14 Dezember 2008

Lebenslang Freibier

Während des Konzerts von Ben Kweller und seinem adipösen Slidegitarristen (Foto) im Knust diskutiere ich mit GP lautstark darüber, ob Hitlers Kriegsvorbereitungspolitik damals die deutsche Wirtschaft befeuert hat oder nicht. Plötzlich tritt eine erheblich aufgebrachte Frau forschen Schritts an uns heran.

Ihre Frisur erinnert an die von Rita Süssmuth, ihre Brille an ein Kassengestell aus den mittleren 80ern. „Wenn euch das Konzert nicht gefällt“, schnappt sie und zeigt erregt auf den Ausgang, „dann könnt ihr gerne gehen!“

In spontan aufkeimender Schnappatmung kramt GP nach der faltbaren Chromaxt in der Innentasche seines futschneuen Bossjacketts. Ich muss etwas tun.

„Alles klar“, sage ich beschwichtigend zu der Frau, wende mich dann rasch GP zu und rufe: „Sie hat Recht, sie hat Recht!“ – und das hat sie auch, denn habe ich nicht selbst schon Plappertaschen streng ermahnt, gefälligst zu gehen, wenn ihnen das Konzert nicht behagt, selbst wenn sie weniger gewichtige Dinge zu diskutieren hatten als Hitlers Kriegsvorbereitungspolitik?

Ja, das habe ich, und das zeigt die Lernfähigkeit der menschlichen Spezies: Wir sind intellektuell in der Lage, Transferleistungen zu erbringen, uns also an vergangene Verfehlungen unserer Mitmenschen zu erinnern, um sie hinfort selber zu vermeiden.

„Sie hat Recht!“, beschwöre ich erneut den zu allem bereiten GP, wende mich dann erneut Frau Süssmuth zu und sage: „Sie haben Recht!“ Mehr kann ich nicht tun.

Sie gibt sich damit zufrieden und kehrt – obzwar noch immer wutzitternd – zu ihrem Platz am Geländer zurück. Um GP endgültig zu befrieden, sage ich: „Ich hätte auch zu ihr sagen können: Wir stehen auf der Gästeliste, wir können das Konzert wohlgemut kaputtdiskutieren.“

„Dafür“, antwortet GP grimmig, „hättest du zeitlebens von mir Freibier bekommen.“

Eingedenk dieser Möglichkeit finde ich mein Krisenmanagement inzwischen nur noch suboptimal.


Kommentare:

  1. Ach was, suboptimal, seien Sie doch nicht so selbstkritisch...

    Was mir aber eher Sorgen bereitet: jetzt twittern Sie auch noch! Wie soll ich das denn alles finanzieren?

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  2. Na, mit was wohl? Mit Nebenjobs!

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  3. Ich glaube ja, daß O. und ich in der Gruppe die einzigen waren, die Benny-Boy nicht besonders gut fanden. Aber nach dem Auftritt des Kassengestells hätte er auch spielen können wie (Beispiel Ihrer Wahl einsetzen), und ich hätte ihn dennoch doof gefunden.

    Dafür war es die Gesellschaft um uns herum (bis auf die erwähnte Ausnahme) nicht und der Abend somit gelungen.

    Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir die Diskussion aber (wie so oft) mit einem Konsens beendet, oder?

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  4. Stimmt. Warum, ist mir aber regelmäßig schleierhaft …

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  5. Aber sagen Sie mal, müßte es nicht „und seineM adipösen...” heißen? Ich meine, Sie schreiben ja nicht „Während des Konzerts Ben Kwellers...” sondern „Während dem Konzert VON Ben Kweller”.

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  6. Ich bin beschämt. Und habe die Spuren verwischt.

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