27 Oktober 2008

Das lange Warten auf Amy



Nach einem dienstlichen Termin im Alten Wandrahm entschließe ich mich in einem Anfall von montäglichem Masochismus, längs durch die Speicherstadt gen St. Pauli zu radeln. Also immer lang am Fleet über Stock und vor allem Stein.

Tausende Wackermänner später fühle ich mich eher geschüttelt als gerührt und vor allem bestens durchmassiert. Ein idealer Zustand, um abends das Konzert von Amy MacDonald in der Großen Freiheit zu besuchen.

Die Frau aus Bishopbriggs redet ein mühsam als Schottisch zu deutendes Kauderwelsch, das – wäre sie Deutsche – wohl dem Vollsächsischen entspräche und entsprechend für Heiterkeit sorgte. Wenn sie zum Beispiel „about“ zu sagen versucht, klingt das eher nach „a boat“, und das bedeutet ja etwas ganz anderes. Das aber sollen wir erst viel später erfahren, denn die Dame ziert sich.

Wir warten. Und warten. Zeit zum Umschauen. Empirisches Ergebnis: Wir haben hier ein erstaunlich gesetztes Publikum.

Es gibt Lederjackenmänner mit Holstenhüftgold und Warsteinerwampe, es stehen herum Bubikopfblondinen in Puffärmelblusen und koketten Kunstlederwestchen, deren graumelierte Begleiter farblich fein darauf abgestimmte Jacketts zu Designerjeans tragen.

Es gibt doppelbekinnte Bank-, vielleicht auch Versicherungsangestellte mit dezent linierten weißen Oberhemden, deren Ärmel die ganze Zeit zugeknöpft bleiben. Zudem ist die Quote der leicht bis mittel Adipösen erstaunlich hoch für einen Abend mit Amy MacDonald, die so langsam aber wirklich mal anfangen darf.

Ich frage mich, wie lange sie noch ihren Auftritt verzögern könnte, ehe die Bubikopfblondine, der Lederjackenmann, der zugeknöpfte Hemdsärmel und die Armada der leicht bis mittel Adipösen empört genug wären, um als verschmolzener Mob die Bühne zu stürmen und ein für alle mal ein Fanal zu setzen gegen zu spät auftretende Künstler.

Meine Schätzung: drei Stunden. Doch dazu kommt es nicht – dafür aber Amy und ihr „a boat“.

Zeit, über den Transenstrich nach Hause zu radeln. Nirgends Kopfsteinpflaster.


Kommentare:

  1. Anonym22:36

    Lieber Matt, warum sind Ihnen bloß die dickeren Menschen so oft ein Dorn im Auge? Schon öfters haben Sie durchblicken lassen, dass Ihnen Besitzer eines stattlichen BMI ein Gräuel sind. - Wie kommts? Waren Sie früher vielleicht selbst dick?

    Platypus

    PS: Schon eine böse Mail von Frau Anke Gröner bekommen?

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  2. Wie kommen Sie darauf, dass mir diese Menschen ein Dorn im Auge sind? Oder gehen Sie fälschlicherweise davon aus, die bloße Erwähnung einer Tatsache – eine vergleichsweise hohe Quote leicht bis mittel Adipöser – sei bereits gleichzusetzen mit einem Werturteil?

    In meiner Welt nicht, ehrlich gesagt.

    Von daher kann ich Ihre Ausführungen nur als haltlose Missinterpretationen einstufen. Übrigens war ich nie selber dick und habe auch keine Mail von AG bekommen, weder eine gute noch eine böse.

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  3. Anonym23:50

    Hm, der Kontext kam mir bisweilen negativ vor. Daher meine Vermutung.

    Wenn ich in Zukunft Ihren Blog lese, werde ich im Geiste einfach "adipös" durch "glatzköpfig" ersetzen. Dies hätte auch den Vorteil, dass ich mich ein einig eingebundener fühlen würde. ;-)


    Platypus

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  4. In dieser Hinsicht habe ich selbst jedenfalls enorm viel zu bieten! Willkommen im Club.

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  5. ich denke, übergewichtige menschen sollte man geradezu zum lesen dieses blogs auffordern: bei herrn matt bekommt doch fast jeder sein fett weg...

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  6. Fein beobachtet! ;-)

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  7. Und warum schwinden meine profunden Pfunde dann nicht? Ich lese hier nun schon seit geraumer Zeit! Ich verlange Taten! Ergebnisse!

    Und nicht solche Lügen ... und Fälschungen ... die GDI tötet keine Kinder .. :D

    Desweiteren ärgere ich mich massiv, dass ich nix von dem Konzert erfahren habe - finde nämlich "This is the life" extrem genial ...

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  8. nils, Sie lesen offenbar nicht leidenschaftlich genug mit – oder Sie sind eh rank und schlank und kokettieren nur.

    Konzertberichte gibt es hier extrem selten; ich will ja Berufliches und Privates tunlichst nicht vermischen. Die Onlineauftritte der einschlägigen Tageszeitungen stellen Sie aber sicherlich zufrieden.

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  9. Achso, nein. So war das nicht gemeint. Ich meinte, dass es blöd gelaufen ist, dass ich zu spät von dem Auftritt wußte. Sonst wäre ich persönlich hingekommen.
    Sie glauben doch wohl nicht im ernst, dass ich mich auch nur annähernd über einen ihrer Einträge ärgern, ja gar aufregen würde?

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  10. Desweiteren muss ich leider nix kokettieren ... also, noch nicht. Dauert noch n bischen ...

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