28 Juni 2006

Der Bärendienst

(Foto: eisbaer.de)

Radikale Moralisten verstehe ich einfach nicht. In den USA haben Abtreibungsgegner mal einen Arzt ermordet, weil sie der Auffassung waren, es sei Mord, Zellhaufen operativ aus Frauenbäuchen zu entfernen. Diese Meinung dürfen sie ja gerne sagen und brüllen, aber einen ausgewachsenen, denkenden Menschen umzubringen, weil sie damit gegen das Umbringen protestieren wollen, kommt mir in jeder Hinsicht hirnrissig vor – und auf geradezu debile Weise unlogisch.

Ähnlich einige radikale Tierschützer: Sie drohen drei Jägern mit dem Tod, weil die den Bären Bruno getötet haben, der sich seit Wochen die Zeit damit vertrieben hatte, in Bayern Schafe und Hühner zu töten.

Man muss erst gar nicht in die Diskussion einsteigen, ob das Leben eines Menschen nun genauso wertvoll sei wie das eines Tieres, einer Pflanze, einer Amöbe oder von Plankton (wie wäre es mit dem Ebolavirus?), um eins sicher zu erkennen: Diese anonymen Droher denken gerade mal von ihrem Stammhirn bis zum Brett vor ihrem Kopf.


Wobei ich natürlich auf Brunos Seite bin. In den letzten 170 Jahren gab es genau zwei Bären in Bayern, und beide knallte man ab. Erzähl das mal einem Kanadier, der hält uns für bekloppt. Und das dürfte er natürlich sagen und brüllen, und vielleicht täte er das auch, aber eins ist sicher: Er käme niemals auf die Idee, uns deshalb das Erschießen anzudrohen.

Ex cathedra: Die Top 3 der Songs über Tiere
1. „Me and you and a dog named Boo“ von Lobo
2. „Es gibt Tage, da wünscht' ich, ich wär mein Hund“ von Reinhard Mey
3. „(Let me be your) teddy bear“ von Elvis Presley

Kommentare:

  1. Menschenscheue Bären darf es in der Urlaubssaison in Bayern/Österreich nicht geben. Basta! Und Ruhe ist jetzt endlich!!

    Steiff, ja die mit dem Knopf im Ohr, bringen Bruno mit schwarzem Trauerflor auf den Markt.

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  2. Nicht, dass ich jetzt klugscheißern wollte, aber heisst es nicht korrekt: "Es gibt Tage, da wünscht' ich ich wär mein Hund" ? ;-)

    Vom Stammhirn bis zum Brett vorm Kopf - schöne Formulierung, das muss ich mir merken. Liefert bestimmt irgendwann die richtige Munition für ein emotionales Streitgespräch mit einem Jäger...

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  3. louis, danke für den Hinweis auf den falschen Mey-Titel - korrigiert!

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  4. Nicht nur in Kanada würde man mit dem Kopf schütteln, sondern auch in Alaska:

    Weil in letzter Zeit die Begegnung mit Grizzly Bären und Touristen drastisch zugenommen hat, gibt das Tourismus-Büro von Alaska folgende Warnung an Wanderer, Fischer und jeden, der in der Wildnis herumstreift, heraus:

    Wir raten allen, kleine, laute Glöckchen an der Kleidung zu tragen, damit Bären nicht aufgeschreckt werden, wenn man sich ihnen nähert. Wir raten weiter, eine Pfefferspray-Dose mit sich zu tragen, um den Bären damit abzuwehren. Vor allem sollte man immer nach Bärenaktivitäten Ausschau halten. Dazu ist es wichtig, dass man den Kot von Schwarzbären und Grizzly-Bären unterscheiden kann. Schwarzbären-Kot ist kleiner und es befinden sich viele Beeren und Eichhörnchenfell darin. Grizzly-Kot hat kleine Glöckchen darin und riecht nach Pfeffer.

