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24 Juli 2026

Kalk und Schimmel in Berlin

Neulich waren wir übers Wochenende in der Hauptstadt, wo wir ein Hostel nahe dem Hauptbahnhof gebucht hatten. Selbst mit Presserabatt kratzte der Preis für zwei Nächte an der Zweihundert-Euro-Marke – recht stolz für eine Unterkunft, die maximal der Zweisternekategorie zuzuschlagen wäre. Aba dit is Berlin!

Von einem Hostel darf man natürlich keine Wunderdinge erwarten. Doch mag die Ausstattung auch noch so spartanisch sein: Sein A und O ist natürlich die Sauberkeit. Daran darf es niemals mangeln, auch in einem bahnhofsnahen Berliner Hostel nicht, sonst fühlen Gäste sich schnell unwohl, ja sogar unwillkommen.

Sie ahnen es: Genau so sollte es uns ergehen.

Als wir unser Hostelzimmer betraten, trat zügig der geschilderte Effekt ein, spätestens nach der Inspektion des Bades. Schon die Einfassung der Dusche, die auf dem Foto zu sehen ist, bemühte sich erfolgreich, alle Grau- und Weißschattierungen über lange Zeiträume eingetrockneten Kalks zu präsentieren. An den Rändern der milchtrüben Schiebetür hatten es sich indes bräunlich-gelbe Krusten gemütlich gemacht. Hier koalierte das omnipräsente CaCO₃ offenbar erfolgreich mit Seifenresten, Körperfett und Schmutz. Die Fugen zwischen den Wandkacheln hingegen boten schwarzem Schimmel – wahrscheinlich Cladosporium oder Aureobasidium – eine bestens ausgestattete Heimstatt.

Der wandnah angebrachte unbewegliche Duschkopf – auch seine Düsen nicht frei von Pilzmyzel und Sporen – war notdürftig mit Klebeband, das sich allerdings schon wieder zu lösen begann, am Schlauch fixiert. Immerhin spuckte der Duschkopf Wasser aus, allerdings musste man, um überhaupt etwas davon abzubekommen, nackig, wie man war, auf unschöne Weise der schwarzschimmligen Kachelwand zu nahe treten.

Apropos Wasser: Es lief nur sehr unwillig ab und stand uns bald bis zu den Knöcheln. Rasch wurde klar, wie es in den Tiefen des Abflussrohres aussehen musste. Dort gediehen wahrscheinlich algenartige Lebensformen, bestens genährt von Schuppen, Fett und Haar der Gäste und unter diesen lebensfreundlichen Bedingungen zu schmierigen Büscheln herangewachsen, welche dem Duschwasser den Weg in die Berliner Kanalisation verwehrten.

Natürlich taten wir unseren Unmut an der Rezeption kund. „Ich geb’s weiter“, hieß es routiniert. Zur Sicherheit informierten wir auch die Zentrale per E-Mail über den mäßigen Eindruck, den diese Filiale bei uns hinterlassen hatte. „Aufgrund eines derzeit sehr hohen Anfrageaufkommens“, hieß es in der Eingangsbestätigung, „kann es zu Verzögerungen in der Bearbeitung kommen.“

Woher das hohe Anfrageaufkommen rührt, dazu hätte ich ein, zwei stichhaltige Vermutungen.


 

15 April 2017

Vom Segen der Taubheit (mit Pareidolie 118)

Wien hat die in Deutschland alljährlich so heftig diskutierte Karfreitagsproblematik salomonisch geregelt. 

Da dieser Feiertag ein evangelischer ist, darf jeder Protestant seinem Chef – also dem weltlichen – straflos mitteilen, er bevorzuge einen Gottesdienstbesuch gegenüber der Bürofron, und ohne Diskussion darf er den lieben langen Karfreitag daheim bleiben. Wer aber nichts dergleichen vorbringt, muss halt arbeiten. Die Katholen und alle anderen Nichtevangelen sowieso.

Aus diesem Grund wirkt Wien am Karfreitag unbeeinträchtigt. Die Geschäfte haben geöffnet, die Stadt wimmelt vor Menschen, darunter auch jene, die sich mit der Zusage eines Gottesdienstbesuches einen freien Tag erschummelt haben. Statt erzwungener Bleischwere herrscht der übliche Großstadttrubel. Für uns ein „Segen“, da wir nur drei Tage hier weilen und schon gern ein bisschen was haben möchten von der Stadt.

Der Auftritt unserer Freundin, der Kabarettistin Angelika Niedetzky, findet ebenfalls am Karfreitag statt. In Deutschland würde derlei an diesem speziellen Tag gesetzlich unterbunden, denn die Frau erdreistet sich und macht WITZE! Sie singt und TANZT! Sie ALBERT HERUM!

Damit macht sie uns trübe Tassen wieder munter, denn die Nacht davor war geprägt vom Höllenlärm des Neubaugürtels, einer vielspurigen Rennstrecke, die tagein, nachtaus in nur drei Metern Abstand unser A&O-Hotel zum Beben bringt. Dort waren wir aus Gründen der Preisökonomie abgestiegen, mussten aber erkennen, dass Geiz nicht immer geil ist, sondern manchmal einfach nur hammerhart bestraft wird.

Selbst ein Umzug nach schlafarmer erster Nacht in eine Endetagenbutze, deren Dachluken das Neubaugürtelinferno nicht mehr direkt, sondern nur noch über Eck schallzuabsorbieren hatten, half kein bisschen, weil eine der beiden Luken nicht hermetisch schloss.

Sollten Sie also weder über juvenile Generaltoleranz gegenüber jedweder Umgebungsunbill noch über segensreiche Stocktaubheit verfügen, dann legen wir Ihnen als Übernachtungsalternative das A&O-Schwesterhotel am Hauptbahnhof ans Trommelfell. Die Preise sind identisch, doch dort gibt es sogar die Chance, das zur Verfügung gestellte Bett auch funktionsgerecht nutzen zu können.

Auch in Wien stieß ich beim Flanieren natürlich auf eine Pareidolie, wie es mir wohl überall auf der Welt gelänge, vielleicht abgesehen von der Wüste Gobi. Und schon hatte ich eine Bebilderung für diesen Text.

Wie sich immer wieder alles fügt, es ist erstaunlich.