29 Juni 2019

Auf Schiffsreise


Das ganze Jahr über bemühen wir uns, unseren ökologischen Fußabdruck klein zu halten. Wir verzichten auf Convenience-Essen und werfen nichts weg, was noch verwertbar ist. Wir besitzen kein Auto und legen stattdessen jede notwendige Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrrad oder zu Fuß zurück. Und wir fliegen nicht. 

Unser ökologischer Fußabdruck dürfte im Vergleich zu vielen anderen Mitbewohnern dieses Landes also erfreulich klein sein – und erlaubt es uns deshalb, einmal im Jahr halbschlechten Gewissens 300 Meter lange Schiffsriesen zu besteigen, um eine Woche lang das Schlaraffenland einer Kreuzfahrt zu genießen. Denn schließlich fliegen wir nicht, und wie sollte unsereins sonst je im Leben nach Jerusalem, Casablanca, Rejkjavik oder St. Petersburg kommen? Sie sehen das Problem. 

Natürlich wissen wir, welche Sauerei die Dickschiffe anrichten. Unser Wohlverhalten das ganze Jahr über ist also eine Art Ablasshandel. Es ist der Preis, den wir bezahlen für unser ganz persönliches CO2-Zertifikat. Ob die Rechnung aufgeht und sich hinterher Soll und Haben ausgleichen: keine Ahnung. Ich befürchte eher nein, aber ich rechne lieber nicht nach. Ein bisschen Selbstbetrug gehört zu einem dialektischen Leben nun mal dazu. 

Jedenfalls pustet das Schiff der Aidaflotte, auf dem wir uns zurzeit befinden, gewaltige Mengen Schadstoffe in die Luft. Diese Tatsache macht den Zettel, der in unserer Kabine an der Badezimmerwand klebt, besonders interessant. Sein Text ist von bewundernswert putziger Chuzpe: 

„Möchten sie auch, dass noch viele Menschen die Wunder der Erde und der Ozeane bestaunen können? Dann helfen Sie uns bitte dabei, die Umwelt zu schützen. Setzen Sie ein Zeichen – mit Ihrem Handtuch!“ 

Wir sollen das Handtuch, wie es weiter heißt, am Halter hängen lassen („Das spart Waschmittel und Energie“) und so „die Wunder der Erde und der Ozeane“ retten, während das, was ein paar Decks über uns tonnenweise durch den Schornstein geblasen wird, genau diese Wunder tausendfach mehr gefährdet als es das tägliche Waschen der hier an Bord im Umlauf befindlichen zehntausend Handtücher je könnte. Selten war der Tropfen auf dem heißen Stein so ein Mickerling wie der, der von diesem Zettel tröpfelt. 

Wie wäre es stattdessen, Aida, du verfeuertest kein Schweröl mehr und schlügest die Mehrkosten auf den Reisepreis drauf, während wir nächstes Jahr umso freudiger wiederkämen und tagtäglich die kaum kontaminierten Handtücher frohgemut auf den Badezimmerboden schleuderten – Deal?

Wenn man mal von solch grundlegenden Fragen absieht, ist so eine Schiffsreise recht lehrreich. Vor allem für jene, die aus unverständlichen Gründen noch Defizite in Misanthropie aufweisen. Diese Lücken lassen sich hier an Bord mühelos schließen. Vor allem am Büffet. 

Gestern wurde ich von einem schirmbemützten Herrn hochmittleren Alters in Shorts, Polohemd und Sandalen gleich zweimal binnen einer Minute aus einer günstigen Position gerempelt, einmal natürlich an der Speiseeisstation. Überhaupt lässt der stählerne Ingrimm, mit dem vor allem die Rentnerhamas ihre hellebardisch gereckten Teller durch die das Büffet belagernde Menschenmenge furcht, düster ahnen, wie brachial es nach dem Ende der Zivilisation zuginge unter den Überlebenden. Die Serie „The walking dead“ hat die Situation, da lege ich mich fest, eher beschönigt.

Auch auffällig: Auf dem Fitnessdeck begnet man nur Schlanken, während die Wohlbeleibten andernorts ausschließlich ihre Kaumuskulatur trainieren. Dabei sollte es in einer perfekten Welt, liebe Menschheit, doch genau umgekehrt sein, nicht? Aber in einer perfekten Welt würden wir, die wir kein Auto haben und nicht fliegen, darüber hinaus auch nicht auf Kreuzfahrt gehen. 

Unsere Handtücher hängen übrigens seit Tagen ungewechselt am Halter.








