23 Juni 2009

Gentrifizierung oder Der Müll, die Stadt und der Kot



In Schanze und St. Pauli gibt es eine immer wütendere Protestbewegung gegen Gentrifizierung, also die Luxussanierung von Altbauwohnungen. Nach Um- oder gar Neubau kann sich eine neue kapitalkräfige Klientel in 120-Quadratmeter-Pitchpine-Lofts verlustigen und wohlig erschaudernd die nahe Gefahr des Rotlichtviertels imaginieren, während alteingesessene St. Paulianer mangels Moneten wegziehen müssen nach Billstedt.

Mit diesem zu Recht bekämpften Phänomen geht eine erschreckende „Lattemacchiatisierung“ einher. Überall eröffnen gerade schicke Cafés für die
120-Quadratmeter-Pitchpine-Loftbewohner, und zwar genau da, wo früher ranzige Spelunken einen Hauch von Kotze und Abenteuer verströmten. Ich meine: Inzwischen gibt es hier sogar Naturheilpraxen! Aber auch überall Aufkleber der Protestbewegung, die den Widerstand mobilisieren sollen.

Auf einem steht „Get out yuppiescum! Schanze bleibt dreckig“, und das gefällt mir nicht. Ehe ich aber zu den Gründen meines Missbehagens komme, muss ich noch einen Schlenker machen.

Wir leben seit 14 Jahren in unserer heruntergekommenen Vierzimmerwohung von 1901, das Parkett ist schäbig, der achtfach überstrichene Stuck nur noch halb da, die Starkstromleitungen für die Nachtspeicheröfen liegen überm Putz, und hinter den Regalen sitzt der Muff von hundert Jahren.

Klar, wir könnten anfangen herumzurenovieren, doch ganz abgesehen von unseren insgesamt vier linken Händen wäre das alles ein Fass ohne Boden. Also bleibt alles, wie es ist. Und warum auch nicht? Die Wohnung ist auf eine denkbar gemütliche Art verfallen, nirgends gibt es Schimmel, und jedes Wochenende wird sie geputzt und gesaugt (nur nicht hinter den Regalen).

Sie ist alt, recht günstig für ihre Größe, und in den meisten Räumen könnte man vom Boden essen, zumindest sonntags nach dem Großreinemachen. Und wenn man sie verlässt und hinausgeht ins Viertel, auf die Reeperbahn oder zur Schanze – jetzt endet der Schlenker –, stößt man auf Antigentrifizierungsaufkleber, die „Get out yuppiescum! Schanze bleibt dreckig“ fordern.

Das gefällt mir nicht, auch wenn ich von Lattemacchiatisierung und Naturheilpraxen so viel halte wie Benedikt XVI. von Gangbangs. Und zwar aus zweierlei Gründen.

Zum einen nennt man in Deutschland Menschen nicht mehr „Abschaum“, nie mehr; selbst Yuppies nicht. Und zum anderen vermag ich selbst als Bewohner einer heruntergekommenen Jugendstilwohnung die normative Bejahung von Dreck nicht nachzuvollziehen, weder ratio- noch emotional.

Ehrlich gesagt kenne ich keinen einzigen St. Paulianer, der versonnen vor Glück die Nüstern bläht, wenn es in einer Kiezecke mal wieder nach Urin oder Schlimmerem stinkt. Ich kenne keinen, der Blutlachen als Folklore glorifiziert. Und niemand, der den sonntagabendlichen Müllmix aus Dönerschachteln, Pommesresten, Menschen- und Hundekacke, zweckdienlich benutzten Kondomen und Scherbensalat als zivilisatorische Errungenschaft feiert.

Kurz: Wer Bevölkerungsgruppen als Abschaum verdinglicht (der doch dann zweifellos auch ethnisch gesäubert werden müsste, nicht wahr?), während er zugleich Schmutz und Verfall als erhaltenswerte Ziele preist, der hat meine Sympathien nicht.

Außerdem hat die blöde Gentrifizierung auch ihre Ästhetik – wie man an der Abendsonne sieht, die den Yuppiegötzentempel schlechthin,
das Nobelhotel Empire Riverside in der Davidstraße, erheblich öfter liebkost, als es den Abschäumern lieb sein dürfte.


