02 Januar 2006

Die 16-Jährigen

Ach, Busse sind doch ein steter Quell der Freude! Gegenüber ÖPNV-Fans wie mir leben einsame Autofahrer doch geradezu in einer sozialen Wüste. Was passiert denn schon in so einer Individualblechkiste? Gasgeben, bremsen, wütend hupen; laut und ungehört die anderen verfluchen. Mehr nicht. Arme Monaden am Steuer.

Wie prall und lehrreich hingegen das Leben im Bus! Man ist sich nah, auf den Sitzen tummeln sich prototypische Vertreter praktisch aller sozialen Schichten; der Bus als solcher blickt gleichmütig milde auf Alter, Rang und Namen herab. Er lässt jeden herein, solange der einen Beförderungsberechtigungsschein mit sich führt oder in allernächster Kürze zu erwerben bereit ist.


Heute Abend steigen in Altona zwei wahrscheinlich türkische Teenage-Queenies zu. Sie sind auf genau jene Weise aufgetakelt, wie man es sich nur in einem sehr engen Zeitfenster zwischen 16 und 16 1/4 leisten kann: mit Ohrringen groß wie Frisbeescheiben, mit Leopardenjäckchen, breitesten Nietengürteln auf den noch knochigen Hüften und mit Hosen von einer Enge, die eine Durchblutung südlicher Regionen zuverlässig verhindern muss.


Die Mädchen setzen sich nach hinten, schräg neben mich, doch der Fahrer zitiert sie noch vor der Abfahrt wegen eines Ticketproblems nach vorne.

Das nervt die Grazien natürlich. Sie stehen auf, und die eine zischt „Wichser!“ – aber nicht so laut, dass es beide Silben durch den ganzen Bus bis zum Fahrersitz schaffen. Dann schweben sie energisch nach vorne, klären die Lage, kommen zurück, setzen sich wieder gemeinsam auf ihren Teenage-Queenie-Sitz – und holen wie auf Kommando wortlos und unisono Ohrhörer hervor, um sich hinfort in stummer Isolation ganz und gar ihren Ganglien zu widmen.


Das verwirrt mich enorm. Haben Teenies nicht seit jeher die verdammte Pflicht zu kichern und zu giggeln, sich anzustupsen, mit den Augen zu rollen, halblaut aufzukreischen und sich meinethalben Handy-Textmeldungen vorzuflüstern, um wieder Gründe zum Kichern, Giggeln, Augenrollen und Halblautaufkreischen zu haben? Jeder von uns hat doch seinen Job zu tun hienieden. Und in der Welt, die ich kenne, gehört all das zur Stellenbeschreibung von Teenies dazu.


Doch diese beiden setzen sich nebeneinander und drehen sämtliche Sinne nach innen. In weiter Ferne, so nah. Und bis ich an der Davidstraße aussteige (nicht weit von diesem neuen, teeniepinken Waschsalon), bleibt das einzige Wort, das zwischen ihnen gefallen ist, dieses hier: „Wichser!“


Große Musik, die heute durch den iPod floss: „Cocaine blues“ von Joaquin Phoenix sowie „I can't stop“ und „Here I am (come and take me)“ von Al Green.


Kommentare:

  1. Haaach - Teenager! Sie sind soviel cooler als wir früher. Es ist ganz einfach: Das Giggeln und Kreischen ist mit uns gealtert - und wir beherrschen es übrigens immer noch nicht. Irgendwann werden zwei Thirty-Queens hinter Dir sitzen, unkontrolliert sabbelnd und gackernd und genau das erfüllen, was Du von den Sechzehnjährigen erwartet hast. Im besten Fall ohne Nietengürtel und Leopardenjäckchen. Obwohl ...

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  2. = Nervenzellen, die äußere Reize übertragen, wie etwa ein sich in Form aneinanderstoßender Luftmoleküle (vulgo: Schall) fortbewegendes „Schni-schna-schnappi“ …

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  3. eins60, ich vermisse das Giggeln, und wenn künftig Thirtysomethings die lebenserhaltenden Maßnahmen für diese Gefühlsäußerung übernehmen sollten, so wäre mir das auch Recht.

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  4. Da lobe ich mir doch meinen großzügig dimensionierten Wagen, der mich, solange ich es möchte, von der Außenwelt abschirmt, die Musik ohne Ohrstöpsel überträgt und mich ohne Umwege ans Ziel bringt.

