18 August 2008

Unser Antikinokarma



Fotopingpong mit dem Don: Er stellt meiner Bilderstrecke von gestern eine eigene gegenüber, die eine idyllische Gartenszene zeigt, deren um sorglose Enten bereichertes Pendant ich wiederum just in Planten un Blomen vorfand.

Dort im Park, nur wenige Meter entfernt von Bettlern und Bordellen, wirkt St. Pauli wie eine andere Welt. Ich weiß nicht warum, doch niemals sieht man sozial inkompatible Heckenpinkler, dort lagern weder Punks noch Obdachlose, nie taumeln Betrunkene durch die Botanik, niemand missbraucht in Ermangelung einer heimischen Dusche die Wasserspiele.

Ja, es fährt nicht mal jemand Rad in diesem Park, und Hunde müssen draußen bleiben, was sie seltsamerweise auch tun – gut für alle, die mitten auf der Wiese ihr Lager aufschlagen, seien es Enten oder Picknicker.

Wir laufen stets durch Planten un Blomen, wenn wir ins Kino am Dammtor wollen, das dauert zu Fuß knapp 30 Minuten. Als wir auf den Kiez zogen, gab es hier noch diverse Kinos, und ich meine nicht die ganzen Pornoschuppen. Kurz nach unserer Ankunft aber schloss das Oasekino auf der Reeperbahn, wenig später das nicht weit entfernte Aladin.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann ich das Kinosterben mit unserer Anwesenheit in Verbindung zu bringen. Dabei sind wir sehr filmaffin. Nicht selten bin ich abends spontan noch rübergehuscht zur Reeperbahn, um mir als Betthupferl eine Spätvorstellung anzuschauen; ich war jung und hatte das Geld.

Doch damit war es bald vorbei; Kinos, die teils Dekaden hier überdauert hatten, sahen sich angesichts unseres Herzugs nach kurzer Zeit zum Schließen gezwungen, ein anticineastischer Fluch schien von uns auszugehen. Zuletzt erwischte es das Studio, womit sich unser schlechtes Karma also vorgekämpft hat bis in die Bernstorffstraße.

Übriggeblieben ist nur noch das gemütlich schmuddelige B-Movie, eine Schuhschachtel mit Sitzgelegenheiten, in der wacklige Edgar-Wallace-Streifen oder liebevoll zusammengeklebte und während der Vorstellung weiterhin unverdrossen reißende Trashfilme aus den 70ern oder so gezeigt werden.

Tolle Sache natürlich, doch für den neusten Film der Coen-Brüder müssen wir halt doch durch Planten un Blomen, vorbei an Enten, Kindern und kontemplativen Kiezianern, die sich hier erholen wollen vom Lärm und Ludentum um die Ecke.

Wahrscheinlich müssten wir wegziehen, um auf St. Pauli einen Kinoneugründungsboom auszulösen. Doch das kommt natürlich überhaupt nicht in Frage.


Kommentare:

  1. oh, das Studio Kino geschlossen, es war doch immer so lauschig dort, an den Sonntag Nachmittagen in der kalten Jahreszeit.....

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  2. Anonym08:36

    und - even schlimmer - das ganze gebäude soll abgerissen werden!

    dammtorkinos kommen mir nicht in die tüte. stilloses überteuertes ketten-kino.

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  3. Aber Projektion, Sound und Sitzcomfort sind nun mal Sachen, die wir zu schätzen wissen. Und manche Filme bekommt man halt nirgendwo anders zu sehen als im Cinemaxx oder erst mit monatelanger Verspätung. Alles halt eine Abwägungssache.

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  4. Jedenfalls ist die Schuldfrage jetzt geklärt.
    Und zum Cinemaxx am Dammtor: Stimmt einfach nicht, dass Filme exklusiv da laufen. Wenn man von Sonderveranstaltungen wie dem derzeitig stattfindenden Fantasy Film Fest absieht, gab´s in den letzten drei Jahren keinen einzigen Film, der nur im Cinemaxx gestartet ist. Die Frage ist nur, ob die alternativen Abspielstätten die bessere Wahl sind. Ich jedenfalls mag es, wenn ich schon ins Multiplex muss, gerne gleich so richtig UCI-trashig.

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  5. Das betrifft aber wohl nicht nur die kleinen Kinos. Scheinbar vergraulen Sie auch die großen der Stadt. Siehe UFA. Beide "Paläste" wurden in den letzten Jahren geschlossen.

    Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, wie lange Sie bereits in Hamburg wohnen und wann das Kinosterben begann, aber evtl. könnte man das auch in Verbindung bringen.

    Ich bin früher gerne in die Palette in Norderstedt gegangen. Fast ebenerdig und auch urgemütlich mit Tischchen und Säulen vor der Nase und so. Das wurde aber auch irgendwann dicht gemacht, nach parallel dazu das Spektrum eröffnet hatte. Das ist auch heute noch ein nettes Kino. Drei Säle und moderate Preise.

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  6. eine sehr schöne option sind doch zur zeit (wie jeden sommer) die open-air filmnächte am millerntor!
    http://www.3001-kino.de
    und danach noch'n astra im clubheim. -;-)

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  7. kinoprovinz, es mag sein, dass kaum mehr Filme exklusiv in Multiplexen laufen. Aber wo ist denn die Projektion, der Sound, der Sitzkomfort besser als dort? Etwas zusätzlich kaufen muss man doch in diesen Konsumtempeln nicht; wir schmuggeln z. B. immer Wasser und Bier rein …

    funker, Sie haben Recht, das UFA am Gänsemarkt hatte ich zu erwähnen vergessen. Bald wird Hamburg kinofrei sein, wenn wir weiter hier wohnen bleiben sollten. Und nichts anderes ist geplant.

    tommy, es regnet.

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  8. Anonym11:30

    sachtmal stadtkinder, das sind gänse auf dem foto.

    lg aus bremen

    thomas

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  9. Echt? Mist … Ändert aber nichts an der Gesamtaussage.

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