04 September 2008

Wes Brot ich ess



Heute war ein Tag wie aus den glorreichen Zeiten des Pop Mitte der 90er, als das Schlaraffenland für eine kurze Ewigkeit Wirklichkeit war und einem die gebratenen Tauben nur so zuflogen: drei Einladungen, dreimal Büffet. Man muss nur zum richtigen Zeitpunkt auch das Maul aufsperren, doch dazu später.

Das Mittagsmahl im Anschluss an eine von gedrückter Stimmung geprägte Pressekonferenz geriet mangels Masse zum umkämpften Leichenschmaus. Der erste von zwei Abendterminen führte mich dann um 18 Uhr in den Kaiserkeller, wo die Beatles 1960 ihren Hamburger Debütauftritt hatten.

Unter Zeitdruck – der nächste Termin dräute bereits um 7 – musste ich trotz vernehmbaren Hungers schon vor Eröffnung des ganz augenscheinlich großartigen Büffets (Scampi! Fisch! Antipasti!) den höchst gastlichen Ort verlassen, um im Internationalen Maritimen Museum in der Hafencity die nächste Präsenzpflicht zu erfüllen.

Bei meiner Ankunft standen allerdings nur verhärmte Teller auf dem grundsätzlich büffetverdächtigen Tisch, doch Warmhalteplatten oder ähnliche Indizien für metabolisch Verwertbares waren nirgends zu sehen. Ich hielt mich deshalb erst einmal mit Chardonnay über – ähem – Wasser.

Eine Stunde später – mein Magen übertönte bereits mühelos die just begonnenen musikalischen Darbietungen – traf die wohlgelaunte Kollegin K. ein, die sich, wie sie mir mit düpierendem Behagen erzählte, zunächst in Ruhe das Essen im Kaiserkeller hatte munden lassen, um erst dann von aller Sorge befreit gen Museum aufzubrechen. Zweifellos eine Taktik, die meiner von spießbürgerlicher Pünktlichkeit dominierten weit überlegen war.

Erst nach einer weiteren Stunde – Mitternacht war nicht mehr fern – tischte man auch hier auf, doch statt Fisch gab’s Frikadellen und statt Panacotta Rote Grütze.

Dafür war der Blick über die Stadt quasi sättigend, und ich frönte wieder mal meiner notorischen Kranophilie.



Kommentare:

  1. Tante08:38

    Dräuen ist ein sonderbares Verb.

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  2. olaf08:49

    Herr Matt,
    hier ist zum Tagesanfang etwas schönes für Ihre Philie:
    http://images.google.de/images?hl=de&q=kr%C3%A4ne&um=1&ie=UTF-8&sa=N&tab=wi

    Außerdem ist es nicht wirklich schön dort zu leben, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Der Mensch ist nämlich irgendwann einfach allein, niemand hat einen mehr lieb.
    Ständig fliegen einem die Tauben aus allen Richtungen um die Ohren, Gesprächspartner werden getroffen, ducken sich andauernd erst genervt, dann ängstlich - da kommt schon wieder eine Taube - klatsch ! Noch eine - Bonk !
    Soziale Kontakte werden nur noch über das handy - bonk ! - abgewickelt, da sich - zack ! Noch eine - niemand mehr in der Nähe aufhalten will. Oder über - spunk ! - das internet.
    Überlegen Sie sich das noch mal mit den Tauben.

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  3. Nicht im Kaiserkeller, sondern im Indra hatten die Beatles 1960 ihren ersten Hamburg-Auftritt. (Matt, gib's zu: Diesen Fehler hast Du absichtlich eingebaut, um mir mal wieder eine Gelegenheit zur Beatles-Klugscheißerei zu geben ...)

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  4. Sie haben Sorgen. Ihr Magen knurrt, ihre Sinne sind vom guten Roten (ist das überhaupt ein Roter???) betäubt, und dann beschweren sie sich über wirklich leckere Buletten!

    Mich würde ja mal interessieren, wie solche Termine im Kaiserkeller ausschauen/ablaufen. Helle Beleuchtung ist dort ja eher unangebracht, oder werden die ganzen Wände, Böden, Decken, Säulen, etc abgeklebt? Oder gehört solch ein schmuddeliges, ja ruchloses Ambiente einfach dazu?

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  5. Andreas, die Begründung schmeichelt mir immens, doch die Ursache ist banaler: blanker Irrtum, peinliche Unwissenheit.

    nilsdiemaus, alles im Kaiserkeller war wie immer, nur inklusive Beatles-Dekor, weil es um ein Beatles-Projekt ging. Kurz: sehr gemütlich.

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  6. Heintzer23:13

    Zermatt,
    und so etwas nennen Sie Arbeit??? Wie ich sehe, habe ich eindeutig das falsche Studium und ergo den falschen Beruf ergriffen, Leeramt . . . shit happens.

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  7. Sie müssen unbedingt den Glorifizierungsanteil dieser Schilderungen subtrahieren, ehe Sie endgültige Schlüsse ziehen.

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