16 März 2010

Ein fahles Strahlen

Als ich am Freitagnachmittag das Aldifoyer im Brauquartier betrete, steht der Typ schon dort herum und quatscht eine Kundin an. Sie antwortet nicht, sondern flieht, und er betritt mit mir den Laden.

Der Mann ist vielleicht Mitte 40, sein Mund steht ein klein wenig offen und erlaubt einen Blick auf sein frettchenartiges Gebiss, das ein Hauch von Fusselbart unschön umrahmt. Auf dem Kopf trägt er eine Schirmmütze, die nur unzulänglich die Glatze verdeckt; darunter schlängelt sich ein dünner Pferdeschwanz hervor, dessen Spitze manchmal kokett seinen Kragen touchiert.

Der Mann wirkt keineswegs abgerissen; seine Jeans sitzt tadellos, und der Ballonseidenblouson mag nicht der neuste Schrei sein, doch er ist sauber; zudem hat er keinerlei Behältnis dabei, was m. E. Obdachlosigkeit weitgehend ausschließt. Kein Penner hier auf dem Kiez würde sein Zeugs irgendwo liegenlassen, um bei Aldi einkaufen zu gehen, so weit käm’s noch.

Leicht schlingernd bewegt der Mann sich durch die Gänge, ganz so wie Angetrunkene es tun. Immer wieder kreuzen sich unsere Wege, und zufällig bin ich auch in der Kassenschlange hinter ihm. In Ruhe kann ich daher die gewagte Kompilation seiner Waren mustern.

Er legt aufs Band: 1. eine Flasche Astra, 2. einen „Mümmelmann Jagdbitter“ in praktisch-quadratischer Pappverpackung – und 3. ein Exemplar der Zeitschrift Bild der Frau.

Noch ehe ich in die Exegese dieses heterogenen Ensembles einsteigen kann, quatscht er wieder jemand an, diesmal die Kassiererin, die anscheinend sein höchstes Wohlgefallen erregt. „Sinnsie moggen widder hier?“, fragt er mit einer gewissen Schwammigkeit, die ans Hessische erinnert. „Ich habe morgen frei“, sagt die Kassiererin, ohne hochzublicken. „Unn Mondag?“, insistiert er schwankend. „Ja“, antwortet sie, „dann bin ich wieder da.“

Ein irgendwie fahles Strahlen legt sich auf seine alkoholgedämpfte Mimik. „Dann komm ich“, lallt er, „Mondag widder.“


Als ich den Laden verlasse, steht er vor der Tür und befreit gerade den „Mümmelmann Jagdbitter“ von jeder überflüssigen Pappe. Dann pumpt er den Inhalt des Flachmanns in einem Rutsch weg.

Sein Körper ist dabei nach hinten gebogen, er starrt schluckend in den Himmel, und der Pferdeschwanz ruht tief zwischen seinen Schulterblättern. Als er fertig ist, schlurft er über den Platz, quatscht einen Haspa-Kunden vorm Automaten an mit irgendwas und eiert weiter Richtung Davidstraße.

Vielleicht hat die Kassiererin noch schnell ihren Dienst getauscht. Selbst bei Aldi müsste das ja gehen, im Notfall.


>> Die beliebtesten Tags: Brief, Bus, Einzelhandel, Franke, Fußball, Obdachlose, Panne, Reeperbahn, Sex, St. Pauli


Kommentare:

  1. Das erinnert mich stark an den Typen mit dem ich mal während einer Fahrt von Hamburg nach Darmstadt ein Zugabteil teilen durfte. Er saß am Fenster und las ergriffen "Bravo Girl - Foto Love Stories". Irgendwann schlief er ein, während sein Handy eingehende SMS-Nachrichten mit dem Soundclip "Halt die Fresse, ich brauch Schnaps" kommentierte.

    AntwortenLöschen
  2. Nils die Maus01:27

    Huch? Schon fast halb zwei? Oh man.
    Aber eine Sache wollte ich noch los werden:
    Astra bei Aldi? Das wußte ich bis jetzt nicht, dass es das dort gibt. Das macht das Fernbleiben eines Aldimarktes in meiner Nachbarschaft umso schmerzlicher.
    Und wo ist auf dem Kiez ein Aldi? Ich kenne den Penny (nicht zuletzt durch etliche "Reportagen"), den Lidl (warum gibt's über den eigentlich keine Reportagen? Ist Penny da mediengeiler?) und diverse kleine Edekamärkte. Aber einen Aldi habe ich auf meinen nächtlichen Touren noch nicht erspähen können. Oder weiß es schlichtweg nicht mehr, was ja auf dasselbe hinausläuft.

    AntwortenLöschen
  3. miele02:31

    feinkostalbrecht
    im dreieck:
    hopfenstr, zirkusweg, bernhard-nocht-str,
    auf dem ehemaligen astragelände.......
    oder
    paul-roosen str......
    der kiez ist mehr als nur reeperbahn.....
    nils wo kommst du denn von wech......

    AntwortenLöschen
  4. Thies, Ihre Geschichte gefällt mir viel besser als meine.

    Danke, Miele, für die Info an Herrn Nils. Besser hätte ich’s nicht beschreiben können.

    AntwortenLöschen
  5. Nils die Maus10:41

    Miele, der Kiez konzentriert sich für mich mehr und mehr nur noch auf den Hans-Albers-Platz. Irgendwo anders bin ich eigentlich nicht mehr. Aber zumindest den beim alten Astragelände sollte ich ja kennen. Wie ich schon schrieb, habe ich den sicherlich mal gesehen, aber eben im Laufe der Nacht wieder verdrängt ;)

    AntwortenLöschen
  6. Weltklasse Story!

    Wer braucht schon diese langweiligen Youtube Videos, wenn s hier immer wieder detaillierte Berichte über das wahre Leben gibt!

    Gruss

    AntwortenLöschen
  7. Schöne Geschichte.

    AntwortenLöschen
  8. Joshuatree00:29

    Ich begrub am Wochenende Mümmelfrau "Lotta" in unserem nordbadischem Garten. Hätte danach das Zeugs unter den Tränen meiner Tochter auch gesoffen.

    AntwortenLöschen
  9. Anonym06:55

    Schön, wenn man in diesem Stil über vermeintlich Schwächere herziehen kann. Das steigert zumindest ein schwaches Selbstbewusstsein. Sind Sie Lehrer oder nur leerer?

    AntwortenLöschen