24 März 2009

Parade der Seltsamkeiten

Menschen sind bisweilen seltsam.

Wenn man zufällig dabei ist, wenn sie gerade seltsam sind, hat man das Gefühl, durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder so was in ein anderes Universum gebeamt worden zu sein, wo ihre Seltsamkeit als völlig normal gilt.

Dort ist man dann selber seltsam.

Heute jedenfalls stand ich an einem Tisch meines italienischen Stammcafés, wo ich mittags einen Espresso (Foto) samt Apfel-Walnuss-Kuchen zu mir zu nehmen pflege. Ein Gast, der in Begleitung einer ihm sehr zugetanen Frau auf Hockern in der Nähe saß, begann unvermittelt dem Wirt, der sich zu ihnen gesellt hatte, Rücken und Nacken zu kraulen. Auch massageähnliche Tätscheleien gehören zum Repertoire.

Keiner thematisierte dieses Gebaren, auch seine Begleiterin lächelte und schnatterte, als sei daran nichts seltsam, ebenso der Wirt. Wenig später musste der Verwöhnte zum Tresen, weil andere Gäste zahlen wollten, und sofort schienen die Scharniere des Normaluniversums wieder einzurasten.

Neulich auf dem Kiez erlebte Herr Sternenschüssel noch Seltsameres. Am Hamburger Berg sah er eine Frau, die sich vor einer Kneipe Hose samt Slip auszog und untenrum nackt weiter mit ihren Mitzechern parlierte, als sei es das Normalste von der Welt.

Doch es gibt Steigerungen. Kollegin S., die im Knust jobbt, erlebte mal eine von ihr als elegant empfundene Dame im Kostüm, die vorm Tresen den Rock lupfte, sich hinhockte und auf den Boden schiffte. Dabei ist die Toilette von dort maximal zehn Meter Luftlinie entfernt.

Um solche lästigen Details schien es der zu äußerster Seltsamkeit entschlossenen Frau aber längst nicht mehr zu gehen. Nach Beendigung ihres Geschäftes zog sie alles wieder hoch, mied mit ihren Highheels
sorgsam die Pfütze, rauchte behaglich eine Zigarette – und war recht aufgebracht darüber, dass man sie hinauskomplimentieren wollte.

„Sie sah ganz normal aus“, erinnert sich S. Und das galt wohl auch für die untenrum blanke Frau vom Hamburger Berg und erst recht für den Wirtkrauler von heute Mittag.

Womöglich liegt es aber auch an mir. Vielleicht tuscheln schon alle über mich, weil ich nirgends die Hosen runterlasse. Weil ich darauf verzichte, Menschen, die nicht Ms. Columbo sind, öffentlich zu massieren. Weil ich mich nicht entblöde, für bestimmte Verrichtungen Toiletten aufzusuchen.

Wer mir also verraten kann, wie ich den Riss im Raum-Zeit-Kontinuum wiederfinde, möge mir bitte einen Tipp geben. Ich will nämlich wieder zurück.


Am besten gestern.


Kommentare:

  1. Die ersten drei Absätze unterschrieb ich Ihnen aus reiner freundschaftlicher Melancholie heraus.

    Den Rest der Sternenschüsseleien verstehe ich allerdings nicht; Realität und Fiktion, persönliche Wahrnehmung und Zitat bilden dann ein merkwürdiges Gebräu. Imvho. Erinnert mich an merkwürdigerweise an den Film "9Songs"

    Aber ich will nicht abschweifen.

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  2. Das sind alles vertrauenswürdige Zeugen – die mir zudem unabhängig voneinander ihre Geschichten erzählten.

    Sie wissen doch: Hier steht die Wahrheit, nichts als die Wahrheit.

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  3. Merkwürdig ist bisweilen auch mein Humor. Beispielsweise konnte ich mich nicht mehr einkriegen vor lachen, nachdem ich las: „(...) einen Espresso (Foto) (...)”

    Man sagt ja immer, es seien die kleinen Verrücktheiten, die Menschen so liebenswert machten, aber wenn man sich Ihre Geschichte so durchliest, dann durchschaut man diesen zunächst so wohlklingenden Satz sehr schnell.

    Wieviel sympathischer wäre doch diese elegante Dame, wenn sie nicht einfach auf den Boden pisste.

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  4. in der "normalen" welt pinkeln sich betrunkene damen ein, ohne sich vorher zu entblössen, da erscheint mir ihre welt deutlich unterhaltsamer, herr matt.
    der espresso auf dem foto sieht übrigens aus wie eine ochsenschwanzsuppe in zu kleiner tasse...

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  5. Dass Sie, verehrter GP, zu den herausragenden Protagonisten spitzenmäßiger Seltsamkeit gehören, ist eh eine Binsenweisheit.

    Darauf würde ich nur ungern verzichten wollen, weshalb ich die Existenz in einem gemeinsamen Universum doch recht reizvoll finde.

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  6. Tommy, allein die Existenz von Ochsenschwanzsuppe hat etwas Bizarres. Dazu muss sie nicht mal in eine Espressotasse abgefüllt werden.

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  7. George Bernard Shaw13:07

    „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“

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  8. Manchmal, sagte der Drogenfahnder, könne man daran sehen, was man so eingeworfen habe.
    Manche sitzen im Winter dann nackig im Bach und plätschern. Dem, der sie rausziehen will, erzählen sie, sie würden ihr Badezimmer fliesen.

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  9. Olaf19:49

    Herr Matt,
    in dieser Welt, aus der Sie berichten, gibt es kein Zurück, es gibt in ihr vermutlich nichts was es nicht (irgendwann) gibt. Sie werden damit leben und fertig werden müssen.
    Auch ein Wurmloch oder artverwandtes hülfe (richtig ?) da nicht weiter. Sie kämen vom Regen in die Traufe.
    Das soll Sie aber nicht entmutigen - es sind doch gerade diese herrlich abgedrehten und auch manchmal herben bis traurigen Geschichten, die einen hierher locken.

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  10. Die einen nennen es den Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, ich nenne es den Amöbenstaat ...man muss nur "magnetisch" genug sein um diese "Freaks" anzuziehen...

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  11. Ein wunderbarer Blogeintrag! :-) Aber müsste es nicht heißen "weil ich mich entblöde" (ohne nicht)? So kenne ich jedenfalls den Gebrauch des Worts, bin mir aber in keiner der beiden Möglichkeiten sicher.
    Schöün Tach noch!

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  12. vierundachtzig, „entblöden“ ist synonym zu „scheuen“. Daher drückt es exakt aus, was ich meinte: Ich scheue mich nicht, Toiletten aufzusuchen.

    Beule, diesen Magnetismus erwirbt man hier auf dem Kiez auf ganz natürliche Weise. Man kann ihm gleichsam gar nicht entgehen.

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  13. Ich frag mich immer, wie diese Menschen die Welt am nächsten Morgen sehen. Wahrscheinlich arbeitet die gute Frau als Art Director in einer hippen Agentur und unterwirft sich sämtlichen Dress- und anderen angesagten Codes....

    Wie schön kann es sein, einfach höflich und sozial-kompatibel mit Stil durch die Welt zu gehen...?

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  14. :-)
    uiuiui. immer wieder überstimmt die realität die wildesten phantasien.

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