17 November 2019

Essen, was aufn Tisch kommt

Nach langer Zeit ist es mal wieder passiert: Ich habe vorm Franken meinen Teller leer. Wer hier seit rund anderthalb Jahrzehnten mitliest, weiß sehr wohl, wie erwähnenswert diese Tatsache ist.

Wir sind im Palazzozelt an den Deichtorhallen, wo man uns mit Artistik, Kulinarik und Showeinlagen verwöhnt. Das hier ist der erste Gang, Vitello tonnato, Scheiben vom Holsteiner Kalb mit Tunfisch und Kapernäpfeln, und der Franke staunt: „Du vor mir fertig? War ja noch nie da.“ Doch, war es wohl, aber jeder meiner raren Erfolge wird natürlich vom Grundrauschen der Vielzahl seiner zerschmetternden Siege überdröhnt. „Aber der Abend“, droht er, „ist ja noch lang.“

Das stimmt – lang, aber dank der Künstler- und Artistenschar kurzweilig. Vor allem die Conferencière, die US-Amerikanerin Ariana Savalas, sorgt für gehobenes Niveau und verleiht dem Showmotto „Glanz & Gloria“ Glam und Glitzer, nicht nur wegen ihres in allen Spektren einer Discokugel funkelnden Abendkleides.

Wir sind derweil beim Zwischengang, confiertem Eismeerlachs mit Zitronenknusper, übergossen (von mir als Dienstleister für alle am Achtertisch) mit einem Blumenkohlsüppchen. Hier ist der Sieger nicht hundertprozentig feststellbar, da wir alle Nachschlag nehmen. Wertung zur Güte: Remis.

Zwischen den Nummern der Artisten – darunter ein Spanier namens Ramiro Vergaz, der mit bis zu sechs kapitalen Kegeln jongliert, was eindeutig von den Naturgesetzen so nicht vorgesehen ist – neckt Frau Savalas am Nachbartisch einen Gast mit Spötteleien über sein Outfit (Sweatshirt und Jeans). Zwar trage ich zum Glück einen mitternachtsblauen Schurwollanzug von Gieves & Hawkes, doch mir wird unschön bewusst, dass angesichts meines Sitzplatzes der Franke die letzte Brandmauer zwischen Savalas und mir ist. Im Notfall wäre zwar er zum Glück als Opfer leichter erlegbar, doch verspricht er für diesen Fall der Fälle, jeden auf Interaktivität erpichten Künstler eindringlich an mich zu verweisen.

Nun zum Hauptgang: Rücken und Bäckchen vom spanischen Eichelschwein mit knackigem Wokgemüse und Gewürzjus. Dazu spielt die Band Boomraiders Schweinerock. Darf sie herzlich gern, doch täte sie das etwas leiser, könnte man sich bei Bedarf auch mal mit seinem Tischgegenüber unterhalten. So bleibt mir als Gesprächspartner im Wesentlichen meine Brandmauer, der Franke, gegen den ich beim Hauptgang sehr, sehr knapp verliere.

Das vermaledeite Problem bei diesem von der Hamburger Spitzenköchin Cornelia Poletto konzipierten Menü ist aber auch, dass es viel zu gut mundet, um sich ernsthaft eines gebremsten Esstempos befleißigen zu können. Nach jedem Bissen denkt man: Hmm, jetzt gerne schon den nächsten. Und schwups, ist schon wieder ein Gang weg. Hier im Palazzozelt jedenfalls wird besonders gern und rasch gegessen, was auf den Tisch kommt.

Dieser Mechanismus setzt übrigens nur bei den Aufstrichen nicht ein, die als Amuse-Gueule in Porzellanschiffchen auf dem Tisch stehen. Merkwürdig durchschnittlich, geradezu gewöhnlich, wundert man sich – bis man im Programmheft auf die Sponsorenliste stößt. Darunter: Exquisa. So was schafft natürlich Sachzwänge, gegen die sich wohl auch eine Cornelia Poletto nicht wehren kann. Dann eben wenigstens hübsche Porzellanschiffchen als Trägermedium.

Nach atemberaubenden Trapez-, Bänder- und Stangennummern steht das Dessert an: Kokosbaiser mit Mascarponecreme, exotischen Früchten und Ananassorbet. Ein buntschillernder Strauß sich nur scheinbar widersprechender, doch letztlich miteinander verschmelzender Aromen; von allen am Tisch – Carnivoren wie Vegetariern – erhält das Dessert die Bestnote.

Der Franke und ich trennen uns hierbei schiedlich, friedlich unentschieden. Mehr von diesem seit rund anderthalb Jahrzehnten andauernden Wettstreit zwischen Goliath und mir dann nächstes Jahr. Oder spontan noch mal in den kommenden Wochen: Das Palazzozelt steht hier noch bis März.

Savalas verschonte uns übrigens beide. Tragen Sie also bloß nicht Sweatshirt und Jeans!


PS: Es gab natürlich von allen Gängen eine vegetarische Variante. Wie mir Ms. Columbo bestätigte, waren auch diese von erheblicher Qualität; ihre leise monierte Würzdezenz bei der Vorspeise (Auberginen-Caponata) sei, wie sie sagt, eine Klage auf hohem Niveau.

PPS: Zu dieser Veranstaltung waren wir eingeladen.

Foto: Palazzo Produktionen GmbH




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13 November 2019

Vorsicht, Weltrevolution!


Vor einigen Wochen hatte ich das unverdiente Privileg, die Vorpremiere von Jan Plewkas neuem Rio-Reiser-Programm „Wann, wenn nicht jetzt“ auf Kampnagel besuchen zu dürfen. An diesem Samstag folgt nun die offizielle Premiere – und das ist für mich Anlass genug, bestimmte Bevölkerungsgruppen ausdrücklich vor dem Besuch dieser Veranstaltung zu warnen.

