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12 August 2025

Fundstücke (267)


Die neue DHL-Strategie, chamäleonartig die jeweilige Umgebung zu spiegeln, funktioniert auf St. Pauli schon mal bestens.

Entdeckt in der Seilerstraße.

08 August 2025

Fundstücke (266)


Ich weiß nicht, wer zuerst da war, der Bauschuttcontainer oder das Auto, das im Halteverbot parkt. Wenn es das Auto war, dann hat die Baufirma jedenfalls sehr genau verdeutlicht, was sie davon hält. 

Sogar millimetergenau.

Entdeckt in der Seilerstraße.


06 August 2025

Die gemütlichsten Ecken St. Paulis (215)


Wäre fast schade, wenn die langlebigste Brache von ganz Hamburg schließlich doch noch bebaut würde – und damit dieser stets aufnahmebereite Holzzaun verschwände. Denn die immer wieder neuen Graffiti darauf sind mir seit vielen, vielen Jahren ein steter Quell der Freude.

Entdeckt in der Taubenstraße.


04 Juli 2025

Hossahamas ante portas


Sollten Sie zu jenen Menschen gehören, die nicht auf St. Pauli wohnen, so fühlen Sie sich an diesem Wochenende hoffentlich angemessen gebenedeit und wissen ihre abweichende Wohnadresse ganz besonders wertzuschätzen. Denn das, was Sie auf dem Foto oben sehen, ist ein Menetekel. Und zwar das der unmittelbar – nämlich morgen – bevorstehenden Schlagerkalypse.

Wahrscheinlich denken Sie: Ja, was will der Wagner denn – ist doch super, den Abertausenden Hossahamashirnis hinreichend Mobiltoiletten zur Verfügung zu stellen, damit sie diesmal gar nicht alle verfügbaren Hausecken und -eingänge auf St. Pauli mit ihrem Blaseninhalt kontaminieren müssen, der dank billigen griechischen Weins und and’rer ekler Liquide von noch mieserer Qualität ist als ihr Musikgeschmack.

Das denken Sie doch bestimmt, oder?
Nun: Sie denken falsch.

Denn was der gemeine Schlagermoveschluckspecht am besten kann, ist, diese Mobiltoiletten links liegen lassen. Da könnte der Organisator dieser von den hiesigen Behörden nicht nur geduldeten, sondern sogar bei vollem Bewusstsein geförderten Terrorveranstaltung im öffentlichen Raum noch dreizehnmal so viele Klokabinen herbeikarren, die Marmor-Stein-und-Eisen-bricht-Marodeure fänden immer einen Weg, sich zwischen ihnen hindurchzuquetschen, um es im Freien pladdern zu lassen, bis sie knöcheltief in der eigenen Pissepfütze stehen.

Von den parallel sich unterbrechungslos durch St. Pauli wälzenden Klangwolken mit Botschaften wie „Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür“ möchte ich gar nicht anfangen. Unsere Nachbarn fliehen normalerweise am Schlagermovesamstag nach Blankenese und durchwandern versonnen die Stille des Elbufers. Diesmal haben sie sogar ein Hotel in Bremen gebucht. Und wir sind – danke, G. und L., danke! – justamente morgen zu einer Gartenparty nach Eimsbüttel eingeladen, die zum Glück schon tagsüber losgeht. Wir werden die Aller-, Allerersten sein, die dort auf der Matte stehen, das ist so sicher wie unser Name an der Tür.

Trotz dieser mildernden Fluchtmöglichkeit stellt sich aber wie jedes Jahr die Frage: Wo sind eigentlich Donner, Blitz und Weltuntergang, wenn man sie mal braucht?

Sie wird erneut unbeantwortet bleiben.


 


30 Mai 2025

Fundstücke (265)


Während man auf der Reeperbahn bereits für ein einziges gezapftes Glas Bier drei Euro fünfzig loswird (Bild rechts), erhebt das Café Stenzel in der Schanze für ein ganzes Fass nur einen Euro mehr. Klar also, wo’s hingeht, Kameraden!


Apropos Preise: Die hier zu sehende Quittung wagte uns das neue Kino Kinopolis im Westfield-Einkaufszentrum in der Hafencity auszuhändigen, obgleich wir lediglich zwei Eis aus der Truhe geholt und auf den Kassentresen gelegt hatten (natürlich Magnum Mandel). Die ganze Dimension dieser Entblödung erschließt sich erst, wenn man das testweise mal in D-Mark ausrechnet. Fast sechzehn Tacken für zweimal Eis am Stiel …? Dann lieber ein Fass Bier für neun im Stenzel, Leute!


