07 September 2006

Natascha Kampuschs Rückkehr ins unbekannte Leben

Natascha Kampusch dachte im Augenblick der Flucht mit Sorge an ihren Entführer, der für diesen Fall mit Selbstmord gedroht hatte. Sie dachte traurig an dessen Mutter und Freunde, deren Welt sie nun einstürzen lassen würde.

Und dann sprang sie doch über den Zaun, zurück in ein Leben, das sie überhaupt noch nicht kennengelernt hatte.

Wie Millionen anderer verfolgte ich heute Abend mit Ms. Columbo das erstaunliche und fesselnde Interview mit dieser Frau, von der bislang nur Kinderfotos existierten.

Wir starrten die ganze Zeit in dieses flackernde hübsche Teenagergesicht und konnten nicht umhin, die 18-Jährige zu bewundern – dafür, nach achteinhalb Jahren, in denen sie nur mit einem einzigen Menschen sprechen durfte, nun gefasst und bestimmt zu Millionen Menschen zu sprechen, ohne sich dabei in Luft aufzulösen.

Ein Abend, der Fernsehgeschichte schreiben wird. Hier ein knapp vierminütiger Ausschnitt aus dem TV-Interview.

Kommentare:

  1. wir haben ebenfalls wie gefesselt vor der glotze geklebt, während in der küche das toastbrot verbrannte. ich fand sie äußerst symphatisch, ziemlich charismatisch. manchmal hatte ich den eindruck, als würde sich eiskalte berechnung mit kindlicher unsicherheit vermischen. ich glaube, sie wird aus dieser erfahrung was vernünftiges machen...

    AntwortenLöschen
  2. Ich hab lieber Fussball geguckt, 13 Tore sind mir lieber als die Emotionen eines Mädchens das 8 Jahre von einem Psychopathen gefangen gehalten wurde. Aber das ist keine Kunst, das einzigste was ich Fussball vorgezogen hätte wäre Sex mit einem Playmate gewesen.

    AntwortenLöschen
  3. Matt, du als Blogger und Journalist solltest den nicht unbeträchtlichen Adrenalinkick der Aufmerksamkeit kennen.
    Nimm deine Erfahrung mit diesem Gefühl als Ausgangsbasis und dividiere sie durch etwa 10000.
    Dann nimm deinen höchsten je erreichten Kick und multipliziere ihn mit mehreren Millionen. Mit dieser Differenz bist du dann etwa bei der Kampusch von gestern.
    Ich habe keine Ahnung was so was mit der Psyche eines Menschen macht. Ich will mir auch nicht anmaßen, das einzuschätzen. Ich wäre da nur sehr vorsichtig. Vorsichtiger jedenfalls.

    AntwortenLöschen
  4. PS: @Dav. Das selbe gilt übrigens in etwa auch für die Nationalmannschaft von San Marino. ;-)

    AntwortenLöschen
  5. Ich kann mir das auch keine Sekunde lang vorstellen, wie es gewesen wäre, gestern Abend an ihrer Stelle gewesen zu sein. Ich jedenfalls könnte mir – um bei großen Zahlen zu bleiben – nicht in einer Million Jahren vorstellen, das tun zu können. Daher der Vergleich mit dem „in Luft auflösen“.

    AntwortenLöschen
  6. Ich hatte mir aus prinzipiellen Gründen Enthaltsamkeit verordnet und kenne die Angelegenheit jetzt nur von diesem Beitrag und der Niederschrift des Interviews.

    Beides hat mich schon bewegt. Eine sympathische junge Frau und ein guter Journalist.

    Jetzt wünsche ich Natascha von Herzen, daß sie sich bald in einen anständigen Typen verliebt, das dürfte die beste Medizin sein. Und mit ihm konsequent raus aus den Medien, ich halte das für möglich.

    AntwortenLöschen
  7. Sie wird das Problem aller Prominenten haben und sich bei jeder Avance fragen: Liebt er mich oder meinen Ruhm? Das wird schwer.

    Raus aus den Medien wird auch schwer. Es wird längere Zeit dauern. Hoffentlich nicht so lange wie ihre Gefangenschaft.

    AntwortenLöschen
  8. Noch was zu Natascha Kampusch und ihrem Entführer Wolfgang Prikopil, hiess es nicht er hätte einen Komplizen gehabt, ein Mann hätte sie ihn den Lieferwagen gezerrt und ein anderer wäre gefahren? Gab es da nicht diesen besten Freund von Prikopil der behauptete er dachte in der Garage würde Prikopil irgenwelche Modellautos zusammenbauen und er hätte zu ihm gesagt das Mädel sei eine Jugoslawin die ab und zu im Haus hilft? Sehen Sie einen Zusammenhang? Ich schon, ich denke er ist sein Komplize. Ich sollte Detektiv werden, ich weiss auch wär Jack the Ripper war.

    AntwortenLöschen
  9. Mein Wunsch war, daß SIE sich verliebt. Das ist ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied. Die Forderung, geliebt zu werden, ist eine Anmaßung.

    Und nun klinke ich mich aus diesem Thema wieder aus.

