (269)
Seit Monaten blockiert dieser Tesla-Cybertruck einen Stellplatz.
Dabei hat er nicht mal einen Anwohnerparkschein.
Entdeckt in der Seilerstraße.
30 Oktober 2025
Antworten? Heute nicht.
Ich erblickte einen dunkel gekleideten Brocken von bärtigem Mann mit Wollmütze, der seine gibbonartigen Arme weiträumig schlenkern ließ und dabei kiezweit hörbar „Arggggh!“, „Orchchch!“ und Ähnliches röhrte. Der Grund dafür blieb ungewiss, und mir einen zurechtzuimaginieren, fehlt mir momentan die Fantasie.
Ich frage mich in solchen Fällen oft, wie diese Menschen wohl ihren Alltag gestalten. Wie sind sie zu Hause? Führen sie gepflegte Gespräche am Frühstückstisch? Haben sie Arbeit und somit Kollegen, mit denen sie auf eine Art kommunizieren müssen, die keinesfalls in Richtung „Arggggh!“ und „Orchchch!“ tendieren darf, weil das über kurz oder lang ihren Job gefährdete?
Wie Sie wissen, werden solche Erlebnisse hier unter Balkonkino rubriziert (aber aus irgendeinem Grund nicht getaggt, fragen Sie mich nicht). Allein dieser Begriff verkörpert bereits die Distanz, die wir mittlerweile zum Geschehen rückseits der Reeperbahn eingenommen haben. Allerdings sind wir tagsüber natürlich oftmals auf St. Pauli unterwegs; Einkäufe wollen erledigt werden, und Spaziergänge werden noch immer gerne genommen, seit Corona sogar in gesteigerter Frequenz.
So stoßen wir immer wieder auf bemerkenswerte Phänomene. Zum Beispiel stehen in letzter Zeit vermehrt herren- und damenlose Schuhe draußen herum, an deren weiterhin vorhandener Funktionalität kein Zweifel besteht. Welche Geschichte etwa verbirgt sich hinter den roten High Heels, die wir neulich auf der Fensterbank eines Backsteingebäudes in der Seewartenstraße vorfanden? Niemand wird sie uns je erzählen.
Auf dem Spielbudenplatz hat ein Veranstalter den abgebildeten Hinweis auf unerwünschtes Publikum an die Wand seiner Location geklebt. Doch wenn unter den interessierten Besuchskandidaten wirklich Rassisten, Sexisten, Homophobe oder Arschlöcher wären (was – nebenbei bemerkt – statistisch äußerst wahrscheinlich ist): Ist ihnen das selbst überhaupt in derart ausreichendem Maße klar, dass sie einsichtig auf einen Besuch der Location verzichteten?
Fragen über Fragen. Hoffen Sie bitte nicht auf Antworten.








































