08 Oktober 2008

Letzte Geheimnisse: Das Herrenklo (9)



Im Bambi am Hamburger Berg gerate ich beim Versuch, mir die Hände zu waschen, an eine sanitäre Einrichtung unbekannter Funktion.

Das quadratische Metallbecken mit mittigem Abfluss verfügt nur über einen Druckspüler, doch den Hahn suche ich vergeblich. Stattdessen rinnt plötzlich von allen Seiten Wasser ins Becken und gurgelt ostentativ durch den Abfluss.

Ratlos stehe ich davor, mit weiterhin qualvoll ungewaschenen Händen. Der direkt neben mir unverdrossen pinkelnde Mensch am Pissoir dreht sich um und empfindet die Situation nicht derart, dass er nicht parlieren könnte. Im Gegenteil.

Er – pissend, doch wissend – klärt mich auf über die Funktion dieses Dings. „Das ist ein Kotzbecken“, erläutert er zum Soundtrack seines schniedelinduzierten Plätscherns, „und ich kenne keine andere Hamburger Kneipe, in der es so etwas gibt.“

Mir geht es genauso, gebe ich ihm zu verstehen, und entdecke derweil um die Ecke ein astrein funktionierendes Waschbecken, das meine hygienischen Bedürfnisse voll und ganz zu erfüllen weiß. Zurück am Platz bitte ich Ms. Columbo, die Damentoilette zu investigieren und nach einem baugleichen Kotzbecken Ausschau zu halten. Sie kommt ergebnislos zurück.

Das Kotzen, so meine empirisch jedoch nicht ganz wasserdicht abgesicherte Erkenntnis, scheint eine männliche Domäne zu sein. Denn eins ist sicher im Kapitalismus, in dem wir trotz Finanzkrise noch immer ganz kregel zu leben verpflichtet sind: Nachfrage
induziert Angebot, und nur deshalb gibt es im Bambi ausschließlch auf dem Herrenklo ein Kotzbecken.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das für mein Selbstverständnis als Mann bedeutet, aber das finde ich bestimmt noch heraus.

Kommentare:

  1. olaf08:21

    Herr Matt,
    das könnte einer römischen Tradition folgen, wo mit einer Feder im Hals nachgeholfen wurde, um anschließend degustatorischen Genüssen fortgesetzt frönen zu können, weil dann wieder etwas hineingeht.
    Wahrscheinlich ist diese Installation also Ausdruck klassischer Bildung des Betreibers, vor allem aber wohl aufgrund einer Intervention der Reinigungskräfte erfolgt. Das Aufwischen dieser anonymen, meist leicht fädenziehenden und häufig etwas sauer riechenden Pampe gegen 06:00 Uhr morgens stelle ich mir auch eher aufwendig vor, zumal Emesisprodukte auch einzutrocknen pflegen und dann vor dem Aufwischen erst einmal gelöst werden müssen.
    Das abgebildete Ensemble im Bambi ließe sich vielleicht noch verfeinern: Der Knopf des Druckspülers ist für die rechte Hand schon eine gute Stütze, ein Griff für die linke Hand wäre für das Einnehmen und Halten der richtigen Position von Vorteil, oft muß der Mensch ja etwas warten, bevor es richtig und befreiend losgeht, während das innere Schiff in harter See schlingert und stampft. Beim gegenwärtigen Zustand dieser Konstruktion wird sich ein Interessent mit der linken Hand an der rechten vorderen Beckenecke abstützen und irgendwann wird bei solcher Belastung das Becken zu wackeln anfangen.
    Ob die Spülung alles zu beseitigen vermag, wage ich zu bezweifeln.
    Allerdings könnten Rückstände eines Vorbenutzers die Abwicklung fördern.
    Und ich befürchte, daß der Abfluß irgendwann mit Papierhandtüchern oder -taschentüchern verstopft sein wird. Ein Abflußsieb könnte das zwar verhindern, jedoch würden dann auch diese legendären (geradezu "klassischen") Karottenwürfel, die Zwiebel- und die Girosstückchen, vielleicht auch die Reste der Pizza Tonno dort hängenbleiben. Oder ein Stück eingedrehte Tomatenhaut (die dreht fast immer nach innen ein) vom Hamburger. Und das sieht ja nun einfach nicht aus.
    Woran Gastronomen so alles denken müssen. Aber eine sehr aufmerksame Geste, ja. Eine geschlechterdiskrimierende Note bleibt allerdings. Das ließe sich leicht ändern, wenn die Räumlichkeiten es zulassen.

