01 Januar 2006

Der Morgen danach

Als ich gegen halb zwölf zum Brötchenholen gehe, ist für erstaunlich viele die Silvesterparty noch voll im Gange. Am Hamburger Berg sind die Kneipen überfüllt, Menschen quellen heraus auf den Gehweg, bestens versorgt mit Getränken, innen wie außen.

Die Kaschemmen erbrechen dumpfe Beats. Aus dem Roschinskys torkelt mir ein Paar vor die Füße; die grell geschminkte rothaarige Frau ist schwer angeschlagen, sie atmet prustend aus mit knatternden Lippen, als müsste sie sich in der nächsten Sekunde übergeben.

Ich halte Sicherheitsabstand. Eine andere junge Frau läuft auf die Straße und lässt die Arme flattern wie ein Vogel; sie trägt eine ärmellose Bluse, die ihren Rücken fast gänzlich unbedeckt lässt, und quiekt: „Mir ist kalt!“ Ein Junge trottet ergeben hinter ihr her.


Über die Bürgersteige röhren schon unerbittlich die Reinigungsfahrzeuge, Passanten gehen unwillig beiseite. Überall liegen die Reste des Feuerwerks. Ihre Besitzer haben jegliches Interesse an ihnen verloren. Wenn man sie gestern Nacht aufgefordert hätte, die ausgebrannten Kartuschen, leeren Flaschen, die Scherben und zurückgebliebenen Raketenstöckchen wegzuräumen, sie hätten dich wahrscheinlich angeglotzt wie ein Alien. Wozu gibt es die Stadtreinigung?


Große Musik, die heute durch den iPod floss: „Rapture“ von Antony & The Johnsons, „Maybe I wish“ von Embrace und „Milk and honey“ von Jackson C. Frank.


Kommentare:

  1. Meine netteste Begegnung:

    Als ich mir etwa um die gleiche Zeit bei Schweinske Zigaretten zieh, balanciert direkt vor dem Eingang ein Einbeiniger und schwenkt seine Krücken seitlich wild wie Flügel. Dabei schreit er etwas ungehalten:

    "Nun flieg doch endlich!"

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  2. Frohes Neues von der anderen Kiez Seite, hoffe du bist gut gerutscht Matt :)

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  3. ... der Einbeinige hätte sich mit der Rückendekolletierten zusammentun können. Vielleicht hätten sie es gemeinsam geschafft abzuheben.

    Euch auch ein frohes neues Jahr! Hoffe, wir hören und lesen viel voneinander in 2006.

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  4. Die geschilderte Szenerie kommt meiner persönlichen Vorstellung der Vorhölle schon bedenklich nahe. Nun gut, wenigstens wird Ihnen der Stoff nie ausgehen, das zumindest ist beneidenswert.

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  5. Ja, ich glaube, ohne diesen Kiezkokon um mich herum wäre ich wohl nicht zum Blogger geworden. Der Vorhölle sei Dank!

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