09 Januar 2006

Der Klozechpreller

Obwohl ich mir sehr wohl ein verfeinertes kulinarisches Empfinden zurechne, verschleppt mich Kollege J. mittags immer mal wieder in unfassbare Niederungen der Essensaufnahme, die er in fröhlicher Offenheit auf den Nenner „Heiß und fettig“ bringt. Man kann ihm das nicht verübeln, er ist Franke von Geburt. Gottergeben trotte ich heute wieder mal hinter ihm her, obgleich ich mir im Lauf meiner hedonistischen Reifung einen natürlichen Ekel gegenüber ölgeduschten Frikadellen und Lasagnebrei vom Stehimbiss antrainiert habe. Doch mit meinem opferbereiten Begleitservice kann ich demonstrieren, wie hoch Kollegialität letztlich in meinem Wertesystem rangiert. Ob er das merkt, weiß ich jedoch nicht; in seinen Augen sehe ich nur die wilde, ungezügelte Gier nach Frikadellen.

Erste Adresse für „Heiß und fettig“ in Ottensen ist das Einkaufszentrum Mercado. Vorm Essen muss ich noch mal wohin und stelle fest: Die Herrentoilette des Mercado ist fest in afrikanischer Hand. Zwei, wenn nicht gar drei Bedienstete beiderlei Geschlechts wirken hier frohgemut im Dienste sauberer Keramik. Man kann sogar von einer Art Party des Toilettenpersonals sprechen. Die gelassenen Reggaerhythmen von „The Lion sleeps tonight“ hallen noch hinüber bis in die Klokabine, wo man versucht ist, mitzuwippen, was unter diesen Umständen allerdings dem Toilettenpersonal mehr Arbeit verschaffen würde als notwendig.


Im Waschraum wird die Gebühr für den angebotenen Komplettservice unmissverständlich mit 30 Cent taxiert. Zumindest künden blutrote Großlettern davon. Sie stehen auf einem Zettel, der sorgfältig über einem praktischerweise aufnahmebereiten Schälchen drapiert wurde. Kein Zweifel, die Brigade weiß, was ihr Job aus Putzen und Party wert ist. Das Schälchen selbst erfreut sich offenbar ständiger Leerung, denn es befinden sich nur zwei Münzen darin. Sie ergeben addiert – natürlich – 30 Cent.


Mein Problem: Ich habe ausschließlich Scheine in der Tasche. Eine unangenehme Situation. Denn ich muss vorwegschicken, dass es für mich mit einem hohen Schamgehalt belastet ist, Toilettenpersonal um Wechselgeld zu bitten. Vielleicht ein Kindheitstrauma, ich weiß es nicht. Verfüge ich zufällig nur über Münzgrößen, welche die zu honorierende Dienstleistung m. E. deutlich überbewerten – also Ein- oder Zwei-Euro-Stücke –, dann lege ich sie gemeinhin ins Schälchen, fingere fahrig und errötend ein angemessenes Wechselgeld heraus und fliehe diesen Ort eilends.


Aber hier liegen nur 30 Cent, und ich habe nur vermaledeite Scheine, derweil im Nebenraum die afrikanische Frohsinnstruppe Party macht zu „The Lion sleeps tonight“, mit Sichtkontakt zum Schälchen.


Die Situation hat etwas Verfahrenes. Es gibt nur eine Lösung. Aber es ist keine, die mir Ehre einbringt. Ich nutze einen der zahlreichen Momente partybedingter Unaufmerksamkeit und entschwinde wie ein Dieb in der Nacht, ohne Obolus.


Wie nennt man so etwas, Herr Staatsanwalt – Erschleichung von Dienstleistungen, lachhaft begründet mit einem irrationalen Schamempfinden? Nein, nein: Der Löwe, er mag schlafen heute Nacht, aber Gott, der sieht alles. J., ein geborener Katholik, würde das fröhlich bestätigen, doch ihm gegenüber verschweige ich lieber die Klozechprellerei.


Bei „Heiß und fettig“ halte ich den Frikadellen des Franken einen Spießbraten und ölgeduschte Bratkartoffeln entgegen, dazu matschige Sauerkrautsträhnen. Und auf dem Heimweg fotografiere ich lustlos eine Reeperbahnstraßenlampe mit dem Mond als Begleitservice. Heute ist eh alles egal.


Große Musik, die heute durch den iPod floss: „Kisses“ von Bent, „Alison“ von Slowdive und „Refugees“ von Van der Graaf Generator.

Kommentare:

  1. Joshuatree22:40

    Angesichts der Erlebnisse des gestrigen Tages vermag ich Deine gedämpfte Stimmung heute verstehen. Wieder verknüpft mit kulinarischem Misserfolg. Ich darf aber auf etwas Positives hinweisen, was Dir vielleicht bis jetzt aufgrund Deiner Stimmung verschlossen blieb:

    Dein fränkischer Kollege spricht - wie ich heraushöre! Er kommuniziert sogar! Da ich öfters in Franken weile, darf ich dies als ein herausragendes Merkmal bezeichnen. Die Menschen dort sind sonst imvho sehr in sich gekehrt, manchmal wissen sie auch darum, wollen sich aber darüber dann auch nicht unbedingt den Kopf zerbrechen...