    Müßte ich Busfahren - ich würde mich zu den beiden Teenies gesellen. Die einzige Chance, sich den Menschenmassen zu entziehen, die sich in einem solchen Gefährt aufhalten. Kopfhörer auf, abschalten.

    Der Weg ist das Ziel? Für mich nicht. Ich reise nicht gerne, ich komme lieber an. Die Fahrt muß nicht lehrreich oder spannend sein, die gewonnene Zeit verbringe ich lieber am Ziel meiner Reise. Oder am Anfang, wenn ich müde bin. ;-)

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  5. Schön, Sie wieder an Bord zu haben, Mr. GP! Die Zeit zwischen den Jahren scheint ja recht arbeitsreich gewesen zu sein. Ist die Chromaxt überhaupt schon wieder sauber?

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  6. Ich mußte mir zunächst sämtliche Ihrer Artikel zu Gemüte führen. Und während ich das bei vielen anderen Blogs nebenbei, querlesend tun kann, will und muß ich bei Ihnen ein wenig intensiver lesen. Sonst entgingen mir die teils wirklich schönen, nuancierten Formulierungen.

    Aber genug der Lobhudelei.

    Gemeckert muß werden, wie es ein sehr eloquenter, österreichischer Jugendlicher nahezu ausdrückte: Sie sind ja gar nicht auf den (zugegebenermaßen leicht konstruierten) Gegensatz zwischen Reisen an sich und Reisen als Zweck eingegangen! ;-(

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  7. In der Tat überstrahlte die Tatsache Ihrer Rückkehr durchaus die Aussagekraft Ihres Kommentars.

    Ich sehe das Unterwegssein pragmatisch. Es muss halt sein auf dem Weg von A nach B, und warum dann nicht den höchstmöglichen Nutzen daraus ziehen – gute Musik hören, ein Buch in einem Rutsch lesen, Teenies beim Giggeln beobachten? Es würde mir die zugegeben unnütze Zeit, die man mit dem Reisen verbringt, vollends verderben, wenn ich nicht einen ganz egoistischen Nutzen daraus ziehen könnte.

    Bringen wir es auf folgende Formel: Der Weg ist sicher nicht das Ziel, aber als notwendiges Übel hedonistisch ausbeutbar. Ist das eine Schnittmenge, auf die wir uns einigen können?

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  8. Joshuatree22:40

    Matt, als Vater eines 15jährigen unterstütze ich Deine Beobachtung - sie ist sehr real. Sie benehmen sich manchmal so cool, daß ich mittlerweile denke, Gary Numan in den 80ern war ein Ausbruch von emotional-eruptiv-geprägten Ganglien, das jede sich bietende Lücke fand, um reinen Frohsinn zu verbreiten.

    Aber sei sicher: Sie gackern - im Stillen - weitab der erwachsenen Zivilisation. Als Teenie geoutet werden ist nämlich uncool.

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  9. Genau! Gute Musik hören. Aber erst ab 18, oder? ;-)

    Die Schnittmenge ist selbstverständlich korrekt, und ich könnte meine eigene These auch keinesfalls in einer längeren Diskussion aufrecht erhalten.

    Jedenfalls bleibt die Frage, ob diese Teenies nun tatsächlich einer anderen Generation angehören, oder ob sie es einfach in bestimmten Situationen vorziehen, ihre Umwelt bewußt nicht wahrzunehmen. Aus Ihrer Beschreibung der beiden läßt sich allerdings nur schwer letzteres herauslesen...

    Ich gebe zu, daß ich beim Lesen Ihrer ÖPNV-Geschichten des öfteren darüber nachdenke, doch mal wieder ein solches Massenverkehrsmittel zu benutzen.

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  10. Lieber Herr GP, wenn ich dazu beitragen könnte, Sie sporadisch wieder mal einer öffentlichen sozialen Verwendung zuzuführen, so wäre mir das eine große Ehre.

    Sehen Sie den ÖPNV einfach als Milieukino – und zwar derart verblüffend realistisch inszeniert, dass Sie das Gefühl haben, Sie steckten mittendrin. Und die Eintrittskarte ist erschwinglich!

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  11. Verwendung? Sozial? Hmm, klingt nach kostenloser Prostitution für Obdachlose? Neeeneee, da greife ich lieber das mit Herrn Bateman besprochene Konzept auf und verteile demnächst mal wieder Suppen und Kaffee.

    Und dahin, das verspreche ich Ihnen, fahre ich dann mit dem ÖPNV.

    Ich werde berichten.

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  12. Ich nehme Sie beim Wort.

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