17 März 2011

Duo wider Willen



Ich hatte mein Fahrrad an einen bereits von einem weiteren Fahrrad benutzten Pfosten vorm Mercado angeschlossen. Als ich zurückkam, war meins plötzlich ans Nachbarrad angekettet, und ich konnte nicht mehr weg.

Noch ehe ich empört zu Maßnahmen greifen konnte, die ich später gewiss bereut hätte, stand unversehens ein massiger Mann vor mir, dessen körperliche Fülle durch babyhaft weiche, wenngleich grobporige Gesichtszüge noch unterstrichen wurde. Zudem umspielte exakt jenes bittere Lächeln seine Mundwinkel, welches weniger von Amüsiertheit als mühsam unterdrücktem Ärger herrührte.

„Sie haben mein Fahrrad an Ihres angeschlossen“, sagte er überraschend genau jenen Satz, der mir ebenfalls auf der Zunge lag und mir nun ein beschämend defensives „Wie bitte?“ aufzwang.

Zweifellos, vor mir stand der Fremdfahrradlenker, mein unbekannter Nachbar am Pfosten. Und in der Tat hatte ich, wie eine für mich wenig schmeichelhafte Beweisaufnahme ergab, versehentlich mein Kettenschloss durch jenen Halbkreis geführt, den sein überdünner, quasi unsichtbarer Bremszug in die Luft zwischen Lenker und Vorderrad malte. Das alles lag auf der Hand, auch jetzt noch, es war die berühmte smoking gun, und dadurch geriet ich natürlich sofort entscheidend in die Defensive.


Nachdem der Mann jedenfalls bei seiner Rückkehr das Malheur entdeckt hatte, beschloss er, den Spieß umzudrehen und mein Fahrrad nun auch mit seinem zu verbinden. Doppelt hält halt besser; jeder zufällig vorüberflanierende Gelegenheitsfahrraddieb hätte verzweifelt von diesem aneinandergeschmiedeten Drahteselduo abgelassen.

Anschließend hatte sich der zum Verweilen verdammte Mann verärgert ins Bistro gegenüber ans Fenster gesetzt und die Lage im Blick behalten, bis ich auftauchte. Nun, da er mich in flagranti gestellt hatte, war eine für mich durchaus peinliche Situation entstanden, von der ich sofort wusste, dass sie heute Abend – also jetzt – verbloggt und mit dem Etikett „Panne“ versehen werden würde.

Ich entschuldigte mich wortreich und versuchte abschließend, mit einem mitfühlenden „Haben Sie lange gewartet?“ sein bitteres Lächeln in ein nachsichtiges zu verwandeln. Was allerdings nur unzulänglich gelang.

„Ich habe einen Kaffee getrunken“, antwortete er so schmallippig, wie es seinem übergroßen Babymund möglich war, während er sein Fahrrad abschnallte und ich meins. „Darf ich Ihnen den bezahlen?“, charmierte ich. „Gut“, sagte er.

Und so kam es, dass ich mitten auf der Straße einem Wildfremden eine Zwei-Euro-Münze in die Hand drückte, ohne dass der Mann ein Bettler war.

Wahrscheinlich muss ich nicht erwähnen, dass der Franke sich im Hintergrund beömmelte bis an den Rand des Schließmuskelversagens.

Und deshalb tu ich’s auch nicht.

PS: Das abgebildete Rad zeigt natürlich nicht meins, sondern ein ganz anderes, dem es erheblich schlechter ergangen ist, als nur aus detektivischen Gründen angekettet zu werden. Man muss schließlich immer die Relationen sehen.


Kommentare:

  1. Anonym12:30

    Zitat Anfang:
    ... stand unversehens ein massiger Mann vor mir, dessen körperliche Fülle durch babyhaft weiche, wenngleich grobporige Gesichtszüge noch unterstrichen wurde. ...
    Zitat Ende
    Und nun stellen Sie sich, werter Herr Matt, das Gesicht des Franken vor, wenn es eine elfengleiche weibliche Person mit allen dazu gehörigen Rundungen gewesen wäre!!
    Sehn'Se schon is allet jut! *berliner Charme zieht immer*
    Frau-Irgendwas-ist-immer, die bei dem Bild vom Fahrrad schon Angst um Sie hatte, Herzkasper und so ...

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  2. Flow12:35

    Nur aus Neugier, da sich mir diese Frage nicht zurückhaltbar aufdrängt:
    Was hätte es Sie gekostet wenn Sie das im Bild festgehaltene Restfahrrad an das des Massigen angeschlossen hätten?

    Wäre es Sie günstiger gekommen?
    Hätten Sie evtl.mehr bezahlen müssen?

    Oder, hätten Sie evtl. von dem Massigen einen Kaffee oder gar Bares bekommen, wegen des bemitleidenswerten Zustandes des Restfahrrades?

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  3. Tja, das alles werden wir nie erfahren.

    Frau-Irgendwas-ist-immer, Ihre Sorge rührt mich, doch Sie können sicher sein, dass allein die Tatsache, gebloggt zu haben, bereits verlässliche Hinweise auf meine Unversehrtheit gab. Das mit der runden Elfengleichen strebe ich übrigens beim nächsten vergleichbaren Szenario mit allen mir zu Verfügung stehenden Einflussmöglichkeiten an.

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  4. Da war doch bestimmt Silikon im Spiel, bei dem "übergroßen Babymund". Das ist doch nicht normal für einen Mann!
    Ich danke übrigens dem Franken, dass er seinen wichtigsten Muskel trotzdem unter Kontrolle hatte. Falls nicht, hätten Sie das ja auch verbloggt...

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  5. Worauf Sie einen … äh … sich verlassen können.

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  6. Ich bin aber auch nie zur richtigen Zeit am und ums Mercado. Seit ich am A**** der Hamburger Welt arbeite (in Tiefstack), komm ich einfach viel zu selten in die Ottenser Hauptstraße. Schade eigentlich.

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