21 März 2007

Betrug an Renate

Einmal die Reeperbahn überquert, und schon stoßen wir auf etwas, das uns wirklich noch gefehlt hat: einen Wochenmarkt. Überall Ökogemüse (Foto), Obst, Eier, Käse – und St.Pauli-Trikots, klar.

Das Erstaunliche am neuen Mittwochsmarkt auf dem Spielbudenplatz ist aber nicht nur die Sichtnähe zum Straßenstrich, sondern seine Öffnungszeit: von nachmittags 16 bis abends 23 Uhr. Ein Traum! Auch ganz normale Arbeitnehmer können dort einkaufen! Also wir!

Das nutzen wir heute Abend gegen 22 Uhr genüsslich aus und schreiten frohgemut durch den Regen rüber. Allerdings plagt mich schon auf dem Weg dorthin ein schlechtes Gewissen. Ich plane nämlich den Käsestand aufzusuchen, sehe vor meinem geistigen Auge aber schon jetzt eine verzweifelt in ihre Pestokaraffen weinende Renate, deren Käseladen ich allfreitäglich seit was weiß ich wie vielen Jahren frequentiere, wenn nicht noch länger.

„Es ist wie Fremdgehen, stimmt’s?“, sagt Ms. Columbo mitfühlend. Ganz genau. Ganz genau!

Allerdings habe ich zwar vor fremdzugehen, plane aber die Beziehung zu Renate gleichwohl aufrechzuerhalten. Und mal ehrlich: Könnte ich nicht hier, auf dem Markt, ein bisschen Käse kaufen und am Freitag bei Renate ein anderes bisschen? Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, und es ist ein liberales Jahrhundert, nicht wahr, da muss so etwas doch ohne größeres Trara möglich sein.

Wenn mir nur endlich dieses Bild einer in ihre Pestokaraffen weinenden Renate aus dem Kopf ginge. Davon geplagt trete ich mannhaft heran an den Käsestand auf dem Nachtmarkt. Ein Blick, ein Check, ein Fazit: gutes Angebot. Geradezu toll. Ein wenig Ziegencamenbert darf es ja wohl sein, davon geht Renate nicht pleite. Und dieser originelle Bierkäse mit der Lage Rosinen obendrauf – interessant. Den habe ich bei Renate noch nie gesehen. Damit kann ich ihr also gar nicht schaden.

Ms. Columbo möchte Manchego, Cremoulin haben wir schon länger nicht gegessen, und plötzlich habe ich a) eine Tüte voller Käse, b) 16 Euro zu bezahlen und c) absehbar am Freitag keinen Bedarf mehr.

Ach, Renate … Vielleicht besuche ich dich übermorgen doch und kaufe was fürs Eisfach.

Ich bin einfach noch zu ungeübt im Fremdgehen.

Kommentare:

  1. Lieber Matt,
    vielen Dank - am Anfang dieses Berichts hatte ich befürchtet, dass Du 23 Stück Gouda erwerben wolltest - aber Du hast es mir erspart. Du siehst - der Gouda steckt mir noch in den Knochen.
    Have fun,
    Gaba

    AntwortenLöschen
  2. Verehrte Gaba, da ich Gouda nur ab einem Alter von 24 Monaten überhaupt anschaue und er in diesem Alter bereits in eine deftige Preisklasse vorgestoßen ist, hätten mich 23 Stück bestimmt Hartz IV näher gebracht. Ms. Columbo wäre mir sicherlich in den Arm gefallen. Somit: keine Gefahr. Aber danke für die Sorge! ;-)

    AntwortenLöschen
  3. Oh, Käse... ahhhhh. Ich kann kaum meinen Osterurlaub in Hamburg abwarten - Hier habe ich normalerweise die Wahl zwischen Cheddar und Mature Cheddar. Lecker.

    AntwortenLöschen
  4. Käse lässt sich übrigens unbeschadet einfrieren und ein Jahr später wieder auftauen. Sie wissen, was zu tun ist, nicht wahr?

