06 Januar 2009

Der Müllwühler

Menschen, die in Mülleimern wühlen, kann ich nicht ansehen. Es ist mir peinlich, ihnen die Peinlichkeit zuzumuten, beim Wühlen im Müll beobachtet zu werden. Wenn sie herschauen, schaue ich weg.

So ging es mir auch heute an der Haltestelle Friedensallee, wo ich gottergeben auf den sogenannten Schnellbus wartete. Ein Radler näherte sich über den Gehweg. Er trug zu üblicher Winterkleidung einen Wollschal, Handschuhe – und eine am Kopf befestigte Grubenlampe.

Die Lampe leuchtete. Der Mann stoppte und hielt sich am Mast der Fußgängerampel fest, ohne abzusteigen. Noch immer schaute ich nicht weg, denn er wirkte keinesfalls wie einer, der nun den Kopf senken und mit der Grubenlampe den am Mast befestigten Mülleimer ausleuchten würde.

Doch genau das tat er; seine Ausrüstung war dafür optimiert. Hier hatten wir einen Profimüllwühler. Schnell schaute ich weg; sein sportlich-bürgerliches Outfit und seine noch keineswegs fortgeschrittene Entwürdigung schienen das Peinlichkeitspotenzial der Situation zu verdoppeln.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er mit dem linken Arm tief im Schlund des Mülleimers herumfuhrwerkte. Irgendwann zog er eine Zeitung heraus. Und dann lehnte er sich gemütlich an den Ampelmast und studierte die wichtigsten Texte des Tages.

Keiner, der ihn nicht aus den Augenwinkeln beobachtet hätte, wäre in diesem Moment auf den Gedanken gekommen, es könnte sich um einen Müllwühler handeln. Dann steckte er die Zeitung ein und radelte weiter. 20 Meter weiter stand der nächste Mülleimer. Er hielt an.

Und dann senkte er wieder den Kopf. Ich schaute schnell weg.


Kommentare:

  1. Beraternase10:39

    Geht mir genauso... Kann das ebenfalls nicht mit ansehen.

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  2. Hmm... also ich habe weniger Probleme damit, dorthin zu schauen. Ob ich einfach schon so abgehärtet bin, oder kein Mitleid habe, weiß ich nicht. Tagsüber in der Mönckebergstraße z.B. fallen mir auch immer mehr Bettler und heimatlose auf. Und als ich letztens mit dem Nachtbus dort durchgefahren bin, und die ganzen Leute dort in den z.T. vornehmen, z.T. möchtegern-vornehmen Geschäftseingänge nächtigen habe sehen ... ich weiß nicht. Ist schon schade. Also Mitleid habe ich definitiv ... irgendwie. Aber zu mehr reicht es irgendwie nicht, weil ich mich dafür genauer mit den Leuten und deren Schicksal befassen müsste. Und genau das möchte ich nicht. Ich weiß ja nicht, ob ich nicht selber auch zum obdachlosen Trinker werden würde, wenn mir mein Kind wegstirbt oder ein anderes hartes Schicksal mich ereilen würde.
    Ich finde es im ersten Moment immer sehr schade ... und dann versuche ich, woanders hin zu schauen. Ist zwar keine feine Wahl, aber für mich noch vertretbar. Wer weiß, vieleicht ändert sich das ja mal ...

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