20 September 2018

Alles wackelt – auch dank Günter Zint


Reeperbahnfestival! Jedes Jahr der höchste Höhepunkt in einem an Höhepunkten wahrlich nicht armen Viertel. Reeperbahnfestival heißt: sich über den Kiez treiben lassen, der von unzähligen Indieacts- und -bands zum Wackeln gebracht wird, mal in diesem Club vorbeischauen, mal in jenem (gilt natürlich auch für den Astra-Stand), und irgendwann ist es plötzlich nach Mitternacht und man freut sich auf morgen.

Bei dem Londoner Soulfunker Joel Culpepper in Angie’s Nightclub überzeugt vor allem das Outfit und sein Prince-Falsett, doch als er fragt, ob es cool sei, wenn er das Publikum ein wenig einbeziehe, muss ich mich leider absentieren. Ich gehöre zu jenem misanthropischen Publikumsteil, der auf keinen Fall einbezogen werden möchte, weder zum Mitklatschen noch -singen und erst recht nicht zum Auf-die-Bühne-geholt-Werden. Also tschüs, Joel – und hallo Frum

Die blonde färöische Sängerin führt eine Art Nachthemd aus und dazu etwas klobig Sneakerartiges, worauf man sich vor allem deswegen gut konzentrieren kann, weil ihre Stimme zu leise abgemischt ist. Im Publikum: die legendäre, ebenso winzige wie einen grotesk hoch aufragenden Hut tragende Sängerin, Komponistin und Produzentin Linda Perry.

Ach, ich weiß noch, welch ein Wahnsinns-Wow anno 1992 ihr 4-Non-Blondes-Song „What’s up” beim allerersten Ohrkontakt auslöste – und wie unerträglich das Stück beim tausendsten Mal geworden war. Dieses Schicksal – es tausendmal hören zu müssen – blieb in der ganzen westlichen Hemisphäre damals wohl keinem erspart. Ein Supersuperhit. Und jetzt steht Frau Perry hier im Nochtspeicher, starrt auf das Nachthemd einer Färöerin, deren Stimme zu leise abgemischt ist, und denkt wahrscheinlich: kein Supersuperhit, nirgends.

Auf dem Weg die Davidstraße runter stelle ich fest, dass der an einem Band um meinen Hals baumelnde Presseausweis des Reeperbahnfestivals die Huren so zuverlässig fernhält wie eine Knoblauchknolle Dracula. Bis jemand von links ein „Matthias, kommst du mal her?“ flötet. Da hat eine ziemlich gute Augen und meinen Namen auf dem Ausweis identifiziert. Er ist also doch keine Knoblauchknolle.

Vorm Sankt-Pauli-Museum, wo später zu Elektrobeats und Landschaftsfilmen eine verzaubernde Frauenstimme zu hören sein wird, die überraschenderweise einem muskulösen kahlköpfigen Franzosen namens Temperance gehört, treffe ich das Kiezurgestein schlechthin: Günter Zint.  

Wenn einer sowohl ein Chronist St. Paulis als auch der linken Protestbewegung der alten Bundesrepublik ist, dann der 77-Jährige mit seiner halben Brille, über deren Rand er dich mit gesenktem Kopf mustert. Irgendjemand müsste Günter mal über die immense Nützlichkeit von Gleitsichtbrillen informieren, aber dann wäre auch sein Markenzeichen flöten. Also lieber doch nicht. Der Mann war einst an allen Brennpunkten, Startbahn West, Gorleben, er war mit Wallraff undercover, und ich wundere mich ein bisschen, wieso er augenblicks nicht durch den Hambacher Forst kraxelt.