    AntwortenLöschen
  5. Stefan07:51

    Da bin ich ja beruhigt. Mir geht es da ähnlich. Auf dem Markt im beschaulichen Niendorf gibt es einen Stand, der die erlesendsten Käsesorten feilbietet und gleich daneben einen Laden, der nicht mindere Qualität bietet. Schweizer Käse aus den entlegensten Berwipfeln, umgeben von saftigen Matten. Wer kann da Nein sagen? Und entweder ich betrüge den Stand oder ich betrüge den Käseladen. Im Moment betrüge ich den Stand. Ich rede mir das schön. Der Käseladen hat höhere Mieten, der Stand ist auch ohne mich gut besucht. Und je länger ich warte, desto schlechter wird mein Gewissen, denn irgendwann werde ich wieder beim Stand sein und mir die Frage gefallen lassen, wo ich so lange war? Was soll man da sagen?

    AntwortenLöschen
  6. Käse einfrieren ist wie Hecht kochen und Filetsteak durchbraten.
    Der spezielle Eigengeschmack geht über die Elbe.
    Aber das ißt dann der sächsische
    Gourmand, der das schon mit Bononen gemacht hat.

    AntwortenLöschen
  7. Nein, oldman, das ist nicht wahr! Da wir über einen privaten Versorgungskanal bis nach Sardinien verfügen, der manchmal Überkapazitäten erzeugt, haben wir seit Jahren erzwungenerweise Erfahrung mit dem Einfrieren von Käse. Halbfeste und harte Sorten wie Pecorino o. ä. überstehen den Prozess völlig unbeschadet und ohne wahrnehmbare Aromaeinbußen.

    Was haben Sie denn bloß eingefroren – Mozzarella …?

    AntwortenLöschen
  8. Stefan, ich sehe, wir verstehen uns. Vor dieser Frage von Renate fürchte ich mich auch schon, zumal ich erst letzten Freitag geschwänzt habe.

    Wahrscheinlich muss ich mir eine Legende zurechtlegen – etwas wie Urlaubsreise oder Bettlägerigkeit.

    AntwortenLöschen
  9. German Psycho10:01

    Der Geschmack von Käse läßt sich übrigens stark verbessern, indem man ihn vor dem Servieren durch Wiener Schnitzel ersetzt.

    Jaja, ich weiß, hatten wir gerade erst vor kurzem, den Satz, aber man solle ihn auf jeden Fall nochmal anbringen dürfen.

    Ich bin übrigens überrascht, wie wenig Probleme Ms. Columbo mit dem Fremdgehen hat. Ich bin mir aber sicher, Sie werden das nicht ausnutzen.

    AntwortenLöschen
  10. Wir haben hier eine Win-Win-Situation, vielleicht liegt es daran …

    Apropos Wiener Schnitzel: Heute Abend wird das „Tirol“ inspiziert.

    AntwortenLöschen
  11. German Psycho10:47

    Sie werden es nicht bereuen.

    AntwortenLöschen
  12. Hausmeisterin10:56

    Hallo Matt,
    wie ist denn der Bierkäse mit Rosinen? Klingt ein wenig igitt, könnte aber auch extrem lecker sein.

    AntwortenLöschen
  13. Liebe Hausmeisterin, wir haben ihn noch nicht probiert, verharren also noch in einem Zustand aus Skepsis und Neugier. Ich halte Sie auf dem Laufenden!

    AntwortenLöschen
  14. Whykiki14:32

    Hallo Hr. Wagner,

    vielleicht habe ich auch nur 9 1/4 Std. bei Ihnen verbracht (ich will ja nicht lügen..), auf jeden Fall hat es zwei Tage gedauert alles zu lesen.

    Mittlerweile liest nun auch meine Frau mit und versucht mich mehr denn je zu überreden nach Hamburg zu ziehen (sie ist verliebt in diese Stadt seit den letzten Besuchen). Weil jeder Artikel in Ihrem Blog erinnert an nette Stunden im Schanzenviertel, auf der Reeperbahn oder an das Backpackers Hostel an der Max-Brauer-Allee (oder Strasse???).

    Heute morgen war's das Argument "Käse kaufen", zu blöd, dass ich keinen Käse mag!

