06 November 2008

W. C. Fields hatte doch Recht

Da, wo ich herkomme, gab es weniger Bohei um einen Laternenumzug.

Man wählte die Bürgersteige unbelebter Seitenstraßen, und die Restwelt blieb unbeeinträchtigt. So einfach war das. Heute ist das anders, zumindest in Hamburg.

Ich stand an der Haltestelle Barner Straße und sah den Bus schon kommen in der Ferne. Dieser Anblick ist stets verbunden mit einem wohligen Gefühl, das ich sehr schätze.

Die quälende Ungewissheit, wann wohl die notorisch launische Linie 37 ihren nächsten Bus vorbeizuschicken geruht, ist schlagartig vorbei; der Anblick des Gefährts, dessen Nahen man hier über einen ganzen Kilometer hinweg verfolgen kann, überzuckert die restlichen Minuten des Wartens mit Behaglichkeit und der schmeichelhaften Illusion, im Übermaß mit Nachsicht und Geduld ausgestattet zu sein.

Ein Getrommel von links stört indes meine Kontemplation: Es ist ein Laternenumzug. Er nähert sich der Kreuzung im rechten Winkel zum Bus, und eins wird schnell klar: Sollte der Umzug sie vorher erreichen, wird der Bus zu seiner eh schon beträchtlichen Verspätung noch erheblich mehr aufgebrummt bekommen – und damit auch ich.

Das von mir nun fieberhaft verfolgte Rennen bleibt offen bis kurz vor Schluss, dann siegen die Laternen. Der Bus verharrt vor der nutzlos grünen Ampel, während sich die trommelnden Kinder samt ihrer verantwortungslosen Erziehungsberechtigten in einem Tempo über die Kreuzung wälzen, gegen das die Grönlandgletscherschmelze wirkt wie ein Zeitrafferfilm.

Nun aber zurück auf Anfang: zum Bohei. Dieser Laternenumzug nämlich hat – im Gegensatz zu dort, wo ich herkomme – etwas eklig Professionelles. Vorneweg marschieren zwei wichtigwichtige Herren mit Kellen und Reflektoren auf den Jacken; sie sind die Hauptschuldigen für das Stoppen meines Busses.

Dahinter folgen mitten auf der Hauptverkehrsstraße die ursächlich Verantwortlichen für den ganzen sinnlosen Unfug, und nach hinten wird die entropiebeschleunigende Veranstaltung abgesichert von einem schillblauen Streifenwagen sowie einem kapitalen Feuerwehrauto in vollem Ornat.

Was glauben die Behörden eigentlich, was von diesen Kindern mit ihren Teelichtern alles stadtteilgefährdend abgefackelt werden kann – der Teer?

Die Blondine neben mir, die ebenfalls schon eine Viertelstunde auf den Bus gewartet hat, bevor die Laternen kamen, trägt einen kurzen Pferdeschwanz und einen harten Zug um die Lippen, der sie intelligent wirken lässt. Sie flucht jetzt leise.

Später, sehr viel später, steht sie im Fitnessclub zufällig neben mir auf dem Crosstrainer, aber das hat bestimmt nichts zu bedeuten, auch wenn unsere Schicksale seit dem Laternenumzug unverhofft eine kleine Schnittmenge aufweisen, für immer.


Kommentare:

  1. hughunter09:27

    Endlich wieder ein Beitrag, bei dem ich zwei-drei Wörter nachschlagen muß...
    Danke Herr Matt.

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  2. Teelichter! Du bist so 80er, Matt! Die Feuerwehr fährt da mit, um mit dem Generator die Akkus für die Laternenlichtlein (LEDs inzwischen?) aufzuladen, schätze ich.
    Bizarrer als der Bohei ist allerdings die schiere Masse an Laternenumzügen, die in Hamburg stattfindet - ich habe das Gefühl, seit 2 Wochen jeden Abend auf dem Nachhauseweg an einem Laternenumzug vorbeizufahren.

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  3. Ich finde ja, das wäre ein wunderbarer Auftakt für eine romantische Soap, aber da steht wohl Ms. Columba zwischen.

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  4. Anonym13:08

    Ääh... Wieso nicht auf den sowieso verratzten Bus verzichten und zu Fuss zum Fitnessstudio gehen, oder wenigstens bis zur nächsten Haltestelle? Oder gehe ich mit dem Fitnessgedanken jetzt irgendwie zu weit?
    Als Ursache für das tatenlose (wirklich tatenlose?) Verharren muss wohl die sportliche Blondine verdächtigt werden.

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  5. Ms. „Columba“, Herr GP? Noch mal von vorne, bitte.

    Wenn Sie, Herr oder Frau anonym, Ihren Kurs zeitig erreichen müssen, und der Club liegt knapp vier Kilometer entfernt, und Ihnen hängt eine bleischwere Tasche an der Schulter, dann würden Sie wohl auch eine Busfahrt erwägen. Auch ohne Blondine.

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  6. olaf05:09

    Herr Matt,
    vier Kilometer mit bleischwerer Tasche. Wenn Sie damit zum Fitneßclub gelaufen wären, hätten Sie nach ihrer Ankunft beim Club in den Bus nach Hause einsteigen können (das Fitneßpensum wäre dort sicherlich erfüllt und wenn nicht, dann eben noch ein paar Kilometer mehr) und ab nach Hause. Diese Zukunftsmusiker mit Trommel- und Feuerwehrbegleitung wären mit ihren Laternen längst weg gewesen, zu späteren Zeiten fahren die Busse auch wieder pünktlicher und die Welt wäre in Ordnung. Und den Fitneßclub bräuchten Sie dann nur noch als Ziel, damit Sie mit Ihrer Tasche dorthin laufen können.
    Das ginge dann sogar umsonst. Aber bestimmt haben Sie zwei Jahre Kündigungsfrist bei Ihrem Fitneßclub und das alles "geht nicht". ;-)

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