26 Juni 2009

Jacko, Charlotte und ein guter Grund für Grappa

Ein Tag, wie er nicht alle Tage vorkommt. Ein krasser Tag.

Zunächst mal will Michael Jacksons Tod verarbeitet sein. Allen ungerührten Sarkasten, die allein ihren Musikgeschmack zur Basis ihrer Empathie machen, sei Folgendes entgegengeschleudert: Wer das Unmögliche schaffte, zum größten und erfolgreichsten Popstar aller bisherigen Zeiten zu werden und dafür – wie Elvis – einen gleichsam märtyrerhaften Preis bezahlen musste, hätte auch eure Erschütterung verdient.

Es wäre – aufgepasst! – nur menschlich.

In zehn Jahren wird man euch fragen, wo ihr wart, als Michael Jackson starb, und ihr werdet es noch wissen. Das sagt alles. Ich übrigens saß am Rechner und erfuhr es über Twitter. Das sagt auch alles.

Danach zum Zahnarzt. Er bezeichnet meine dentale Situation als „traumhaft“. So gezahnpinselt verlustige ich mich trotz der drückenden Jackolast auf dem Stuttgarter Weindorf, einer bizarren alljährlichen Veranstaltung auf dem Rathausmarkt, die so funktioniert: schwäbische Trink- und Fressstände verkaufen den Hamburgern Müller-Thurgau und Maultaschen zu Mondpreisen. Großartig. Ich jedenfalls esse die schlechtesten Maultaschen meines Lebens, trockene, alte, lauwarme Dinger, vergleichbar mit drei Tage lang getragenen Socken.

Während meines Herumkauens auf dieser schwäbischen Spezialität dringen Gesprächsfetzen von Passanten herüber. „… Schädelbasisbruch …“, erzählte einer einem anderen, „wegen einer Bowlingkugel. Er hat versucht, sie zu köpfen. Eine Bowlingkugel.“

Es wird Zeit zu zahlen. „Hat es gesmeckt?“, fragt mich der keineswegs schwäbische, sondern ungefähr serbokroatische Tresenmann. „Nein“, antworte ich. „Nicht?“, fragt der Schwabensimulant zurück. „Ehrlich gesagt“, entschließe ich mich zu bedingungsloser Schonungslosigkeit, „das waren die schlechtesten Maultaschen meines Lebens.“ Er schaut erstaunt. „Echt?“ Echt.

Danach zu Saturn, Zweitfernseher kaufen. Muss lange nachgrübeln über die Metalldreiecke (Foto), die direkt neben den Rolltreppengeländern angebracht sind. Ihr einziger plausibler Sinn scheint mir darin zu liegen, unvorsichtig übers Geländer ragende Kundenunterarme schnell und sauber abzutrennen. Falls jemand wirklich eine Alternativerklärung im Angebot haben sollte, wäre ich darüber gottfroh.

Danach die erste Vorstellung von Lars von Triers Film „Antichrist“, der im Frühjahr Cannes schockte und Charlotte Gainsbourg den Darstellerpreis einbrachte. Wir sehen die Gainsbourg, wie sie Willem Dafoe zunächst ein Vierkantholz in den Schritt rammt, dann den Bewusstlosen und dennoch unverdrossen Erergierenden bis zum Blutejakulat masturbiert, ehe sie ihm einen Schleifstein an den Unterschenkel schraubt und sich selbst schließlich mit einer Küchenschere die Klitoris abschneidet. Ms. Columbo guckt weg, ich nicht – ein Fehler.

Danach noch mal Stuttgarter Weindorf, denn jetzt hilft nur noch Schweinshaxe. Zu Hause federn wir sie ab mit Grappa, bevor Ms. Columbo den ganzen Abend meine Michael-Jackson-Platten auf den iMac schaufelt.

Wie gesagt: ein krasser Tag.

Und dabei habe ich die Taube, die sich trotz Rundumnetz auf unseren Balkon vorgekämpft hat, nicht mal erwähnt.

Kommentare:

  1. sven00:00

    Verzeih, aber: Ich weiss es jetzt bereits nicht mehr.

    Natürlich hat das was mit Musikgeschmack zu tun, weder Person noch Werk bedeuten mir was. Darum bedeutet mir auch das Lebensende etwa so viel wie bei anderen fremden Personen. Warum sollte ich gesondert betroffen sein?

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  2. Nun, auch ich ziehe meinem Hut vor jemandem der wahrscheinlich mehr als der Hälfte der Menschheit bekannt sein dürfte. Dennoch ... nur ein Mensch, der außer einem (ja Geschmacksache) leidlich guten Album nicht wirklich zur Verbesserung der Welt beigesteuert hat. Der Hype war, ist und wird sein, einfach nur gutes Marketing...

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  3. Seine Leistung, sein Talent und seine Innovationskraft haben eben genau mit Geschmack nichts zu tun. Und diesen Künstler mit dem Wort „Hype“ in Verbindung zu bringen, ist das Lächerlichste, was ich seit langem gehört habe. Daniel Schumacher: DAS ist ein Hype und nix weiter!

