14 Januar 2006

Die Enttarnung

Wenn es wintert in Hamburg und die Teiche sich einen Mantel aus Eis überziehen, dann sieht man sie erstaunlich oft: festgefrorene Einkaufswagen. Warum das so ist, weiß ich nicht. Irgendwer muss die mobilen Drahtgestelle aus dem Supermarkt entführen, die Einkäufe daheim ausleeren und sogleich von derart immenser Trägheit übermannt werden, dass er völlig unfähig wird, die Wagen wieder zurückzubringen.

Zum Glück reicht die Kraft noch bis zum zuverlässig in der Nähe liegenden Teich, der auch noch justament am Zufrieren ist. Also rein damit. Das passiert allwinterlich, woraufhin ich auf den Plan trete und die Metallskulptur auf Eis fotografiere, nach Möglichk
eit im Gegenlicht. Das heutige Exemplar wird von seiner Rolle als stoischer Lastesel bis zum Frühjahr entbunden sein. Und auch wenn die Hamburger Stadtreinigung es aus seiner Kontemplation befreit haben wird, muss es kaum noch mit einer Wal-Mart-Einberufung rechnen. Nein, ihm droht direkt die Schrottpresse.

Ich entdeckte den Wagen im Von-Melle-Park, wo heute Flohmarkt war und ich ein paar seltene Country- und Songwriterplatten erstehen konnte (Guy Clark, Ian Matthews, Neil Young, Dianne Davidson, Hank Wilson).

Um die Ecke, in der Grindelallee, plärrt mir der Bücherramschladen Wohlthat schwarz auf knallgelb ein „Alles muss raus!“ ins Gesicht. Natürlich denkt man, hier sei der große Ausverkauf ausgebrochen. Halb Hamburg wühlt also hektisch nach Schnäppchen wie „1000 Nudes“ für 9,95 statt 428 Euro oder so. (Übrigens prangt auf dem Cover von „1000 Nudes“ nicht mal eine Nackte, sondern eine offenbar in den 20er Jahren abgelichtete Dame im Mieder. Was soll man da
von halten?)
Das lautlose „Alles muss raus!“-Geplärre ist aber nur ein Trick. Natürlich muss alles raus, klar – aber nur, damit Wohlthat richtig Reibach macht. Die Schilder hängen nämlich schon länger da, und nicht nur in der Grindelallee, sondern auch in der Bahrenfelder Straße; und nicht nur in Hamburg, sondern auch in Marburg – und wahrscheinlich überall dort, wo Wohltat rumpeldumme Blödiane vermutet.

Das Ganze ist einfach ein fieser kleiner Marketingfake, mit dem man an unsere dumpfe Gier nach billig appelliert. Aber der Fake funktioniert jetzt nicht mehr, Wohlthat, denn er ist enttarnt – hier in diesem Blog.
Ha.

Große Musik, die heute durch den iPod floss: „Twilight“ von Neil Young, „Dead flowers“ von Townes van Zandt und „Lookin’ out my back door“ von Creedence Clearwater Revival.


Kommentare:

  1. Sind in Tümpeln und Teichen festgefrorene Einkaufswagen nicht das Werk der gelangweilten »Außerirdischen«, die im Sommer die Kornkreise fabrizieren?

    AntwortenLöschen
  2. Möglicherweise. Aber ich habe schon das mit den Kornkreisen nicht dechiffrieren können. Was wollten sie uns damit andeuten - „Ätsch, wir haben auch Zirkel, und zwar größere als ihr“?

    AntwortenLöschen
  3. Es handelt sich um Landschaftskunst, die keine tiefschürfenden Botschaften vermittelt, wie es Esoteriker gern behaupten, die Kornkreise als Beweise für ihre verschrobenen Theorien sehen. Wie es geht, kann man u. a. hier nachlesen.

    AntwortenLöschen
  4. Joshuatree20:08

    Ich vermutete Captain Iglo und seine gesetzlosen Vasallen als Verursacher unter wiederholter Umgehung der internationalen Fischereiabkommen. Subtiler noch, denn der Einkaufswagen stünde als Fischer"netz" und gleichzeitig als Transportmittel zum nächsten Supermarkt zur Verfügung.

    AntwortenLöschen
  5. Danke für die verschiedenen Theorien zum Einkaufswageneinfrierproblem.

    Was ich noch klarstellen muss, Rabe: Selbstverständlich halte ich Kornkreise für Menschenwerk und nichts anderes, allen Esoterikern und Filmen wie „Signs“ zum Trotz. Mein Deutungsvorschlag war ironisch gemeint.

    AntwortenLöschen
  6. Ich hätte mich gewundert, wenn es anders wäre.

    AntwortenLöschen
  7. Wir verstehen uns. ;-)

    AntwortenLöschen
  8. In der Tat gefällt mir die Käpt'n-Iglu-Theorie am besten, denn schließlich darf man ja gerade aufgrund des Greenpeachevorfalls keinesfalls vergessen: Tief im Meer, da schwimmt ein Wal! Er schwimmt hin und er schwimmt her - und er lagnweilt sich so sehr. Um ihn rum Kleinstlebewesen, keine Drogen, nichts zu lesen.

    (aus dem Kopf, daher evtl. nicht ganz korrekt zitiert)

    Aber wenn dann der dicke Kinderschänder mit seinem Fischstäbchen kommt, sind die Einkaufswagen gleich noch Phallussymbole.

    AntwortenLöschen
  9. Green„peach“? Auch nicht schlecht … Zumal das Lexikon neben dem bekannten Pfirsich auch „a peach of a car“ aufführt, was soviel heißt wie „todschicker (Einkaufs-)Wagen“ … ;-)

    AntwortenLöschen
  10. Uups. Da hab ich doch glatt was Lustiges geschrieben, ohne es zu wollen. Bldes „h„, liegt einfach auf dem Weg von „c“ zu „e“ ;-)

    AntwortenLöschen
  11. Hmmm, auf meiner Tastatur liegt das d auf dem Weg vom c zum e. Nein, nein: Das war ein Freudscher Verschreiber von Ihnen.

    AntwortenLöschen
  12. Vielleicht ist der Gebrauch von „ ;-) “ nicht deutlich genug gewesen: Ich weiß, daß das „c“ nicht mal ansatzweise in der Nähe liegt.

    Es muß also Freud gewesen sein. Und eine spontane Gehirnzermatschung. Passiert immer mal wieder.

    AntwortenLöschen
  13. Vielleicht hatte ich aber auch einfach eine Matschbirne an jenem Tag und war für Subtilitäten wie Emoticons einfach nicht empfänglich.

    AntwortenLöschen
  14. Hi Matt

    Nice blog. I'd like to see more of your photos! I can't believe the shot of the shopping cart in the dark. I swear I tried to take that photo last year and it turned out awful. You nailed it perfectly. Love it.

    Anne

    AntwortenLöschen
  15. Hi, Anne,

    thank you very much for your kind words. It means a lot to me as I'm just an amateur.
    Best, Matt

    AntwortenLöschen