Seit Monaten blockiert dieser Tesla-Cybertruck einen Stellplatz.
Dabei hat er nicht mal einen Anwohnerparkschein.
Entdeckt in der Seilerstraße.
„3000 Plattenkritiken“ | „Die Frankensaga – Vollfettstufe“ | RSS-Feed | In memoriam | mattwagner {at} web.de |
Seit Monaten blockiert dieser Tesla-Cybertruck einen Stellplatz.
Dabei hat er nicht mal einen Anwohnerparkschein.
Entdeckt in der Seilerstraße.
Ich erblickte einen dunkel gekleideten Brocken von bärtigem Mann mit Wollmütze, der seine gibbonartigen Arme weiträumig schlenkern ließ und dabei kiezweit hörbar „Arggggh!“, „Orchchch!“ und Ähnliches röhrte. Der Grund dafür blieb ungewiss, und mir einen zurechtzuimaginieren, fehlt mir momentan die Fantasie.
Ich frage mich in solchen Fällen oft, wie diese Menschen wohl ihren Alltag gestalten. Wie sind sie zu Hause? Führen sie gepflegte Gespräche am Frühstückstisch? Haben sie Arbeit und somit Kollegen, mit denen sie auf eine Art kommunizieren müssen, die keinesfalls in Richtung „Arggggh!“ und „Orchchch!“ tendieren darf, weil das über kurz oder lang ihren Job gefährdete?
Wie Sie wissen, werden solche Erlebnisse hier unter Balkonkino rubriziert (aber aus irgendeinem Grund nicht getaggt, fragen Sie mich nicht). Allein dieser Begriff verkörpert bereits die Distanz, die wir mittlerweile zum Geschehen rückseits der Reeperbahn eingenommen haben. Allerdings sind wir tagsüber natürlich oftmals auf St. Pauli unterwegs; Einkäufe wollen erledigt werden, und Spaziergänge werden noch immer gerne genommen, seit Corona sogar in gesteigerter Frequenz.
So stoßen wir immer wieder auf bemerkenswerte Phänomene. Zum Beispiel stehen in letzter Zeit vermehrt herren- und damenlose Schuhe draußen herum, an deren weiterhin vorhandener Funktionalität kein Zweifel besteht. Welche Geschichte etwa verbirgt sich hinter den roten High Heels, die wir neulich auf der Fensterbank eines Backsteingebäudes in der Seewartenstraße vorfanden? Niemand wird sie uns je erzählen.
Auf dem Spielbudenplatz hat ein Veranstalter den abgebildeten Hinweis auf unerwünschtes Publikum an die Wand seiner Location geklebt. Doch wenn unter den interessierten Besuchskandidaten wirklich Rassisten, Sexisten, Homophobe oder Arschlöcher wären (was – nebenbei bemerkt – statistisch äußerst wahrscheinlich ist): Ist ihnen das selbst überhaupt in derart ausreichendem Maße klar, dass sie einsichtig auf einen Besuch der Location verzichteten?
Fragen über Fragen. Hoffen Sie bitte nicht auf Antworten.
Die neue DHL-Strategie, chamäleonartig die jeweilige Umgebung zu spiegeln, funktioniert auf St. Pauli schon mal bestens.
Entdeckt in der Seilerstraße.
Sogar millimetergenau.
Entdeckt in der Seilerstraße.
Entdeckt in der Taubenstraße.
Sollten Sie zu jenen Menschen gehören, die nicht auf St. Pauli wohnen, so fühlen Sie sich an diesem Wochenende hoffentlich angemessen gebenedeit und wissen ihre abweichende Wohnadresse ganz besonders wertzuschätzen. Denn das, was Sie auf dem Foto oben sehen, ist ein Menetekel. Und zwar das der unmittelbar – nämlich morgen – bevorstehenden Schlagerkalypse.
Wahrscheinlich denken Sie: Ja, was will der Wagner denn – ist doch super, den Abertausenden Hossahamashirnis hinreichend Mobiltoiletten zur Verfügung zu stellen, damit sie diesmal gar nicht alle verfügbaren Hausecken und -eingänge auf St. Pauli mit ihrem Blaseninhalt kontaminieren müssen, der dank billigen griechischen Weins und and’rer ekler Liquide von noch mieserer Qualität ist als ihr Musikgeschmack.