Weil er sich um sein Museum kümmert, vor dem ein Verkehrsschild steht, an dem er gerade wackelt. „Ich geb dir 200 Euro“, raunt er mir zu, „wenn du dieses Schild hier mit der Flex abschneidest.“ Das Schild informiert darüber, dass die Einfahrt in die Friedrichstraße zwischen 20 Uhr abends und 5 Uhr morgens verboten ist. Aber es steht halt auch direkt vorm Eingang von Zints Museum. „Dieses Schild“, sagt er und rüttelt wieder dran, „ist auf jedem Scheißtouristenfoto des Museums zu sehen!“

Eine junge Frau, die sich als eine Groninger Booking-Assistentin namens Myrte entpuppt, hört amüsiert mit, und Zint sagt: „Ich gebe dir 300 Euro …“ (was hier, in der Davidstraße, ein noch missverständlicheres Angebot sein dürfte als in irgendeiner anderen Straße Europas) „… wenn du das Schild hier mit einer Flex umlegst!“ Für mich 200, für sie 300. Schon verstanden.

Das Schild steht heute morgen übrigens immer noch da, das Reeperbahnfestival geht in seinen zweiten Tag, und plötzlich wird es Mitternacht sein, und man freut sich auf morgen.



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16 September 2018

Aller guten (Blog-)Dinge sind 13


Dass dieses Blog im Lauf der vergangenen zwölf Monate den viermillionsten Besucher begrüßen durfte, ist angesichts der erneut dramatisch eingebrochenen Veröffentlichungsfrequenz schon verwunderlich. Und ein wenig beschämend für den inhaltlich Verantwortlichen. 

Denn was finden Neuankömmlinge hier vor? Vor allem einen Riesenberg Vergangenheit. Das muss anders werden (sage ich mir jedes Jahr). Schließlich passieren hier auf St. Pauli immer noch Dinge. Erwähnenswerte Dinge. Wie neulich beim Kiezbäcker, als ich in der Schlange hinter einem gutgelaunten jungen Mann afrikanischer Provenienz darauf wartete, die im Dauerabonnement vorbestellten Karottenbrötchen abzuholen.

Als der junge Mann mich erblickte, drehte er sich um, hob überraschenderweise die Hand zum High Five und sagte mit einem Strahlen, dessen man wahrscheinlich nur dann fähig ist, wenn man neulich in einem lecken Schlauchboot die Mittelmeerpassage überlebt hat: „Germany is the greatest country in the world – because I’m here!“ Eine Logik, die holperte, aber nur auf den ersten Blick. Ich wusste jedenfalls sofort, was er meinte, und schlug grinsend ein. 

Das war noch vor Chemnitz, und vielleicht ist Germany in puncto Greatness für ihn inzwischen auf Platz zwei  oder drei abgerutscht, aber er freut sich mit Sicherheit noch immer, hier zu sein – und ich freue mich noch immer, mit Typen wie ihm beim Kiezbäcker eine Warteschlange zu bilden. 

Wahrscheinlich wird es allerdings eine Weile dauern, bis der neue Mitbürger ausreichend Deutsch gelernt hat, um die denglischen Kalauer zu dechiffrieren, die zurzeit vor allem Foodtrucks befallen wie Wespen heute meinen Tartufobecher in einer Eisdiele in der Stader Altstadt. Zur Beweisführung mögen die hier präsentierten Fotos von Beispielen gelten, die ich allesamt auf dem Spielbudenplatz auf frischer Tat ertappte.

Und jetzt feiere ich den 13. Bloggeburtstag, möglicherweise mit einem mitternächtlichen Ratsherrenpils. High Five!





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06 September 2018

Die Bilder des Monats


Während die Welt sich mehrheitlich darauf geeinigt hat, dass Männer gefälligst im Sitzen zu pieseln haben, fordert das Café Caravela unsereins schon beim Betreten der Örtlichkeit zum Gegenteil auf. Mit den Reinigungskräften war das gewiss nicht abgestimmt. Entdeckt in den Colonnaden.



