27 November 2006

Wie ein Dieb in der Nacht

Als ich heute den Saturn-Laden an der Mönckebergstraße verließ, wo ich meine Füße samt Aufzugsschacht fotografiert hatte und um die riesigen Plasmafernseher herumgeschlichen war wie ein ausgehungerter Pitbull um rohes Lammhack, fand ich mein Fahrrad blockiert vor.

Irgendein Witzbold hatte das Speichenschloss am Hinterrad, dessen Existenz mir bis dahin nicht einmal bewusst gewesen war, mit brutalstmöglicher Gewalt zusammengedrückt, so dass es jetzt seiner ureigenen Aufgabe mit Entschlossenheit nachkam, nämlich das Hinterrad störrisch am Drehen zu hindern.

Infolgedessen war mein Rad vollends lahmgelegt. Zwar konnte ich es vom Pfosten abschnallen, doch das war es dann auch. Einen Schlüssel fürs Speichenschloss hatte ich natürlich nicht – wie auch, wenn ich von dessen Existenz erst auf solch düpierende Weise erfahren musste?

Wie sich wenig später herausstellte, gibt es kaum eine blödere Situation, als mit einem blockierten Fahrrad durch die halbe Stadt zu müssen. Das Hinterrad musste ich unter Aufbietung meiner fitnessclubgestählten Muskelkraft zuverlässig von jeglichem Bodenkontakt fernhalten, was mich einem bösen Verdacht aussetzte.


Die Blicke der Passanten und S-Bahnfahrer beschuldigten mich nämlich wortlos, aber beredt des schäbigen Fahrraddiebstahls. Immerhin schritt keiner von diesen Feiglingen ein, was mir allerdings wenig Hoffnung macht für den Fall, dass mein Rad wirklich mal geklaut und von einem Dieb durch die halbe Stadt gehievt werden sollte.

Im Fahrradladen in der Talstraße, wohin ich mich mit letzter Kraft und taubem Arm schleppte, musste man den Bolzenschneider bemühen, um diesem elenden Speichenschloss den Garaus zu machen. Wenigstens schaute mich der leicht dickliche Teenager, der das Werkzeug sachkundig ansetzte, nur dumpf und teilnahmslos an.

Das rettete halbwegs meinen Abend.

Kommentare:

  1. Und im Fahrradladen selbst hat keiner was gesagt von wegen "es könnte ja geklaut sein!"?

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  2. Nein, die Beschreibung des Bolzenschneiderführers als „dumpf und teilnahmslos“ sollte diesen Umstand betonen.

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  3. Anonym08:35

    War das vielleicht der kleine Junge vom 24.?
    Gruß, w.

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  4. Den 10ner hatte ich auch in Verdacht, Gelernt ist schließlich gelernt!

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  5. Ich hasse diesen Artikel, Matt, und zwar genuin und abgrundtief. Nachdem ich ihn gelesen habe, ist auch der letzte Rest an Glauben an Menschen in Großstädten verschwunden. Sie sind also mit einem scheinbar geklauten Fahrrad durch die halbe Stadt gerannt (und das mit Glatze und, wie ich vermute, eher legerer Kleidung) - und kein einziger Passant hatte mal den Mut, Sie zu fragen, was Sie da mit dem Fahrrad machen?

    Ehrlich - ich gönne Ihnen selbstverständlich das Nichtfragen. Aber es ist mal wieder ein Armutszeugnis (wie lange habe ich das Wort nicht mehr benutzt) für unsere Mitmenschen.

    Bei mir wären Sie damit nicht so einfach durchgekommen! ;-)

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  6. Sie, verehrter Dienstwagenfahrer GP, kommen doch niemals in Kontakt mit der Masse der HVV-Benutzer sowie Fahrradfahrer und -diebe!

    Dann wüssten Sie, dass fast jeder verdächtig aussieht. Sie hätten also viel zu tun, wenn Sie einmal hinabstiegen in die Abgründe der Gesellschaft. Vielleicht mal als Abenteuerurlaub …? ;-)

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  7. Bei mir entsteht genau die gegenteilige Reaktion, mein Vertrauen in die Menschheit ist wiederhergestellt.

    Offensichtlich ist die Masse doch nicht so dumm, wie ich es, ehrlich gesagt, befürchtet hatte. Natürlich habe auch ich zunächst an den 10er gedacht, aber bereits nach Lektüre des betreffenden und vor Erscheinen dieses Beitrags.

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  8. Matt, Passanten mag es ja auch außerhalb des HVVs geben. Einfach eben Menschen, an denen Sie auf dem Weg zur Bahn, von der Bahn, zum Fahrradladen begegnet sind. Und keiner hat Sie angesprochen? Aber alle haben geguckt? Ist das nicht genau die Reaktion, die dazu führt, daß Gewalt im ÖPNV möglich ist? Alle finden's scheiße, aber keiner tut was?

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  9. Jetzt übertreiben Sie aber, Herr Psycho. Was hätten Sie denn getan? Ihn angesprochen? Und dann? Hätte Sie seine Geschichte überzeugt? Wenn nicht: Und dann?

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  10. Verhaften? Polzei rufen?

    Ist alles nicht so einfach, wenn man jemand nicht in flagranti ertappt.

    Man muss die Leute aber auch ein wenig entlasten; schließlich sehe ich total harmlos aus, und wer mir in die Augen guckt, sieht dahinter keinen Fahrraddieb. ODER?

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  11. Ramses, ich weiß es nicht. Aber gerade die Kombination aus ärgerlich gucken und nicht ansprechen ist doch völliger Mist, oder?

    Matt: Ähh... ja. Natürlich.

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  12. die Kombination aus ärgerlich gucken und nicht ansprechen ist doch völliger Mist

    Da wiederum haben Sie völlig Recht. Wobei man in Gesichtsausdrücke natürlich auch viel reininterpretieren kann. ich gucke auch immer böse und bin es nie ;-)

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  13. Meine Herren, es war definitiv nicht Herrn Wagners Radl. Seins stand nämlich ein kleines Stück weiter, ohne reingedrücktes Hinterradschloss. Bis heute noch.

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  14. Und lassen Sie mich raten - Sie vermissen Ihr Rad?

    Großartig, das alles. So wie mein Tag. Wollte ich nur mal loswerden.

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  15. Mensch, Phil, jetzt wo Sie's sagen ... Habe mich schon gewundert – dieser seltsame Lenker. Und diese rosa Schleifchen um den Damensattel …

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  16. Anonym08:06

    Phil: "...bis heute noch."

    Das könnte uns doch den Glauben an die Menschheit zurückgeben?

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