Das denken Sie doch bestimmt, oder?
Nun: Sie denken falsch.
Denn was der gemeine Schlagermoveschluckspecht am besten kann, ist, diese Mobiltoiletten links liegen lassen. Da könnte der Organisator dieser von den hiesigen Behörden nicht nur geduldeten, sondern sogar bei vollem Bewusstsein geförderten Terrorveranstaltung im öffentlichen Raum noch dreizehnmal so viele Klokabinen herbeikarren, die Marmor-Stein-und-Eisen-bricht-Marodeure fänden immer einen Weg, sich zwischen ihnen hindurchzuquetschen, um es im Freien pladdern zu lassen, bis sie knöcheltief in der eigenen Pissepfütze stehen.
Von den parallel sich unterbrechungslos durch St. Pauli wälzenden Klangwolken mit Botschaften wie „Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür“ möchte ich gar nicht anfangen. Unsere Nachbarn fliehen normalerweise am Schlagermovesamstag nach Blankenese und durchwandern versonnen die Stille des Elbufers. Diesmal haben sie sogar ein Hotel in Bremen gebucht. Und wir sind – danke, G. und L., danke! – justamente morgen zu einer Gartenparty nach Eimsbüttel eingeladen, die zum Glück schon tagsüber losgeht. Wir werden die Aller-, Allerersten sein, die dort auf der Matte stehen, das ist so sicher wie unser Name an der Tür.
Trotz dieser mildernden Fluchtmöglichkeit stellt sich aber wie jedes Jahr die Frage: Wo sind eigentlich Donner, Blitz und Weltuntergang, wenn man sie mal braucht?
Sie wird erneut unbeantwortet bleiben.
Apropos Preise: Die hier zu sehende Quittung wagte uns das neue Kino Kinopolis im Westfield-Einkaufszentrum in der Hafencity auszuhändigen, obgleich wir lediglich zwei Eis aus der Truhe geholt und auf den Kassentresen gelegt hatten (natürlich Magnum Mandel). Die ganze Dimension dieser Entblödung erschließt sich erst, wenn man das testweise mal in D-Mark ausrechnet. Fast sechzehn Tacken für zweimal Eis am Stiel …? Dann lieber ein Fass Bier für neun im Stenzel, Leute!
Hinter diesem zahnlosen Maul von einem Fenster starb vorgestern Abend ein Mensch. Im Dezember 2022 hatte dieses uns gegenüberliegende Haus bereits gebrannt, damals saßen verzweifelte Menschen in den Fenstern und riefen um Hilfe, hinter ihnen die Flammen. Es gab sieben Verletzte, aber niemand kam um.
Vorgestern brannte es wieder, diesmal in der Etage darunter. Auf der Vorderseite, wo das Haus in Regenbogenfarben getüncht ist, rettete die Feuerwehr Bewohner mit Leitern. Hier, auf der Rückseite der Reeperbahn, erstickte sie mit Wasser die Flammen in jenem Zimmer, in das man heute durch ein zahnloses Maul von einem Fenster hineinsehen kann. Und in dem ein Mann starb.
Nach dem Brand von damals musste das Haus eingerüstet werden. Die Renovierung der Fassaden und der ausgebrannten Etage dauerte über ein Jahr. Jetzt wird das alles von vorne losgehen.
Über den Toten liest man nichts, auch nicht in der Mopo.
Der vordere Teil der Limousine war lückenlos ausgestopft mit prallstmöglichen Airbags, ein, wie ich finde, schönes und befriedigendes Beispiel für funktionierende Ingenieurskunst.
Wir eilten herbei, doch die Insassen, eine Frau und ein Mann, wühlten sich bereits verdattert, doch aus eigener Kraft aus ihrem Ballonparcours. Ihr Kontrahent stand derweil kreidebleich und stumm neben seinem Auto, während eine Angestellte aus der Physiopraxis, vor der sich alles zugetragen hatte, ihm ein Glas Wasser zu reichen versuchte und ein Passant bereits die 112 instruierte.