Nannte man das früher nicht „Praxis für Schönheitschirurgie“? Schön, dass man hier wieder auf ein putziges einheimisches Wort zurückgreift, wenngleich man es versäumte, den Deppenbindestrich zu vermeiden. Aber man kann nicht alles haben. Entdeckt in Eppendorf.


Wer anhand dieser Takelage das zugehörige Segelschiff korrekt identifizieren kann, kriegt einen Bommerlunder ausgegeben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, und nicht mitspielen darf Amerigo Vespucci. Entdeckt an den Landungsbrücken.



Letzte Sommertage an der Außenalster. Bald werden Sie diesbezüglich hier Niesel- und Nebelbilder vorfinden.



Entdeckt auf dem Schlachthofflohmarkt. Apropos passgenau:


Ich stelle mir gerne vor, dass dieser Käfer stundenlang ruhelos über den Kiez karriolte und trotz einer Vielzahl von Parkmöglichkeiten (bitte lachen Sie JETZT) solange weitersuchte, bis er einen ästhetisch perfekt passenden Abstellplatz entdeckt hatte. Und siehe, es war gut. Entdeckt in der Seilerstraße.



Das Schild hat Recht, wahrscheinlich sogar in beiderlei Hinsicht. Entdeckt im Niendorfer Gehege.



Weiß irgendjemand, wozu dieser Automat gut ist? Was er ausspucken würde, würfe man Münzen ein? Wo überhaupt der Einwurfschlitz ist? Wo das Ausgabefach? Und ob das überhaupt ein Automat ist? Jedenfalls steht das Ding mit dem perfekten Unterbau natürlich auf dem Kiez, nämlich vor der Toilette des Sommersalons auf dem Spielbudenplatz, und es gäbe keinen besseren Ort dafür.



Kräne gab es hier schon lang nicht mehr. Grund genug.



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12 August 2018

Viermal typisch Kiez


1. 

Vor der Spielhalle Novolino stemmt sich eine verwitterte aschblonde Frau aus ihrem Rollstuhl, dreht sich um und schiebt ihre Hosen runter. 

Dann beugt sie sich nach vorne, stützt die Arme auf den Lehnen ihres Gefährtes ab und entleert sich auf den Gehweg. Ihr  Hintern schimmert kalkweiß in der Morgensonne. Später sitzt sie wieder in ihrem Rollstuhl und kümmert sich ausgiebig um ihr rechtes Bein. Der Fuß fehlt. 

2. 

Ein Polizist jagt per pedes einen fliehenden jungen Mann mit blonden Haaren über den Gehweg an der Seilerstraße. Der Peterwagen, aus dem der Polizist zwecks Verfolgung heraussprang, braust rückwärts die Straße runter Richtung Hamburger Berg, den beiden hinterher. 

Als hätte ich eine funktionierende Kristallkugel, so sehe ich vorm geistigen Auge schon voraus, was unweigerlich gleich kommen muss und dann auch exakt so kommt: In dem Moment, als der Wagen auf Höhe des Fliehenden ist, stürzt der Mann blind vor Panik zwischen zwei parkenden Autos hervor auf die Straße – und wird vom Polizeiauto umgefahren. Er fliegt hart auf den Asphalt und bleibt regungslos liegen, zusammgekrümmt wie ein Säugling. 

Der Verfolger beugt sich über ihn und ruft irgendetwas, sein Kollege springt aus dem Wagen und stellt sich dazu. Alles Weitere entzieht sich meiner Kenntnis. 

3. 

Bei der Verlosung des Rechts, eine Dauerkarte für den FC St. Pauli erwerben zu können, bin ich wie jedes Jahr leer ausgegangen. Also checke ich kurz vor Beginn des Heimspiels gegen Darmstadt 98 vorm Millerntorstadion die Schwarzmarktpreise. 

Anbieter sind paradoxerweise meist jene, die ein Schild „Suche Karte“ hochhalten. Mit zweien davon komme ich ins Gespräch, beide flüstern. Einer will 70 Euro, ein anderer 80. Ich mag meinen Sky-Decoder. 

