11 Oktober 2010

Wo die Welt zu Ende geht



Auf dem Docks-Flohmarkt stöbere ich versonnen in CDs, als sich der Verkäufer konspirativ zu mir rüberbeugt und raunt: „Ein Euro für die ganze Kiste!“


Drin sind rund 50 Scheiben in Jewelcases, nur ein paar stecken in einfachen Papier- oder Stofftaschen. Die faltbare Einkaufskiste selbst ist aus stabilem Plastik, wenngleich am Boden mit einem klebrigem Schmier verschmutzt, wie ich erst auf dem kurzen Heimweg merke, als ich voll reinfasse in den Schmodder.


Zu Hause separiere ich den Inhalt sorgfältig nach folgenden verallgemeinerbaren Kriterien: „sofort in den Müll damit“ (Verkratztes, Selbstgebranntes, Böhse Onkelz), „erst mal reinhören“ (Manu Chao, Roxy Music, Barry White) und „zu skurril, um es sofort wegzuwerfen“.


Zur letzten Kategorie gehört zum Beispiel „Sergej Barbarez liest Erich Kästner“. Was soll man davon bloß halten? Wird sich Kästner jetzt vielleicht anhören wie: „An allen Unfuck, derr passirt, sint nickt etwa nurr die schult, die in tunn, sonderrn auk die, die in nickt verrinderrn“?


Gut, das war jetzt eventuell keine treffsichere Phonetisierung des Idioms von Sergej Barbarez, und ich entschuldige mich in aller Form dafür. An die Platte habe ich mich jedenfalls noch nicht rangetraut.


Eine CD-R mit der Krakelaufschrift „super geile fahrmusik“ legte ich aber interessehalber mal ein. War aber nur Trancescheiß drauf. Dennoch: Die Kiste ist den Euro wert, wenn nicht noch mehr.


Vor diesem Flohmarktschnäppchen waren wir auf Fahrradtour im Alten Land. Ich holte mir neben einem Sonnenbrand die wichtige Erkenntnis, dass hinterm Königreich die Welt zu Ende ist. Dabei kamen wir doch verwirrenderweise gerade da her – und kehrten nachmittags sogar wieder dorthin zurück.


Traue also keinem Ortsschild, das du nicht selbst gefälscht hast.


Kommentare:

  1. Die "super geile fahrmusik" lag bestimmt mal in einem Golf oder 3er Cabrio, um der Welt an jeder roten Ampel den hippen Musikgeschmack des Fahrers zu offenbaren. Lautstärke was geht Alder. Unz Unz Unz.

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  2. blogg-hittn-wirtin07:04

    Ich hatte diesen Samstag am Flohmarkt ein sehr altes Tagebuch in der Hand. Ich stellte mir schon vor, wie ich an diesem überraschend warmen Tag genussvoll vor einem Café in der Sonne sitzen und voller Spannung in einem fremden Leben schmökern würde. Hatte dann aber doch Hemmungen und legte es zurück. Die besagte CD kommt da nahe ran, wobei der Spaß ungleich harmloser ist. Herrlich, so eine musikalische Wundertüte (wenn auch mit Klebrigkeit unbekannten Ursprungs ... *schüttel*)!

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  3. Anonym07:18

    Hallo! Hallo! Hallo!

    Wenn Du das Schönste gesehen hast ist die Welt halt zu Ende... :)

    Gruß aus Königreich

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  4. Wenn Sie wirklich aus Königreich wären und dort das Prinzip Nomen est Omen herrschte, so hätten Sie gewiss nicht die bäurische Plumpheit besessen, mich aus heiterem Himmel zu duzen. Sie kommen bestimmt eher aus Stoffelhausen.

    Frau blogg-hittn-wirtin, ich hätte (natürlich) nicht widerstehen können. Eine Charakterschwäche, ich weiß.

    Herr Zaphod, Ihre Theorie mag plausibel erscheinen, doch wir werden sie niemals verifizieren können.

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  5. Wie ist das denn eigentlich überhaupt, wo wir schon einmal beim Thema sind, innerhalb der zumindest von Journalisten ständig so bezeichneten Blogosphäre mit der Anrede untereinander, siezt man oder duzt man oder ist das gemischt? Hier scheint ja der Blogbetreiber vehement auf das Sie zu bestehen (es sei denn, ich die Ironie in seinem Kommentar über mir überlesen). Ja, wie ist es denn bloß?

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  6. Das bestimmen natürlich die jeweiligen Hausherrn und -damen ganz individuell. In einer Moschee müssen Sie vorm Betreten die Schuhe ausziehen, und hier wird gesiezt: So ist das, ex cathedra.

    Und zwar deshalb, weil das Siezen eine begrüßenswerte Respekts- und Höflichkeitsbekundung von Menschen ist, die sich gerade erst kennenlernen.

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  7. Ganz meine Meinung. Und der "komische" Eindruck, den das in einem Blog evtl. macht, wird sich verflüchtigen mit der Gewohnheit.

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