08 Februar 2008

Eine Botschaft aus Reihe null

Der Plan war gut – wie fast alle meine Pläne, die letztlich an der Wirklichkeit scheitern.

Der Plan lautete: Ich erledige all das, was freitagsnachmttags erledigt werden muss, esse gegen 18 Uhr vorgezogen zu Abend und gehe dann rüber ins Stadion, wo ich mir das Spiel des FC St. Pauli gegen Jena anschaue.

Guter Plan. Einziges Problem: Kurz vor halb sechs stelle ich erschrocken fest, dass der Anpfiff nicht etwa um 19, sondern bereits um 18 Uhr stattfindet. So schnell hat man mich noch nie zwei Käsebrote und einen Mix aus Rauke und Feldsalat reinschaufeln sehen.

Zwei Minuten vor Anpfiff erreiche ich hechelnd meinen Platz auf der Haupttribüne in der ersten Reihe, direkt hinter der Werbebande. Doch dort, auf Platz 73, sitzt schon jemand.

„Ähem“, hüstele ich, „das müsste mein Platz sein.“ Der junge Mann mit Wollmütze bleibt ganz ruhig. „Welche Reihe?“, fragt er. „Reihe eins“, sage ich, denn so steht es auf meiner Karte, und die Reihe hinter der Werbebande ist ja wohl Reihe eins, das kann ja gar nicht anders sein.

„Das hier ist Reihe null“, grinst der Mann, „das da ist die eins“, wobei er auf die gefühlt zweite Reihe zeigt. Heißt es nicht immer so schön, das hier sei der etwas andere Club? Quod erat demonstrandum. Wo sonst in Deutschland, Europa oder dem Rest der Welt gibt es eine Reihe null?

Kurz vor der Halbzeitpause meldet sich mein Magen. Die zwei Käsebrote plus Salatmix waren zu wenig. Am Grill ordere ich eine Currywurst. Mein Nachbar fragt: „Haben Sie auch Thüringer?“ Die Frau hinter der Theke bejaht und zeigt auf den riesigen runden Grillrost mit den diversen Sorten. „Das sind doch keine echten Thüringer!“, demonstriert der Mann Sachkunde. „Wohl“, antwortet die Frau. „Im Leben nicht!“, kontert der Mann – und bestellt zwei Krakauer.

Später trete ich versehentlich das Bier meines Sitznachbarn in Reihe eins um. Er will mich zum Nachschubholen verdonnern. Ich biete ihm ersatzweise das Umgießen meines Bieres in seinen ja nunmehr wieder aufnahmebereiten Becher an, was er ablehnt. Dann eben nicht. So geht dieses Duell genauso unentschieden aus wie das Spiel des FC St. Pauli gegen Jena.

Einer aus der Reihe vor mir (also null) dreht sich nach dem Abpfiff um und sagt: „Schon wieder zwei Punkte verloren, wie in Köln – so wird das nichts mit dem Aufstieg!“

Mit dem Aufstieg? Seit August vergangenen Jahres dreht sich mein ganzes Hoffen und Bangen um nichts weiter als das Vermeiden des Abstiegs, und der Typ aus Reihe null moniert gesunkene Aufstiegschancen?

Ich bin zu konsterniert, um mehr als ein hilfloses Grinsen hinzukriegen. Aber vielleicht sollte ich echt einen Aufstiegsplan schmieden für meinen kleinen Stadtteilverein. Mehr als an er Wirklichkeit scheitern kann er ja nicht, und mit so was kenne ich mich sehr gut aus.

Kommentare:

  1. dein_koenig10:25

    Zwei Käsebrote und einen Salat vorm Stadionbesuch? Hamburg unterscheidet sich wirklich von Hannover.

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  2. Ich glaube, meine Variante ist alles andere als verallgemeinerbar.

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  3. Anonym17:03

    Da lobe ich mir den VfB Stuttgart.
    "Oleeeh VfBeeeeh"
    Seeehr selten dort, aber immer versorgt mit Stadionwurst.
    Gefühlte 2 Meter lang. Jedenfalls was die Menge Senf angeht,
    die einem ungefragt drauf gespritzt wird.
    Und der dünnwandige Plastebecher füllt sich scheinbar von
    selbst wenn spannende Szenen die haltende Hand zum
    Krampfen zwingen. (Beim Entkrampfen spritzt's.
    Kommt selten vor, ist bei einem Tor allerdings ein Erlebnis
    das die Hose nässt.
    Oder den Nacken des Dödels in Reihe Null.
    /oldman

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  4. Erzählen Sie mir nix, sie haben doch gar keine Reihe null in Stuttgart!

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  5. andreas18:19

    Wie rücksichtsvoll von Dir, nicht zu erwähnen, dass die Mannschaft, die ihr Trainer noch vor wenigen Tagen als das beste St.-Pauli-Team seit 1993 bezeicnet hat, eines der schlechtesten Spiele seit mindestens jenem Jahr hingelegt hat.

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  6. strelo (auch genannt der Schöngeist)20:28

    Wenn ich mich vergnügen möchte, gehe ich auch schon mal ins Schauspielhaus. Dort habe ich ähnliches erlebt. Die Reihen(!) vor der Reihe 1 heißen dort aber Reihe A und Reihe B. Soviel zur Einzigartigkeit vom 1. FC St. Pauli.

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  7. Andreas, da ich zum Glück nie Spielberichte schreibe, kam ich um dieses unschöne Thema ohne argumentative Verrenkung herum.

    Strelo, wenn ich Sie richtig verstehe, gibt es auch im Schauspielhaus keine Reihe null – und der FC (ohne 1. übrigens) St. Pauli bleibt einzigartig.

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  8. Astrid14:35

    @Strelo. dort steht dann aber Orchesterreihe dabei und außerdem wird dem Kunden vorher mitgeteilt, dass in Reihe 1 noch jemand vor ihm sitzt. jawoll. :)

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