Kommentare:

  1. Wenn Du Dein Gewissen noch mehr beruhigen möchtest, könntest Du die Reise bei atmosfair.de kompensieren. :-)

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  2. Also, das Schild bzgl. der Handtücher ist der jahrzehntelange Versuch der Hotelbranche, den man in jedem Zimmer findet, dem Gast über ein schlechtes Gewissen die Handtücher, die Dutzende andere bereits über ihren Körper gezogen haben, solange wie Zuhause, also ca. zwei Wochen, wiederzuverwenden. Dabei geht's nur sekundär um die Umwelt.
    Leider geht's bei der Kreuzfahrtvermeidung nicht nur um das Klima. Berücksichtigt werden sollten dabei auch das Arbeitsumfeld der Besatzung bei 3 Euro Stundenlohn, die Belastung der Bevölkerung der befahrenen Gebiete mit den Abgasen und den überfüllten Hotspots, die die Schiffe ansteuern.
    Sie ahnen es - für mich ist das Thema durch. Nicht zuletzt auch, weil die Veranstalter es im überwiegenden Teil meiner Reisen versucht haben, die Reibungsenergie beim Über-den-Tisch-ziehen als Nestwärme zu verkaufen. Geschichten gibt's, omei.

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    1. Dazu gibt es einiges zu sagen, denn es ist – wie immer – komplizierter, als es sich anhört.

      Die drei Euro Stundenlohn klingen und sind natürlich wenig, doch richtig beurteilen kann man den Satz nur, wenn man seine Kaufkraft kennt. Für die meisten Bediensteten auf Kreuzfahrtschiffen ist dieser Job das große Los, mit dessen Verdienst sie zu Hause auf den Philippinen oder in Indonesien ganze Großfamilien versorgen können. Trotzdem wären höhere Mindestlöhne für die Servicekräfte schön, aber wie gesagt: Die Kaufkraft ist entscheidend, nicht der nominelle Wert. Und sie geben ihre Euro nun mal in Asien aus und nicht in Nordeuropa.

      Richtigen Dreck (Schweröl) pumpen die Schiffe nur auf hoher See in die Luft. Das muss und wird sich ändern. Die Flüssiggaslogistik im Hafen und auf den Schiffen wird bald ausgereift sein. Dann könnte ein großer Pott drei Wochen lang mit einem Tank fahren – daran haben auch die Reedereien ein (kommerzielles) Interesse.

      Was die überfüllten Hotspots angeht: Jede betroffene Kommune könnte das sofort abstellen, wenn sie wollte. Das hieße natürlich auch auf 60.000 Euro pro Tag und Schiff Liegegebühren verzichten. Honi soit …

      Zu Ihrem schönen Bild mit der Reibungsenergie als Nestwärme: Da ist jeder selbst gefragt. Über den Tisch ziehen lässt sich nur, wer keine Sicherheitsvorkehrungen trifft. Dazu braucht es natürlich Erfahrung – die man nur auf einer Kreuzfahrt sammeln kann … ;)

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  3. Also, erlauben Sie mir die Anmerkung, für mich sind drei Euro einfach nur drei Euro. Wenn ein Schiffsmitarbeiter für mich in meiner Region arbeitet, ist das lokale Preisgefüge für mich der Massstab. Diese fleissigen und immer freundlichen "Bienchen" gehen ja auch in unseren Breitengraden (stundenweise) an Land. Die Ausbeutung findet durch die Passagiere, die günstig reisen wollen und den Kreuzfahrtveranstalter statt. Bei 100 bis 400 Euro Fahrtpreis pro Tag für einen Passagier sollte hier mehr Stundenlohn drin sein.

    Sie haben recht, die Schiffe könnten in Zukunft vielleicht sauberer werden, aber heute ...

    Zu den Sicherheitsvorkehrungen: Wie wollen Sie sich absichern, wenn Sie _nach_ dem Ablegen davon informiert werden, dass die Route und die Reise in ihrem Gesamtcharakter geändert werden aus Gründen, die der Reederei Tage vorher bekannt waren, diese aber nicht an die Passagiere weitergegeben hat? Erst mal an Bord kann man ja auf See nicht mehr zurücktreten. Zweimal erlebt.

    Sie haben Recht, es ist kompliziert, entscheidend Einfluss nehmen kann der Passagier, denn es wird nur das angeboten, was auch abgenommen wird.

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    1. Das „lokale Preisgefüge“ für die Servicekräfte ist das Schiff. Dort haben sie freie Kost und Logis. Sie werden sicher in Oslo nicht groß shoppen wollen, selbst wenn sie könnten, denn wie gesagt: Ihr Verdienst wird nach Hause geschickt, wo viele Menschen davon abhängig sind und man mit dem von Aida gezahlten Stundenlohn wahrscheinlich zwei Tage über die Runden kommt. Aber ich will auch nicht ausschließen, dass ich mir das nur schön rede, aus Gründen.

      Ihre Erfahrungen sind natürlich bitter, damit können wir zum Glück nicht aufwarten. Diese Reisemängel haben gewiss gute Gründe geliefert, um erfolgreich Schadenersatz erstreiten zu können, nehme ich mal an. Alles andere würde mich enttäuschen.

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