4. 

Irgendjemand spielt im Innenhof dumpf pumpenden Techno, und zwar mitten in der Nacht, es ist bereits nach zwei. Einige Minuten lang liege ich da und warte darauf, dass der stoisch monotone Beat aufhört. 

Schließlich steige ich genervt aus dem Bett und taste mich im Dunkeln zum Schlafzimmerfenster, um das Oberlicht zu schließen. Doch es ist bereits zu. 


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13 Juli 2018

Diesmal wird vorab geätzt!

Es ist ja nun wirklich nicht so, dass die Hamburger Stadtreinigung das seit Jahren pünktlich zum Schlagermove anschwellende Jammern und Wehklagen der Kiezbewohner immer noch ignorieren würde. 

Nein, die erwartungsfrohe Phalanx der Klohäuschen, die sie in den vergangenen Tagen an nahezu jeder Ecke von St. Pauli aufstellen ließ (das Foto zeigt die hochmotivierte Einsatztruppe Millerntorplatz), zeugt vom durchaus tapferen Versuch, das Schlimmste wenigstens in Bahnen zu lenken.

Irgendwas aber sagt mir (es ist, genau gesagt, die Erfahrung), dass die so geschmacksamputierte wie schnapsaffine Heuschreckenarmee der Hirnlos-durch-die-Nacht-Dschihadisten, die sich in diesen schicksalhaften Stunden bereits an den leider schon vor Jahrhunderten geschleiften Stadtmauern zusammenrottet, eben jene Klohäuschen aus promilletrüben Augen lediglich verständnislos anglotzen wird. Um sie dann – das wäre immerhin die günstigste denkbare Entwicklung – rülpsend anzupinkeln.

Der hochtoxische Mix aus Alkohol und Schlager nämlich wirkt auf die zivilisatorische Stabilität des deutschen Durchschnittbürgers, der den Schlagermove mehrheitlich bevölkert, wie ein Spritzer Nowitschok auf das Herz-Kreislauf-System von Exspionen. Nur dass der Durchschnittsbürger trotz allem weiterhin in der Lage ist, das erstaunlich breite Sortiment seiner Körperflüssigkeiten wahllos im gesamten Stadtviertel zu exkorporieren. Hauptsache nicht innerhalb von Klohäuschen.

Wahrscheinlich werden Sie Naivchen von außerhalb mich jetzt für einen misanthropischen Pessimisten halten, und das bin ich natürlich auch, aber morgen Abend – das verspreche ich Ihnen – wird alles noch viel schlimmer gekommen sein.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, was ich in der Tat Jahr für Jahr tue: Aber für diese Prognose gibt es handfeste empirische Indizien – und zwar hier, hier, hier, hier und hier. Und hier

Eigene Erfahrungen können in diesem Jahr übrigens erstmals interessierten Stadtbediensteten direkt geschildert werden, und zwar unter folgender „Pipi-Hotline“ (Mopo): 

040-428 28 1000 



05 Juli 2018

18 Juni 2018

Pareidolie (124-129)

Diese Serie liegt trotz ihres durchaus erfreulichen Zuspruchs schon seit anderthalb Ewigkeiten entsetzlich brach, genauer gesagt seit August 2017. 

Um das nonchalant zu übertünchen, kommen heute gleich sechs Pareidolien auf einmal. 

Aber natürlich reicht keine davon heran an die grandiose Sammlung der unvergleichlichen Pareidolie-Tante aus Wien.








03 Juni 2018

Er macht mich ECHT fertig!