    Um also einmal wieder die beiden bekannten angloamerikanischen Worte zu bemühen: Think Positive! ;-)

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  2. Dein Trost ist ehrenwert und tut sehr gut, doch – ach! – wie oft wünsche ich mir, der Franke würde seiner ethno-genetischen Bestimmung folgen und vornehm schweigen!

    Ich muss ihn dringend auf deinen Kommentar hinweisen; vielleicht entdeckt er dann seine Wurzeln wieder.

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  3. Es spricht sehr für Ihre Kollegialität, daß Sie eine frittierte Frikadelle in sich hineinstopfen, nur um den Franken nicht alleine zu lassen.

    Ich gebe zu, daß ich ab und an durchaus mal eine Kiezcurry verspeise, aber an sich packt mich beim Lesen Ihres Textes ein ähnliches Grauen, wie es sich Ihrer bemächtigt haben muß...

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  4. Vertrackte Situation. Lange gegrübelt.

    Lösungsvorschlag: Nächstes Mal (fortan immer) den Franken nur noch begleiten, wenn er verspricht, auch pinkeln zu müssen. Andernfalls gemeinsame Futteraufnahme verweigern.

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  5. Matthias, hier kommt ein kleiner Trost für die Klozechprellerei. Es ist zwar schon etliche Jahre her, ist aber umso beschämender. Ein ehemaliger Kollege aus meiner damaligen Berufsschule hat auf der Klassenfahrt im Raststättenklo nicht nur nicht bezahlt. Er hat den (sehr reichhaltig bestückten!) Münzteller AUSGELEERT und EINGESTECKT! Allerdings möchte ich Euch zwei gar nicht in einem Absatz, geschweige denn Atemzug nennen. Dafür müsste ich mich bei Dir eigentlich entschuldigen. Entschuldige.

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  6. eins60, DAS ist wirklich böse! Aber eine Entschuldigung ist keineswegs nötig, zeigt mir dieser Fall doch, wie weit entfernt ich doch noch von echter moralischer Verderbtheit bin. Mir geht es gleich besser. Danke!

    opa, Ihr Vorschlag hat einen Haken. Den Franken mit aufs Klo zu nehmen hätte die vorgefundene Situation nur dann entschärft, wenn er auch zuverlässig Kleingeld für uns beide in der Tasche gehabt hätte. Das allerdings wäre die Rettung gewesen, so dass ich mich beim nächsten Mal natürlich bei ihm rückversichere.

    german psycho, ich muss Sie leicht korrigieren: Der Franke fraß die Frikadelle, während ich den Spießbraten verspeiste. Ihr Hinweis auf „Kiezcurry“ scheint mir interessant: Empfehlungen? Favoriten? No-go-areas?

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  7. Tatsächlich ist die Currywurst in dem Rondell neben der Davidswache recht ordentlich. Ebenfalls gern genommen: Schräg gegenüber in Richtung Große Freiheit.

    An alle anderen habe ich keine besonderen Erinnerungen, kann also kaum Warnungen oder Empfehlungen aussprechen... aber letztlich übertrifft ja nix die Currywurst auf der Mönckebergstraße (wenn auch mit völlig unsinnigen Slogan: „SCHARF IST "SIE"“ - was soll man davon halten?).

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  8. Andernfalls hätte man den Franken aber doch als Pfand dalassen können und so tun als ob man wechseln geht. Das stell ich mir durchaus reizvoll vor.

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  9. Eine hervorragende Idee – die auch ganz generell dem Umgang mit Franken neue Wege weist! Manchmal fragt man sich schon, warum man nicht selbst auf diese Ideen kommt.

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  10. @ german psycho
    Ich glaube, der zitierte Slogan wäre ohne die orthografisch schludrige Umsetzung nicht ganz so tief ins semantische Nichts abgestürzt. Aber selbst wenn: Er passt doch gar nicht zur Mö, sondern eindeutig zu meinen kleinen Stadtteil.

    Dennoch werde ich natürlich dort bald mal aufkreuzen. Ohne Ms. Columbo allerdings; Currywürste kommen in ihrer Welt nicht vor.

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  11. Achja, eine sehr alte und ziemlich unsinnige Zuneigung verspüre ich auch immer noch zum „Rauchfang“ in Blankenese, schon deswegen, weil ich im zarten Alter von vier Jahren oder so meine erste C-Wurst gegessen habe...

    Aber dieser "Wahn", "alles", was irgendwie "sinnvoll" erscheint, mit "Anführungszeichen" versehen zu "müssen", der ist ja ebenso bescheuert wie "unaufhaltsam".

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  12. na du hast ja noch glück gehabt... wurde neulich in der wiener u-bahn nach einen toiletten besuch vom sicherheitsdienst abgeführt. gut, das hate jetzt nicht direkt damit zu tun, dass ich die 50(!) Cent Schüsselmiete zahlen wollte, aber stell dir mal vor, wie erniedrigend dieses Gefühl ist und was sich die Leute denken, wenn sie einen sehen, der aus einer Toilette heraus abgeführt wird.

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  13. Cantaloop, mich würde es dennoch brennend interessieren, weshalb man denn dann aus einer Wiener Toilette abgeführt wird. In freudiger Erwartung:
    Matt

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