Wenn Sie es zum Beispiel generell befremdlich fänden, sich am Ende des Rio-Abends jubelnd auf Ihrem Sitz stehend wiederzufinden, derweil Sie zu Ihrer eigenen Verblüffung wild entschlossen sind, am nächsten Morgen sofort nach dem ersten Nespresso die Weltrevolution zu starten: 

Dann gehen Sie bitte nicht hin.

Alle anderen hingegen sollten sich tunlichst ein Ticket kaufen. Allein schon deshalb, um in Zeiten sich verzwergender Sozialdemokratie mal wieder eine Ahnung davon zu bekommen, wie sich linke Inbrunst mal anfühlte.


PS: Moment mal – Plewka … Da war doch was? Ja, er hat das Vorwort zu meinem Buch „3000 Plattenkritiken“ verfasst. Es ist natürlich weiterhin lieferbar, und bald ist Weihnachten!



Aus dem Vorschautext: Nach drei musikalisch beglückenden Sommerfestivalproduktionen von Selig-Frontmann Jan Plewka und Theatermacher Tom Stromberg ist das Team nun zurück mit neuem Programm: Jan Plewka und die Schwarz-Rote Heilsarmee singen und feiern die unvergesslichen Songs von Ton Steine Scherben. Nach über 200 ausverkauften Vorstellungen und unzähligen emotionalen Höhepunkten der Rio Reiser-Show gibt es nun einen zweiten Abend insbesondere mit Songs von Ton Steine Scherben. Mit einer tiefen Verbeugung vor der musikalischen und politischen Haltung der Band geht Plewkas Show mit gewohntem Charme und seiner originalen Bandbesetzung in die nächste Runde. Sehnsüchtig und zärtlich, gleichzeitig revolutionär und kraftvoll wird dieser neue Abend an die Legende des linken Zeitgeistes von Ton Steine Scherben erinnern und das Rockkonzert für die Freiheit nicht enden lassen – WANN, WENN NICHT JETZT.

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10 November 2019

06 November 2019

Wenn der Geisterzug nicht kommt

Natürlich: Bahnbashing ist wohlfeil. Andererseits denke ich mir: Besser wird es bestimmt nicht, wenn keiner was sagt. Oder schreibt. 

Am Sonntag jedenfalls hatten wir mal wieder ein Bahnerlebnis der besonderen Art. Unser gebuchter IRE Berlin-Hamburg fiel aus. IRE ist die Kurzform für Interregio Express. Der Name legt nahe, dieser Zug huschte in Windeseile von der offiziellen in die heimliche Landeshauptstadt. Dabei kröche er, sofern er denn führe, gemütlich in drei Stunden durch die Pampa gen Elbe. Doch er fiel ja aus – wie eigentlich immer, beschied uns eine Frau an der Information.

Üblicherweise entert man als Bahnkunde in einem solchen Fall einfach einen beliebigen Ersatzzug, und alle sind zufrieden. Nicht aber den IRE! Der nämlich ist von dieser Regel ausgeschlossen. Obwohl wir also ein gültiges Ticket vorzuweisen hatten, zwang uns die Bahn, ein neues Ticket zu kaufen. Zum Tagespreis, und der war happig: 135,20 Euro für zweimal Berlin-Hamburg einfach, im ICE. Die Rückerstattung dieses Betrags sei indes nicht sicher, eröffnete man uns beim gleichzeitig mit dem Ticket übergebenen Fahrgastrechteformular. Aber wir könnten es ja mal probieren. Und ob wir das mal probieren! Mit Begleitschreiben!

Für den ICE, den wir dann ersatzweise bestiegen, hätte man uns gleichwohl nach Maßgabe der UN-Menschenrechtskonvention gar keine Tickets mehr verkaufen dürfen. Denn darin befand sich die Bevölkerung einer halben Kleinstadt, überall standen, lagen, hockten so schlecht gelaunte wie riechende Menschen herum, auch in den Gängen, vor den Türen, und manche hatten neben ausladenden Koffern auch Zwillingskinderwagen dabei. Das war das Szenario. 

Zeitweise war sogar unsicher, ob diese zuggewordene Presswurst überhaupt losfahren würde. Selbstverständlich war die anfangs noch erreichbare Toilette in der Nähe unseres Standplatzes weit jenseits jeder Funktionsfähigkeit; in der Schüssel stand die Brühe bis zur Brillenkante. Ms. Columbos spätere Versuche, in beide Richtungen wenigstens noch irgendein Klo zu erreichen, scheiterten daran, dass sich die Leute, Koffer und Zwillingskinderwagen praktisch bis zur Decke stapelten. Wie ihr erging es natürlich auch vielen anderen, weshalb die Gefahr von Pipileaks minütlich wuchs.

Wären uns diese Zustände bekannt gewesen, hätten wir natürlich gar kein Ticket gekauft und den ICE (nach vorherigem Toilettengang!) trotzdem grimmig geentert. Und den Zugbegleiter hätte ich sehen wollen, der den Schneid gehabt hätte, deswegen eine Diskussion anzufangen …! Aber natürlich kamen von denen auch keiner durch.

Am Ende bleibt die Frage, warum die Bahn uns überhaupt eine IRE-Fahrkarte verkauft hat, obwohl dieser Geisterzug die Strecke Berlin-Hamburg anscheinend gar nicht mehr bedient. Aber vielleicht erwarte ich auch einfach zu viel von einem deutschen Dienstleister im 21. Jahrhundert.




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