21 April 2010

Das Stäbchendesaster



Bei der Plünderung eines Sushibüffets, das nur sporadisch aufgefüllt und deshalb immer wieder Opfer kollektiver Spontanattacken wird, ist es ein ernster Nachteil, kein Stäbchenvirtuose zu sein.

Wie ich.

Besteck als Alternative hätte natürlich geholfen, doch das stellte das gastgebende und durchweg dekorativ illuminierte Luxushotel East (Foto) in der Simon-von-Utrecht-Straße leider nicht zur Verfügung. So geriet ich bei der heißen Schlacht am kalten Büffet schon früh in Rückstand.

Die Handhabung von Stäbchen, dieser fürs Augenausstechen sicherlich hocheffektiven, für jede Form der Nahrungsaufnahme jedoch ganz und gar disfunktionalen Werkzeuge, mag für über eine Milliarde merkwürdiger Menschen das Selbstverständlichste der Welt sein, für mich aber ist das etwa so, als müsste ich die 100 Meter in Taucherflossen laufen, während die Konkurrenz in luftgepolsterten Turnschuhen mit Sprungfedern unterwegs ist.

Zu meiner wenig schmeichelhaften Erleichterung rutschte auch Ms. Columbo der ein oder andere Tun vom Hölzchen. „Ich fühle mich wie ein Neandertaler“, murrte sie unamüsiert, während ich versuchte, ein Stück Wassermelone wenigstens durch einen Durchstich zum Wechsel auf meinen Teller zu überreden. Geteiltes Unglück macht übrigens nicht halb so unglücklich, sondern lediglich halb so satt. Soviel zu schlauen Sprichwörtern.

Anlass des Rohfischdesasters war die Präsentation eines neuen East-CD-Samplers, zu dem ich den zuständigen DJ Ping derart interessiert befragte, dass er mir bereits nach zehn Minuten das Du plus Visitenkartenaustausch anbot. Nun muss ich meinerseits ihm einen Sampler aufnehmen; das habe ich jetzt davon.

Satt geworden sind Ms. Columbo und ich am Ende dann doch noch. Das ist halt auch unter solchen Extrembedingungen immer nur eine Frage der Zeit – obwohl man beim Stäbchendilettieren sogar länger dazu braucht, weil die ständig misslingende Benutzung dieser Teufelsdinger erheblich mehr Kalorien verbrennt als die traditionelle Messer-Gabel-Variante.

Zum Glück gab es begleitend aber ausreichend Riesling, und im Gebrauch von Weißweingläsern bin ich, wie ich nicht unstolz behaupten kann, ein kiezweit bekannter Virtuose.

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Kommentare:

  1. Joshuatree00:24

    "Die vierte EAST Compilation wir am 23. April 2010 released.
    Jeweils bestehend aus einer LOUNGE EDITION CD
    sowie einer BAR EDITION CD führte sich die sehr erfolgreiche
    Compilation-Reihe über die jahre 2007, 2008 und 2009 weiter und
    ist nun seit Ende April mit EAST, VOLUME MANDARIN
    zurück."

    wtf - wenigstens der rohe Fisch war frisch.

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  2. ElbKind01:26

    Man darf Sushi übrigens auch mit der Hand nehmen/essen. Hab ich vor einigen Tagen völlig überraschend von einem Japaner erfahren, der es wissen muss: er ist Sushi-Meister.

    Es gab doch aber hoffentlich keinen der letzten 3 noch lebenden Blauflossenthun?

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  3. Nils die Maus06:22

    Ich habe, trotz vietnamesischer Mitbewohnerin, noch nie mit Stäbchen gegessen - und habe es eigentlich auch nicht vor. Schon allein die Logik verbietet es mir. Ich meine, wenn ich im Wald vor keine-Ahnung-wieviel-Jahren etwas Nahrhaftes zu mir nehmen wollte, dann suchte ich mir doch nicht die beiden dünnsten Stäbe, sondern würde mir aus Rinde oder Blättern etwas Löffelähnliches, und zum Schneiden etwas aus Stein oder so basteln.

    Fernost kopiert alles, aber keine Messer und Gabel - ich begreife das nicht.

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  4. Nihilistin10:29

    Morgen Herr Matt,
    viel Zeit gerade? ;-)
    Alternative zu diesem Text hätte sein können:
    "Ich hasse es, mit Stäbchen zu essen. Deshalb bin ich gestern beim Buffet im Hotel East kaum satt geworden, habe mir aber nach nettem Gespräch mit dem DJ mit dem guten Riesling die Kante gegeben".
    Aber das - und das gebe ich zu - wäre blogunterhaltungstechnisch nicht der Knaller gewesen. Vor allem wäre dann das stylische Foto nicht so zur Geltung gekommen.