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  2. Mensch, Olaf, hätten Sie keinen Warnhinweis vorschalten können! Würg …

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  3. Es könnte sich durchaus auch um ein Pissoir für Sitzpinkler handeln oder ein Auffangbecken für Sprühstrahler, bitte seien Sie nicht zu leichtgläubig.

    Händewaschen ist übrigens nicht so wichtig. Hauptsache, man trocknet sich gut ab.

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  4. Angebote schaffen die Nachfrage, so lange es nicht um den täglichen und unabdingbaren Konsum geht. Beispiel: Ich brauche Brot und lasse mir verschiedene Angebote machen. Eine Spielkonsole braucht kein Mensch (naja, einer, Sie wissen schon), aber die Angebote lassen eine Nachfrage entsehen.

    Für diesen Fall bedeutet das: Die Nachfrage nach funktionierenden Waschbecken wird offensichtlich durch ein handelsübliches Angebot befriedigt. Zusätzlich wird durch ein Kotzbecken aber eine neue Nachfrage geschaffen. Oder kurz gesagt: Installieren Sie das Kotzbecken auch auf dem Frauenklo, dann wird auch da mehr gekotzt. Mutmaßlich.

    (Ist aber auch egal, wir müssen uns ja eh, spätestens wenn England fällt, ein neues Wirtschaftssystem ausdenken)

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  5. marmota09:56

    Der Pabst...bei uns im Süden der Republik durchaus weiter verbreitet. Besonders in den etwas rustikaleren Landgasthöfen noch sehr oft zu finden. Wenn auch nicht immer in dieser Luxusausführung:
    Pabst

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  6. ich bezweifle stark, dass männer sich häufiger übergeben als frauen - man denke allein an all die damen mit bulimie. allerdings wird vermutlich die kneipe von viel mehr männern als frauen heimgesucht, weshalb die absolute anzahl der kotzer höher liegen dürfte...

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  7. @t(o)mmy!: Kann aber auch sein, dass die Damen einfach disziplinierter kotzen und deshalb kein Extrabecken brauchen.

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  8. reddog10:52

    Man nennt so eine Einrichtung auch "Vomitorium".
    Sollte in den letzten 10 Jahren dort kein Umbau erfolgt sein, so dürfte so eine Einrichtung immer noch im Gröninger Braukeller zu finden sein. Auch dort allerdings auch nur auf der Herrentoilette.

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  9. Kotzbecken kenne ich seit meiner Stationierung in Holland 1993. Da gab es sowas auch im Mannschaftsheim. Nur mit zwei Griffen zum Festhalten rechts und links.

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  10. Das stammt bestimmt noch aus einer Zeit, als die Damen noch nicht in diesen heiligen Hallen verkehren durften, also kurz vor der Einfuehrung des Wahlrechts fuer alle weiblichen Mitbuergerinnen. Da die Gesellschaft lieberaler wurde, kamen mit den Frauen dann die seperaten WC-Anlagen. Bestimmt war es auch so, das Frauen in den ersten Jahren zwar anwesend sein durften, aber keinen Alkohol trinken durften. Daher war das Objekt einfach nicht noetig.

    Ausserdem ersparrt es den Herren der Schoepfung diese ernidrigende Knieerei vor dem, Sie wissen schon...

