15 Juni 2006

Ex cathedra: Die WM-Checkliste

War heute leibhaftig und persönlich im Stadion beim 3:0 von Ecuador gegen Costa Rica. Hatte Kloß im Hals, als die Spieler einliefen – einfach deshalb, weil diese Kinder des Glücks wirklich und wahrhaftig bei einer waschechten Weltmeisterschaft mitspielten und ich live dabei sein durfte.

Im „Fifa-WM-Stadion“, wie die AOL Arena, die mal Volksparkstadion hieß, für vier Wochen genannt werden muss, waren alle Nichtsponsorennamen entfernt. Na ja: fast. Auf dem Herrenklo entdeckte ein kleiner Junge ein unscheinbares elektrisches Schaltelement in Bodennähe, auf dem „Siemens“ stand.

Das fiel dem Knirps sofort auf, und er wies seinen Daddy mit einer Mischung aus Unverständnis und Empörung darauf hin, doch der war selbst viel zu schockiert ob der skandalösen Entdeckung, um seinem Söhnchen Lebenshilfe gewähren zu können.

Während des Spiels wurden immer wieder Wellen gestartet, die allerdings nach dem ecuadorianischen 1:0 allesamt an der grimmigen Bewegungslosigkeit des frustrierten costaricanischen Blocks verebbten. Natürlich wurde er dafür fröhlich ausgepfiffen.

Da ich bisher alle (in Worten: ALLE) WM-Spiele gesehen habe, fühle ich mich stark genug für eine Kurzeinschätzung sämtlicher Teams. Eins ist sicher: Der Weltmeister ist auch dabei …

Los geht’s:


– Angola: unbedarft und kampfstark. Können einem das Leben schwer machen, aber ohne Angriff wird das nix.
– Argentinien: abgebrüht, kühl, souverän. WM-Mitfavorit
– Australien: bissig, mit Pitbullmentalität. Wird spielerische Mängel aber nicht ausgleichen.
– Brasilien: schlafender Riese mit einem wachen Moment. Sie sollten mal zu elft spielen.
– Costa Rica: harmlos, leblos, müde. Wie konnten diesen sedierten Mittelamerikanern bloß zwei Tore gegen uns gelingen?
– Deutschland: leidenschaftlich, surfend auf der Brandung der Begeisterung. Mit Heimvorteil wirklich ein WM-Kandidat. Hipp, hipp, hurra.
– Ecuador: ballsicher, stark in allen Mannschaftsteilen – und noch nicht richtig gefordert

– Elfenbeinküste: bullenstark und technisch vorzüglich. Könnten Holland schlagen. Nein: müssen!

– England: überschätzt. Große Namen, aber limitierte Mittel. Kein Weltmeister, nein, nein.

– Frankreich: Altherrentruppe, die ihre Erneuerung verpasst hat. Lebt nur noch vom Nimbus. Und der bröckelt.
– Ghana: ohne Sturm kein Dreier: So simpel ist das.

– Iran: zu wenig aggressiv und wohl auch physisch zweitklassig

– Italien: steigerungsfähig, wird das Potenzial bei Bedarf abrufen. Natürlich.

– Japan: außerhalb Asiens wird das nix

– Kroatien: robust und technisch stark; Mannschaft wird demnächst explodieren.

– Mexiko: spielstark, aber ohne die nötige Durchsetzungsfähigkeit. Und Borghetti ist alt geworden, meine Herren.

– Niederlande: Team wird Fahrt aufnehmen. Muss es auch. Robben kaputttreten: eine Option für jeden Gegner.

– Paraguay: Guter Sturm, aber der sollte auch mal richtig hinhlangen.

– Polen: und tschüss …

– Portugal: Wie immer: viele Vorschusslorbeeren, die rasch verwelken werden.

– Saudi-Arabien: gepflegter Spielstil, wenn man sie lässt. Wird aber nicht mehr passieren.

– Schweden: hat Geniestreichpotenzial. Wird im Achtelfinale scheitern.

– Schweiz: sehr bissig und spröde. Harter Brocken. Und wenn sie auch noch anfangen, Tore zu schießen ...

– Serbien-Montenegro: Können sie mehr als zerstören? Sie werden keine Gelegenheit mehr dazu bekommen.

– Spanien: perfektes Spielsystem, traumhaftes Verständnis. WM-Favorit.

– Südkorea: konditionsstark, aber zu bieder.

– Togo: gute Ansätze, aber starkes Leistungsgefälle im Team. Werden bald abreisen.

– Trinidad und Tobago: grandiose Amateure mit Herz. Hätten sie nur einen Knipser!

– Tschechien: auf dem Zenit, aber vielleicht auch schon zu saturiert. Alles ist möglich, im Guten wie im Schlechten.

– Tunesien: abwehrschwach, aber psychisch stabil – zumindest gegen Gegner aus der gleichen Liga.

– Ukraine: katastrophal. So lebhaft wie der Betonsarkophag überm AKW Tschernobyl.

– USA: schwach wie Bushs Umfragewerte. Selbst gegen Ghana wird das nichts.

Kommentare:

  1. Frau Nachbarin00:09

    ALLE Spiele, Respekt! Da haben Sie ja einen besseren Schnitt als der Kaiser! und alles ohne Hubi ;-)
    Haben sie 4 Wochen Urlaub oder wird da etwa heimlich auf der Arbeitsstelle geschaut? Hihi. Aber mal ehrlich, auch mit viel Freizeit ist es mir kaum möglich alle Spiele zu schauen. Dafür schau ich mir jetzt noch ein paar - hoffentlich hübsche - Schweden an. Auf ins Getümmel!

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  2. Zum Glück haben wir eine Stundenkontoregelung mit dem Verlagsleiter gefunden. Und wir fangen morgens früher an.

    Zu WM-Zeiten, Frau Nachbarin, gilt ganz klar: Wo ein Wille ist, muss auch ein Weg gefunden werden. Vielleicht fehlt es Ihnen ja am letzten Willen … Aber ich gebe zu, dass meine Augen inzwischen das Format 16:9 angenommen haben. Und es kommen ja noch über 40 Spiele. Arrggh.

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  3. Frau Nachbar*06:45

    Jaa guuuut, vielleicht fehlt da wirklich der letzte Wille. Aber zum Glück konnte ich immer min die letzten 20 min sehen, was ja meistens auch ausgereicht hat! Und Glückwunsch für sie für ein
    tolerantes Arbeitszeitmodell!
    Im übrigen gabs keine hübschen Schweden mehr auf dem Kiez, nur betrunkene, aber sehr friedliche Menschen. Ahoi

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  4. Matt, sensationell. Habe deine Liste heute morgen schnell auswendig gelernt und konnte den ganzen Tag mit meinen geklauten Facheinschätzungen glänzen. Jetzt gegen Abend kommen sogar die richtig harten Fußballfans vorbei und fragen so Sachen wie: "Sag mal was hälst du eigentlich von Schweden?" Ich antworte dann ohne zu spicken: "Ja, nicht ganz übel. Aber nix fürs Achtelfinale. Die fliegen raus." Damit kann mehr Eindruck schinden als mit einem Wikipedia-Eintrag-Zitat. Danke Matt!

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  5. gewagte These, dass unter den noch im Rennen befindlichen Teams der künftige Weltmeister dabei ist - würden Sie darauf wetten?

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  6. @blogschrift: Nein, das ist mir doch zu riskant, jetzt wo Sie fragen …

    @maunamea: Freut mich sehr, wenn ich deinem Ruf förderlich sein kann. Bin selbst mal gespannt, ob ich bei der ein oder anderen Prognose auf die Nase falle oder nicht.

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