Der holländische Käseshop, der sich seit Dezember 2016 (als ich erstmals dort vorstellig wurde) beharrlich meinem Angebot, seinen rührend katastrophalen Newsletter zu korrigieren, verweigert (die traurige dreiteilige Geschichte meiner Zurückweisung und ihrer Folgen finden Sie hier), verfolgt weiterhin eine höchst düpierende Strategie: 

Er macht mich fertig. 
Mit jedem Newsletter, jeder Mail, jeder Onlineausgabe. 
Immer wieder aufs Neue. 
Mehrfach monatlich.

Als neusten Coup hat er sich nun eine an Un- und Wirrsinn nicht zu überbietende Übersicht der holländischen Käsemärkte einfallen lassen. Diesen übelriechenden Haufen vergammelter Separatorensemantik dokumentiere ich unten mithilfe beweiskräftiger Bildschirmfotos, sonst wäre das ja definitv nicht zu glauben. Selbst für die hartgesottenen Nerds nicht, denen es seit Jahren nicht gelingt, den Google-Übersetzer ordentlich zu programmieren.




Sollten Sie, meine Damen und Herren, in der Lage sein, die in diesen Screenshots des Schreckens dokumentierte Riesenhalde aus Sprachpartikelmüll in verständliches Deutsch zu verwandeln, gehören Sie hierzulande wahrscheinlich zu den Gebenedeiten unter den Sprachkünstlern und sollten künftig James Joyce übersetzen. Beginnen Sie bitte mit „Finnegan’s Wake“.

In diesem Fall bewerben doch bitte unbedingt SIE sich beim Käseshop um den Korrektorenjob. Auch wenn er, wie ich mithilfe einer Antwortmail mühelos nachweisen könnte, noch niemals ausgeschrieben wurde.

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25 Mai 2018

Der den Ständer hasst

Normalerweise hat gerade hier auf St. Pauli nix und niemand Probleme mit einem Ständer. Im Gegenteil: Bei vielen kieztypischen Freizeitangeboten rund um die Reeperbahn ist er geradezu essentiell. 

Doch irgendjemand zieht hier gerade über den Kiez und schneidet Ständer ab – einstweilen erst mal die von Fahrrädern.

Schlimm genug. Manchmal lässt derjenige – ich benutzte hier ganz bewusst das generische Geschlecht, liebe Genderer, also verzichten Sie bitte auf einen Shitstorm – manchmal also lässt der Ständerkiller das Amputat sogar einfach achtlos zurück. Es bleibt auf dem Gehweg liegen als stummer Zeuge einer fehlgeleiteten Kastrationsfantasie, an der die freudianisch geprägten Vertreter der Psychiatrie gewiss ihre stille Freude hätten.

Und so geht es auch mir, wenn ich ehrlich sein soll. Ich erführe allzu gerne Ursache, Sinn und Zweck dieser schwer behämmerten Freizeitgestaltung. Denn nach und nach zwingt sie uns Kiezradler alle dazu, bei jedem Halt nach einem immobilen Gestänge oder Gewächs zum Anlehnen zu suchen, statt unser Fahrrad einfach mal auf freier Fläche zwischenparken zu können. Ich weiß nicht, ob der Täter das bedacht hat, aber in der Sahara hätten wir jetzt echt Probleme, Mann.

Mein Interesse an der Motivation des Ständermörders ist übrigens ein durchaus ernsthaftes. Mithilfe der Kommentarfunktion unten gibt es für Sie, der Sie sich jetzt unweigerlich angesprochen fühlen, die rechtssichere Möglichkeit, mich und das interessierte Publikum dieses Blogs über die Hintergründe Ihres Tuns und Lassens aufzuklären.

Dank der Anonymität, die ich Ihnen hiermit DSGVO-kompatibel zusichere (siehe dazu den neuen seitenlangen Sermon in der Spalte links), brauchen Sie dabei auch kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Mein Dank vorab. Und jetzt steigt die Spannung.





17 Mai 2018

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (134)



Genau hier, meine Damen und Herren, soll schon in drei Wochen während der Fußball-WM das Hamburger Fanfest stattfinden. 