 





Bleiben wir bei der Mark, genauer gesagt der Fünfzigpfennigmünze; die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern. Was aber auch sie dereinst nicht mitbekamen: Dieses offen häretische Silberstück zeigte zwischen 1949 und 2001 – und zwar von Patrioten völlig unbehelligt! – doch wahrhaftig ein Kopftuchmädchen, das einen Deutsche-Eiche-Setzling brutal aus deutscher Krume riss. Bin gespannt, wann Weidel dieses historischen Skandals endlich gewahr wird.

 






Lidl gebricht es derweil auf erschütternde Weise an mathematischen Grundkenntnissen. Während die Filiale an der Holstenstraße das halbe Pfund Lachs mit knapp acht Euro aufruft, taxiert es die vierfache Menge nicht etwa viermal so hoch, wie es jeder dahergelaufene Taschenrechner täte, sondern kommt auf den sechseinhalbfachen Kilopreis. Sitzt die Generation IQ-Verlust etwa jetzt schon in den Disponentenbüros großer Supermarktketten? Ich dachte echt, uns blieben noch ein paar Jahre.



28 Mai 2025

Und wieder brannte das Regenbogenhaus


Hinter diesem zahnlosen Maul von einem Fenster starb vorgestern Abend ein Mensch. Im Dezember 2022 hatte dieses uns gegenüberliegende Haus bereits gebrannt, damals saßen verzweifelte Menschen in den Fenstern und riefen um Hilfe, hinter ihnen die Flammen. Es gab sieben Verletzte, aber niemand kam um. 

Vorgestern brannte es wieder, diesmal in der Etage darunter. Auf der Vorderseite, wo das Haus in Regenbogenfarben getüncht ist, rettete die Feuerwehr Bewohner mit Leitern. Hier, auf der Rückseite der Reeperbahn, erstickte sie mit Wasser die Flammen in jenem Zimmer, in das man heute durch ein zahnloses Maul von einem Fenster hineinsehen kann. Und in dem ein Mann starb.

Nach dem Brand von damals musste das Haus eingerüstet werden. Die Renovierung der Fassaden und der ausgebrannten Etage dauerte über ein Jahr. Jetzt wird das alles von vorne losgehen.

Über den Toten liest man nichts, auch nicht in der Mopo


24 März 2025

In memoriam: Käpt’n Angelo


Dieses kleine Porträt eines Kiezoriginals erschien hier im Blog am 7. Dezember 2013 unter dem Titel „Ein Jahr an Krückenstöcken“. Vor wenigen Tagen ist Käpt’n Angelo nun gestorben, wohl mit 82, und das macht es unbedingt notwendig, diesen Text hervor- und hochzuholen – und einzusortieren in die traurigste aller Rubriken auf der Rückseite der Reeperbahn: in memoriam. Hier also noch einmal der Text und das Video von damals. 

Käpt’n Angelo Basilikos sitzt bei null Grad Außentemperatur Beim Grünen Jäger und versucht seine Finger an den eisigen Stahlsaiten seiner Bouzouki warmzuspielen. Das klappt natürlich nicht, und deshalb will er auch gleich den Betrieb einstellen. 

Vorher aber gestattet der altehrwürdige Grieche mir noch mitzufilmen (s. unten), wie er den Pavarottis gibt. „Meine Stimme hat neun Oktaven!“, behauptet er kühn und nicht ohne Stolz. Nun, das wären ungefähr dreimal so viele wie Mariah Carey, aber Käpt’n Angelo hat ja auch ein paar Jährchen länger geübt. 

Seit 40 Jahren lebt er auf dem Kiez, „habe Kinder gemacht auch“; ein alter Seebär, den es in seiner Jugend nach San Francisco verschlagen hatte, weshalb er nach seiner Rückkehr nach Athen, wo er mit einer Sängerin und Orchester in Musikclubs auftrat, als „der Amerikaner“ galt. 

Zuletzt aber lief es echt schlecht. „Ich habe ein Jahr an Krückenstöcke gelebt“, erzählt Käpt’n Angelo zwischen zwei Songs in seinem wunderbar griechisch gefärbten Baritondeutsch, das ihm jederzeit einen Radiojob verschaffen dürfte, wenn es ihm doch mal zu kalt wird für Straßenmusik. 