Kommentare:

  1. Kaum ertraeglich in jedem Fall, dass die Clemens-Schultz/Paul-Roosen-Straße innert des letzten Jahres zu St. Paulis Babystrich wurde. Das hatten wir alles kuerzlich erst in der Schanze mit Kaffee, ah nein: Galao hiess das ja. Und - ja, ich gestehe es - es loest eine Trotzreaktion in mir aus, die mich wild radikalisiert, und zwar in dieser Form: meine kleinen Abfaelle unterwegs mit Inbrunst eben nicht in den Muelleimer zu werfen. Haltet St. Pauli unordentlich. Allerdings ist dies nicht gleichzusetzen mit Koerperfluessigkeiten jedweder Art, auf die verzichte auch ich gerne. Die Broken-Windows-Theorie zieht hier kaum. Auch ohne eine weggeworfene Papiertuete meinerseits lassen sich die allwochenendlichen Besucher mit Sicherheit nicht vom Auslaufen aus Schritt und Oberbauch abhalten. Ich weiss, dass ich mitverantwortlich am Gentrifizierungsprozess bin, zwangslaeufig ist es die eine Welt, die unfreiwillig die Wege ebnet, eines zieht anderes nach, aber ich will nicht schon wieder weggehen muessen. Wohin denn auch noch jetzt? Also moechte ich lieber weiter versuchen daran zu glauben: Ich schmeisse meine Apfelgrieb auf die Strasse und das hindert einen Conle daran, die Kaltmiete weiter anzuziehen. Ich mag traeumen, also mag in in diesem Fall auch Muell.

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  2. Nils die Maus06:03

    Als wir gestern auf dem Weg zum Schmidt Theater zu Hoecker war (sehr lustiger und vor allem netter Mensch!), sind wir auch an der Paul-Roosen-Straßé vorbeigekommen und haben oben zitiertes Plakat entdeckt. Dort stand noch "Yuppyscum, fuck off!" und "Wir saufen weiter!"
    Ich habe dieses Plakat eher belustigend betrachtet. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die Mieten dort so extrem angezogen werden können, wenn dort jedes Wochenende (und oft auch unter der Woche) Soviel Lärm, betrunkene Assis, Erbrochenes, Flaschengeklirre etc stattfindet ...
    Oder mögen dass die potentiellen neuen Mieter etwa?

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  3. mw., Sie vermüllen also bewusst und willentlich Ihren eigenen Lebensraum, damit er auf Hinzugswillige möglichst abschreckend wirkt? Das hätte ich mir nun doch nicht träumen lassen. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum das nicht auch auf Sie selber abschreckend wirkt?

    Nils, wer hier in eine luxussanierte Altbauwohnung zieht, tut das wahrscheinlich genau wegen dieses schaurigschönen Kontrastes zwischen eigener Gutsituiertheit und dem, was draußen passiert. Insofern könnte die Strategie von me auch genau kontraproduktiv wirken.

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  4. @ me: Ich denke auch, dass das ja gerade den Reiz ausmacht. Je versiffter es in einem gewissen Rahmen draußen ist, desto wohler fühlt man sich in der Geborgenheit der (neuen Luxus-)Wohnung. Wäre draußen alles wie geleckt, wär's spießig und langweilig, würde keine "Yuppies" mehr anziehen - würde aber auch Ihnen (und mir) nicht mehr gefallen.

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  5. Herr Matt,
    ich habe den Eindruck, sie widersprächen sich selber...Sie schreiben zwar "Ich kenne keinen, der Blutlachen als Folklore glorifiziert" und dennoch stilisieren Sie eben eine solche Lache zur Kunstform:
    http://www.mattwagner.de/2009/06/blut-und-boden.htm

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  6. Danke für das Kompliment, dieses Foto sei Kunst. Doch das ist falsch. Es bildet nur Realität ab und markiert ein Ende des Spektrums, das St. Pauli ausmacht – und das ist keine Wertung, sondern nur eine Tatsachenfeststellung.

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  7. dirty young man12:30

    kann es nicht auch sein, das "dreckig" auf dem aufkleber als metapher verwendet wird. und es nicht zwangsläufig bedeutet, das es dreckig im sinne von leeren dönertüten und scherben sein muß. sondern eher eine subkultur und menschenschicht gemeint ist, die von anderen gerne als "dreckig" gesehen wird...

    wie dem auch sei, seinen müll auf die straße zu werfen ist sicherlich nicht die lösung des problems.

    reclaim your viertel!

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  8. Lieber Matt, Sie kenne selbstverständlich jemanden, der Blutlachen als Kunstform ansieht. Allerdings handelt es sich dabei um genau einen von den Typen, die der Aufkleber als Abschaum bezeichnet. Gut, vielleicht mittlerweile nur noch „Uppie”.

