07 Dezember 2013

Ein Jahr an Krückenstöcken


Käpt’n Angelo Basilikos sitzt bei null Grad Außentemperatur Beim Grünen Jäger und versucht seine Finger an den eisigen Stahlsaiten seiner Bouzouki warmzuspielen. Das klappt natürlich nicht, und deshalb will er auch gleich den Betrieb einstellen. 

Vorher aber gestattet der altehrwürdige Grieche mir noch mitzufilmen (s. unten), wie er den Pavarottis gibt. „Meine Stimme hat neun Oktaven!“, behauptet er kühn und nicht ohne Stolz. Nun, das wären ungefähr dreimal so viele wie Mariah Carey, aber Käpt’n Angelo hat ja auch ein paar Jährchen länger geübt. 

Seit 40 Jahren lebt er auf dem Kiez, „habe Kinder gemacht auch“; ein alter Seebär, den es in seiner Jugend nach San Francisco verschlagen hatte, weshalb er nach seiner Rückkehr nach Athen, wo er mit einer Sängerin und Orchester in Musikclubs auftrat, als „der Amerikaner“ galt. 

Zuletzt aber lief es echt schlecht. „Ich habe ein Jahr an Krückenstöcke gelebt“, erzählt Käpt’n Angelo zwischen zwei Songs in seinem wunderbar griechisch gefärbten Baritondeutsch, das ihm jederzeit einen Radiojob verschaffen dürfte, wenn es ihm doch mal zu kalt wird für Straßenmusik. 

Schuld an des Käpt’ns Krückenstöckenjahr war ein Unfall, der ihn alles kostete: seine Frau und die beiden Kneipen, die er auf dem Kiez mal führte, wie er erzählt. Eigentlich ein super Grund, um sich willenlos der Altersdepression hinzugeben, doch an so was hat ein Käpt’n Angelo keinerlei Interesse. 

Stattdessen blitzen seine 71-jährigen Kapitänsäuglein vor Freude, wenn er über sein bewegtes Leben erzählt, bei null Grad Außentemperatur die Finger an den eisigen Stahlsaiten seiner Bouzouki warmzuspielen versucht und vergnügt den Pavarottis gibt.

Wegen solcher Typen liebe ich St. Pauli. Sie wiegen tausend Eckenpinkler auf. 

Na gut: 500.






Kommentare:

  1. Ein sehr ansteckendes Lächeln hat er, der Käpt'n. Da steigen die Temperaturen doch sofort um ein paar gefühlte Grade. Schön.

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  2. Ja, diese Begegnung war herzerwärmend. Frage mich nur, warum ich ihm nicht schon viel früher über den Weg gelaufen bin.

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  3. Den Herren habe ich schon zweidreimal gesehen; heißt er wirklich so, oder haben Sie sich einen passenden Namen ausgedacht? Danke für das schöne Video.

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  4. Er heißt wirklich so. Heute habe ich ihm wunschgemäß eine CD mit dem Film an seine Postadresse geschickt.

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  5. Olaf aus HH19:41

    Herr Matt -

    seien Sie dankbar und voller Freude (ich weiß/ lese, daß Sie es sind).
    Danke an Sie, ihn und alle !
    Wunderbar.
    Ich bin froh, hier zu leben und zu wohnen.

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