13 Februar 2009

Ich, Muse der Dichter

Schon komisch, in einem Roman plötzlich auf sich selbst zu stoßen. Besser gesagt: auf eine Figur, die genauso heißt wie man selbst, sogar mit Doppel-t und h.

In Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ passiert es. Dort stolpere ich auf Seite 84 unversehens über einen „Matthias Wagner“.

Na gut, eigentlich ist es nicht mal eine Figur, sondern nur das Pseudonym einer Figur. Trotzdem ändert das nichts an der Leseverblüffung – ein Gefühl, das ich allerdings schon kenne.

Als Jugendlicher nämlich war ich, wie mir dank Kehlmann wieder einfällt, bereits in einem Karl-May-Roman auf mich gestoßen. Damals eine irgendwie schmeichelhafte Sache für einen pubertierenden Hosenscheißer.

Ich glaubte bislang, May hätte mich in der „Winnetou“-Trilogie untergebracht, doch der Hort meines Namens befindet sich – wie mir das Internet folgsam meldet – in „Die Sklavenkarawane“.

Ähnlich wie der feine Herr Kehlmann gestand mir allerdings auch der Radebeuler keine tragende Rolle zu, ganz im Gegenteil. Lediglich Gegenstand eines Gespräch bin ich, man erinnert sich meiner als Ungar aus dem „Eisenstädter Komitat“ (wtf?), der immerhin über einen Diener verfügte, bisweilen mit Straußenfedern handelte und schließlich im Ostsudan seiner Lebendigkeit abhanden kam.

Kehlmann hätte diese doch recht enttäuschende Ausgestaltung durch May endlich wieder wettmachen können, ja müssen, doch nein: Ich bin ihm nichts mehr als ein Pseudonym. Der zweite Genickschlag für mich in der Literaturgeschichte.

Immerhin passt das zu diesem Autor, der auch sonst recht schludrig ist. Eine der anderen Figuren in „Ruhm“ arbeitet nämlich mitten im YouTube-Zeitalter bei Mannesmann, einer Firma, die schon doppelt so lange tot ist wie YouTube lebendig. Und ausgerechnet ein Techniker, der es viel besser wissen müsste, glaubt bei Kehlmann noch immer an die Schimäre aggressiver Handystrahlen, die einem angeblich das Hirn wegkochen.

Wer so liederlich recherchiert, sollte mich auch keinesfalls vom Pseudonym zur Figur aufwerten, das möchte ich gar nicht. Zur Ehrenrettung meines Namens muss ich daher wohl irgendwann anfangen, meine Autobiografie zu schreiben.

Jetzt muss mir
nur noch was Berichtenswertes passieren.

PS: Die Domain www.danielkehlmann.de ist übrigens noch frei. Jemand sollte sie sich sichern und dem Autor teuer weiterverkaufen. Meinen Segen habt ihr.



Kommentare:

  1. Jetzt kann man per Opera bei Ihnen nicht einmal mehr kommentieren. Hmmpf.

    Handystrahlen sind übrigens hochgefährlich, wie man mir in Dubai erklären wollte. Eine ältere Dame lief da über die Messe und bot homöopathische Fläschchen gegen den Elektrosmog und schlechtes Chi an. Das Geschäftsmodell imponierte mir, weil die Fläschchen offensichtlich leer waren.

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  2. andreasmint@tuxmate-mint ~ $ whois danielkehlmann.de
    [...]
    Domain: danielkehlmann.de
    [...]
    Status: connect
    Changed: 2009-02-13T09:35:58+01:00
    [...]

    Zu deutsch: Die Domain wurde nur wenige Stunden nach Ihrem Posting registriert.

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  3. problem dabei: §12 BGB, das recht am eigenen namen. am ende wird man die domain herausgeben müssen, wenn man nicht selbst dingsda kehlmann heisst. was allerdings auch umgekehrt funktioniert: sie könnten als MW den herrn kehlmann um unterlassung der nutzung ihres namens im roman auffordern - bzw sich die nutzungsrechte abkaufen lassen. im aktuellen fall in kombination mit schmerzensgeld?

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  4. GP, das Geschäftsmodell ist generell hochimposant, weil die von den Homöopsychopathen verkauften Stoffe ja praktisch nie in den Fläschchen sind. Dass sie immer noch damit durchkommen: Respekt.

    Einheitskanzler, ich bezweifle sehr, dass man einem Autor die Verwendung bestimmter Namen untersagen lassen könnte; es sei denn, es ginge um Persönlichkeitsrechte (wie im Fall Biller/„Esra“). Die Freiheit der Kunst reicht zum Glück sehr weit.

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  5. Nur die Weitsicht hat B.Brecht davon abgehalten, Herrn Puntilas Knecht mit vollen Namen zu nennen.
    Er ahnte schon was kommen könnte.

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  6. Seiner Lebendigkeit abhanden zu kommen ist eine hübsche eine Ausgestaltung. Von Ihnen?

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  7. Ei sischerlisch. Wer ist denn hier der Blogpapa?

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