12 April 2007

Huhn oder Chicken?

In den Filialen von Balzac Coffee gibt es Kaffeesorten wie Hazelnut, Breakfast Blend, Arabien Moca Java oder Vanilla Almond. Außer aufgebrühten Bohnengetränken haben sie dort auch „tägliche frische Produkte aus unserer eigenen Bakery“, zum Beispiel Baguettes. Die tragen ähnlich orginär deutsche Namen.

Obwohl Ms. Columbo keineswegs zu jener dumpfen Masse Mensch gehört, die das grassierende Deppendenglisch schafsgleich nachplappert, neigt sie in fremder Umgebung doch zu einer gewissen adaptiven Milde; deshalb nahm sie ihre Bestellung vorgestern im Balzac-typischen Duktus vor.

„Ein Baguette mit Chicken“, sagte sie.
„Das ist nicht mit Schinken“, korrigierte sie Frau Balzac, „das ist mit Huhn.“

So kann’s gehen, wenn man sich in fremde Sphären vorwagt. Heute war sie gleichwohl wieder bei Balzac. Kuriert von ihrem misslungenen Ausflug in die schwankende Welt des Denglisch ließ sie die Erfahrung von vorgestern einfließen.

„Ein Baguette mit Huhn“, sagte sie.
Die Antwort war keine Antwort, sondern eine Frage: „Grilled chicken?“

Was mich vor allem wundert: warum ein nach Honoré de Balzac benannter Laden, dessen Logo ein nackter Engel auf einem Motorroller ziert, seine Produktnamen nicht französisiert.

Egal: Ms. Columbo ist an beiden Tagen satt geworden. Und nur das zählt.

Kommentare:

  1. Stefan07:48

    Ich oute mich als zur der dumpfen Masse der Anglizismenverwender gehörend. Ich liebe die englische Sprache und insofern habe ich eine Schwäche, hier und da auch mal englische Begriffe einzustreuen.

    Als ich 1995 in Vancouver, Canada war, stieß ich das erse Mal auf Starbucks. Ich dachte, hey, so etwas müsste doch auch in Deutschland funktionieren. Damals gabs nur Tchibo und Eduscho mit Stehtisch draußen unterm Schirm. Ich schrieb damals Starbucks an mit meinem Ansinnen, bekam aber nie Antwort. War auch gut so, mir fehlten da auch die finanziellen Mittel. Dann kam Balzac und die Dame war schlauer. Hat einfach Starbucks kopiert, statt Franchise-Gebühren zu bezahlen. Nun ist Starbucks auch in Deutschland und ich kann mir endlich meinen Kaffe dort regelmäßig für zu Hause besorgen. I`m addicted! Und bestellen tue ich ihn bei Starbucks immer so: "Einmal bitte für die French Press!" Funktioniert jedesmal einfwandfrei. Und würde ich es auf Deutsch sagen, "Einmal für die französische Presse", würde ich mir ersten uncool vorkommen und zweitens würde ich befürchten, wegen sexueller Anzüglichkeiten angezeigt zu werden.

    Aber keine Angst. 99% meiner Worte sind das, was man gemeinhin als Deutsch bezeichnet, wobei wir viele Begriffe verwenden, die ihren Ursprung in anderen Sprachen haben (nur wissen das die wenigsten). Wusstest du übrigens, dass Englisch viele Wurzeln in der deutschen Sprache hat?

    AntwortenLöschen
  2. Na, jetzt bringst du mich aber zum Schmunzeln am frühen Morgen! ;-)

    Englisch ist sogar eine germanische Sprache.

    Das bedeutet aber keineswegs, dass es NICHT affig ist, sie in der Alltagssprache zu vermischen – das ist nichts weiter als den Werbern auf den Leim zu gehen.

    Was man vom puren Denglisch aber trennen muss, sind die noch schlimmeren Anglizismen (wie „Das macht Sinn“).

    AntwortenLöschen
  3. Anonym10:09

    mein gott, wie ich diese sprachkauderwelsch hasse. Das schlimmste 2006 - It's your Heimspiel. wenn iirgendwann die revolution kommt, diese leute gehören als erste an die Wand. GRINS.

    AntwortenLöschen
  4. irgendwie kam mir gerade dieser uraltwitz in den kopf:

    "chicken?"
    "nein, ich nehm's gleich selber mit ..."

    :D

    AntwortenLöschen
  5. Alt, aber gut. Zumal er für mich neu ist …

    AntwortenLöschen
  6. Stefan20:26

    Ich finde, man sollte Anglizismen nicht per se verteufeln. Manche finde ich richtig kreativ. Irgendeine Firma hat in Berlin Treptow einen Turm einfach Treptower benannt (also tower gesprochen). Ist das jetzt denglisch oder kreativ? Ich finde das kreativ und so etwas bleibt mir im Gedächtnis, als Treptower Turm. Werbung ist na nun mal da, dass ich ihr auf dem Leim gehe. Wer kann schon von sich behaupten, frei davon zu sein.

    AntwortenLöschen
  7. Stefan, du hast den Unterschied noch immer nicht verstanden. Ein Anglizismus ist die Übersetzung einer englischen grammatischen Form in eine falsche deutsche grammatische Form. Beispiel: „Das macht Sinn“ oder „Erinnerst du, dass …“ oder „am Ende des Tages“ oder „schön, dass sie mit uns sind“.

