24 April 2026

Der halbnackte Juchzer

Als ich zur Ampel am Millerntorplatz komme, wo die Reeperbahn endet, liegt dort ein weitgehend nackter Mittzwanziger rücklings auf dem Radweg. Er trägt nur einen bestürzend engen Slip, windet sich ungelenk und stößt juchzende Schreie aus. Es sind keine des Schmerzes, sie haben … irgendeinen anderen Grund. Ich vermute einen chemischen.

Hier auf dem Kiez gibt es – wie wir alle nur zu gut wissen – ja Tierchen mit den allerwunderlichsten Pläsierchen, die nimmt man wahr und hin und geht seiner Wege. Doch ein Quasinackter, der sich bei sehr unfrühlingshaftem Wetter auf dem kalten Pflaster wälzt, ohne dass ein abgelegtes Kleiderbündel in der Nähe auf Wiederaufnahme seiner Tätigkeit wartet: Das ist nicht nur selbst für St.-Pauli-Verhältnisse ungewöhnlich, sondern muss unter Selbstgefährdung rubriziert werden.

Da mir eine kommunikative Interaktion wenig zielführend scheint, tue ich das, was ich in solchen Fällen immer tue, und zücke beim Überqueren der Straße seufzend das Smartphone, um wie üblich eins-eins-null zu wählen. Doch noch ehe ich die Tasten tippen kann, sehe ich ein Polizistentrio mir entgegenkommen.

„Kommen Sie wegen dem?“, frage ich und deute vage hinter mich.
„Ja“, sagt eine der Polizistinnen.

Jemand hat also schon Bescheid gesagt, und das freut mich. Schließlich könnte auch ich mich einmal in ähnlicher Lage auf dem Radweg wälzen (allerdings mit Sicherheit nicht aus chemischen Gründen), und dann hätte ich es schon gerne, wenn jemand eins-eins-null wählt oder meinethalben auch eins-eins-zwei. Danke vorab!

Also stecke ich mein Handy wieder ein. Als ich wenige Minuten später im Bus über die Kreuzung fahre, sehe ich den halbnackten Juchzer, wie er brav und aufrecht dasteht, umringt vom Trio in Uniform. Er hat die Hände halbherzig an den Hüften abgestützt, denn ihm gebricht es ja an Hosentaschen, und nickt brav ab, was ihm an behördlichen Auskünften vorgetragen wird.

Wie stets in solchen Fällen wüsste ich gern, was ihn in diese Lage brachte, wo seine Kleider abgeblieben sind, warum er juchzte – und wie immer werde ich es nie erfahren. Er sei denn, er meldet sich in den Kommentaren, wozu ich ihn hiermit ausdrücklichst ermuntern möchte.

PS: Aus nachvollziehbaren Gründen muss heute ein Symbolbild zur Illustration herhalten, und das zeigt ein Gebäude in unmittelbarer Nähe des Geschehens: die tanzenden Türme, Reeperbahn 1.