    AntwortenLöschen
  10. To be honest: Ich habe es mir auch bewußt nicht angeschaut. Zwischen Absender und Adressaten liegen Welten, die wegen der Perversion der Tat niemals in 20 Minuten geglättet werden konnten.

    Nun denken alle Zuschauer, dass sie scheinbar souverän damit umgehen kann? Ich denke, alles kam zu früh.

    AntwortenLöschen
  11. Mich interessiert die mediale Aufbereitung der Geschichte nicht. Sie kann (und will) der Geschichte und dem Schicksal der jungen Frau nicht gerecht werden.

    AntwortenLöschen
  12. Mich interessiert diese Frau und ihre Geschichte - und dabei bin ich (leider) auf die Medien angewiesen. Das muss ich also in Kauf nehmen.

    AntwortenLöschen
  13. Mich würde die Geschichte auch interessieren. Was mich jedoch nicht interessiert ist die Aufbereitung der Medien. Die ist voraussehbar und verletzt in diesem Fall auch noch massiv die Menschenwürde der jungen Frau. Ich befürchte, es wird noch schlimmer kommen. Warte mal ab, irgendwann kommt die Hexenjagd, weil sie keine perversen Sexsklavin Geschichten erzählen will... nee, sorry, mir tut die junge Frau unendlich leid. Für das Schicksal das sie bisher durchlitten hat und für das, was die Medien aus ihr machen werden. Ändern kann ich daran nichts. Aber ich muß dabei auch nicht zuschauen.

    AntwortenLöschen
  14. Bevor die Medien das Thema aufarbeiten, muss es die junge Frau tun. Das geht nicht so schnell. Vor allem nicht in RTL-Boulevardmedien, auch wenn sie sich noch so viel Mühe geben. In 2 Jahren gibt es hoffentlich eine Reportage, die das Gewesene und die heutige Realität einigermaßen realistisch zusammenfügt. Die läuft aber eher auf 3-Sat oder Arte.

    @boogie 17:42: Ich denke, Du kennst den Widerspruch selbst, den Du geäußert hast.

    AntwortenLöschen
  15. Nachtrag: Der für Frau Kampusch unentgeldlich arbeitende PR-Berater hat leider eines vergessen: Es gibt kein "ein bisschen Medien". Abhängig vom Interesse der Rezipienten wollen Medien stets alles oder gar nichts und geben sich mit "ein wenig" nicht zufrieden. Versuche, die Medien zu steuern, schlagen hier fehl. Der Berater hat hungrigen Löwen ein kleines Stück Fleisch hingeworfen. Sie sind hinter dem selbsternannten Status der Verantwortung in Wahrheit gar nicht satt und werden sich also zumindest etwas essbares erträumen. Lügen und Dichtungen gingen dann zu Lasten von Frau Kampusch, was ihre Situation dramatisch verschlimmern würde, da sie die Realität noch nicht verarbeiten konnte.

    AntwortenLöschen
  16. Bei der Diskussion um „die Medien“ wird oft vergessen, wessen Informationsinteresse sie repräsentieren - nämlich das des Medienkonsumenten. Medien sind nur ausführende Organe eines allgemeinen Willens, der sich in Einschaltquoten messen lässt.

    Wer „die Medien“ kritisiert, attackiert nur das Symptom, nicht aber die Ursache. Opa oder Boogie sind konsequent, wenn sie nicht hinschauen und somit auch keine Quote repräsentieren. Ich bin da anders: Mein Interesse ist so groß, dass ich hinschaue. Und in diesem Fall, joshua, kann man nicht mal auf das böse Privatfernsehen RTL herabschauen, denn der Sender hat das Interview vom Öffentlich-rechtlichen Sender ORF nur eingekauft.

    AntwortenLöschen
  17. Das Ausschlachten des Themas Natascha Kampusch ist wie alle anderen nicht wichtigen oder nicht wirklich wichtigen Themen nur ein Lückenfüller damit die Nachrichten nicht über die wichtigen Probleme berichten müssen. Wenn die Masse mit Emotionen vollgepumpt wird ist ihr Bedarf gedeckt und sie achten nicht darauf was z.B. im Nahen Osten passiert, welche Bastarde sich in den Atombombenclub einreihen oder wie unsere Bürgerrechte beschnitten werden. Der Fall Kampusch war genau das richtige um auch intelligente Leute von den wichtigen Themen abzulenken die auf den Rummel um Robbie Williams und Madonna nicht anspringen oder deren Emotionale Aufnahmefähigkeit durch Verliebt in Berlin gedeckt wird. Die ganzen Sensationsreporter und ähnlicher Mist haben den Beruf des Journalisten vergewaltigt und deren Ruf schwer geschadet. Früher war das nur die Bild, heute bedienen sich auch "seriöse" Zeitung der Panikmache und Ablenkung vor den richtigen Problemen. Gut das ich jeden Tag mein Main Echo auf em Tisch hab und nur die Tagesschau sehe, solide Integrität anstatt der Welt und RTL 2 die einem das Gehirn mit Scheisse vollpumpen. Journalisten nehmen heutzutage beide Rollen ein, die des Verwirrers und die des Aufkläreres. Doch die Verwirrer sind stark in der Überzahl, Geld, Macht, Ruhm, darum geht es. Nur noch wenige sind dem treu was einen Journalisten ausmacht, das subjektive Empfinden der Wahrheit und deren unbedingte Publikmache anstatt trotz besserem Willen zu lügen oder Panik zu machen. Durch den Schmodder wächst der Hass der nicht gehirngewaschenen auf das ganze Gewerbe, den Menschen sind voller Vorurteile, das waren sie schon immer und werden sie immer sein. Fehlt dem ganzen eine Pointe, so soll man überleben ob das ganze nicht schon an sich eine Pointe ist.

