07 August 2011

Super weggekuckt



Als ich die Bäckerei in der Silbersackstraße betreten will, sehe ich im Augenwinkel einen jungen Mann mit Basecap, T-Shirt, knielangen Shorts und um die Hüfte gewickelter Jacke, der schräg gegenüber am Bauzaun lehnt und anscheinend sorgsam das Verrichten seiner Notdurft vorbereitet.

Der Gehweg ist hier durch die Baustelle sehr eng, wer jetzt an ihm vorbei möchte, wird Mühe haben, ihn nicht zu streifen. Einen Betrunkenen, der dabei ist, das Verrichten seiner Notdurft vorzubereiten, möchte man allerdings ungern streifen, man möchte ihm nicht mal nahekommen; es drohen Spritzer und anderes Ungemach.

Doch ich muss ja gar nicht an ihm vorbei, sondern Brötchen holen. Als ich die Bäckerei wieder verlasse, ist er immer noch da, und ich vermag es nicht zu vermeiden, ihn beim energischen Abschütteln der letzten Tropfen zu ertappen. Er malträtiert sein Gemächt sogar mit einer Verve, die man mit etwas gutem Willen als quasionanistisch deuten könnte. Ich nehme mein Fahrrad, schiebe es vorsichtig an ihm vorbei und steige auf.


„Du hast grad super weggekuckt!“, brüllt er plötzlich hinter mir her. „Super, wie du grad weggekuckt hast! ARSCH! FOTZE!“

Dem Mann scheint ohne Zweifel im Lauf seines Lebens das richtige Gespür für Umgangsformen ebenso abhanden gekommen zu sein wie ein treffsicheres Urteil über die anatomischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Viel bedauerlicher aber ist, mit welcher Nonchalance er der Welt freiwillig etwas vor die Füße und in den Dreck von letzter Nacht wirft, was ihm sogar das Grundgesetz als unantastbar garantiert: seine Würde.

Wenn ich solchen Menschen begegne – und das passiert auf dem Kiez leider öfter, als mir lieb ist –, frage ich mich immer, wie sie im Alltag leben. Wie sie lieben, diskutieren, wer sie mag und aus welchen Gründen, wie sie als Kinder waren, ob sie mal Lokführer werden wollten, wann sie zuletzt geweint haben.

Solche Sachen frage ich mich. Und was im Lauf ihres Erwachsenwerdens passiert sein muss, dass sie heute nichts mehr dabei finden, ihren Schniedel öffentlich abzuschütteln und dabei Zufallszeugen „Arsch!“ und „Fotze!“ hinterherzurufen. Nicht für alles ist der gute, alte Alkohol verantwortlich.

Warum mir gerade jetzt die iPhone-App „Verbrechen“ einfällt, die für den Kiez eine erkleckliche Anzahl von Tatorten ausflaggt (Foto), weiß ich trotzdem nicht genau.

Wahrscheinlich Zufall.

Kommentare:

  1. alles b.01:07

    Das durfte der gar nicht.

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  2. Ich muss bei solchen Menschen ja immer darüber nachdenken, ob sie ihre Wäsche waschen. Wissen Sie, das ist für mich immer so ein Indikator für Körperbewusstsein und ein geregeltes Leben. Das hat was mit Aufwand und Wohlbefinden zu tun und auch damit, was man seinen Mitmenschen zumutet. Und außerdem kommt die Kleidung, die sie an ihrem Körper tragen, ja irgendwoher, oder nicht? Ich weiß nicht wieso, aber ich denke fast zwangsläufig daran.

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  3. Anonym14:34

    Auch hier trifft wie immer die wunderbare Feststellung Klaus Kinskis zu: "Die Leute sind nur deswegen so unverschämt, weil ihnen keiner dafür auf's Maul haut!"

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  4. Schön zu lesen, das ich nicht der einzige bin der sich hintergründige Fragen über seine Mitmenschen stellt. Wobei ich mich meist mit der Frage begnüge, wie die Menschen als Kinder wohl waren und was wohl passiert sein muss um zu dem zu werden, was sie heute darstellen.

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  5. Ja, diese Überlegungen sind so faszinierend wie erschreckend. Und nirgends eine Erklärung.

    Anonym, Kinski war übrigens dafür selbst das beste Beispiel … ;)

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  6. Yann, ich frage mich meistens bang, ob sie sich auch die Hände waschen … Und denke: nein.

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  7. Ich oute mich mal: ich habe ebend tatsächlich geguhgelt was "quasionanistisch" sei... Ich bin stark dafür, in diesem Wort einen Bindestrich einzufügen, Grammatik hin oder her! :-)

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  8. Ja, darüber könnte man diskutieren; der Strich wäre sogar von der Grammatik gedeckt, weil das Wort (gerade weil es sich um einen Neologismus handelt) dadurch an Übersichtlichkeit gewänne.

    Dennoch: I prefer not to.

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  9. Anonym09:29

    Es gibt nur einen einzigen Ort im google-bekannten Cyberspace (wann ist das Wort eigentlich aus der Mode gekommen?) an dem das Wort "quasionanistisch" heftet. Und das ist hinten hinter der Reeperbahn. Beeindruckend.

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