Plötzlich tritt eine Aufseherin an mich heran und beginnt mich alarmierend großäugig anzuflüstern. Ich möge doch bitte, insistiert sie, die Jacke nicht überm Arm, sondern besser um die Hüfte gebunden tragen oder gerne auch anziehen; alternativ stünde es mir frei, sie der Garderoberie anzuvertrauen, die ein Stockwerk tiefer ihrem verdienstvollen Tagwerk nachginge.
„Ähm“, wundere ich mich, „warum darf ich denn meine Jacke nicht überm Arm tragen?“ Ihre Erklärung liefert ein Beispiel für das unkaputtbare Etikett „Typisch deutsch“, das mich in der Regel ärgert, weil mich Klischees meistens ärgern, hier aber hilflos macht. Denn die Erklärung ist einfach entwaffnend bizarr.
Sie sagt nämlich: „Das hat versicherungsrechtliche Gründe. Wenn Sie die Jacke überm Arm tragen und sich umdrehen, dann könnte der Reißverschluss andere gefährden.“
In der Tat hatte ich meinen Jackenreißverschluss bisher nicht im Verdacht, die öffentliche Ordnung bis hin zur Versicherungsrelevanz zu gefährden. Aber man lernt ja nie aus.
Folgsam binde ich mir also die Jacke um die Hüfte – und schaue mir das nächste Gemälde von Otto Dix an, auf dem eine fette, rauchende, schlauchbrüstige Hure sich einem Matrosen anbietet, der lüstern grinsend sein luziferianisches Wesen zur Schau stellt.
Beim nächsten Mal will ich die wilden Dix-Bilder (von denen sie hier eins sogar hinter einem roten Vorhang versteckt haben) auf dem Kiez sehen. Am besten in einem Pornokino in der Seilerstraße oder im Laufhaus an der Reeperbahn – also dort, wo von Reißverschlüssen nur eine Gefahr ausgeht: dass sie sich beim Aufzippen irreparabel verhaken.