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  9. Nun, einen Satz noch, um mich ein wenig aus der polarisierenden Ecke zu manoevrieren: Ich mache es mir ja nicht zum Prinzip oder gar zum Tick; es ist wirklich nur ganz, aehem, kindischer..Trotz. Und dieser auessert sich auch noch so gemaessigt Ü30, als so es um den Muellschweregrad Obstreste und zerknuellte Broetchentueten geht.. Ach nein, ich find's nicht schlimm, wirklich nicht. Und meine Pfandflaschen stelle ich auch immer vor die Hofeinfahrt, aber das ist eine andere Geschichte.

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  10. dirty young man, ich nehme mir gerne die Freiheit, manchmal Metaphern wörtlich zu nehmen und umgekehrt. Wie es mir in den Kram passt …

    GP, ich ahne, wen Sie meinen. Und ich bin stolz, denjenigen zu kennen.

    Brav, me … ;-)

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  11. "Nach Um- oder gar Neubau kann sich eine neue kapitalkräfige Klientel in 120-Quadratmeter-Pitchpine-Lofts verlustigen und wohlig erschaudernd die nahe Gefahr des Rotlichtviertels imaginieren, während alteingesessene St. Paulianer mangels Moneten wegziehen müssen nach Billstedt."
    Danke dafür!

    Ich finde aber, Sie nehmen solche provozierenden Aufkleber zu ernst. Gerade bei der Erhebung von Armut, Prostitution und Kotze zum Event vor der eigenen Haustür ist Wut doch gerechtfertigt. Dass es niemanden vorwärtsbringt, Yuppies zu beschimpfen, ist eine andere Sache...

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  12. Dass mir jemand vorwirft, etwas ZU ernstzunehmen, erschüttert mich in den Grundfesten. Ich muss an mir arbeiten; so was darf mir nicht wieder passieren.

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  13. Ich bin mir ja nicht sicher, aber ich habe die Vermutung, daß diese Art von Aufklebern gerade nicht von den ursprünglichen Kiezbewohnern gestaltet wird, sondern genau von den Leuten, die darauf beschimpft werden: Gutverdiener, die gerne in einem so typischen „Arbeiterviertel” leben wollen. Und eben genau zu der Latte-Macciatoisierung beitragen.

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  14. "Hier sieht es ja aus wie bei Wagners hinter den Regalen" könnte nun zum geflügelten Spruch werden. Zumindest auf dem Kiez. Sonntagmorgens.

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  15. Aber es weiß doch niemand, wie es hinter unseren Regalen aussieht. Wir auch nicht.

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  16. Anonym02:26

    Wie geht das weiter? Billstedt wird hip? Dann die Berzeliusstraße? Und am Ende habt Ihr gar kein "Milieu" mehr, in dem Ihr Euch so süffisant wohlfühlen könnt?
    Ich hätte ein paar Ideen zum Umgang mit hamburger Immobilienspekulanten und ihren Helfern im Senat, die ich hier aus strafrechtlichen Gründen nicht äußern darf. Die selben Ideen gelten allerdings auch für Typen, die meinen, ihren Müll auf die Straße legen zu müssen, damit ihre Nachbarn, über die sie sich als halbgebildete Spiegel-Leser so mild lächelnd erheben, auch weiter ihre Nachbarn bleiben.
    Jedenfalls was Euch betrifft, hatten Mao und Pol Pot doch recht.

    Schade, daß Sie so überheblich geworden sind, Herr Wagner. Eine Altbauwohnung können Sie auch bei uns in Eppendorf verfallen lassen - und da sind Sie dann auch unter Ihresgleichen.

    P.S.: Bin zu schusselig, mich hier zu identifizieren. Nur deshalb als "anonym"

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  17. Einfach unter „Name/URL“ eintragen, was Sie möchten.

    Übrigens verwechseln Sie da was: Nicht wir, der Eigentümer lässt die Wohnung verfallen. In Eppendorf hätte er das wahrscheinlich nicht getan.

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  18. Weiß ja nicht, ob ich jemandem, der Massenmörder glorifiziert, tatsächlich noch eine hilfreiche Antwort gäbe.

    Vor allem so einem Salonbolschewisten aus Eppendorf nicht.