Schuld an des Käpt’ns Krückenstöckenjahr war ein Unfall, der ihn alles kostete: seine Frau und die beiden Kneipen, die er auf dem Kiez mal führte, wie er erzählt. Eigentlich ein super Grund, um sich willenlos der Altersdepression hinzugeben, doch an so was hat ein Käpt’n Angelo keinerlei Interesse. 

Stattdessen blitzen seine 71-jährigen Kapitänsäuglein vor Freude, wenn er über sein bewegtes Leben erzählt, bei null Grad Außentemperatur die Finger an den eisigen Stahlsaiten seiner Bouzouki warmzuspielen versucht und vergnügt den Pavarottis gibt.

Wegen solcher Typen liebe ich St. Pauli. Sie wiegen tausend Eckenpinkler auf. 

Na gut: 500.



Update 10.04.2025 (Fotos von Jörgi):







 


02 März 2025

Ein Un- und ein Vorfall

Zuletzt gebärdete sich der Kiez wieder recht actionreich. So erschreckte uns unlängst, als wir gerade das Haus verlassen hatten, ein massiver Knall, und als wir hochschauten, drehte sich an der Kreuzung Detlef-Bremer- und Seilerstraße gerade noch eine silberne Limousine gen Gehweg. Ihr war ein Kleinwagen voll in die Seite gerauscht, und zwar zu Unrecht, denn dessen Fahrer hatte die Vorfahrtsregel  eher frei interpretiert.

Der vordere Teil der Limousine war lückenlos ausgestopft mit prallstmöglichen Airbags, ein, wie ich finde, schönes und befriedigendes Beispiel für funktionierende Ingenieurskunst.

Wir eilten herbei, doch die Insassen, eine Frau und ein Mann, wühlten sich bereits verdattert, doch aus eigener Kraft aus ihrem Ballonparcours. Ihr Kontrahent stand derweil kreidebleich und stumm neben seinem Auto, während eine Angestellte aus der Physiopraxis, vor der sich alles zugetragen hatte, ihm ein Glas Wasser zu reichen versuchte und ein Passant bereits die 112 instruierte.

Es gab also anscheinend keine ernsthaft Verletzten und angesichts der zahlreich anwesenden Hilfswilligen wenig Unterstützungsbedarf, weshalb wir unseren Weg fortsetzten. Dieses Verfahren war einige Tage vorher weniger gut möglich gewesen, weil die entsprechende Szenerie uns bei einem Blick aus dem Wohnzimmerfenster zugemutet wurde. Das Foto soll einen ungefähren Eindruck davon vermitteln.

Zunächst schien es, als ginge der abgebildete Herr im Hoodie einer kiezüblichen Tätigkeit nach, nämlich unter Missachtung der überall verfügbaren öffentlichen Toiletten kurzerhand auf den Gehweg zu schiffen. Allerdings vermisste ich den dazugehörigen Strahl. Und das lag daran, dass der Mann auf halber Körperhöhe rhythmisch an sich herumhantierte. Meines Erachtens legte dieses Gebaren etwas ganz anders nahe als handelsübliches Wasserlassen. Nun ja.

Manchmal denke ich, wir sollten vielleicht doch nach Berchtesgaden ziehen.




24 Februar 2025

Ein St.-Pauli-Winterresümee

Was (wieder mal) von Silvester übrig blieb.


Erste Sturmflut des Jahres am Fischmarkt.


Reeperbahn im Morgennebel.


Raureif am Fischmarkt.


Seilerstraße im Januar.


St. Pauli weiß das: AfD 4,9 Prozent.


22 Dezember 2024

Mein Rotz wird recycelt

Natürlich kann man den reichhaltigen personellen Besatz des Kiez’ als „merkwürdig“ beschönigen, doch wahrscheinlich rührt die Verhaltensauffälligkeit nicht weniger Menschen auf St. Pauli von ernsthaften psychischen Störungen her. Und das ist durchaus weniger unterhaltsam als schlichte Exzentrik.

Nehmen wir den jungen Mann heute Morgen am U-Bahnhof St. Pauli. Er trat an einen offenen Mülltütenhalter, in dem ich soeben ein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch entsorgt hatte. Die eingehängte Tüte war vor kurzer Zeit erneuert worden, denn es war sonst nichts darin, nur mein Taschentuch. Nun betrat der junge Mann die Szene. Er war gänzlich in Schwarz gekleidet und trug einen Hoodie mit der nicht leicht zu widerlegenden Botschaft „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“ auf dem Rücken.

