11 Juli 2011

Sex sells, aber nicht immer



Die Koberer an der Reeperbahn erkennen mich immer noch nicht. Liegt es an meinem Durchschnittsgesicht oder an ihrer (berufsbedingten) Amnesie? Keine Ahnung.

„Darf ich Ihnen mal zeigen, den versauten Stall?“, umgarnt mich einer, dem ich im Lauf der Jahre schon circa achthundertmal mangelndes Interesse signalisiert habe. „Noch sindse frisch geduscht, noch riechense gut!“

Danke, trotzdem nicht. Sollte er mich demnächst mal wieder nach Mitternacht ankobern, werde ich ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen – und die Ablehnung seiner Offerte mit „olfaktorischer Vorsicht“ begründen.

Auf der anderen Seite der Reeperbahn muss ich an der Fußgängerampel gegenüber der Davidwache Grün abwarten und gerate in den Radar einer großen blonden Hure, die mich immerhin nicht anfasst, was ich ihr innerlich hoch anrechne.

„Was hast’n noch vor heute Abend?“, flötet sie. „Ich will jetzt nach Hause, zu meiner Frau.“ Hat sie anscheinend schon mal gehört, diese Ausrede (wobei das gar keine Ausrede ist – für den Fall, dass Ms. Columbo hier mitliest). Jedenfalls antwortet sie sofort: „Kannste doch auch noch in ner halben Stunde! Du bist halt im Verkehr steckengeblieben. 30 Euro – für’n kleinen Abstecher …?“

Verdammt, woher kennt diese Frau meine heillose Schwäche für Kalauer? „Nicht schlecht: im Verkehr steckengeblieben; Abstecher“, lobe ich sie mit kursivierter Betonung und anerkennendem Nicken, ehe ich ihr noch einen schönen Abend wünsche.

Übrigens erlischt nur eins auf dieser Welt schneller als eine Kerze im Schneesturm: das Interesse einer Reeperbahnhure, die keine Erfolgschance mehr sieht. Schlagartig vereisende Gesichtszüge, Abdrehen, Weggehen: Das ist gleichsam eine einzige homogene Aktion, deren behende Eleganz man durchaus heimlich bewundern darf.

Wer von Ihnen übrigens bereits nach der Preisangabe elektrisiert abgeschaltet hat, dem sei vorsichtshalber gesagt: 30 Euro ist nach Angaben gewöhnlich gut informierter Kreise nur ein lachhafter Lockvogelfantasiepreis, für den die gute Frau auf dem Zimmer nicht mal das T-Shirt lüftet.

Und für die unweigerlich beginnenden Nachverhandlungen auf ihrem ureigenen Territorium sind gewiss nur die wenigsten Menschen auf der Welt gerüstet. Debütierende Freier schon mal gar nicht.


PS: Das heutige Motiv aus der Talstraße hat nur lose mit den geschilderten Ereignissen zu tun, das gebe ich zu.

Kommentare:

  1. miele09:37

    du altes Durchschnittsgesicht...
    mich kobern sie nicht...

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  2. Und ich weiß auch ganz genau warum … :)

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  3. Anonym14:06

    Da täten mich ja glatt die "normalen" Preise mal interessieren :D

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  4. Kondome to go.
    "Zum hier Überstülpen oder zum Mitnehmen?"
    Klasse.

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  5. Und GLEITMITTEL in Versalien. Wahrscheinlich aus Gründen.

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  6. Ich habe plötzlich sehr unschöne Bilder im Kopf, und wer ist schuld? Sie!

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  7. Anonym00:40

    Ich mag das Label

    >Labels: reeperbahn ms. columbo, sex<

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  8. Oh, da fehlte ein Komma …

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  9. Anonym09:49

    Ich würde an Ihrer Stelle den Koberer einfach mal mit dem alten Schnack erfreuen: "Sperma lieber die Ladentür zu, bevor da noch einer vorhaut."

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  10. Da grinsen die doch nur müde drüber.

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  11. Anonym21:28

    Wie sind denn nun die realen Preise? Ich bin schon ganz wuschig...

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  12. Da müssen Sie schon die Richtigen fragen.

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