    Bis Morgen und liebe Grüsse

    Whykiki

    AntwortenLöschen
  15. Was sollte denn Mozarella an Eigengeschmack verlieren.
    Gummipuffer kommen mir nicht ins Haus.
    Es geht auch um Lagerzeit und Temperatur.
    Ein Jahr ist für einen Hartkäse bei -18 Grad zu lange.
    Die Struktur wird durch auskristallisierendes Restwasser zerstört.
    Weichkäse sind da etwas geduldiger.
    Mache Sie einen Test: Trinken Sie Frischmilch vonne Kuh
    direkt. Merken Sie sich den köstlichen Geschmack.
    Dann frieren Sie diese für ein Jahr ein. Und ?
    Wasser mit Krümeln, leicht gesüßt.
    Das was als Woi an Schweine verfüttert, und als Kefir / Almdudler
    von Harald dem Trinker beworben wurde.
    Genau so ist es mit obigem gekocht und durchgebraten.
    Es soll ja Leute geben, die kochen Hummer damit er weich wird.
    Erzählen Sie nichts einem nicht ausgelernten
    Koch, dessen Ziel es war zur See zu fahren.
    Hätte ich an meinem 17. Geburtstag nicht den
    Küchenchef verprügelt, hätte ich es auch geschafft.
    Mir ging auf den Senkel, daß er mir immer Schnitzel
    um die Ohren haute. Auch an meinem Geburtstag.
    Wodurch ich letztendlich einen Beruf ergriff, in welchem ich
    auch hauen durfte. Mit Recht. ;-)

    AntwortenLöschen
  16. Ha! Bei Ihrem nächsten Hamburgbesuch unterziehe ich Sie einfach einer Blindverkostung. Dann werden wir ja sehen!

    AntwortenLöschen
  17. Kommt das nicht auf den Käse an? Gibt doch auch genug Tiefkühl-Scheiß mit Käse. Nicht, dass der schmecken würde, aber immerhin sieht er aus wie Käse.

    AntwortenLöschen
  18. Liebchen14:57

    Wußten sie das Käse den Magen schließt?
    Und wußten sie außerdem das der Schimmel von Käse keilförmig wächst???
    Und wußten sie das ich nichts lieber täte als mir schon heute, den Magen von keilförmig verschimmeltem Käse schließen zu lassen? Jawoll das würde ich in Kauf nehmen! Hauptsache nach Hamburg! Grüßen sie mir Renate schön...

    AntwortenLöschen
  19. Ja, das mit dem Magenschließen habe ich auch schon mal gehört.

    Aber ist das nicht ungesund, so ein geschlossener Magen? Muss es im Sinne einer ordnungsgemäßen Verdauung nicht eine gewisse Durchlässigkeit gen Süden geben?

    Das ist bestimmt wieder mal nur metaphorisch gemeint – à la „das öffnet mir das Herz“.

    AntwortenLöschen
  20. Cali15:45

    Ich glaube das er einfach den Hunger stillt-wie erklären sie sich sonst die Unmengen von Käse die auf Partys zu Igeln verarbeitet werden! Leute satt-Party zu Ende!

    AntwortenLöschen
  21. Soviel zum Einfrieren:

    http://www.gesundheitstrends.de/ernaehrung/lexikon/kaesegebote.php

    Und über die käsige Kultur:

    http://www.cma.de/content/kaese/kaese-kurioses-rund-um-kaese.php

    AntwortenLöschen
  22. Irgendwas hat mit dem 1. Link nicht hin, deshalb:

    12. Einfrieren von Käse
    Ist dem Käse zu warm, reift er zu schnell und sinkt die Temperatur unter Null, verliert er an Geschmack. Deshalb sollten Sie Käse möglichst nicht einfrieren. Weich- und Schnittkäse können jedoch in verbrauchsgerechten Portionen etwa sechs Monate im Tiefkühlfach aufbewahrt werden. Hartkäse sollten Sie nur gerieben einfrieren, weil er am Stück bröckelig wird. Bei Bedarf den Käse langsam im Kühlschrank auftauen lassen.

    AntwortenLöschen
  23. Danke für die Erläuterung. Damit steht es mindestens Remis zwischen Oldman und mir.

    AntwortenLöschen