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  4. Zur Ergänzung: Jacko hat 45(!) Jahre lang Musik komponiert und performt. Hype? Lachhaft.

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  5. Foxxi00:51

    Gut, wahrscheinlich habe ich mich nicht genug mit ihm auseinandergesetzt, so dass sich mir die Reaktionen auf das, aus meiner Sicht, erwartete und nun eingetroffene Ende nicht erschließen ...

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  6. Ihre Empathie geht dann aber auch nicht weit genug, die großartige Farah Fawcett auch nur mit einer Silbe zu erwähnen... unabhängig von persönlicher Meinung... eine Ikone...

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  7. Nils die Maus10:15

    "Schwabensimulant" - Herrlich!

    Ich habe Michaels Tod auch via Twitter erfahren. Früh morgens um 6 Uhr. Aber sonderlich getroffen hat es mich nicht. Ist im Grunde genommen ein Mensch wie jeder andere - nur eben bekannter.

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  8. GP, zweifellos war Fawcett eine hervorragende Schauspielerin, die ich ebenfalls sehr schätze. Doch ihr Einfluss auf die Popkultur, auf die Art, wie wir Kultur konsumieren, ist natürlich überhaupt nicht vergleichbar mit dem Jacksons. Sie war, bei allem Respekt, keine Marilyn Monroe.

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  9. Anonym10:54

    ... zum Dreieck an der Rolltreppe: Angst vor Schmierereien an der Decke unter der anderen Rolltreppe ?

    Nur so ein Gedanke ....

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  10. Die Welt fühlt sich absolut anders an jetzt,wo Michael Jackson fehlt. Sein Tod hat ein Loch gerissen. Das ist doch ganz klar. Ich habe einmal eine Show von ihm gesehen. Wie er seine Vorstellungen auf die Bühne bringen konnte, in so einem komplexen Riesenapparat aus Mitwirkenden mit winzigsten Gesten das Gesamtkunstwerk steuern und kontrollieren konnte, er war alles in einem, Dirigent, Tänzer, Sänger, Kultfigur...er war Kunst pur. Verkörperung eines eigenen Stils, eigener Ideen,eigenen Ausdrucks. Und das kann nicht genug vermarktet werden, denn so ein Niveau, das sich weit,weit von dem durchschnittlichen Popkrempel absetzt soll Maßstäbe setzen und wirken.

    Klasse die Beschreibung des Stuttgarter Weindorfs. Ich, selbst Nordlicht,habe es während meines Stuttgarter Exils in invertierter Form erlebt, da gastierte turnusmäßig der Hamburger Fischmarkt. Ich dachte, ich könnte mal Heimatluft schnuppern, statt dessen jagten mir die dort angepriesenen Kulinaria (samt fliegender Aale und Bananen) Schauer über den Rücken. Da wurde vorgeführt, wie wir Norddeutschen so sind, alles nur breit sprechende Fischerjungs und Seebären...peinlich.

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  11. Anonym, ich finde meine Theorie (Unterarmabtrennvorrichtung) weiterhin interessanter …

    Gesche, Ihre Einschätzung von Michael Jackson ist sehr treffend. Jeder, der in der Lage ist, von seinem eigenen Musikgeschmack zu abstrahieren (wozu anscheinend weniger in der Lage sind, als man hätte denken können), wird das nachvollziehen können.

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  12. Anonym16:03

    Hi Matt, wenn Du an schwäbischen Weinen interessiert bis, kann ich Dir die 1 x im Jahr stattfindende Messe badischer und württemberger Weine in der Alsterdorfer Sporthalle empfehlen. Da kannst Du dich durch die Weine von über 40 Weingütern probieren. Da lohnen sich die 15 Euro Eintritt definitiv! (und oft kommt man über Connections zu 5 Euro Tickets für Gastronomen/Händler).

    Gruß
    Raphael / Weinbar Sankt Pauli

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  13. Anonym16:07

    Muss mich korrigieren, sind sogar über 80 Weingüter. Und jedes hat im Schnitt 10 Weine am Start. 800 Gläschen... Prost!

    Raphael / WB STP

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  14. obwohl es normalerweise ganz und gar nicht meine musik ist, mochte ich einige von jackos songs (allen voran "dirty diana") und natürlich die innovativen videos sehr. mir fällt kein anderer "pop"interpret ein, von dem ich dies behaupten kann.
    von elvis' tod habe ich übrigens seinerzeit erfahren als ich vom zeitungsaustragen zurück kam, vom angriff auf das world trade center während einer u-bahnfahrt in berlin und von jackos ableben vor dem pc.

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  15. Die Frage nach dem Sinn dieser Dreiecke zwischen den Rolltreppen kam mir auch schon einige Male. Schnell und SAUBER abtrennen is es nich, tendiere da eher zu "in Rolltreppengeschwindigkeit ganz dreckig abreißen", denn der Arm wird wie im Trichter zwischen Dreieck und Treppe gezogen um dann, wenn man oben angekommen ist, mit einem lauten Schnallzen abzureißen. Bitter ist es auch, wenn man jemanden auf der entgegengesetzten Treppe sieht und sich dieser Person entgegenbeugt....

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