16 Juli 2019

Die Eine-Million-Mark-Marke

Jetzt ein Geständnis: Als Kind habe ich eine Zeitlang Briefmarken gesammelt. Daran wurde ich am Wochenende erinnert, als ich in meinem hessischen Elternhaus auf das Ergebnis dieser Bemühungen stieß, nämlich das entsprechende Album. 

Es muss in den Siebzigerjahren letztmals aufgeschlagen worden sein und ist gefüllt mit allerlei Kuriositäten: ungarischen Markenserien mit Schmetterlings-, Vogel- und Raumfahrtmotiven (wann eigentlich war Ungarn im All?), die blaue Mauritius (allerdings nur als Kopie), immer wieder Queen Elizabeth (nicht nur aus Großbritannien, auch aus Kanada) und viel zu viel Franco aus Spanien. 

Dazu dreieckige Savannenmotive aus dem Tschad, Fitnessübungen aus China, diverse US-Präsidenten, die diese Bezeichnung noch verdienten, x-mal Walter Ulbricht, ein Berliner Viererblock zum Thema „50 Jahre Avus-Rennen 1921–1971“. Die merkwürdigsten Motive zeigen übergroße Fußballmarken aus dem arabischen Kleinemirat Adschman, auf einer davon die deutsche Abwehrlegende Karl-Heinz Schnellinger. Wer erinnert sich nicht an sein legendäres Ausgleichstor im WM-Halbfinale gegen Italien 1970 in mexikanischer Mittagsglut? Es lief schon die Nachspielzeit, Schnellinger, obzwar Verteidiger, stocherte uns in die Verlängerung (wo wir verloren). Und in meinem Album aus den 70ern ziert der blonde Hüne eine Marke aus Adschman, sie verdämmerte still die Jahrzehnte, bis sie an diesem Wochenende unversehens im Licht des 21. Jahrhunderts wiedererstrahlte.

Verschweigen möchte ich auch nicht die Motive aus dem Deutschen Reich vor und nach der fatalen Wahl von anno 33, inklusive eines komischen Vogels mit Schnauzer und Seitenscheitel, der es in meinem Album aber nur auf beschämende Briefmarkenwerte von sechs und zwölf Pfennige bringt. Mit nominellen Höchstleistungen punkteten hingegen zwei Postwertzeichen aus der Weimarer Republik, wohl aus dem Schicksalsjahr 1929, denn ihnen waren nachträglich eine bzw. zwei Millionen Reichsmark aufgedruckt worden. 

Beim versonnenen Blättern fragte ich mich, ob es sich bei einigen Marken vielleicht nicht nur um Kuriosi-, sondern gar um Raritäten handeln könnte. War das Album eventuell etwas wert? War die in ein gezacktes Dreieck gefasste tschad’sche Giraffe im Lauf der Dekaden vielleicht zur Preziose herangereift? 

Meine Expertise war, wenn ich mich recht entsinne, schon damals sehr schmal gewesen, inzwischen jedoch hatte sie der Zahn der Zeit auf null abgenagt. Hilfe versprach ich mir im Fachgeschäft, also suchte ich nach kurzem Gegoogel Molwitz & Treff in der Großen Theaterstraße auf.

Es öffnete mir die – wie ich vermute – Inhaberin persönlich, nämlich Carmen Treff. Mit einem einleitenden „Ich habe hier ein Album, das seit den Siebzigerjahren nicht aufgeschlagen wurde“ versuchte ich Frau Treff auf einen philatelistischen Schatz einzustimmen, doch bei Erwähnung der Siebzigerjahre machte sie nur „Ou-ha“ und verzog dabei das Gesicht, als hätte sie am Saft einer unreifen Pampelmuse genippt. Ich ließ bereits in diesem Moment alle Hoffnung fahren, während sie vorurteilsverifizierend durch die Seiten huschte und „Viele bunte Bildchen“ seufzte.

Nach nur wenigen Sekunden klappte Frau Treff das Album – den Stolz meiner Kindheit! – mit Verve wieder zu und fällte ein vernichtendes Urteil: „Alles Massenware.“ Also auch die Hommage der Magyaren an die Helden des Alls und der adschmanische Karl-Heinz. „Das können Sie so schnell feststellen?“, fragte ich schwach. „Kann ich“, sagte sie. „Auch die ungestempelte Eine-Million-Marke aus der Weimarer Republik?“, startete ich einen letzten kraftlosen Versuch und hielt ihr dabei das geschichtsträchtige Prachtstück noch einmal vor Augen; vielleicht hatte sie es ja überblättert. „Auch die“, sagte Frau Treff.

Auch die also. Mir blieb nichts anderes übrig als der geordnete Rückzug. Doch schon kurz danach ploppte eine Idee auf: Was, wenn ich einen schmucken Brief an mich selbst mit der Millionenmarke frankierte (ja: auch als satirisches Fanal gegen die jüngste Portoerhöhung!) und einfach mal schaute, was passiert? Wäre es nicht denkbar, dass ich einen versehentlichen Poststempel von 2019 auf der seit 1929 ungültigen Marke ergattern und sie damit nach 90 langen Jahren doch noch vom Makel der Massenware erlösen und in ein Zeit und Raum transzendierendes Unikat verwandeln könnte? Und was würde Frau Treff dann sagen? 

Nun, was soll ich sagen: Das Experiment läuft. Wie wird es dieser kleinen Zeitreisenden im durchdigitalisierten Ablauforganisationsmoloch des krakenartigen Monopolisten namens Post ergehen? Wird sie auffliegen? Oder Sand ins Getriebe streuen? Oder einfach zurückkommen inklusive Nachportoforderung?

Demnächst mehr.






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06 Juli 2019

Die gemütlichsten Ecken von Hamburg (148)


Mittags im Eichenpark, wo ich mir nach dem Pausenbrot gewöhnlich die Füße vertrete, werde ich jedes Mal schamlos um milde Gaben gebeten. 

Wer hat den charmantesten Bettelblick: der Schwan, Ente eins oder Ente zwei (v. l.)? 

Der Vogel mit den meisten Stimmen erhält am Montag eine Brotkrume extra – sofern ich ihn wiederfinde.


02 Juli 2019

Fast, als wäre nichts geschehen

Dank eines wertvollen Tipps des Bloglesers Lars, der sich damit um eine weitere Entlastung unseres Gewissens verdient gemacht hat, haben wir die im letzten Blogeintrag thematisierte Kreuzfahrt bei der Klimaschutzorganisation atmosfair kompensiert. 

Unsere persönlichen CO2-Emissionen der Reise kann man dort ausrechnen lassen; um unsere Umweltsauerei klimaneutral aus der Welt zu schaffen, waren schließlich 66 Euro nötig.

Die Spende fließt nun nach Indien, wo Kleinbauern dabei unterstützt werden, erneuerbare Energien aus Ernteresten zu gewinnen. Das spart fossile Kraftstoffe, gibt den Senfbauern eine zusätzliche Einnahmequelle und schafft Arbeitsplätze.

Nicht, dass damit wieder alles gut wäre. 
Aber es ist besser.

Foto: atmosfair