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  5. tja, der durchschnittsdeutsche kann halt besser essen auf rädern als mit stäbchen. für das nächste mal hier ein kleiner trick: speisen haften wie von selbst am stäbchen, wenn man dieses vor dem essen mit sekundenkleber bestreicht...

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  6. Lieber Matt, Sie waren doch der Lösung schon so nahe! Sie selbst sagten doch über Stäbchen: „(...) dieser fürs Augenausstechen sicherlich hocheffektiven (...)”

    Was meinen Sie, wäre wohl passiert, wenn Sie die Stäbchen dazu genutzt hätten? Glauben Sie nicht, Ihre Konkurrenten hätten Ihnen dann doch etwas mehr übriggelassen?

    Ansonsten kann ich Ihnen jedenfalls demnächst mal zeigen, wie man die Dinger so hält, daß zwar jeder Chinese oder Japaner schreiend davonliefe, man selbst aber sehr sicher Dinge damit aufnehmen kann.

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  7. der gemeine durchstich ist ein - übrigens auch von asiaten - oft praktizierter "workaround" und insofern durchaus zulässig.

    dabei sollten sie sich mit der korrekten handhabung des fernöstlichen bestecks ruhig mal anfreunden, denn etwas fingerfertigkeit hat noch niemandem geschadet. im gegenteil! wobei hier mal ausnahmsweise auf anzügliche bemerkungen verzichtet werden soll (die sind schon bei "im gegenteil" impliziert...).

    im englischen heissen die dinger übrigens "chopsticks", wie ich gerade erfahren habe, und böten sich zumindest semantischerseits herrn GP als alternative zur axt an. eine sehr anregende vorstellung.

    http://video.about.com/chinesefood/How-to-Use-Chopsticks.htm

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  8. hahaha XD
    deshalb bleiben die chinesen auch so klein, weil sie nur so langsam essen können...

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  9. Die kalten Fischwickel werden wohl nur in Okzident auf Stäbchen balanciert, mein lieber Herr Matt. Ob es Höflichkeit oder Sadismus ist, was das Personal japanischer Gastronomie davon abhält, seine Gaijin-Gäste entsprechend zu unterweisen, werden wir wohl nie erfahren.

    Die Hölzchen werden meines Wissens für den eingelegten Ingwer mitgeliefert. Falls Sie für das nächste Buffet aufrüsten möchten empfehle ich ein Gummiband mitzunehmen und die Stäbchen am ingwerabgewandten Ende damit zusammenzubinden. Mit dieser Konstruktion bringen die Japaner ihren Kindern angeblich den Umgang mit diesem Besteck bei.

    Mal sehen ob meine Ausführungen diesmal die technischen Hürden zu überwinden vermögen. Ceterum censeo blogspotinem esse delendam.

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  10. Joshuatree, das Denglischgeklingel ist inzwischen Usus. Da erwacht in mir nur noch sporadisch der Kampfgeist. Dann aber heftig.

    ElbKind, ich liebe es, Sushi mit den Händen zu essen, gerade wegen meiner Stäbchenschwäche. Allerdings bevorzuge ich begleitende Servietten, und die waren weit und breit nicht zu sehen. Außerdem versuche ich meine Stäbchenskills stetig zu verbessern. Leider ohne Erfolg.

    Nils, ich sehe, wir verstehen uns. Blind.

    Frau Nihilistin, Sie haben famos den Kern dieses ganzen Blogs auf den Punkt gebracht: Viel Gesabbel um verdammt wenig. A blog about nothing. Wie damals Seinfeld.

    Tommy, Ihr Tipp ist genial. Jetzt müssen Sie mir nur noch die Chemikalie nennen, die den Sekundenkleber im Mund wieder auflöst, und schon werde ich satt. Beim nächsten Mal.

    Germanpsycho, ich buche hiermit sofort bei Ihnen eine Stunde Stäbchenkunde. Aber nur zum Essen, das Augenausstechen beherrsche ich mit hoher Wahrscheinlichkeit intuitiv.

    Herr Einheitskanzler, am Willen fehlt es ja nicht. Ich übe praktisch seit Jahrzehnten! Aber ich habe ja jetzt einen Lehrer.

    Fellow Passenger, ich freue mich sehr über Ihr erfolgreiches Kommentieren. Es ist im Grunde auch völlig egal, was Sie sagen, Hauptsache, dass. Den Gummibandtrick werde ich trotzdem mal ausprobieren. Aber erst mal zu Hause, nicht im East.

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