Er stellte sich vor den Mülleimer und stierte hinein, als wollte er meditieren. Nach einer Weile ergriff er mein frisch beschnäuztes Papiertaschentuch, hielt es sich unter die Nase und schnupperte ausgiebig daran. Unsere Verwunderung evolvierte rasch. Nach der anscheinend positiv ausgefallenen Geruchsprobe nahm er das Taschentuch, um damit ausgiebig über den metallenen oberen Rand des Mülltütenhalters zu wischen.

Damit fuhr er ungefähr eine Minute lang fort, ehe offenbar sein Bedürfnis nach einem sauberen Mülltütenhalterrand gestillt war. Ob dies mit einem von mir kontaminierten Papiertaschentuch überhaupt zu bewerkstelligen war, wagte ich zu bezweifeln, jedoch nur innerlich, denn das schien mir kein Thema, das ich mit einem ganz in Schwarz gekleideten Mann mit einem „Die Reeperbahn besteht zu 3/4 aus Alkohol“-Hoodie, der an fremden Papiertaschentüchern schnüffelte, ausgiebig diskutieren sollte.

Als die U-Bahn kam, stieg er in denselben Wagen wie wir. Den Weg zum Bahnhof nutzte er dann vor allem, um sich mit beiden Händen, die eben noch mit einem vollgeschnäuzten Papiertaschentuch einen Mülltütenhalterrand gewienert hatten, vielfach durchs Haar und übers Gesicht zu streichen.

Also: bloße Exzentrik oder Ausdruck ernsthafter psychischer Probleme? 

Händeschütteln als sozialer Akt verliert jedenfalls für mich weiter an Liebreiz.




04 November 2024

27 Oktober 2024

24 September 2024

Wenn es Nacht wird auf St. Pauli (1)

Gegen Ende des Tages entsteht jenes spezielle Kiezflair, das nicht unbedingt Rot-, aber auf jeden Fall Kunstlicht braucht. 

Die neue Serie hier im Blog „Wenn es Nacht wird auf St. Pauli“ zeigt den Kiez nach Sonnenuntergang, wenn das Abgeranzte, Verrottete, wenn all der Dreck im Dunklen versinkt und Neonlicht für heimelige Melancholie sorgt.

Alle Fotos von heute entstanden gestern Abend in der Hein-Hoyer- und der Seilerstraße.




10 September 2024

Wenn die Telekom an deine Tür hämmert

Heute Nachmittag verschaffte sich ein gewisser Leon C. Zugang zu unserem Haus. Er hatte sich unten vorgestellt als „Vertreter Ihres Netzbetreibers“ und mich damit reingelegt. Ich hatte trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit derlei Tricks den Summer gedrückt. Grober Fehler. 

Sein Name stand auf einem Mitarbeiterausweis der Telekom, den ich mir später gerade noch so eben zeigen lassen konnte, ehe eine weitere Eskalationsstufe dies unmöglich gemacht hätte. Leon C. – etwa Mitte zwanzig, akkurat frisiert, energisches Kinn; vgl. die Fotos aus dem Netz, die ihm ähnlich sehen – wollte unbedingt mit mir über Glasfaserverträge sprechen. Meinen Hinweis, die entsprechende Mail, die ich neulich von seinem Auftraggeber erhalten habe, genüge mir als Entscheidungshilfe vollauf, ließ er nicht gelten. Stattdessen versuchte er aufdringlich, mich mit rhetorischen Fragen in ein Gespräch zu verwickeln. Das lehnte ich entschieden ab.

Inzwischen standen mehrere Nachbarn in ihren Wohnungstüren, denn Leon C. hatte natürlich überall geklingelt. Ich warnte sie in seiner Gegenwart lautstark vor einem just anwesenden Telekom-Drücker und bat ihn, das Haus zu verlassen, und zwar unverzüglich.

Ob ich Eigentümer sei, schnappte er zurück.
Nein, Mieter, sagte ich.
Dann müsse er auch das Haus nicht verlassen, argumentierte er. Als Mieter habe ich nicht das Recht, ihm derlei zu befehlen.

Unter der akkuraten Frisur glühte es inzwischen puterrot. Außerdem wechselte er unversehens zum Du. Wenn Sie dieses Blog seit seinen Anfängen verfolgen, ahnen Sie, wie sehr mir höfliche Umgangsformen am Herzen liegen. Deshalb fragte ich ihn, warum er mich plötzlich duze, und verbat mir das.