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  11. Aquiiinla, Sie meinen, dieses Brechbecken dort bestünde seit ca. 1919? Das halte ich für recht unwahrscheinlich. Trotzdem, eine interessante Entdeckung. Dass Frauen disziplinierter brechen, halte ich Mumpitz. Ein Großtel der Frauen weiß sich zu disziplinieren und kennt seine Grenzen. Ein kleiner Teil allerdings übertreibt es dermaßen, dass sie nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist. Ich selber durfte einmal Zeuge dieses unschönen Schauspiels werden.
    Eine sehr gute Freundin, von mir als trinkfest eingestuft, Herr Matt dürfte erahnen, dass dieses Qualitätsmerkmal von mir Hand und Fuß hat, war einmal mit mir auf dem Rückweg im Nachtbus. Nach einiger Zeit machte sich ein strenger Geruch breit, und eine Flüssigkeit (es war nur Flüssiges, Cola, Schnaps, aber keine identifizierbaren Nahrungsmittel) machte sich unter uns breit.
    Ich hatte nicht den leisesten Ton gehört. Der feine Mann lässt ja beim Vorgang audiophil nahezu die ganze Nachbarschaft dran teilhaben, aber Madame hat es still und heimlich verbrochen (irgendwann musste der Kalauer ja auftauchen!). Beschämend muss ich leider zugeben, dass wir den Bus verließen, ohne bescheid zu sagen.

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  12. Anonym20:43

    Ich denke es hat einen anderen Grund. Also das es nur auf dem Herren-WC ein Kotzbecken gibt. Und zwar soll das verhindern, dass Männer in die Pissoirs brechen. Die sind nämlich nur für die flüssige Notdurft ohne Essensreste bestimmt und würden sonst leicht verstopfen. Ob ich aus Erfahrung spreche? Bedingt. In meiner Stammkneipe gibt es nämlich kein solches Becken und zu später Stunde ( es war Karneval und Dreiermann angesagt ) auch keine funktionierenden Urinale mehr.
    Es grüßt die Melanie

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  13. olaf21:05

    Was macht die anonyme Melanie im Herren-WC ?

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  14. Die Trennung der Toiletten in Damen und Herren habe ich noch nie verstanden.

    Man weiß doch: in jeder Ehe wird es erst gemütlich, nachdem der erste Furz gefallen ist.

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  15. @ Olaf
    Karneval, erklaert das nicht alles? ;)

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  16. Meine Damen und Herren, Sie sehen mich zugelich erfreut und bestürzt über die Diskussionsfreude, die ein Beitrag über Kotzbecken auslösen kann. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich mir selber ein paar mehr Gedanken dazu gemacht. Aber dafür habe ich ja Sie. Besten Dank auch!

    Die Trennung in Damen- und Herrenklos, verehrter Opa, existiert übrigens weitgehend nur noch in der Theorie. Die Damen bevölkern nämlich je nach Schlangenlänge vor ihrer eigenen Domäne immer öfter unser Reich. Umgekehrt ist das allerdings noch nicht so verbreitet.

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  17. olaf06:48

    @ aquiinla -
    danke, das wird es wohl sein, das hatte ich als Hamburger nicht mitbedacht.

    Herr Matt,
    Sie werfen ja auch ständig Themen auf, die die Menschen berühren und bewegen. Da kann man einfach nicht schweigen. ;-)

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  18. Anonym10:05

    Hier im Rheinland verschwimmen die Grenzen zwischen Männlein und Weiblein an Karneval... Und in der Tat, die WCs im Herrenabteil werden dann auch von der Damenwelt okkupiert. Allerdings könnte die Ankunft der Rohrreinigunsfirma und die extrem detailverliebten Erklärungen des Handwerkers ein Hinweis gewesen sein ;o). Die anonyme Melanie - solange sie nicht eingeloggt ist...

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  19. In Bonn bietet das Salvator Brauhaus Toiletten in Bristhöhe; auch mit Griffen links und rechts. Praktisch.

    Toll ist auch, wenn man dort die normalen Schüsseln vollkotzt. Die angebrachte automatische Reinigungsfunktion der Klobrille, dreht diese einmal um 360 Grad durch ein Reinigungsmodul. Wunderbar wenn man nen Brocken verloren hat und dieser schlierenhinterlassend am Modul hängenbleibt.... okay ich beende die Detailisierung ....

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  20. Phil08:50

    Kotzbecken gehören in Bayern zur Standardausstattung jedes gewöhnlichen Wirtshauses bzw. der Biergarten-Toiletten. Münchener Schick-Ecken mal ausgenommen.

    Bye
    Phil

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