Na, denn man tau.


07 Mai 2018

Was mir heute den Tag gerettet hat

Eine nur für Nichteingeweihte kryptische Kürzest-SMS des Franken (sie bestand nur aus dem Wort „Penny“) bewog mich heute, sofort den gleichnamigen Supermarkt an der Reeperbahn aufzusuchen, um dort rücksichtslos durch die zu Sonderpreisen angebotenen Bestände meiner Lieblingsschokolade zu marodieren. Ich hatte die Botschaft des Franken also richtig gedeutet.

Auf dem Weg zu Penny, nämlich an der Fußgängerampel eingangs der Silbersackstraße, gingen zwei junge Frauen an mir vorüber, die wohl noch nicht einmal die Marke von 20 Lenzen erreicht hatten. Sie unterhielten sich miteinander über irgendetwas, das ich nicht verstand, doch auf einmal wehte ein kleines Satzfragment zu mir herüber, das mir nicht nur den Tag rettete, sondern möglicherweise – das wird sich noch herausstellen – auch den Glauben an diese ganze Generation zurückzugeben in der Lage ist.

Das Satzfragment lautete: „Im Herbst letzten Jahres …“ 

Im Herbst letzten Jahres … Wie wunderbar. Diesen reinen, unverfälschten, mit liebreizender Nonchalance in den sommerlichen Kieznachmittag geflöteten Genitiv hätte ich von zwei jungen Frauen von nicht einmal 20 Lenzen, die im Jahr 2018 über die Reeperbahn schlendern, keinesfalls erwartet. Und das beschämt mich, wie ich zugeben muss.

Bei Penny erwischte ich dann übrigens nur noch Restbestände meiner Lieblingsschokolade, doch diese schmale Ausbeute vermochte den genitivüberstrahlten Kiezsommertag natürlich nicht im Geringsten zu beeinträchtigen.

Meine letzte Kürzest-SMS an den Franken lautete übrigens „Edeka“.

PS: Die „Frankensaga – Vollfettstufe“ gibt es als E-Book hier. Nur für den Fall, dass ich Sie – hüstel – noch niemals darauf hingewiesen habe.

21 April 2018

San Bernadino

Wir waren 16. Die dunkle, stille Spanierin aus meinem Dorf war vor allem still, weil sie damals noch schlecht deutsch sprach. Das fand ich geheimnisvoll. Aber ich war hilflos. 

Als ich es mal schaffte, sie zu einem Besuch in meinem Zimmer zu bewegen, spielte ich ihr Christies „San Bernadino“ vor. „Warum?“, fragte sie. „Weil es mich immer an dich erinnert“, sagte ich, „es klingt spanisch, verstehst du?“ Sie verstand nicht – wie auch? – und wurde noch stiller. Wenn ich allein in meinem Zimmer war, legte ich oft „San Bernadino“ auf.

Ein andermal saßen wir im VW-Käfer eines Freundes gemeinsam auf der Rückbank, und es gelang mir eine Weile, ihre Hand festzuhalten. In einem unachtsamen Moment entzog sie sie mir, und wir saßen still nebeneinander da. Nicht mal unsere Beine berührten sich. Zu Hause hörte ich mir „San Bernadino“ an.

Später heiratete sie einen Verwandten von mir, der sie im Suff prügelte und ihr Leben verpfuschte. Mit zwei Kindern floh sie schließlich ins Nachbardorf, viele Jahre zu spät.

Hätte sie mir damals nicht ihre Hand entzogen und hätte „San Bernadino“ besser funktioniert, würde sich dieser Text wahrscheinlich in nichts auflösen. Roberto Blanco hat den Song übrigens mal auf Deutsch gesungen. 

Jetzt ist die dunkle, stille Spanierin gestorben.