    AntwortenLöschen
  18. überlegen nicht überleben

    AntwortenLöschen
  19. @ matt: Deine These: "Die Medien vertreten das Informationsinteresse der Öffentlichkeit" halte ich für blauäugig. Wir sprechen doch sicher von den selben Medien? Also, ich meine diejenigen, die mir am frühen Abend Soapscheiße um die Mundwinkel schmieren, zur Hauptsendezeit das Kampusch Interview präsentieren, danach Ungeklärtekriminalfällevon1967mitpsychofaktor und dann wechselweise Rufmichan-Klingeltöne und Horrorskop Telefon Gelalle von ehemaligen Versicherungsvertretern? Nicht zu vergessen, Vormittags die Sozialpornotalks im Wechsel mit Dein Nachbar vor Gericht Shows. Sorry, diese Medien vertreten vor allem eins: die Gewinnmaximierung bis zum Erbrechen. Ok, das Brot und Spiele funktioniert schon seit den alten Römern, ich werde es auch nicht ändern können. Zum Kotzen finde ich es trotzdem.

    Wie schon vorher geschrieben, die Neugierde auf die Geschichte teile ich, aber ich sehe das auch so wie ein sehr geschätzter Freund von mir, der schrieb: "Gerade ein paar Minuten des Natascha-Kampusch-Interviews gesehen und vor allem eins gedacht: Das mich das einen Scheissdreck zu interessieren hat." (haarbueschel.blogspot.com) Zu hart ausgedrückt? Ich denke: nein (allerdings sollte man das Zitat auch sehr genau lesen).

    @ joshuatree: Ich muß gestehen, ich sehe da keinen Widerspruch, zwischen persönlicher Neugierde und dem Medienbohei. Dieser Widerspruch lässt sich wunderbar mit der Fernbedienung auflösen. Und manchmal tut's auch einfach der An/Ausschalter am Fernseher. ;)

    AntwortenLöschen
  20. Nachtrag:

    Gerade in der Werbung:
    Sensationell, die neuesten Fotos von Natascha Kampusch
    Die Aktuelle

    AntwortenLöschen
  21. Boogie, wir sind völlig einer Meinung. Vielleicht hat mein sachlicher Ton es verhindert, dass der Sarkasmus durchscheinen konnte.

    Was ich sagen wollte: Die Sender senden nur das, was Quote bringt - und über die Quote entscheidet das Publikum. Der ganze Schrott, den du aufzählst, wäre längst verschwunden, wenn ihn keiner mehr einschalten würde. Solange sie aber einschalten, werden diese Sendungen weiterlaufen - das ist Medienkapitalismus.

    AntwortenLöschen
  22. @dav: Ihr Nachtrag trifft meine Befürchtungen auf den Punkt. Genau das meinte ich. Und dieses würdelose Theater wird nun so über Jahre weitergehen.

    @boogie: Sorry, ich habe den Konjunktiv im ersten Satz Ihres Beitrags von 17:42 überlesen.

    @matt: "... über die Quote entscheidet das Publikum". Hmm.
    Viele TV-Formate werden danach produziert, welche Alters- und Konsumentengruppe für den Sender und seine Werbeinseln interessant ist. Das Ei kam in dieser Hinsicht vor dem Huhn - die Hühner liefen dann aber dem Ei hinterher ;-).

    AntwortenLöschen
  23. Genau. Und die Hühner wären dem Ei nicht hinterhergelaufen, wenn es nicht ihrem Geschmack entspräche.

    Mal im Ernst: Was immer sich die Sender an Formaten für die Alters- und Konsumentengruppen ausdenken, ist ja gut und schön, aber die Wahrheit liegt aufm Platz. Wenn das Zielpublikum nicht mitmacht, ist die Sendung schneller wieder verschwunden, als die Werbekunden piep sagen können.

    AntwortenLöschen
  24. Joshuatree23:16

    Nunja - der angeblich representative Aufbau von "IchglotzTVundjedersiehtesfürsfeedback"-Geräten steht zur Diskussion. Wir reden aber hier jetzt über Marketing - jeden Tag ein neues Ei.

    AntwortenLöschen
  25. Ich kann mir sowas nicht anschauen. Mir tut sie unendlich leid, aber was soll das da im Fernsehen? Nach dem Aufruf, sie in Ruhe zu lassen, was ich gut fand, war dieser Auftritt nicht zu verkraften. Irgendwas ist da nicht echt, hab ich das Gefühl, da kommt noch was nach! Tragisch eben.

    AntwortenLöschen