    (aus dem netdigest)

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  5. das beste an der gecshichte war ja noch folgende meldung:

    http://www.netzeitung.de/vermischtes/412775.html

    als ob ein jäger nicht wissen täte das bären nicht nach tofu riechen ^^

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  6. Vielleicht - aber nur vielleicht - gibt es ja ein paar grundlegende Unterschiede zwischen einem Naturschutzpark in Alaska und einem bayrischen Wald? Beispielsweise die Größe und die Anzahl potentieller Spaziergänger? Vielleicht kann man ja gar zwischen einem Bären, der sich nicht artgemäß verhält und daher schwer einzuschätzen ist und einer seit zig Jahren etablierten Bärenpopulation unterscheiden?

    Bruno ist tot. Schade. Man hat es versucht, anders zu lösen. Leider erfolglos. Die spannende Frage, warum man emotional mehr an einem Bären findet als an den gerissenen Hühnern oder Schafen (wenn man schon Menschen nicht zählen will), ist eine spannende Frage.

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  7. Atlantiker16:31

    Das ist der Wahnsinn!

    Ich verstehe nicht, warum die Blogosphere um Bruno trauert. Gibt's nichts interessanteres und wichtigers?

    Wie wäre es mit den tausenden Kindern, die jeden Tag an ein vermeidbaren Krankheiten sterben. Vor ziemlich genau einem Jahr riefen viele dazu auf Make Poverty History. Jetzt ist wird es Zeit, die G8 an ihre Versprechen zu erinnern und nachzusehen, was Live8 und die Make Poverty History Kampagne bewirkten, aber stattdessen wird lieber ueber Bruno gebloggt.

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  8. Atlantiker, mein Anlass war die Todesdrohung gegen die Jäger und ganz generell die widersinnigen Reaktionen radikaler Moralisten, die genau das androhen, was sie verurteilen.

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  9. Das Blöde an diesen Morddrohungen ist, dass sie die Tierschützer in ihrer Gesamtheit diskreditieren. Solche Leute machen die Szene kaputt und befördern das Image "Tierschützer sind sowieso radikal und spinnen". Und da sie offenbar nicht merken, wie kontraproduktiv sie sind, muss ich ihnen auch außergewöhnliche Dummheit bescheinigen. Ich denke übrigens auch, es sind keine Moralisten. Moralisten kennen sich in der Differenzierung "gut/böse" in aller Regel ganz gut aus. Den Morddrohungsschreibern geht das Gespür dafür leider völlig ab.

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  10. Eine "Differenzierung gut/böse"? Ähh, ja. Genaugenommen ist das das Hauptproblem, das ich mich Moralisten habe. ;-)

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  11. Für den Schutz indischer Tiger, die ab und an mal ein Kleinkind verspeisen, oder afrikanischer Elephanten, die zuweilen ganze Dörfer niedertrampeln setzt man sich ein. Ein Braunbär, der sich an Schafen und Hühnern delektiert wird hingegen standrechtlich erschossen.

    Autofahrer, von denen erheblich höhere Gefahr für Leib und Leben ausgeht, werden zum Glück noch nicht zum Abschuß freigegeben. Mit dieser Gefahr gehen wir täglich um. Bären sind wir dagegen nicht gewohnt, weshalb wir sie als bedrohlicher empfinden als die alltägliche Blechlawine.

    Es war objektiv völlig unsinnig, den Bären zu exekutieren. Daß dieser Unsinn von noch größerem Unsinn wie den Todesdrohungen der Tierschutzextremisten überflügelt wird, war leider zu erwarten.

    Ich wäre aber dafür, daß die Jäger Gunter von Hagen erlauben, sie nach ihrem (hoffentlich natürlichen) Ableben zu plastinieren und neben "Bruno" auszustellen. Schließlich heißt die Ausstellung "Mensch und Natur".

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  12. Also das mit dem Plastinieren ist ja ne tolle Idee. Wenn Bruno schon im Glaskasten ausgestellt wird, sollte es den widerlichen Jägern ähnlich ergehen. Mir ist es ein Rätsel, wie sie ihn so kurz nach der Abschußfreigabe sofort exekutieren konnten, aber zwei Wochen vergeblich versucht haben, ihn einzufangen oder zu betäuben. Da waren wohl die falschen Leute am Werk. Die Jäger sind jetzt bestimmt mächtig stolz auf sich. Schade um Bruno und das letzte Stück freie Wildbahn.

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  13. Ach, welch ein Leseabend zu diesem Thema. Theatro mundi wundervoll.

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