    Denglisch aber ist die Vermischung beider Sprachen wie in „Wir sollten uns mal wieder meeten“ – grausigstes Beispiel: der berüchtigte Jil-Sander-Sprech.

    Treptower hingegen ist zwar auch Denglisch, aber pfiffig, weil reflektiert – und kein papageienhaftes Nachgeplapper.

    Und wenn du nichts dabei findest, dem gockelhaft pseudoweltläufigen Werbersprech auf den Leim zu gehen, dann werde gern glücklich damit. Ich werd’s nicht.

    AntwortenLöschen
  8. andreas23:22

    Ja, ja, alles richtig. Aber kann nicht auch ein grammatikalischer Anglizismus irgendwann Teil des Deutschen werden, genau wie es zahlreiche Einzelwörter unbestreitbar schon geworden sind (z. B. „Party“)? Worauf ich hinaus will: „Das macht Sinn“ macht mittlerweile auch im Deutschen Sinn, und der Kampf gegen die Verwendung dieses Satzes sollte zugunsten wichtigerer Anliegen eigestellt werden.

    AntwortenLöschen
  9. Nur mal so zur Verdeutlichung: „Das ist sinnvoll“ bewertet die Qualität eines Vorhabens, „Das ergibt Sinn“ bewertet die Qualität einer Argumentation, „Das ist sinnig“ lobt die Feinheit des Denkens – und all das geht Stück für Stück verloren, wenn man es zulässt, dass der inflationäre Anglizismus „Das macht Sinn“ alle Nuancen plattmacht.

    Dass es mir ein Anliegen ist, die schillernde Vielfalt der Sprache zu erhalten und mich nicht einfach zu ergeben, nur weil es gerade Mode ist, auf ihren Ausdrucksmöglichkeiten geistlos herumzutrampeln, bedeutet übrigens keineswegs, dass ich mich nicht auch gern um wichtige(re) Anliegen kümmerte.

    Welche schweben dir denn da vor …? ;-)

    AntwortenLöschen
  10. Joshuatree01:30

    Matt, ich liebe Deinen Kampf gegen die Denglischkeit und lerne viel dazu. Danke dafür, aber ... ;-)

    21.26:

    „Schön, dass sie mit uns sind“: Dieses "with us" ist nicht denglisch, es findet sich in der nicht denglischen Bibelübersetzung wieder. In vielerlei Nuancen.

    „Am Ende des Tages“ - Matt, warum nicht? Man könnte auch "abends" sagen, aber warum ist "at the End of the Day" so schlimm? "Am Ende des Tages" ist also nur eine von vielen Umschreibungen.

    Beim Thema "Sinn" gebe ich Dir gerne meine Zustimmung.

    Spannendes Thema!

    AntwortenLöschen
  11. Genau das meine ich mit unverstanden nachplappern. „At the end of day“ heißt keineswegs „abends“, sondern „letzten Endes“ …

    Das mit dem „mit uns sein“ ist im biblischen Kontext natürlich korrekt – sofern Gott oder der Heilige Geist gemeint sind … Du tust den Leuten, die das im Alltag gebrauchen, aber viel zu viel Ehre an, wenn du glaubst, sie orientierten sich an Luther. Nein, sie glauben schlicht, das englische „to be with us“ würde auf deutsch so heißen.

    AntwortenLöschen
  12. German Psycho10:30

    Letztens habe ich gelesen, daß eine amerikanische Firma „den deutschen Markt entern“ wolle. Und sofort kamen mir Bilder vom alten Klabauter hoch, die aber vermutlich gar nicht entstehen sollten. Außerdem dachte ich mir, daß diese Firma ja viel zu spät kommt, denn schließlich „fängt ja der frühe Vogel den Wurm“, was schon deswegen ein ganz grauenhafter Anglizismus ist, weil ein „early bird“ ganz sicher etwas anderes „meint“ als ein früher Vogel.

    Und deswegen „machen“ für mich Anglizismen auch „in 2007“ „am Ende des Tages“ keinen „Sinn“.

    Achja - über die ständige Verwendung der falschen Anführungszeichen könnte ich mich auch noch aufregen, aber das ist ein Kampf, der vielleicht etwas übertrieben ist.

    AntwortenLöschen
  13. Joshuatree23:18

    Matt, méhr Impulse für (D)ein Buchprojekt kann ich Dir virtuell nicht liefern. Ich werde das Thema bald auch persönlich ansprechen dürfen ;-)

    GP: Ja, bitte sammeln sie und geben es weiter. Ich bedauere, heute nicht in Hanau anwesend zu sein. Ich plane gerade ein Billardturnier und dann würde ich gern einen "Poetry-Slam" machen. "Poetry-Slam" ist keine Marmelade. Hätten Sie einen neuen, besseren Begriff dafür?

    AntwortenLöschen
  14. Wenn ich Vorschläge machen dürfte – wie wäre es mit „Lyrikschlacht“ oder „Gedichtegedonner“?

    Wobei man die eindeutig aus den USA importierte Veranstaltung gerne weiter „poetry slam“ nennen kann; ist ja originär, das Ganze.

    AntwortenLöschen
  15. Anonym21:15

    bin auch ein Kämpfer gegen Anglizismen allerdings ist das wohl donquijotesque :/
    ich ruhe meinen Fall

    AntwortenLöschen
  16. Hauptsache, man hat einen Sancho Pansa an der Seite.

    AntwortenLöschen