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  19. Anonym01:28

    Werter Herr Wagner,

    darf ich Sie fragen, wieso Sie in diesem abartigen Viertel wohnen? Nach Ihren (interpretierten) Worten, nicht explizit im aktuellen Post, muss man dort die Schuhe desinfizieren, bevor man seine Wohnung betritt (und die Kleidung, nachdem man ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt hat; Sie erinnern sich an Ihren diesbezüglichen Post? während Sie sogar passionierter User von öffentlichen Verkehrsmitteln sind, was sich so wo ansonsten kategorisch verbietet). In Richtung Ihres Arbeitsplatzes gibt es hygienischere Alternativen, als gemäss eindeutigen Schilderungen im Umfeld Ihrer Internetpräsenz zuerst mal z.B. durch Pisse und Kotze waten zu müssen, um anschließend sein Domizil zu betreten, auch wenn gemäß Fernsehberichten die Mieten dort "unbezahlbar" sind (ich erinnere mich an einen, wo ich über diesen Klacks von Miete für Top-Wohnungen lachen mußte gegenüber z.B. den dort üblichen, wo das von Ihnen erwähnte "Weindorf" herkommt (die zocken die (vergleichsweise) mietpreisverwöhnten Hamburger ab, um ihre Miete in ihrer Heimatstadt zahlen zu können). Würde ich Sie und Ihr Niveau nicht besser "kennen", müßte ich Sie und Ihre Miss Columbo für Masochisten halten, was mir natürlich fern liegt. Ihre (Wahl-) Heimatstadt hat in mittelbarer Nähe dieses abartigen Viertels, das wissen Sie genausogut wie ich und die anderen "Kommentatoren", sehr ansprechende Wohnumfelder, und wenn es einem danach ist, in Pisse und Kotze zu waten, dan springt man eben schnell über den Pepermölenbek und schon ist man drin, ohne den Untergrund direkt in die Wohnung zu tragen.

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  20. Warum wir hier wohnen? Weil wir es trotz alledem lieben, uns im Zentrum der Welt aufzuhalten … ;-)

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  21. … und einem jedes andere Viertel im Vergleich zu St. Pauli grau und freudlos vorkommt.

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  22. Anonym11:50

    Das ist eine Aussage eines mutigen Mannes, zu letzterem ich Sie beglückwünsche. Diesen Sumpf als Zentrum der Welt zu sehen, hat etwas von Inthronisierung, etwas Grossem, eine tatsächliche Pointe bei 99% Rest zu sehen. Auf die (Pointe) kommt es an.

    Und zum "Weindorf" in HH versuchen die Veranstalter aus seinem Ursprungsort nur, dort gewohnte Lebenshaltungskosten in ein vergleichweises Billiggebiet zu exportieren, mit Verzweiflung, ihre Mieten im Ursprungsort irgendwo herzuzocken. Es liegt an den Hanseaten, ob sie Entwicklungshilfe betreiben möchten.

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  23. Hier zeigt sich das wahre Gesicht dieser angeblich so menschenfreundlichen „Bewahrer”:
    http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article1074611/Gewalt-eskaliert-Brandanschlag-auf-St-P

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  24. Anonym22:44

    der autor ist die avantgarde der gentrification, möchte es aber lieber nicht so wahrnehmen.

    irgendwie sauber, spannend, billig - so soll es schon sein. genau diese motivation treibt die gut-situierten dorthin. die wollen da ja nicht ihren lebensabend verbringen, die wollen sein "wo's passiert", nur eben dreckig lieber nicht, und eben mit anderen menschen die mal aufregend wohnen wollen bevor sie sich auf's land zurückziehen. und nein, es macht keinen unterschied wieviele farbschichten der stuck hat.

    you are one of them: suck it up.

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  25. U.D. undirty dog17:31

    http://www.youtube.com/watch?v=Cq1N1d1cVoA

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  26. Anonym11:32

    @anonym 22:44
    ich würds eher naiv-ignorante vorreiter nennen. am schlimmsten ists in der wohlwillstrasse...

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  27. Anonym22:07

    Ich wohne seit fast 12 Jahren in der Paul-Roosen-Straße und bin froh, dass sich das Publikum hier seit kurzem etwas gesitteter benimmt und weniger hingekotzt und gepinkelt wird. Ich finde das gut und richtig so - jedes Viertel verändert sich - und lasse mir das von irgendwelchen Pappnasen, die gerade mal ein, zwei, drei Jährchen hier im Quartier leben, auch nicht ausreden oder den Müll und Dreck hübschquasseln.

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