17 Juni 2009

In Teufels … äh … Brünos Namen

Als ich den Vorraum betrete, stehe ich unversehens vor zwei Männern, die in uniformen blauen Anzügen stecken. Ihre Münder haben schon lange kein Lächeln mehr geformt, das sieht man sofort.

Sie fordern mich in knappen Worten auf, mein Handy, die Kamera und meine Umhängetasche abzugeben. Es ist sonst einfach zu gefährlich.

Ich erhalte für jedes Teil eine metallene Marke mit einer Nummer drauf. Es ist wohl besser, sie nicht zu verlieren, sonst adieu, liebe Gadgets.

Überall hängen riesige Warnschilder. Eins davon nennt mich einen potenziellen Verbrecher. Ein anderes informiert darüber, dass wir alle für die nächsten anderthalb Stunden mit einem Nachtsichtgerät beobachtet werden.

Ich werde an einen Tresen gebeten, wo mir eine Einverständniserklärung ausgehändigt wird. Ich muss bestätigen, nicht vor dem 6. Juli über das zu berichten, was ich gleich erleben werde. Nachher, beim Rausgehen, heißt es, solle ich diese Einverständniserklärung unterschrieben abgeben.

Endlich nähern sich die stalinistischen Formalitäten ihrem Ende. So sieht es zumindest aus. Ich bewege mich Richtung Saal, wo es gleich geschehen wird. Allerdings stoppen mich zwei weitere schmallippige Männer in Blau. Einer davon fasst mir umstandslos zwischen die Beine.

Dann zückt er ein phallisches Gerät, mit dem er mir unangenehm nah am Körper herumfuchtelt. Der Phallus piept aufgeregt, und der Mann runzelt vorwurfsvoll die Stirn. Er wird immer handgreiflicher.

Mein Schlüsselbund ist schuld am Piepen. Und danach der Metallknopf an meiner Geldbörse. Ich fühle mich nackt und gedemütigt. Damals, beim Grenzübergang Friedrichstraße in Berlin (Hauptstadt der DDR), war es ähnlich, nur trugen die Typen da auch Mützen und hatten Orden oder so was am Revers. Und einen Phallus höchstens in der Hose.

Endlich bin ich durch und kann den Saal betreten. Der Mann mit dem Nachtsichtgerät geht in Position. Das Licht erlischt, der Vorhang geht auf. Und dann beginnt sie endlich:

die Pressevorstellung von Sacha Baron Cohens neuem Film „Brüno“.

Später schleiche ich aus dem Kino wie ein Dieb, mit der Einverständniserklärung in der hinteren Jeanstasche. Ein Sieg über den eisernen Vorhang der Filmindustrie, und das 20 Jahre nach dem Mauerfall.

Ein bitterschöner Tag.



Kommentare:

  1. Man das ist ja echt mal übel! Hoffentlich war der Film wenigstens lustig...

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  2. Ehrlich gesagt: ja, verdammt …

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  3. Wow! So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Und wieso findet man trotzdem die meisten Filme so schnell im Netz? Vielleicht ist das gar kein Nachtsichtgerät, sondern eine mp4Cam?

    Bist du wenigstens im Brüno Kostüm hingegangen, oder hast du dich mal wieder nicht getraut? Du hättest zu den Schränken irgendwas Nettes sagen können, wie: "Du hast aber zarte Hände, Süßer."

    Nach meiner Erfahrung kommt das immer recht gut an.

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  4. Sie sollten aufpassen, denn SIE sind überall.

    Wurde der Film eigentlich in der Originalfassung gezeigt oder können Sie etwas über die Qualität der Synchronisierung sagen? Oder würde das der Einverständniserklärung, die nun vermutlich zum Gedenken an diesen Tag eingerahmt im Wohnzimmer hängt, widersprechen?

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  5. Originalfassung.

    (Nach Diktat geflohen. Matt)

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  6. Svenja, Ihre Vermutung, der Nachtsichtmensch sei zugleich der Raubkopierer, hat eine frappierende Plausibilität. Ich mag diese Theorie.

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  7. Mal ehrlich: Wer sollte wohl sonst diese qualitativ hochwertigen Kopien in Tauschbörsen einstellen? Als ich noch Filme über solche Netze gezogen habe, habe ich nicht nur verwackelte Kinoaufnahmen gefunden. Sondern häufig hochwertige Filmdateien. Die können nur von Mitarbeitern der Unternehmen eingespielt worden sein.

    Stasi-Methoden jedenfalls werden auch künftig nichts bringen. Die Musikbranche hat das ja schon erfahren dürfen: Mit den Kopien räumt man am einfachsten auf, indem man ein legales Angebot vorbereitet, das einfacher zu benutzen ist als illegale Downloads.

    Apples iTunes-Store hats vorgemacht. Leider scheint die einzige Lehre für die Filmstudios zu sein: Apple möglichst daran zu hindern, die Erfolgsgeschichte zu wiederholen. Nur: Die Kunden gehen dann nicht in den Laden und kaufen den Film. Sondern sie ziehen ihn sich eben illegal.

    Sie hingegen, werter Matt, haben meine vollste Sympathie. Ich wäre wohl einfach wieder nach Hause gegangen, irgendwelche Wörter wie „Stasipack” oder „Faschos” vor mich hinmurmelnd.

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