Das brachte Leon C. endgültig auf Zinne. Seine hervorgestoßenen Worte „Wollen wir das klären? WOLLEN WIR DAS KLÄREN?“ kann ich nur dahingehend deuten, dass ihm als angemessene Lösung unseres Disputs eine zünftige Straßenprügelei vorschwebte.

Auch das, Sie ahnen es, ist nicht vollends kompatibel mit meiner Idealvorstellung zivilisierter Umgangsformen. Deshalb beschloss ich mich sicherheitshalber in unsere Wohnung eine Etage höher zurückzuziehen. Allerdings eilte Leon C. mir hinterher. Gerade noch rechtzeitig gelang es mir, die Wohnungstür zu schließen und die Kette vorzulegen. Er schlug mehrfach gegen die Tür.

Zu meiner nicht geringen Schande muss ich leider gestehen, dass ich ihm daraufhin ein herzhaftes „Verpissen Sie sich!“ entgegenschmetterte. Immerhin ohne ihn zu duzen. Auf dieses Niveau wollte ich mich nun wirklich nicht herablassen.

Nach diesem Vorfall scheint mir die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hier im Haus demnächst einen Glasfaservertrag mit der Telekom abschließt, ein wenig gesunken zu sein. Und wer weiß: Vielleicht gelingt Leon C. dieser Erfolg ja dank seiner sehr speziellen Drückerkolonnenmethode in ganz St. Pauli.



 

06 August 2024

Der Streetworker von St. Pauli


Das auf dem Foto ist Herr H. Dass er so heißt, habe ich von einem Nachbarn erfahren. Anscheinend hat Herr H. zu Hause keinen Raum, den er als Arbeitsplatz nutzen kann. Deshalb macht er Streetoffice. Herr H. ergreift dazu Stuhl und Laptop, betritt den Kiez, setzt sich auf den Gehweg und arbeitet. Ganz gerne wüsste ich schon, an was. Aber bisher habe ich eine gewisse Scheu, Herrn H. danach zu fragen.

Manchmal errichtet Herr H. sein Streetoffice auch nicht auf dem Gehweg, sondern direkt auf der Straße. Dass dieser Anblick auf herannahende Autofahrer irritierend wirken könnte, kümmert Herrn H. keineswegs. Schließlich sind sämtliche Fahrzeuge mit Lenkrädern ausgestattet und somit in der Lage, mit wenig Aufwand einen Bogen um ihn herum zu fahren. Wenn sie das nicht in der Fahrschule gelernt haben, was dann.

Übrigens habe ich noch nie einen Autofahrer gesehen, der sich über Herrn H.s auf der Fahrbahn errichtetes Streetoffice echauffiert hätte. Man hört ja sonst so allerhand, wie es zugehen soll vor Ampeln und auf Autobahnen. Geschrei, Gepöbel, justiziable Eigenschaftszuschreibungen: All das scheint in Deutschland gar nicht selten vorzukommen. Doch nicht in Gegenwart von Herrn H. Man umkurvt ihn offenkundig verständnisvoll und deshalb kommentarlos. Was er als selbstverständlich hinnimmt.

Nein, Herr H. lässt sich bei dem, was immer er dort tut, nicht stören. Man kann sogar sagen, dass die resiliente Konzentration, mit der Herr H. sein Streetoffice-Pensum abarbeitet, bewundernswert ist. Nichts bringt ihn aus der Ruhe.

Herr H. richtet seinen Stuhl immer nach Westen aus. Zwar scheint ihm dann die Sonne mitten ins Gesicht, doch wenigstens nicht aufs Laptopdisplay. Das könnte schließlich bei der Arbeit stören, eventuell sogar die Qualität der Ergebnisse beeinträchtigen. Deshalb vermutlich nach Westen. Manchmal denke ich, dass Herrn H. eine Schirmmütze guttäte, aber wer bin ich, seine selbst geschaffenen Rahmenbedingungen infrage zu stellen.

Herr H. ist mir bisher ein Mysterium. Steht er vielleicht in der Tradition von Melvilles Schreiber Bartleby? Welche biografischen Wendungen und Winkelzüge führten zu seinem stoischen Dasein als Streetworker im wortwörtlichen Sinn?

Vielleicht überwinde ich demnächst meine Scheu und frage ihn einmal. Dann mehr an dieser Stelle.



30 Mai 2024

Fundstücke (263)

Besser kann man die Funktionsweise der Kneipenmeile Hamburger Berg nicht beschreiben. 

Entdeckt an der Fassade der Schankwirtschaft Bergbombe.