29 April 2010

Ein Idiot mit Schüttellähmung

Seit einiger Zeit kappe ich immer mehr Taue zu den Netzwerken im Web. Kein „Wer-kennt-wen“ mehr, Schluss mit „Stayfriends“.

Ich will wieder mehr auf meine Daten achten. Was natürlich witzig klingt bei einem Blogger, der mit Klarnamen aus seinem Leben berichtet, das gebe ich zu; doch hier auf der Rückseite der Reeperbahn kann ich wenigstens der Illusion frönen, alles unter Kontrolle zu haben.

Es wäre im Lichte dieser Rückzugsstrategie natürlich höchst inkonsequent, mir nach dem baldigen Ablauf meines Personalausweises eins von diesen neuen Chipdingern aufdrücken zu lassen. Deshalb besuche ich das Ortsamt St. Pauli, um mich für acht Euro Gebühr noch mal mit einer guten, alten Plastikkarte zu versorgen – das sind zehn Jahre Aufschub!

Auf dem Antrag ist ein schwarzumrahmtes Rechteck, in das ich unterschreiben soll. Ein aufregender Akt, denn regelmäßig missrät mir meine Unterschrift. Außerdem sieht sie jedesmal anders aus. Doch diesmal gelingt sie mir, ich bin erleichtert und auch ein wenig stolz.

„Hm“, macht die Ortsamtsdame, als sie den Antrag inspiziert, „ist Ihnen die Unterschrift da unten nicht ein wenig ins Schwarze geraten?“ Na ja, könnte schon sein, gerade so. Aber wenn’s nach mir ginge, dann …

Zu spät: Sie hat den Antrag bereits zerrissen und zerknüllt und druckt einen neuen aus. Jetzt bin ich enorm unter Druck, und Druck wirkt sich auf meine Testierfähigkeit aus wie eine mutierte Vogelspinne auf Arachnophobiker.

Zittrig setze ich an, verkrampfe augenblicklich, versuche das Debakel mit adrenalingepeitschtem Aktionismus in letzter Sekunde abzuwenden – und gerate diesmal ins Schwarze oben. Deutlich sogar. „Meine Unterschrift“, werfe ich kleinlaut ein, „ist eben sehr vertikal.“

Das mache nichts, antwortet die einfühlsame Ortsamtsfrau, während sie mich über ihre Lesebrille hinweg mustert, den Antrag zerreißt und einen neuen ausdruckt. Diesmal gelingt mir ein Gekrakel, als hätte Picasso einen epileptischen Anfall. Und obwohl dieses Gebilde nirgendwo ins Schwarze lappt, ist uns beiden stillschweigend klar, dass es keinesfalls die nächsten zehn Jahre auf einem nichtelektronischen Ausweis von sekundenlanger Schreibinkontinenz künden sollte.

Sie knüllt und zerreißt mit zunehmender Professionalität, Gleiches gilt für die Routine ihres Ausdruckens. Ihr Blick über die Lesebrille ist dabei weiterhin von Gelassenheit und Milde geprägt, ganz so, als hielte sie mich gar nicht für einen Idioten mit Schüttellähmung. Sie sollte auf Seelsorgerin umschulen.

Also Antrag Nr. 4 – und es klappt! Ich habe mich ins Ziel gerettet! Sie ist nicht schön, diese Unterschrift, zumindest nicht so schön wie die erste, die gewiss bei genauerem Hinsehen gar nicht ins untere Schwarze gelappt und deshalb eigentlich eine Chance verdient hatte. Aber immerhin.

„So“, sagt die Ortsamtsfrau sehr sanft, „das macht dann vier mal acht Euro. Also 32.“ Ich starre sie entgeistert an.


„Nur ’n Scherz“, sagt die Ortsamtsfrau.

Hoffentlich sitzt sie in zehn Jahren noch da, wenn meine neue gute, alte Plastikkarte ablaufen wird. Irgendwie sind wir ein gutes Team.

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Kommentare:

  1. Gute Idee eigentlich, zumal meiner ohnehin schon seit 6 Monaten abgelaufen ist. Diese Felder sind außerdem immer zu klein für eine anständige Unterschrift, ob Formular oder Scheckkarte, da kann kein Mensch vernünftig drauf unterschreiben.

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  2. Ich kenne das Problem mit der Unterschrift. Es ist wie eine Prüfungssituation. Es sollte einem gestattet sein, eine bereits getätigte Unterschrift mit dort hin zu bringen!

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  3. Da mein Nachname nur aus vier Buchstaben besteht, habe ich keinerlei Probleme daraus eine schöne, regelmäßige und immer ziemlich gleich aussehende Unterschrift zu bilden.
    Das ist übrigens auch einer der Gründe, weshalb ich bei der anstehenden Trauung darauf bestehe, meinen Namen behalten zu wollen.

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  4. Anonym09:00

    Ich finde die Damen und Herren vom Ortsamt St. Pauli haben einen Orden verdient. Die sind wirklich immer total freundlich.

    Stefan

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  5. Zaphod, für normalbegabte Menschen ist das Feld auf dem Ausweisantrag bewältigbar, kein Vergleich mit dem fadendünnen auf einer Kreditkarte. Es liegt wirklich an mir.

    PhillyH, Ihr Vorschlag ist mir sehr sympathisch. Auf Faxformularen benutze ich auch gern meine eingescannte Unterschrift.

    Trillian, meine Glückwünsche zum Liebesglück!

    Stefan, Sie haben völlig Recht. Dabei ist das Publikum manchmal von … nun ja … durchwachsener Qualität. Wie ich.

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  6. Ich finde die Dame äußerst witzig. Und hätte furchtbar gerne Ihren Gesichtsausdruck gesehen, als sie 32 Euro verlangte.

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  7. Ich kann versuchen, ihn bei unserem nächsten Treffen nachzuspielen.

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  8. Ich bin ja auch noch am Überlegen, ob ich nicht meinen alten Perso noch kurzerhand verliere. Aber erstmal muß ich mich von meinem Reisepassschock erholen.
    96 Euro, weil ich ihn rechtzeitig bis zu meinem Abflug nach Kairo brauchte.

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  9. Anonym23:32

    Ich habe herzhaft gelacht, vielen Dank dafür!!
    Ich kenn das aber nur zu gut mit der Unterschrift beim Perso - der Platz ist einfach zu klein!
    Die eine oder andere verdaddelte Unterschrift zierte auch schon meinen Personalausweis oder eine Bankkarte... Aber neue Antragsformulare gabs für mich noch nie... Also großes Lob an das Amt in St. Pauli.

    Lieben Gruß,
    Josie

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  10. Anonym19:50

    WOW - lt. Nummerntafel bedient die Beamtin/der Beamte an Tisch 2 gleich 2 Kunden zur selben Zeit - unglaublich! Die haben da tatsächlich einen Orden verdient :-)

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