05 März 2011

Dreieinhalb Minuten beim Orthopäden



Arzt
(weht eindrucksvoll herein, setzt sich an den Rechner): Guten Tag. Was ist denn mit Ihrem Knie?
Matt: Es schwillt immer wieder an und …
Arzt (zur Sprechstundenhilfe, die den Raum betritt): Ja?
Sprechstundenhilfe: Frau Thomsen* am Apparat wegen der nichtzugelassenen Medikamente.
Arzt (zu mir): Augenblick. (nimmt Hörer ab) Frau Thomsen? … Ja … Kein Problem, die kann ich Ihnen besorgen. Sind aber nur in den USA zugelassen. Aber Ihr Vater wird mich ja kaum verklagen … Genau … So machen wir’s … Ja … Gut … Ich rufe Sie an, wenn die Mittel da sind. (legt auf, schaut wieder auf den Monitor)

Matt: Wie gesagt, die Schwellung kommt immer wieder. Die Einlagen haben nicht geholfen. Dr. X. hat das Knie damals geröntgt und gesagt, er hätte da …
Arzt (ohne mich anzuschauen): Hat er denn keine Kernspin veranlasst?
Matt: Nein.

Arzt (schüttelt missbilligend den Kopf, kommt zu mir rum): Wo tut es denn weh?
Matt (wickelt Hosenbein hoch)

Arzt (drückt am Knie herum): Hier? Hier?
Matt: Es wechselt. Manchmal gibt es einen punktuellen Bewegungsschmerz links, besonders wenn …
Arzt (steht abrupt auf): Also überall. (zur Schwester) Einmal Überweisung Kernspin. (zu mir) Lassen Sie sich einen Termin geben und kommen Sie mit den Aufnahmen wieder. (weht eindrucksvoll hinaus)
Matt: Äh …
Sprechstundenhilfe (setzt sich an den Rechner, klackert los, der Drucker surrt): Hier, Ihre Überweisung. (klackert weiter)

Matt
(nimmt den Zettel, bleibt unschlüssig sitzen): Hm … kann ich jetzt gehen?
Sprechstundenhilfe
(nickt ohne aufzublicken)
Matt (packt seine Sachen und geht ab)


Allmählich dämmert mir, warum manche Leute allen Ernstes Homöopathen aufsuchen.

* Name geändert


Kommentare:

  1. Orthopäden. Ob die in ihrer Facharztausbildung lernen, extra arrogant zu sein? Kann mich an keinen Arzt dieses Fachs erinnern, bei dem ich mich wirklich ernst genommen gefühlt habe

    AntwortenLöschen
  2. Also bei Knieschmerzen helfen homöopathische Mittel am besten, wenn man die Kügelchen auf den Boden streut, darauf kniet und mit leichten Hin-und-Her-Bewegungen einmassiert - der innere Schmerz ist wie weggeblasen.

    Tja ja, die Apparatemedizin, zudem noch ein Orthopäde. Die besten Voraussetzungen, um schematisch behandelt zu werden.

    Ich weigere mich mittlerweile, ohne eindeutige Symptome oder ohne gleich mit dem abgefallenen Bein unterm Arm diese Spezies aufzusuchen - die muss man doch zum Jagen tragen.

    AntwortenLöschen
  3. blogg-hittn-wirtin10:30

    Ekelhaft. Verletztend. Erniedrigend, so eine "Behandlung". Die machen das absichtlich, damit die Leute dann tagelang in demotiviert geknickter Haltung herumschleichen. Mit hängendem Kopf, hängenden Schultern, gebeugtem Rücken, einwärts gerichteten Fuzspitzen - damit sie möglichst bald mit einem neuen Leiden in den Knochen wiederkommen müssen.
    Ich schicke Ihnen hiermit ein virtuelles, knallbunt mit Indianern bedrucktes Trostpflaster für Knie und Seele und drücke die Daumen, dass Sie bald einen repräsentativeren Vertreter dieser Arztspezies finden.

    AntwortenLöschen
  4. Verehrte Frau blogg-hittn-wirtin, dafür bedanke ich mich aufrichtig. Wenn allerdings Ihre Vorredner Alexander und blogspargel richtig liegen, dann HABE ich bereits einen repräsentativen Vertreter gefunden. Mir wäre daher ein Renegat lieber.

    AntwortenLöschen
  5. Anonym12:24

    Was hätte er machen sollen? Hätte er Sie fest drücken und Ihnen ein paar tröstende Worte sagen sollen? Ohne MRT und entsprechenden Befund kann der nichts machen.
    Ach, und wundern Sie sich beim Radiologen nicht, wenn sie den Arzt gar nicht zu Gesicht bekommen.
    Viele Radiologen gucken sich gerne Bilder an und schreiben Befunde. Patienten sehen die eher selten.

    AntwortenLöschen
  6. Nun, ausreden lassen hätte er mich doch wenigstens können, oder? File under Höflichkeit.

    AntwortenLöschen
  7. Ja! Ja! ja! Nieder mit den Orthopäden. Einer hat mich sogar mal in den Busen gezwickt, dabei hatte ich was am Fuß.... glaubt man das?!
    Das ist zwar schon 12 Jahre her, aber ich könnt mich immer noch drüber aufregen....

    AntwortenLöschen
  8. Anonym19:17

    Entweder das ist ein verbreitetes Verhalten bei Orthopäden oder Sie waren nahe der Fabrik. Immerhin gibt's dort keine Zweiklassenmedizin: Privatpatienten werden genauso schnell durchgeschleust wie Kassenpatienten, müssen nur nicht ganz so lange im immervollen Warteraum sitzen.