Es gab also anscheinend keine ernsthaft Verletzten und angesichts der zahlreich anwesenden Hilfswilligen wenig Unterstützungsbedarf, weshalb wir unseren Weg fortsetzten. Dieses Verfahren war einige Tage vorher weniger gut möglich gewesen, weil die entsprechende Szenerie uns bei einem Blick aus dem Wohnzimmerfenster zugemutet wurde. Das Foto soll einen ungefähren Eindruck davon vermitteln.
Zunächst schien es, als ginge der abgebildete Herr im Hoodie einer kiezüblichen Tätigkeit nach, nämlich unter Missachtung der überall verfügbaren öffentlichen Toiletten kurzerhand auf den Gehweg zu schiffen. Allerdings vermisste ich den dazugehörigen Strahl. Und das lag daran, dass der Mann auf halber Körperhöhe rhythmisch an sich herumhantierte. Meines Erachtens legte dieses Gebaren etwas ganz anders nahe als handelsübliches Wasserlassen. Nun ja.
Manchmal denke ich, wir sollten vielleicht doch nach Berchtesgaden ziehen.
Natürlich kann man den reichhaltigen personellen Besatz des Kiez’ als „merkwürdig“ beschönigen, doch wahrscheinlich rührt die Verhaltensauffälligkeit nicht weniger Menschen auf St. Pauli von ernsthaften psychischen Störungen her. Und das ist durchaus weniger unterhaltsam als schlichte Exzentrik.
Nehmen wir den jungen Mann heute Morgen am U-Bahnhof St. Pauli. Er trat an einen offenen Mülltütenhalter, in dem ich soeben ein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch entsorgt hatte. Die eingehängte Tüte war vor kurzer Zeit erneuert worden, denn es war sonst nichts darin, nur mein Taschentuch. Nun betrat der junge Mann die Szene. Er war gänzlich in Schwarz gekleidet und trug einen Hoodie mit der nicht leicht zu widerlegenden Botschaft „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“ auf dem Rücken.
Er stellte sich vor den Mülleimer und stierte hinein, als wollte er meditieren. Nach einer Weile ergriff er mein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch, hielt es sich unter die Nase und schnupperte ausgiebig daran. Unsere Verwunderung evolvierte rasch. Nach der anscheinend positiv ausgefallenen Geruchsprobe nahm er das Taschentuch, um damit ausgiebig über den metallenen oberen Rand des Mülltütenhalters zu wischen.
Damit fuhr er ungefähr eine Minute lang fort, ehe offenbar sein Bedürfnis nach einem sauberen Mülltütenhalterrand gestillt war. Ob dies mit einem von mir kontaminierten Papiertaschentuch überhaupt zu bewerkstelligen war, wagte ich zu bezweifeln, jedoch nur innerlich, denn das schien mir kein Thema, das ich mit einem ganz in Schwarz gekleideten Mann mit einem „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“-Hoodie, der an fremden Papiertaschentüchern schnüffelte, ausgiebig diskutieren sollte.
Als die U-Bahn kam, stieg er in denselben Wagen wie wir. Den Weg zum Bahnhof nutzte er dann vor allem, um sich mit beiden Händen, die eben noch mit einem vollgeschnäuzten Papiertaschentuch einen Mülltütenhalterrand gewienert hatten, vielfach durchs Haar und übers Gesicht zu streichen.
Also: bloße Exzentrik oder Ausdruck ernsthafter psychischer Probleme?
Händeschütteln als sozialer Akt verliert jedenfalls für mich weiter an Liebreiz.
Die neue Serie hier im Blog „Wenn es Nacht wird auf St. Pauli“ zeigt den Kiez nach Sonnenuntergang, wenn das Abgeranzte, Verrottete, wenn all der Dreck im Dunklen versinkt und Neonlicht für heimelige Melancholie sorgt.
Alle Fotos von heute entstanden gestern Abend in der Hein-Hoyer- und der Seilerstraße.
Man erkennt die Handschrift – vgl. das abgefackelte Dixiklo vom Februar.