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15 April 2018

Die kulinarische Entdeckung des Jahres


Liebe italienische Gastronomen, ich sage es wirklich nur ungern, aber die besten Pizzen diesseits von Neapel gibt es nicht bei euch, sondern in einem veganen Restaurant in Ottensen: dem Froindlichst

Selbst getestet – und zwar nicht nur einmal.

Die dortige Wandbepflanzung hat übrigens auch ihren Reiz. Zumindest optisch.

09 April 2018

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (132)

Steht wie eine Eins: Das Mangolassi im Restaurant Maharaja in der Detlev-Bremer-Straße hat den gefürchteten Matt-Wagner-Strohhalmtest mit Bravour bestanden. 


02 April 2018

Frikadellen mit Baby

Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber manchmal sehne ich mich nach jenen seligen Zeiten zurück, als nur Deppenbindestriche meinen Alltag beeinträchtigten.

Inzwischen sind sie großflächig verdrängt worden durch etwas sehr viel Schlimmeres: das brutalstmöglich Komposita meuchelnde Deppenleerzeichen

Anscheinend handelt es sich bei diesem Phänomen um eine so dumpf- wie stumpfsinnige Fehlentlehnung aus dem Englischen, welche auf deutsche Wörter indes wirkt wie ein Handshake von Nitro und Glyzerin.

Ein einziger Sonntagsspaziergang reichte, um mir bewusst zu machen, dass längst alles zu spät ist. Es regiert allerorten der Hirnriss; er hat jede Semantik ersatzlos verdrängt. Was mir bleibt, ist nur noch die Dokumentation der Katastrophe. Aus Ordnungsliebe folgen unten einige wenige Beispiele aus der Sphäre der Gastronomie und Backstuben – aus dem Bereich der Kulinarik im weitesten Sinne also, dessen Vorreiterrolle bei dieser Entwicklung unbestreitbar ist.

Diese Behauptung finden Sie vielleicht unhaltbar, doch ich kann sie beweisen. Denn schon im Jahr 2007 (!) stellten die ersten Deppenleerzeichen ihr kleines mieses Nichts öffentlich zur Schau, wie mein historischer Eintrag „Brat Kartoffeln, aber pronto!“ dokumentiert.

Inzwischen stolpert man an jeder Ecke, auf jeder Speisekarte, in jedem Kiosk mit Verzehrmöglichkeit auf diese Minisprengsätze, denen Tag für Tag unzählige Worte zum Opfer fallen. Nehmen wir das Beispiel oben, verbrochen von der Brötchenhökerkette Backhuus: Es bietet „2 Butter“ an. Meint es damit Stücke? Und wenn ja, vielleicht ein halbes Pfund schwere? Das Backhuus will das an dieser Stelle noch nicht verraten, reicht dazu aber immerhin ein Croissant, damit man die 2 Butter draufschmieren kann.

Der Kumpirladen in der Nähe lässt uns die Wahl zwischen Jäger und Balkan. Wer sich nach heftigem Kopfkratzen für den einen oder anderen entschieden hat, erhält zur Belohnung Sauce. Aber welche? Der Kumpirladen möchte sich da lieber nicht festlegen.



Sehr nützlich dagegen das Angebot des Restaurants Tiffany am Neuen Wall: Es serviert „Frische Nordsee“. Als Hamburger müsste man andernfalls – gäbe es das Tiffany nicht – rund 80 Kilometer weit fahren, um in den Genuss frischer Nordsee zu kommen. Das spart also ganz konkret Sprit.



Geradezu kriminell agiert hingegen das Kleinhuis, ein sich zunächst harmlos gebendes Restaurant an der Esplanade. In Wahrheit aber frönt es unverhohlen dem Kannibalismus – und setzt Frikadellen mit Baby auf die Speisekarte. Müsste hier nicht unverzüglich die Mordkommission eingreifen?



Mit der werde auch ich es wohl bald zu tun bekommen – und dann auf Unzu Rechnungs Fähigkeit plädieren. Aus Grün den.


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