06 April 2010

Wenn Opas vom Krieg erzählen (bzw. danach)

Meine Eltern osterurlauben in einem zum Rentnerparadies ausgebauten Hotelkomplex in der Lüneburger Heide, wo wir sie im Rahmen einer Spritztour besuchen. Ist ja von Hamburg aus nur ein Katzensprung, vor allem mit einem geliehenen Mercedes der C-Klasse.

„Lauter Rollstuhlrocker und Spätlesen“, witzelt mein Vater, der sich selbst allerdings „nicht gerade für einen Eiswein“ hält. Beim Brunch sind indes auch Leute zugegen, die man weniger gern mit liebevoll spöttischen Kosenamen belegen möchte.

Zum Beispiel die zwei knorrigen Herren jenseits der 80 am Nachbartisch. Sie monieren vernehmlich die Art, wie sie nach dem Krieg behandelt wurden. Als Nazi sei er beschimpft worden, beklagt sich einer der beiden, der aussieht wie ein in die Länge gezogener Zwilling von Rainer Brüderle.

Der andere, kurioserweise eine Hutzelversion von Marcel Reich-Ranicki, pflichtet entrüstet bei. Ihm sei man begegnet, als habe er höchstselbst Juden vergast, erregt er sich. „Und das in unserem eigenen Land!“, krächzt er krummrückig, während er sich Schokoladeneis zuführt.

So geht das eine Weile in vollendeter Harmonie hin und her, ehe das Duo plötzlich umstandslos anfängt, Ausländer zu beschimpfen. „Die sagen nicht mal guten Tag!“, erregt sich „Brüderle“, nachdem er einen im Brunchpreis inbegriffenen Wein gezapft hat. „MRR“ sekundiert eifrig nickend, und es scheint, als hätten sich hier am Nebentisch zwei Freunde fürs Leben gefunden, welches angesichts ihres reichen Erfahrungsschatzes allerdings nicht mehr allzulange dauern dürfte.

Auf der Heimfahrt aus der Heide machen wir einen Abstecher zum Flohmarkt in Norderstedt, wo ich einen mir bisher unbekannten Gebrauchsgegenstand entdecke: eine „BH-Schutzkugel“. Auf Holländisch heißt das Ding aber entschieden lustiger, nämlich „Bustehouder Beschermer“. Zu Hause pflügen wir dann durch die fünfte „Lost“-Staffel auf Blu-ray, und zwar bis zum letzten Bild.

Alles in allem könnten wir jetzt also dringend ein paar freie Tage gebrauchen.

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Kommentare:

  1. Die alten Herren verstehen halt nicht, warum die Auslaender nicht guten Tag sagen - weil sie kein deutsch koennen.

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  2. Nils die Maus06:25

    Oha, Ähnliches kann ich auch berichten:
    Habe insgesamt seit Sonntag zwei Staffeln House M.D. geschafft. Ich bin selbst von mir überrascht, wie ich das, zwischen all den Familienfeierlichkeiten (eine), geschafft habe.

    Ich muss aber gestehen, dass ich mit Lost noch nicht warm geworden bin. Könnte daran liegen, dass ich bis jetzt noch keine einzige Folge gesehen habe, was sicherlich daran liegt, dass ich dafür keine Zeit habe. Bzw. keine Zeit haben will. So viel, wie ich schon täglich schauen "muss", bleibt da kaum noch Zeit für Lost :(

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  3. Irgendwann kommt man wohl automatisch in das Alter, in dem man beginnt, nur noch von früher zu reden, weil einfach der größte und wichtigste Teil des Lebens hinter einem liegt.

    Manche beginnen damit schon mit Anfang 30.

    Und nur bei ganz wenigen Ausnahmen kommt es gar nicht vor.

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  4. Man müsste ein Leben führen, das es einem ermöglicht, von allen Phasen gleichermaßen nostalgisch sprechen zu können – vorauseilend auch von der Gegenwart.

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  5. und ich dachte immer, „Bustehouder Beschermer“ sei der schutzpatron von buxtehude. so kann man sich irren...

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  6. Anonym23:03

    bitte die automatische weiterleitung aus dem alten blog nehmen - will in ruhe was lesen dort, werde aber zuverlässig alle 30 sec. rausgespickt!

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  7. Sie können selbst die automatische Weiterleitung in Ihrem Browser deaktivieren.

    Die Beiträge sind übrigens auch im neuen Blog alle da, nur halt der Großteil der Kommentare nicht.

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  8. Immerhin hat der anonyme Beitragsschreiber sehr schön den Tonfall der Generation dieser Großeltern aufgegriffen.

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  9. Die Kleinschreibung erinnert aber eher an die RAF.

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  10. Das tut sich alles nicht viel.

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  11. Dem hätte ich schon mal vehementer widersprochen – zu der Zeit etwa, als Horst Mahler noch nicht zum Nazi mutiert war. Inzwischen bin ich kleinlauter geworden.

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