    AntwortenLöschen
  9. Nahe der Fabrik war ich damals – und aus genau den geschilderten Gründen geflohen. Man sieht, mit welchem Ergebnis.

    AntwortenLöschen
  10. Anonym10:10

    Wenn ich als sportbedingt auch gelegentlich auf entsprechend fachärztliche Hilfe angewiesener Blogleser mal eine Empfehlung abgeben darf: http://www.orthopaediecentrum.de/ Auch als jemand, der vom äußeren Erscheinungsbild garantiert nicht in Othmarschen als ansässig zu vermuten ist und plebejisch gesetzlich Versicherter wurde ich dort bisher sehr gut behandelt, in jeder Hinsicht. Und wenn das hier zu viel Werbung ist, bitte ich um Löschung des Kommentars, rate aber dennoch dem Blogbesitzer zur wohlgefälligen Beachtung... und wenn es gerade diese Praxis war, um die es ging, erreichen die Weltbilderschütterungswellen eine Stärke von knapp 5,7 auf der nach oben offenen Skala.

    AntwortenLöschen
  11. Nein, die war es nicht. Danke für den Tipp; wer weiß, wofür er noch gut sein wird.

    AntwortenLöschen
  12. Anonym16:09

    Matt, ich wette Sie sind Privatpatient? Als Kassenpatient wären Sie sonst gar keine andere Behandlung gewöhnt.

    AntwortenLöschen
  13. Wette verloren. Mein Hausarzt behandelt mich stets wie einen vollwertigen Menschen, deswegen bin ich so bestürzt.

    AntwortenLöschen
  14. blogg-hittn-wirtin18:20

    Richtig. Da habe ich das Wort "repräsentativ" wohl ein wenig rustikal-naiv verwendet. So ist das halt mit Landpomeranzen, die damit aufgewachsen sind, dass der zuständige Landarzt die komplette medizinische Betreuung seiner Schäfchen mitsamt Seelsorge und Familienberatung kompetent und liebevoll übernimmt - und das bei 0-24/7-Erreichbarkeit mitsamt Hausbesuchen bei Schneesturm.

    AntwortenLöschen
  15. Kein Wunder, dass kein Arzt mehr in der Provinz praktizieren will … ;)

    AntwortenLöschen
  16. Mein bisher stärkstes Erlebnis mit dieser Gattung Arzt war immer noch der Orthopäde, der mir während ich auf seiner Liege ruhe, im unteren Wirbelsäulensegment rumstochert und auf einem von mir spontan zum Ausdruck gebrachten stechenden Schmerz direkt beleidigend wurde, mir die weitere Behandlung verweigerte und auch auf Nachdruck meinerseits erst die Überweisung wieder hergeben wollte. Vielleicht hatte ich ihn schlicht erschreckt, ich weiss es bis heute nicht.

    Mitfühlende Grüße,

    Tom

    AntwortenLöschen
  17. Stephan09:59

    Bei mir war´s genauso - bei Lütten & Holz, den tollen Pauli-Ärzten. Die haben aber offenbar nur Zeit für Bundesliga-Profis, so dass dem gemeinen Bürger etwa so viel Aufmerksamkeit zuteil wird wie einer Stubenfliege im Röntgenzimmer. Orthopäden könnne aber auch eigentlich nichts wirklich: Sie sind keine Chirurgen und können nichts flicken, sie sind keine Physios und können nichts mobilisieren, und deshalb verschreiben sie am Ende immer Ibuprofen oder Voltaren und eine Bandage und gehen dann ins Nebenzimmer, um sich totzulachen.

    AntwortenLöschen
  18. Leider sind derartig schnelle Abfertigung gerade bei Orthopäden immer mehr Gang und Gebe. Möglicherweise verdienen sie nicht genug, wenn sie mehr als 5 Minuten mit einem Patienten zusammen sind.

    AntwortenLöschen
  19. Wiebke09:09

    Matt, der Arzt hat einfach richtig gehandelt.

    Erstmal abklären durch ein bildgebendes Verfahren und dann kann man sich unterhalten.
    Der kurze Wortwechsel und die minimale Untersuchung reichte,um ihm zu zeigen *ok...,keine Ahnung, es könnte alles Mögliche sein,also erstmal Kernspin und dann sehen und REDEN wir weiter*.

    Wer was Anderes will, ist beim Homöopathen besser aufgehoben,dem geht es dann psychisch gut, hat aber weiterhin Schmerzen;-)

    Da heißt es dann: Prioritäten setzen.


    Herzlichst

    Wiebke

    AntwortenLöschen
  20. Gut, bin gespannt, ob er gesprächsbereit ist, wenn ich mit den MRT-Ergebnissen ankomme. Ich wünschte jedenfalls, Sie hätten Recht.

    AntwortenLöschen
  21. Orthopäden waren schon immer eine besondere Spezies, weshalb ich mich ja auch unglaublich glücklich schätze, einen der wenigen wirklich guten Exemplare dieser Gattung entdeckt zu haben.
    Meine guten Erfahrungen wurden durch die meines Gatten (mit damals 8-fachem Beinbruch) noch bestätigt.
    Falls es Dich interessiert, kann ich Dir Namen und Adresse verraten.

    AntwortenLöschen
  22. Gerne! Mailadresse ist ja bekannt. Danke sehr!

    AntwortenLöschen
  23. Sie könnten es allerdings auch mal mit hochdosierter Gabe von Gummibärchen versuchen. Gelantine ist gut fürs Knie.
    Ich hätte auch noch 'ne Tube Voltaren abzugeben - stammt von meinem letzten Orthopädenbesuch. War das Ergebnis eines Kernspins...

    AntwortenLöschen
  24. Kommt auf die Restlaufzeit … äh … aufs Ablaufdatum an.

    AntwortenLöschen